Wendy O. Williams

plasmaticsarrested

Manche nannten sie die Queen of Shock Rock, manche nannten sie „konfrontativ politisch“, manche bescheinigten ihrer Combo „The Plasmatics“, den wahren, den ursprünglichen Crossover begründet zu haben.

All jenen, die glauben, Crossover habe etwas mit Limp Bizkit oder im besten Fall mit Faith No More zu tun, sei der entsprechende Artikel auf Wikipedia zu empfehlen – Crossover hat bezogen auf harte Gitarrenmusik eher was mit der Verschmelzung von Punk und Metal zu tun. Nicht, daß ich Anachronist wäre. Es wäre nur schade, den Begriff des Crossover mit o.g. Bands so einseitig zu besetzen.

Die Rede ist von Wendy `o Williams, der Frontfrau besagter Plasmatics, die zu Beginn ihrer Karriere dem Punk näher standen als dem Metal. Trotz der Wurzeln im Punk war das Ganze eine durchaus strukturierte Aktion, was ja im Umfeld dieses Phänomens durchaus öfter vorkam; man denke nur an Malcom McLaren, den Gründer und Manager der Sex Pistols.

Aber macht Euch zunächst erst mal selbst ein Bild:

Die Herkunft aus dem Punk prägte die Musik und das Auftreten der Band. Daß WOW ihre Brüste bzw. Nippel nur mit zwei Klebestreifen überklebt hatte (und manchmal nicht mal mehr das…), war sicher die augenscheinlichste Provokation. Im Nachhinein mutet das eher seltsam an, aber damals muß das trotz der vielen Tabubrüche des Punk eine weitere Steigerung gewesen sein (in den USA ist eben alles etwas größer…). Explodierende Autos, Kettensägen-Massaker an angestöpselten E-Gitarren und die vielbesagten „explicit lyrics“ taten ihr Übriges, um der Band zu einem steilen Aufstieg innerhalb des Punk-Genres zu verhelfen. Damals war das eben so mit dem Punk.

Das soll jetzt nicht in den Versuch einer Band-Historie ausarten. Der dürftige deutsche Artikel auf Wikipedia hätte so etwas zwar nötig, aber das ganze Drumherum interessiert mich bei Bands nicht, es sei denn, es ist aus anderen Gründen als Fanatismus interessant.

Meine persönliche Geschichte mit den Plasmatics beginnt mit einer mitgehörten Kassette meines großen Bruders, der diese wiederum woanders kopiert hatte. Die Soundqualität war höchstens mittelmäßig, aber die Songs waren produziert wie´s Messer: rasierklingenscharf. Ich fragte, wer der Typ sei, der da so ne extrem verzerrte Stimme hätte. Mein Bruder meinte lapidar, das sei eine Frau.

Es war die Platte „Coup d´Etat“ und ist eine der wenigen Platten aus meiner Superrock-Phase, die mich heute noch regelrecht begeistern können. Eine perfekte Mischung aus Punk und Metal, gepaart mit teilweise grandiosen, ohrwurmartigen Melodien und eben Wendys extremer Stimme. Wir waren uns ja alle immer sicher, daß das ein Verzerrer sein mußte. Der offiziellen Band-Page entnimmt man, daß das nicht der Fall gewesen sein soll.

Irgendwann habe ich das Ding mal beim Vinyl Store in Stuttgart gefunden und völlig unprofessionell sofort Interesse gezeigt. Will heißen: ich habe 30 Mark liegen lassen, was aber offensichtlich noch ein Schnäppchen gewesen ist (siehe Ebay). Und ich kann das Ding heute noch hören. Anspieltipps sind: The Damned, Stop, Rock n Roll und das Motörhead-Cover No Class.

Findet man einen Zugang zu der Platte (was eigentlich geschehen müßte, wenn man Punk, Metal und Melodien mag), beginnt man auf youtube nach den Plasmatics zu suchen. Hat man sich an den skandalträchtigen Videos sattgesehen, fällt einem das eine oder andere spätere Interview mit Wendy auf, bei dem sie so gar nicht entsprechend ihres Images aufgetreten ist: eher nett und teilweise sogar subdominant. Ganz besonders fällt mir das in diesem Interview mit dem Zappa-Sohn Dweezil (ja, das ist ein Name – Zappa nannte seine anderen Kinder u.a. Moon Unit und Diva…;-)) auf:

speziell bei 4:20 („…action and violence is a very fine line with me“) fällt einem eine gewisse Diskrepanz zwischen dem was sie sagt und ihrer Gestik und Mimik auf. Sie versucht, den Mist, den sie aus Imagegründen seit Jahren sagen und machen muß (und der ihr wahrscheinlich bereits seit Jahren zum Hals heraushängt), zwar zu sagen, aber eigentlich ist sie einfach nur nett zu Dweezil (geht das bei einem Menschen mit solch einem … Namen? ;-)).

Nicht, daß ich jetzt Amerika entdeckt hätte. Die Plasmatics waren seit einiger Zeit nicht mehr Gegenstand irgendwelcher öffentlichen Kontroversen. Gegen 1986, als das Interview aufgezeichnet wurde, war Punk bereits lange tot, Kurt Cobain hatte noch nicht mal eine Band und selbst der damals verbreitete Metal befand sich sozusagen am Vorabend des Ausverkaufs. Nicht mehr lange, und Europe und Bon Jovi sollten den Metal für die breite Masse totdefinieren. Wendy war zwar für einen Grammy nominiert worden, aber nachdem sie leer ausgegangen war, liefen die Geschäfte nicht mehr so gut. Obwohl sie in die Jahre gekommen war, mußte sie immer noch die dümmliche Sex-Masche bringen. Man kann sich vorstellen, wie oft sie als noch junge und wohlgeformte Frau sexistischen Kommentaren ausgesetzt gewesen sein muß. Als gereifte Frau, die einiges gesehen hatte und Profil zeigen wollte, dürften ihr bestimmte Äußerungen mächtig auf den Keks gegangen sein. Dies und die Tatsache, daß sie es aus geschäftlichen Gründen zu ertragen hatte, macht einem klar, warum sie sich 2 Jahre später aus dem Pop-Business zurückgezogen hatte („was pretty fed up dealing with people.“)

Im folgenden Video von 1984 ab 2:48 sagt ein Fan:

„She´s also the sweetest lady I´ve ever talked to“, was Wendy damals noch zu unterbinden versucht:
„C´mon, don´t ruin my Image!“

Innerhalb von 4 Jahren nach diesem Interview hatte sie sich also aus dem Show-Business zurückgezogen.

Ich will damit nicht sagen, daß ich alle Gründe kenne, die dazu geführt haben mögen. Angesichts ihres Selbstmordes am 06.04.1998 aber kommt man dann doch ins Grübeln, wieviel Anteil das alles an ihrer Depression gehabt haben könnte. Obs nun entscheidend war oder nicht:
die Plasmatics-Frontfrau war jedenfalls nicht alles, was die Person WOW ausgemacht hat. Die Ferndiagnose „manische Depression“, sofern sie überhaupt zuträfe, könnte zwar eine Erklärung für den Spagat zwischen extremer Punk-Performance und Verzweiflung ergeben. Aber selbst sie als handliche Erklärung sollte nicht davon ablenken, daß die Illusion Pop eigentlich ein Haufen Mist ist, der durchsetzt ist von ziemlich gnadenlos agierenden Menschen.
Ich glaube, es war für Wendy einfach nicht möglich, außerhalb ihres Images Fuß zu fassen, und sie hat das ja gewollt und betrieben, nur: sie hatte damit keinen Erfolg.

Um einen Terminus Phil Towles zu verwenden und abzuwandeln: die WOW-Message, die ich empfange, ist:

Glaub nichts, was im Fernsehen zu sehen ist.
Laut ist leise.
Stark ist schwach.
Extreme definieren sich nicht durch Inhalt, sondern durch Entfernung von der Norm.
Die Norm ist langweilig, und doch strebt sie jeder an, aber manche auf dem Umweg über das Extrem.

Und, ja, natürlich:

R.I.P. Wendy.

wendylaughing

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Eine Antwort

  1. […] davon, daß Interpret und Autor dieselbe(n) Person(en) sind, was Authenzität bewirkt, und selbst Wendy O. Willams´Cover von Lemmy´s „No Class“ ist – allein der Person wegen – nicht […]

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