SPD: Sarrazin darf!

Na, wunderbar: Sarrazin übersteht auch das zweite SPD-Ausschlußverfahren. Wie heißt es so schön? – was nicht tötet, härtet ab. Will sagen: es ist für die SPD OK, wenn ein in der Öffentlichkeit stehendes SPD-Mitglied von einer “Eroberung Deutschlands” durch “die Türken” spricht. Da jede gebilligte Äußerung des zentralen Mitgliedes einer Organisation auch deren Meinung repräsentiert, heißt das übersetzt: ja, die SPD spricht ebenfalls von einer Eroberung Deutschlands durch die Türken.

Zwar tut man ein wenig verschämt und meint, Sarrazin solle sich ein wenig zurückhalten. Wörtlich heißt es in o.g. Artikel der Tagesschau: “Er werde künftig bei öffentlichen Veranstaltungen darauf achten, durch Diskussionsbeiträge nicht sein Bekenntnis zu den sozialdemokratischen Grundsätzen in Frage zu stellen oder in Frage stellen zu lassen.”
Aber somit ermöglicht man Sarrazin auch noch eine Form der Rahabilitation, in der er seine “Diskussionsbeiträge” als gar nicht von den Grundsätzen der Sozialdemokratie verschieden konstatieren darf, denn Sarrazins Bekenntnis wird ja nur in Frage gestellt, nicht als unvereinbar benannt.

Da frag ich mich, wie man denn noch weiter entfernt von der Sozialdemokratie argumentieren kann, als mit dieser Aussage:
“Ich muß niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.”

Er spricht von seinen Äußerungen als “sein Bekenntnis zu den sozialdemokratischen Grundsätzen in Frage” stellend bzw. stellen lassend. D.h., er ist sich offenbar sicher, einerseits Sozialdemokrat zu sein und andererseits derart fremdenfeindliches und rassistisches Gedankengut verbreiten zu können, was dann jeder Schmalspur-Nationalist auf dem Dorf nachplappern kann, ohne sich als solcher fühlen zu müssen, denn: hey, wenn ein führender SPD-Politiker das tut, ist es ja kein nationalistisches Gedankengut. Das dürfte die SPD für die Wähler am rechten Rand attraktiv machen. Schwach von der SPD.

Herr Sarrazin scheint vergessen zu haben, daß es zehntausende, ja hunderttausende von Deutschen gegeben hat, die sich im Laufe vergangener Jahrhunderte in anderen Ländern aus wirtschaftlichen Gründen angesiedelt hatten und die dort selbstverständlich ihre eigene Sprache und Kultur – bis heute! – bewahrt haben. Weder wurde dies unproblematisch angesehen, noch war es das. Von daher könnte man sogar fast soziologisch wertfrei feststellen, daß es Migration immer gegeben hat und geben wird und diese nie unproblematisch verlaufen ist bzw. verläuft. Man könnte also Migration vielleicht nicht als etwas Unproblematisches, aber als etwas als etwas Normales ansehen – ein Phänomen also, das nichts mit Genen oder Religionen, sondern mit soziologischen, wirtschaftlichen und politischen, vor allem aber wissenschaftlich erfaßbaren Faktoren zu tun hat. Damit wäre der erste Schritt für eine Deeskalation des gesellschaftlichen Diskurses gegeben. So ist es aber nicht, es ist anders.

Was die neuen Nationalisten und deren ernannter Protagonist Sarrazin anders tun ist besonders perfide:
die Rede ist von der “Nazi-Keule”, sobald man auf die Frage von Rassismus und Nationalismus zu sprechen kommt. D.h., die neuen Nationalisten würgen jegliche Diskussion um die Fragwürdigkeit ihrer Aussagen im Keim ab, denn sie unterstellen jedem, der Aussagen wie jene Sarrazins in Frage stellt, daß er unsachlich argumentiert, “die Probleme” nicht sieht und womöglich einer Art (jüdischer, natürlich) Weltverschwörung gegen Deutschland angehört. Sie werten also Migration von vornherein negativ, da problembehaftet, und zwar u.a. aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse. Somit ist jeder Einwanderer von vornherein nicht integriert und je nach Grad seiner Deutschkenntnisse integrationsunfähig. Weiter ist jegliches Nachhaken bei dieser fragewürdigen Argumentation eine “Nazi-Keule” – d.h. es wird einem von Beginn an Unsachlickeit unterstellt, wenn man über die Gefahr des Nationalismus diskutiert.

So hatte ich kürzlich eine Diskussion um das Gewicht nationaler Identität im Rahmen der Europäisierung. Dabei vertrat ich die Meinung, der psychologische, personelle Begriff “Identität” sei auf Gruppen nicht 1:1 übertragbar, auch, wenn das Konstrukt “nationale Identität” durchaus seine Wirkung entfalte (wie alle Konstrukte).
Die Antwort war, daß es schade sei, daß man in Deutschland nicht über nationale Identität reden könne, da “wir Deutschen” ja einen Komplex hätten – ich nehme an, damit war gemeint, daß Deutschland nach dem Nationalsozialismus besonders im Fokus der Weltöffentlichkeit stehe und angesichts des millionenfachen Mordes an Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen, Andersdenkenden, Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung usw. Aussagen bzgl. nationaler Unterschiede besonders aufmerksam verfolgt werden.

Ich frage mich immer noch, wie meine Diskussionspartnerin überhaupt auf die Idee gekommen ist, daß ich von Deutschland geredet habe?

JEDE Gesellschaft sieht sich mit Begriffen wie “nationale Identität”, “Nation”, “Kultur” usw. konfrontiert und selbstverständlich ist ein großer Teil davon ein wirksames Konstrukt, das auch in negativer Weise (Nationalismus) wuchern kann. Wie egozentrisch und voller Selbstmitleid kann man eigentlich sein, daß man meint, als Deutscher nicht über Nationalismus reden zu müssen?

Man muß es selbstverständlich, denn die Franzosen, die Iren, die Italiener oder die Polen müssen es auch. Da kann der Herr Sarrazin noch tausendfach klagen – er, seine Anhänger und das ganze Deutschland muß sich fragen, wie es die Anforderung der Realität “Einwanderungsland” bewältigt. Aber wenn man a priori davon ausgeht, daß das gar nicht möglich ist, weil man eine determinierte Nationalität hat und diese nicht vereinbar ist mit der Nationalität anderer, kann man nur noch die Grenzen dicht machen. Dann braucht man aber auch keinen Handel mehr mit anderen zu treiben. Und das Internet muß man dann auch abschalten, denn das ist ebenfalls international. Gleiches gilt für den Urlaub und fremdes Essen. Und selbstverständlich auch für ausländische Namen, Herr Sarrazin.

“Integrationsverweigerer” und “Deutschkursschwänzer”

tagesschau.de berichtet angesichts der Äußerungen Seehofers von einer statistischen Erhebung des Bundesamtes für Migration, die besagt, daß jeder fünfte Migrant den verpflichtenden Deutschkurs nicht besuche.

Überfliegt man das so, mag man an die eine oder andere Etikette denken, die Migranten hierzulande anhaften – Integrationsunwilligkeit, Kriminalität, Fanatismus gar. Sie blubbern aus dem Morast an Alltagswissen einfach so hervor, dafür kann man nichts. Die Medien haben mit voyeuristischen “Berichten” auf RTL über ausländische Schulverweigerer oder das neuen Buch Sarrazins dafür gesorgt, daß man gar nicht anders kann, als daran zu denken. Egal, wie man dazu steht.

Was auch immer darüber gedacht wird, wie auch immer die Migration in Deutschland bewertet wird, eines scheint überall als Prämisse festzustehen: Deutschkenntnisse sollen eine zwingende Voraussetzung für Integration sein.

Darin liegt bereits inmplizit die erste Schuldzuweisung: all die vielen Migranten, die nach D kommen oder bereits hier leben und kein Deutsch sprechen, sind a priori “nicht integriert”. Und da sie selbst die einzigen sind, die Deutsch lernen können, ist dieser “Mißstand” auch ihr eigener Fehler. Wer immer also nach Deutschland kommt und die deutsche Sprache nicht beherrscht (soll ja vorkommen…), wird also a priori schuldig gesprochen. In diesem Spiel kann man nur verlieren, denn niemand, außer diejenigen, die bereits hier aufwachsen, lernen Deutsch so, wie es die Deutschen sprechen – akzentfrei.

Dann kommt der gütige deutsche Staat her und “schenkt” großzügigerweise den Migranten Deutschkurse, so, als wäre das etwas besonders Erstrebenswertes.

Darin zeigt sich eine extreme Form positiven Chauvinismus´: so inetwa fühlt sich eine Hausfrau, wenn sie eine neue Schürze geschenkt bekommt.

Weiter wirkt der Begriff “Schwänzer” (ist inzwischen von der Hauptseite verschwunden, dürfte aber bald wieder auftauchen…) degradierend: erwachsene Menschen werden hier zu Schülern gemacht und die Lehrenden sind nicht etwas jene, die in den jeweiligen Kursen an der Tafel stehen, sondern die deutsche Gesellschaft.
Wie soll aus einem derartigen Statusgefälle Integration vorangebracht werden?

Und überhaupt: verordnetem Deutschunterricht liegt ein Verständnis von Integration zugrunde, das einseitig ist. Der Deutsche beherrscht seine Sprache ja bereits (was angesichts der umgangssprachlichen Gebrechen dieser Nation ja mal ein interessanter Untersuchungsgegenstand wäre…), der Migrant muß sie noch lernen. Daraus ergibt sich die Frage, wie gut jemand Deutsch sprechen können muß, bis er endlich “integriert” ist. Meine befürchtung, die sich auf eigene Erfahrungen stützt, ist: nie. Egal, wie gut man Deutsch spricht, egal, ob man eine Arbeit hat oder gar die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, man bleibt immer anders – bestenfalls ein eingebürgerter Deutscher mit Migrationshintergrund. Will man heiraten, muß man die Einbürgerungsurkunde vorlegen, selbst, wenn man seit 20 Jahren einen deutschen Paß hat. Im Recht kommt hier symbolisch zum Ausdruck, was mir ein Mensch in Tuttlingen mal gesagt hat: “Einr fo uns wirsch du nia.” – auf deutsch “Einer von uns wirst du nie.”.

Diese verordneten Deutschkurse werden von einem Teil der Migranten nicht wahrgenommen. Durch die Verordnung entsteht eine Pflicht, und kommt man dieser Pflicht nicht nach, ist man deviant, nur, weil man einen Sprachkurs nicht besuchen will. Diese Logik kann nur funktionieren, wenn man den Erwerb der Sprache als Indikator für Integration ansieht. Und genau das ist der Fehler: die Prämisse: “wer deutsch spricht, ist integriert” bzw. “wer nicht deutsch spricht, ist nicht integriert / integrationsunwillig”. Wie wäre es mal, sich zu fragen, warum die Migranten daran nicht teilnehmen wollen? Könnte das vielleicht einen Grund haben?

Ich kenne massenhaft Menschen, die schlecht oder kaum Deutsch sprechen. Und keinen von ihnen würde ich als kriminell oder integrationsunwillig, faul oder gar fanatisch bezeichnen.

Dies wird nun aber immer leichter möglich sein, weil diese deutsche Gesellschaft eine Prämisse geschaffen hat, die jeden Migranten, der nach Deutschland kommt, a priori zum Delinquenten macht.

Ich sage das sehr selten, aber in dieser Sache sind uns die USA ein gutes Stück voraus: dort hat man lange schon erkannt, daß man Menschen integrieren kann, wenn man ihnen ihre Kultur läßt. Das Zauberwort heißt Wertschätzung.

Dreyer: Zuwanderungsdebatte ist schädlich

SWR: Malu Dreyer (SPD), neue Vorsitzende der Integrationsministerkonferenz der Länder, hält die Zuwanderungsdebatte für schädlich.

Es gibt sie also noch, die Integrationsbeauftragten, die diesen Namen verdienen. Hervorzuheben dabei ist der Passus, in dem Dreyer ein Argument anführt, das langsam in Vergessenheit gerät: die Diskussion um “integrationsunwillige” Ausländer ist sachlich falsch.

Immer wieder zitiere ich u.a. die SINUS-Studie aus dem Jahre 2008 (Artikel von Wippermann / Flaig), die ein differenziertes Bild der Lebenswelten von MigrantInnen zeichnet und nach deren Lektüre mitnichten behauptet werden kann, sie seien integrationsunwillig.

Genau darum geht es: alle distanzieren sich von Sarrazin, aber allzu viele sagen, seine Wortwahl sei inakzeptabel, er spräche jedoch Wahrheiten aus. Aber genau das ist es ja: die Prämisse der “allgemein integrationsunwilligen, schlechtes Deutsch sprechenden” Migranten ist nichts weiter als eine Mär.

Aber wenn man Migranten nur aus dem Schundfernsehen kennt, kommen einem diese einfachen Erklärungen natürlich gelegen.

Die meisten Menschen haben mit Migranten überhaupt nichts zu tun. Sie sehen sie vielleicht im Kaufhaus oder auf der Straße, aber vor allem kennen sie jene verzerrten Bilder aus RTL & Co.
Das allein gibt zwar ein trauriges Bild der Freizeitgestaltung ab, aber diese mag ja jedermanns persönliche Sache sein.

Daß man sich aber daraufhin eine Meinung über ganze Volksgruppen bildet und diese verdammt, daß man dieses ganze alltägliche Mobbing mit Türkenwitzen und -Verarschung und Etikettierung mitmacht, daß man sogar in der Lage ist, Gesetze zu beschließen, die eindeutig diskriminierend oder einfach nur lächerlich sind, ist nicht mehr nur einfach traurig, es ist eine Schande: weil man zu faul und fettärschig war, mit Andersdenkenden in Berührung zu kommen.

Nazis bei der Tagesschau

Gestern auf tagesschau.de

- dazu die Kommentare.

Natürlich habe ich mehrfach gegen die “Kommentare” protestiert. Nachdem noch nicht mal einer meiner Kommentare veröffentlicht worden ist, habe ich nun dies an meta@tagesschau.de geschrieben:

“Liebe Redaktion,

Wenn tagesschau.de über das Treiben der Nazis in den neuen Medien berichtet,

und sich sogleich Kommentare auf diesen Artikel finden, deren Autoren sich zwar von “den Nazis” abgrenzen wollen, gleichzeitig aber gegen Migranten hetzen (“‘Rechts’ ist politisch – ‘Nazi’ ist Ideologie”, Mi, 25.08.2010 – 00:30 — Thorsten S.; “ob die jetzige Ausländerpolitik gut für unser Land ist”, Mi, 25.08.2010 – 00:12 — Käptn LeChuck; “weil die Politiker Probleme mit kriminellen Ausländern nicht thematisieren”, Di, 24.08.2010 – 23:30 — derliebsteunnetteste;),

und diese Autoren meinen, ein Aussparen oder eine vorsichtige Behandlung dieser Themen sei “falsch verstandene Toleranz” und ein “Totschweigen” derselben (Mi, 25.08.2010 – 09:03 — KapplerJung),

und diese Vorgehensweise der “sanften Rekrutierung” (man ist ja kein Nazi, aber man dürfe doch sich selbst noch als Deutscher bezeichnen dürfen und man müsse ja Kriminalität von Migranten nicht gutheißen müssen)hier offensichtlich zugelassen wird,

frage ich mich,

warum die Redaktion der Tagesschau ihr doch sicher vorhandenes Interesse daran, den Mißbrauch eines an sich guten Artikels gegen das Treiben der Nazis im Netz zu verhindern, einerseits durch die Veröffentlichung eines politisch korrekten Artikels wie des vorliegenden zeigt

und andererseits genau diese “sanfte Rekrutierung” durch all diese unkorrekten und empörenden Artikel nicht nur zuläßt, sondern de facto

fördert.

Schweigen ist Schuld, haben Sie das vergessen?

Ich lese auf tagesschau.de haufenweise Kommentare, die nationalistisches Gedankengut verbreiten.

Und es ist mir völlig egal, ob in einem Ihrer kleingedruckten Disclaimer-Blocks steht, daß Sie sich davon distanzieren – es ist bekannt, wie viele Leute den lesen.

Denn genau das beklagen Sie ja in ihrem Artikel: die Nutzung des Internets durch Nazis aufgrund der Analyse des Userverhaltens.

Aber vielleicht war das ja ein Versehen. Da ich nun aber bereits zum 3. Mal auf dieses Versehen hingewiesen habe und ich statt wenigstens eines meiner Hinweise haufenweise Hinweise auf die ach so bösen Migranten und die ach so bösen Politiker, die “das Problem” angeblich ignorieren und somit offensichtlich selbst schuld an der Existenz von Nazis im Netz sind, lesen mußte, sehe ich mich gezwungen, mindestens die Redaktionsleitung (oder deren Leitung) auf dieses

“Versehen”

hinzuweisen.

Eventuell gibt es ja innerhalb der ARD irgendeine regulative Instanz. Außerhalb gibts es ja genügend.”

Meine Beschwerde an meta@tagesschau.de wurde wie folgt beantwortet:

“Sehr geehrter User FeydBraybrook,

vielen Dank für Ihren Hinweis. Die von Ihnen angeführten Kommentare widersprechen jedoch nicht unseren Richtlinien, die Sie unter http://meta.tagesschau.de/user/register einsehen können. Somit sind sie zulässig. Kommentare, die einen rechtsradikalen Ursprung vermuten lassen, werden nicht freigeschaltet.

Mit freundlichen Grüßen,

Die Moderation

tagesschau.de
Hugh-Greene-Weg 1
22529 Hamburg”

Darauf habe ich so geantwortet:

“Sehr geehrte Moderation,

vielen Dank für Ihre Antwort.

1. Ich habe in meiner heutigen Beschwerde nicht darum gebeten, irgendeinen Kommentar zu löschen. Ich habe lediglich meine Verwunderung darüber geäußert, daß meine Kommentare, in denen ich auf andere Kommentare Bezug nehme, nicht veröffentlicht werden.

2. Ob Sie meine Meinung zur “sanften Rekrutierung” durch Neonazis teilen oder nicht, ist für eine Veröffentlichung meines Kommentars doch unerheblich, oder? Sie widersprechen m.E. nicht Ihren Richtlinien, die Sie unter http://meta.tagesschau.de/user/register einsehen können, und das dürfte das Einzige sein, was für eine Veröffentlichung erheblich ist.

3. Da Sie offensichtlich nicht gewillt sind, entsprechend Ihres öffentlich-rechtlicher Auftrages GEZ-Zahler wie mich partizipieren zu lassen, bitte ich Sie darum, mir mitzuteilen, wo ich mich

über Sie

beschweren kann.

Mit freundlichen Grüßen,

Name”

Bisher gab es keine Antwort.

Darum habe ich nun folgendes direkt an die ARD geschrieben:

“Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich halte den Artikel “Neonazis setzen auf soziale Netzwerke” auf tagesschau.de für wichtig und gelungen.

Leider ist es Nationalisten gelungen, die Kommentarfunktion ihres Online-Angebotes dafür zu nutzen, rechtsgerichtetes Gedankengut zu verbreiten.

Darauf habe ich mehrfach hingewiesen, dies wurde von der Moderation leider konsequent ignoriert. Einer meiner Kommentare ist auf meinem Blog heute dokumentiert und veröffentlicht:

http://feydbraybrook.wordpress.com/2010/08/25/nazis-bei-der-tagesschau/

Ich bitte Sie, mir mitzuteilen, was ihre Moderation daran hindert, meinen Kommentar freizuschalten.

Sollte das ein Mißverständnis sein, möchte ich mein Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, daß selbst bei einer sofortigen Freischaltung der Schaden, den Kommentare wie diese:

“‘Rechts’ ist politisch – ‘Nazi’ ist Ideologie“, Mi, 25.08.2010 – 00:30 — Thorsten S.; „ob die jetzige Ausländerpolitik gut für unser Land ist“, Mi, 25.08.2010 – 00:12 — Käptn LeChuck; „weil die Politiker Probleme mit kriminellen Ausländern nicht thematisieren“, Di, 24.08.2010 – 23:30 — derliebsteunnetteste, „falsch verstandene Toleranz“, „Totschweigen“ von Problemen mit Migranten, Mi, 25.08.2010 – 09:03 — KapplerJung”

angerichtet haben, schwer wiedergutzumachen ist. Denn diese “Kommentare” stehen (bis auf den letzten) seit gestern auf Ihrer Seite und zeichnen dem unbedarften Leser ein einseitiges Bild.

Wenn Sie das unbedingt stehen lassen wollen: warum können Sie nicht wenigstens einen Gegenkommentar dazu freigeben?

Mit freundlichen Grüßen,

Name”

Ich nehme an, da passiert auch nichts. Falls doch, wäre es schön und ich schreibe hier die Antwort.

Es ist einfach nur noch bittere Ironie: Die Tagesschau berichtet über die Nutzung des Internets durch Neonazis und in den Kommentaren toben sie sich dann aus.

The KKK took Sarrazin away

tagesschau.de: das neue Gesicht des Ku-Klux-Klan.

Interessant sind die Parallelen zu Deutschland:

in den USA beklagen sich Nationalisten darüber, daß die wirtschaftliche Misere an der Vermischung der Ethnien läge.

Hierzulande lesen wir: “Multi-Kulti ist gescheitert”, die Migranten lägen dem Sozialstaat auf der Tasche.

In dem Bericht ist der “Lösungsvorschlag” zu lesen, den Leuten Geld in die Hand zu drücken und sie zurück nach Mexiko oder Afrika zu schicken.

Hierzulande gibt es ebenfalls derartige Vorschläge bzgl. Migranten, allerdings ohne die Option mit dem Geld.

Der Ku-Klux-Klan schreibt sich die Message “Es geht nicht um Hass, es geht um Liebe” auf Buttons. Hierzulande bleibt es nicht bei der “Liebe zum deutschen Vaterland” – Sarrazin kann es sich dank fremdenfeindlicher Stimmung in Deutschland leisten, ein Bild von Moslems in Deutschland als den Staat ablehnender, für die Ausbildung der Kinder nicht sorgender und Kopftuchmädchen produzierender Leute zu zeichnen und wenn er nicht “lediglich in der Form” kritisiert wird, bekommt er dafür sogar offenen Applaus.

Der Artikel ist wichtig, aber ich befürchte, er könnte mißverstanden werden in dem Sinne, daß man sich selbst für besser hält, nur, weil man ja den bösen Ku-Klux-Klan verurteilt.

Den Ku-Klux-Klan zu verurteilen, ist keine Kunst, keine Auszeichnung. Es mag wichtig sein, aber wer im gleichen Atemzug Sarrazin applaudiert, hat den Artikel nicht vertanden.

Trotzdem – oder gerade deswegen – hier ein Video der Ramones zum KKK:

Lynchmob

Gewalt durch Jugendliche in Münchner S-Bahn.

Und schon heißt es wieder, unsere Justiz sei nicht hart genug. Dieser Reflex erfolgt gleichzeitig mit dem Ruf nach Abschiebung krimineller Migranten, so, als wäre die Nationalität der Täter bereits bekannt. Wo? Bei web.de natürlich, wo denn sonst?

Das ist ein Irrtum:

Gegen die Mörder Dominik Brunners (des S-Bahn-Opfers von München) ist Anklage wegen Mordes erhoben worden.

Was wollen die also? Wer von Kuschelpädagogik redet, hat keine Ahnung.

Oder hätte man sie wegen Besessenheit zum Scheiterhaufen verurteilen sollen? Na, dann ab ins Mittelalter…

War völlig klar, daß das wieder von Nationalisten ausgeschlachtet wird…bevor überhaupt bekannt ist, ob es Migranten waren oder Deutsche. Das zeigt, daß es nicht um eine Diskussion zur Härte der Justiz, sondern um das allseitsbekannte Dampf-Ablassen am Stammtisch geht.

Jeder Nationalist hat einen türkischen Freund!

Ein häufiges Argument in der Diskussion mit Nationalisten ist folgendes:

“Ich habe nichts gegen Ausländer. Einer meiner besten Freunde ist Türke, aber der spricht deutsch und akzeptiert unsere Verfassung und unsere Sitten usw.”

Ein weiteres Argument ist jenes der Kritik an der repräsentativen Demokratie, die ihren Namen nicht verdient, weil sie die Meinung der Nationalisten, welche ihre Meinung als Mehrheitsmeinung bezeichnen, nicht repräsentiert.

Da komme ich ins Rechnen… es gibt 80 Mio. Menschen in Deutschland. Eine “Mehrheit” wären also mindestens 40.000.001 Menschen. Wenn die jetzt alle einen türkischen Freund haben, haben wir hier mindestens 40 Mio. von Nationalisten akzeptierte Türken. PLUS die nicht akzeptierten.

Warum reden die also immer von einem Integrationsproblem?

Äh… ich dachte immer, die große Schwäche der Nationalisten sei die Politik, die Moral, die Philosophie usw. Ich wußte nicht, daß sie nicht rechnen können.

Pogromstimmung auf web.de

web.de berichtet ja gerne über Themen, die die momentan gereizte Stimmung zwischen Christen und Moslems anheizen. Darüber habe ich bereits einige Male geschrieben und es ist ja schlimm genug. Mir geht es aber im Moment darum, festzustellen, wie weit dieses Konstrukt “Islamophobie” trotz seiner argumentativen Lücken fortgeschritten ist. Dabei stelle ich mir die Frage, welche Themen hier wild durcheinandergeschmissen werden – in der Hoffnung, daß sie sich im Kopf verängstigter Menschen westlicher Prägung zu einem Haß verdichten, der zwar – wie gesagt – jeglicher Rationalität entbehrt, der aber trotzdem funktioniert. Ganz so, wie das bei Konstrukten eben der Fall ist.

Ausgangspunkt war der Bericht vom Überfall einiger muslimischer Fanatiker auf koptische Christen in Ägypten.
Ich habe hier keinen Moslem gesehen, der diese Tat nicht verurteilt hätte. Dennoch wird im sogenannten Meinungsforum auf web.de nun alles wild durcheinandergemischt. Und zwar so, daß ich nicht an einen Zufall glaube. Aber seht selbst:

1933 hieß das “Deutsche, wehrt Euch, kauft nicht bei Juden!”.

Kurze Zeit später:

Aha. Vom vierfachen Mord ist hier bereits die Brücke zur Verallgemeinerung auf den türkischen Staat geschlagen.

Hier noch ein paar Auszüge, an denen sehr gut beobachtet werden kann, wie nationalistische Propaganda vorgeht:

Lieber Fumin,

es gibt kein einziges “katholisches Land”. Weder Polen, noch Italien und erst recht nicht Deutschland sind “katholische” Länder. Stichwort Säkularisation, da hast Du was verpaßt.
Deine Wahnvorstellung brennender Botschaften und haßerfüllter Menschen auf den Straßen spricht dafür, daß Du erfolgreich das Brainwashing gewisser rechtskonservativer Kräfte vollzogen hast.
Weiter ist der Papst nicht dazu da, “zu toben” oder Protestnoten” zu senden. Verstehe es endlich: wenn wir es ernstmeinen mit unserer Moral, dürfen wir nicht auf diese Einzelfälle von Kriminalität mit staatlichen Generalfällen von Unrecht antworten. Und schon garnicht sollten wir so dumm sein, den gesamten Islam mit ein paar Idioten gleichzusetzen.

Und natürlich, da ist es wieder: die Thematisierung der Moscheenfrage. Was bitte haben Moscheen denn mit diesem Überfall zu tun? Das hat mir bisher noch kein einziger Gegner plausibel erklären können. Es soll ein Symbol für Machtanspruch sein. Hä? Und die Argumentationskette? Tja, Fehlanzeige. Denn Minarette sind analog zum Kirchturm ein Symbol für das Himmelstreben und ganz nebenbei auch praktischerweise als Turm gebaut, um die Stimme des Muezzin vernehmbar zu machen. Aber wie soll man von Nationalisten erwarten, sich auch nur ein wenig mit Kultur zu befassen?

Da ist sie wieder, die alte Mär von der Fremdbestimmung deutscher Politik durch “die Juden”.

Und wieder: “der Islam” soll Ausgleichszahlungen aufbringen, so als gäbe es “den Islam” als Institution, die für Unrecht verantwortlich gemacht werden könne und als gäbe es Adressaten, die dafür entschädigt werden könnten. Personifizierungen einer Religion – das hatten wir in Deutschland schon mal mit ganz ähnlicher Ausdrucksweise.

So dümmlich dieses letzte Zitat (ich könnte Seiten damit füllen, aber ich bin kein Masochist) ist, es bringt es auf den Punkt: man fühlt sich bedroht vom Islam. Dabei ist unklar, wer man eigentlich ist, wer “der Islam” eigentlich sein soll, wodurch man bedroht sein will. Nur eines ist klar: sie sollen weg, am besten mit Gewalt.

Der fehlende Rest, die fehlende Argumentation, wird einfach mit nationalistischer Ekstase gefüllt. Also nicht mit Rationalität, sondern Emotionalität und Nebel. D.h.: mit Schockern wie dem Beitrag über den Mord an Christen, mit Angst vor, ja, wovor eigentlich? Einer nebulösen Vorstellung eines homogenen “Islam”, der derart vereinfacht und quasi personifiziert auch als Träger und Rammbock für diese Angstgefühle dienen kann.

Die Angst muß nur noch in Haß umschlagen, aber das geht angesichts dieser Art der Meinungsmache (nicht nur wie bei web.de) fast von ganz alleine.

Fake-Accounts in wirklich

Ein Artikel, auf den ich durch den Mitleser “DerEine” aufmerksam geworden bin:

web.de in echt: Nazis stören Wahlveranstaltungen etablierter Parteien (Spiegel Online)

Nicht, daß ich ein Freund direkter Wahlverfahren wäre. Was dabei rauskommen kann, haben wir jüngst in der Schweiz gesehen.
Jedoch muß die repräsentative Demokratie umdenken. Sie macht nämlich möglich, daß Menschen es für ausreichend erachten, eine Position zu vertreten, um sich selbst als Demokrat zu bezeichnen. Der Diskurs, der Austausch von Argumenten zum Zweck der gemeinsamen Findung eines tragfähigen Konsens, fällt weg – man hat nicht das Gefühl, etwas zusammen erarbeiten zu müssen, da es ein Zusammengehörigkeitsgefühl nicht gibt. Man fühlt sich lediglich in seinen Interessen bedroht (wird ganz gerne dadurch gemacht, daß der Islam mit Terrorismus gleichgesetzt wird) und will diese – möglichst lautstark – rausposaunen.
Die neuen Nationalisten machen dies eben auf diese Weise. Sie gehen einfach zu Wahlveranstaltungen, weil dort Menschen sind, die sich selbst für politische interessiert halten. Ganz egal, wie dumm ihre Argumente auch sind, sie erreichen den einen oder anderen. Und selbst, wenn die Anwesenden nicht erreicht werden, ist das Minimalziel Publicity durch die Presse erreicht – diese greift aus falsch verstandenem journalistischen Ethos gerne mal noch so absurde Themen auf.

Diesen Menschen darf man keine Öffentlichkeit geben. Zumindest darf man deren dummdreiste Angstmache und gezielte Fehlinformation nicht unbeantwortet stehen lassen. Das hat bereits einmal in Deutschland funktioniert und ein zweites Mal soll es nicht mehr so sein.

Keine Fake-Accounts auf web.de, keine Scheinteilnahme an politischen Wahlkampfveranstaltungen. Es muß möglich sein, dumme Fragen nach Kopftüchern unbeantwortet zu lassen. Ein Politiker, dem so eine Frage gestellt wird, sollte eigentlich antworten: “Auf diesem Niveau diskutiere ich nicht!”.

Wo liegt Deutschland?

turkishmom: was lebst Du?

Das ist gut erzählt, denn erklären man kann die Gleichzeitigkeit zweier Verbundenheiten (seltsamer Ausdruck) nur schwer. Dennoch ein Versuch:

Am Vorhaben der Anpeilung einer “Leitkultur” scheitert auch die Integrationsdiskussion: sie geht von der Reinheit als Ziel aus. Reinheit der Sprache, Reinheit der Moral, Reinheit der Integrität. Dabei ist die Welt, in der Integration stattfinden soll, eine andere als das Konstrukt in den Hirnen der nationalkonservativen Kräfte. Die Welt, die echte Welt – die Realität – ist nun mal geprägt von der Gleichzeitigkeit vieler Länder mit dem Einfluß all ihrer kulturellen Einflüsse auf die MigrantInnen.

Ist jene Denkblockade – die Vorstellung, man müsse die Herkunft eines Menschen ausradieren, weil sie Integration verhindere – einmal weg, ist der Weg frei zu einer sinnvollen Vorstellung der Welt, die sich an der Realität orientiert.

Deutsche und türkische Einflüsse wie im Beispiel oben, die zusammen ein harmonisches Bild abgeben: warum nicht? Man spreche mit den vielen Menschen, bei denen das sehr gut klappt und urteile erst danach.

Es gibt keine “Reinheit der Nation”. Wer davon spricht, hat schlicht keine Ahnung von den vielen multinationalen Einflüssen in der “deutschen Nation” (was immer das sein soll) selbst. Das betrifft den Mythos der sog. “Indogermanen” (es gab sie nicht; das ist ein Sammelbegriff für ein Völkergemisch, das ständig auf Wanderung war) genauso wie die Unbestimmbarkeit der aktuellen “deutschen” Kultur und ihrer Einflüsse: angesichts der Medien und ihrer Bedeutung für das tägl. Leben muß man sich doch fragen, was in Fernsehen und Internet konsumiert wird und woher es kommt. Woher kommen Blogs, die IT, die Technik, Youtube, die Popmusik, die Wikipedia usw.? Anhand dieser wenigen Beispiele wird deutlich, daß Deutschland als Begriff zwar vorhanden ist, dessen Herkunft aber nur schwer analysierbar ist. Und wenn dies – also eine Herkunftsanalyse – gelingt, zeichnen die Ergebnisse dieser Analyse doch eher das Bild eines dicht verwobenen Netzes von vielfältigen Einflüssen anderer Nationen, die wiederum selbst Netzwerke darstellen.

Integration kann also nur scheitern, wenn sie versucht, eine Art “Reinheit” herzustellen. Es gibt keine Reinheit, nirgends: weder in der Natur (man schaue sich mal die Laboranalyse reinen Bergbachwassers an…), noch in der Kultur.

Buchtipp: “Bevor es Deutschland gab”, Reinhard Schmoeckel, Gustav Lübbe Verlag, 2004, ISBN: 3404641884

In dem Buch beschreibt der Autor, wie Cäsar einen kleinen Trick anwandte, um zuhause in Rom behaupten zu können, die Gallier endlich besiegt zu haben. Er behauptete einfach, daß östlich des Rheins keine Gallier lebten, sondern “Germanen”, womit er alle Stämme, die dort lebten und die herzlich wenig miteinander zu tun hatten oder sogar verfeindet waren, in einen Topf warf. Doch es funktionierte: “die Gallier” waren besiegt.

Und seltsamerweise gaben “die Germanen” dennoch keine Ruhe…

Normalerweise sollte man der Wikipedia bei derartigen Themen nicht trauen. Angesichts der Fülle gesicherten Materials aber gebe ich hier dann doch mal einen Link zum Besten:

Cäsar und die Germanen – Wikipedia

Wem auch das zu wikipedisch (sprich ungenau) ist, dem sei die Masse an ernstzunehmenden Links (ebd.) genannt, z.B. das Interview mit Jürgen Udolph, das sehr gut verdeutlicht, wie sehr Völker, Stämme und deren Sprachen und Kulturen sich gemischt haben. Wer da noch von “Reinheit” spricht, ist völlig fehl am Platz in einer politischen Diskussion, die sich um eine deutsche Leitkultur dreht und das Integrationsproblem auf mangelnde Sprachkenntnisse von MigrantInnen beschränkt.

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