Amok in Ansbach

Gestern, am 17.09.2009, gab es einen Amoklauf an einem Gymnasium in Ansbach. Heute ist auf br-online.de zu lesen, daß der Täter bereits seit längerer Zeit in psychotherapeutischer Behandlung gewesen sei und seine Tat offensichtlich längere Zeit geplant habe.

In meinem Lieblings-Vorzeige-Forum von web.de wird nach einer Meldung zum Gesundheitszustand eines der Opfer bereits heftig diskutiert.

Interessant finde ich, daß offensichtlich alleine das Surfen auf web.de übermenschliche Kräfte zu verleihen scheint. Offensichtlich mit der Gabe der Prophezeihung begabt, meldeten sich verschiedene User zu Wort, die die Ursachen schon zu kennen glaubten – bevor die Meldung auf br-online.de erschienen ist (welche auch im Widerspruch zu deren Aussagen steht).

Da wird über Mobbing an Schulen geschrieben, über vertane Chancen im Bildungswesen, allgemein über das Versagen der Politiker und natürlich über Ego-Shooter. Kein Mensch weiß, ob der Täter gemobbt worden ist, welchen Bildungsstand er hat (daß er an einem Gymnasium eingeschrieben ist, sagt noch nichts über seinen tatsächlichen Bildungsstand aus), welche politischen Entscheidungen Anteil an dieser Aktion hatten und ob er überhaupt einen PC hatte (geschweige denn, ob er CS gespielt hat.

Auch ich weiß es (noch) nicht. Und es kann durchaus sein, daß mancher, vielleicht sogar jeder o.g. Gründe zutrifft – wir werden sehen. Dennoch werde ich zu diesem Zeitpunkt nicht zu einem der o.g. Themen im Zusammenhang mit diesem Amoklauf beitragen, da es nichts bringt, eine Diskussion über die Beseitigung von Gründen für einen Amoklauf zu beginnen, bevor die Gründe überhaupt bekannt sind.

Das ist natürlich langweiliger als die x-te Diskussion zur Frage des Anteils von Ego-Shootern an Amokläufen. Da stehen Menschenmassen zusammen, um gegen andere Menschenmassen ins Gefecht zu ziehen: die PC-Spieler gegen die konservativen Politiker – „wir“ gegen „Euch“.

Natürlich kann man allgemein darüber diskutieren, wieso einer großen Masse von Menschen Spiele Spaß machen, bei denen der grafische Realismus einen großen Anteil am Erfolg zu haben scheint – welcher Ego-Shooter mit schlechter Grafik verkauft sich schon gut? Ob das sein muss, daß Blut spritzt und sich das Opfer am Boden wälzt, bevor es sich in Luft auflöst, um Platz zu machen für Frischfleisch. Oder ob andererseits in jedem CS-Spieler ein Robert S. oder Tim K. stecken muß und warum die alle nicht bewaffnet in Schulen rumlaufen.

Kann man natürlich machen. Aber dann bitte nicht mit dem Vorwand, man habe hier Lösungen für diesen speziellen Fall zu bieten. Vielleicht ist jeder einzelne Amoklauf eine komplexe Welt von persönlichen sowie exopersönlichen Anteilen und einem extrem schwer entwirrbaren Knoten aus einem Interaktionsgeflecht zwischen beiden Welten. Vielleicht tun wir uns alle keinen Gefallen, wenn wir Amokläufe als ein spezifizierbares Problem ansehen, das dementsprechend mit ein paar speziellen Lösungsansätzen angegangen werden kann.

Vielleicht müssen wir damit leben, daß die Welt, die wir uns gebaut haben (und die ja ihre Vorteile hat!), ein Übermaß an Möglichkeiten eben auch für schlechte Vorhaben bietet. Vorsicht: ich sage nicht, daß Amokläufe in Kauf zu nehmen sind, da ja die meisten von uns keine falschen Schlüsse aus der Freiheit der Gesellschaft und ihrer Medien zieht (so nach dem Motto: es gibt aber auch Leute, die sich im Netz weiterbilden und das Geschäft wird ja auch durch das Internet belebt, das ist dann im Einzelfall Ansbach oder Erfurt eben Pech.).

Vielmehr müssen wir eine distanzierte Haltung zu den Grundlagen unserer Gesellschaft einnehmen. Es wäre sicher hilfreich, wenn wir Bildung, Politik, Medien und Erziehung zunächst beschreiben und dann bewerten würden. Das Problem ist, daß wir (im besten Fall!) beides gleichzeitig machen, und meistens nicht mal mehr das: irgendein Mensch liest was über Amoklauf und beginnt, bei web.de über CS zu diskutieren. Oder über Mobbing.

Früher nannte man das die Abkürzung des Denkvorganges. Anstatt es so zu machen:

1. Informationen beschaffen
2. Informationen prüfen
3. Informationen bewerten
4. Sich über Informationen austauschen
5. Neue Standpunkte prüfen und ggf. integrieren
6. Standpunkte vertreten

macht man das heute einfach so:

1. Punkt 1. – 5. weglassen
6. Standpunkte vertreten

Hm, naja, zumindest spart man so eine Menge Zeit. Fürs erste.

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