Ego-Shooter in den Müll?

Der Aktionskreis Amoklauf Winnenden hat für den gestrigen Samstag Privatpersonen dazu aufgerufen, „Killerspiele“ demonstrativ und öffentlich in einen Container zu entsorgen.

In der (Ego-Shooter-nahen) Bloggerszene wurden nun Vergleiche zur Nazi-Diktatur in Deutschland gezogen.

Da bin ich anderer Meinung.

Die Bücherverbrennungen der Nazis waren staatsterroristisch angeordnete Aktionen zur Unterdrückung oppositioneller Gedanken.

Die „Entsorgungsaktion“ des Aktionskreises ist die öffentlich zur Schau gestellte persönliche Abneigung gegenüber einem Kulturprodukt (ich würde es nicht „Kunst“ nennen).

Hier soll auf persönliche Überzeugungen aufmerksam gemacht werden und Diskussion angeregt werden.

Die Bücherverbrennungen der Nazis sollten persönliche Überzeugungen unterdrücken und Diskussionen verhindern.

Gerade die Befürworter (fast immer deckungsgleich mit Spieler) von Ego-Shootern plädieren für einen differenzierten Umgang mit Medien im allgemeinen und eben Ego-Shootern im Speziellen.

Dagegen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil: gerade der dümmlich-konservative Tenor seitens bestimmter Politiker ebenso konservativer Parteien wie der CDU (nicht nur!) bewirkt eine völlig anachronistische Mythologisierung der Szene. Dabei setzt sich diese derart bunt aus unterschiedlichsten Schichten und Altersstufen zusammen, daß man eigentlich gar nicht mehr von dem Hobby einer „Szene“, sondern vielmehr der Allgemeinheit sprechen muß.

Das allein sollte Grund genug für einen rationalen Umgang mit der Materie sein.

Jedoch vermisse ich gerade seitens der Ego-Shooter-Befürworter einen differenzierten Umgang. Es mag ja sein, daß die Schlüsse des Aktionskreises in ihrer Simplizität falsch sind.

Das heißt aber nicht, daß dieser Fehler eine Entschuldigung für einen Fehler der Gegenseite ist, so nach dem Motto: weil die Konservativen dumpfbackig vorgehen, tun wir es auch.

Ich würde mir wünschen, daß seitens der „Gegenseite“ anerkannt wird, daß die Präsenz von Gewalt und Sex in den Medien zugenommen hat. Da kann man immer noch gegen Zensur und Verbote sein – das bin ich auch. Da kann man nach wie vor Ego-Shooter spielen – was ich nicht tue, jedem aber zugestehe.
Aber ein Negieren der Tatsachen – die statistische Unbelegbarkeit eines kausalen Zusammenhanges zwischen dem Spielen von Ego-Shootern auf der einen und die Zunahme von Sex und Gewalt sowie deren Aufwertung (Geiz ist geil…) in unserem gesellschaftlichen Konsens – bringt keinem etwas.

Mal ganz abgesehen davon würde das der Ego-Shooter-Szene etwas mehr Glaubwürdigkeit verleihen. Man denke nur an die FSK – wo Selbstkritik geübt wird, nimmt man dem Gegner den Wind aus den Segeln.

Zuletzt noch ein Wort zum Vorwurf der Zensur in dieser Sache: abstrahieren wir doch mal die Message dieser Aktion. Sie besagt: Ego-Shooter sind Müll. Da kann man anderer Meinung sein oder nicht, aber dies zu sagen, und zwar als Vater einer ermordeten Tochter, deren Mörder diese Spiele gespielt und nach deren Vorbild seinen Amoklauf inszeniert hat, muß erlaubt sein. Verdammt, diese Menschen trauern, da kann ich die Befindlichkeiten der Szene beim besten Willen (und den habe ich ja!) nicht verstehen.

EDIT 18-10-2009, 19.20 Uhr:

Hier dennoch ein paar Links zu Blogs, in denen Gegenmeinungen zugelassen und auch gegenkommentiert werden. Diese Einstellung halte ich für wünschenswert und täte den Vertretern einer restriktiven Politik in bezug auf Ego-Shooter gut.

Zoey´s Blog
Andis Blog
damax Blog

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4 Antworten

  1. Dein Artikel ist sehr gut und ich freue mich, mit meinem, teils doch sehr subjektiven Blog, hier als positives Beispiel zu dienen.
    Vor Kurzem, noch bevor ich überhaupt etwas von dem „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ wusste, habe ich einer regionalen Tageszeitung den Vorschlag unterbreitet, gemeinsam mit Eltern, Gegnern von Killerspielen, Gamern und Vertretern der Politik eine Podiumsdiskussion zum Thema „Gewalt in den Medien“ zu veranstalten. Es sollte ein möglichst sachlicher, aufklärender Meinungsaustausch werden.
    Mein Vorschlag wurde, ohne Kommentar, abgelehnt. Langsam kommt es mir so vor, als hätten die Medien überhaupt kein Interesse daran, gegenseitige Vorurteile abzubauen und einen vernünftigen, ruhigen Umgangston der beiden Parteien zuzulassen. Stattdessen, so zeigt es ja der Welt-Online-Artikel, wir alles getan, um die Wut auf beiden Seiten zu schüren.

    • Hallo Zoey,

      ich fand Deinen Beitrag gut und auch Deinen Umgang mit anderen Meinungen.

      Die Idee mit der Podiumsdiskussion ist eigentlich eine gute Idee. Jedoch besteht die Gefahr, daß Computerfreaks als, tja, eben Freaks dargestellt werden. Je nachdem, wer eine derartige Diskussion leiten würde.

      Bin aber nicht der Meinung, daß das unmöglich wäre. Man müßte es nur gut planen und möglichst wenig Politiker reinnehmen. 😉

      Tatsache ist: wir sind mit oder ohne Podiumsdiskussion dazu gezwungen, endlich mal über Gewalt zu reden. Das hieße aber auch dreierlei:

      1. Man müßte sich von der simplifizierenden Argumentation, Ego-Shooter-Spiele seien (mit-)verantwortlich für die Amokläufe von Erfurt und Winnenden, ein für alle mal verabschieden

      2. Man müßte endlich akzeptieren, daß Forderungen nach Zensur als Korrektur dieser Welt eine Forderung nach einer Welt sind, die es nicht mehr gibt. Wer Freiheit, Wirtschaft und Freizeit will, muß akzeptieren, daß dies zu Freiheit der Medien, Freiheit der Wirtschaft (welche Internet als Plattform und somit auch als Filesharing-Plattform für indizierte Spiele hervorbringt) und Freizeit mit Konsumprodukten der Wirtschaft führt.

      3. Alle, auch die Konsumenten, sind aufgerufen, sich zu fragen, welche Regulative denkbar sind, wenn wir nicht mehr zurück ins Mittelalter (ist nur so ein geflügeltes irriges Wort – die Prüderie der 1950er Jahre oder des 19. Jhds war viel schlimmer…) wollen.
      Wobei ich mir absolut sicher bin, daß die Konsumenten nicht an erster Stelle stehen, wenn es um die Verantwortung für eine immer ausuferndere Medienlandschaft geht. Sie bringt sie zwar hervor – keine Programme ohne Zuhörer / Zuschauer / Spieler – aber von einem Millionenpublikum kann man nicht erwarten, daß es sich moralisch selbst bildet und agiert. Zumindest nicht effektiv, also: gleichzeitig. Da rennt jeder in eine andere Richtung, wie im Ameisenhaufen. Deshalb sind die Rufe nach einer ordnenden Hand ja auch so laut. Alle wünschen sich den Führer, der das Böse von der Welt tilgt, nur: das wird nicht funktionieren, denn es gibt nicht mehr „das Böse“ und „das Gute“.

      Es gibt eine Vielzahl kleiner Mosaiksteinchen und pauschale Verurteilungen bringen rein gar nichts. Deshalb ja auch meine Meinung: gegen Verbote (Mosaiksteinchen), aber selbst kein Spieler (Mosaiksteinchen), dafür früher Commando gespielt (Mosaiksteinchen), inzwischen sind mir aber brutale Spiele zu … brutal (;-)Mosaiksteinchen) usw.

      Wir brauchen endlich die Freiheit, in allen Facetten bzw. Mosaiksteinchen beurteilt zu werden. Sonst wird Demokratie zur Farce, weil irgendwelche Populisten nach jedem Amoklauf die „böse neue Welt“ verdammen. Dann müssen sie aber auch die Zeitmaschine gleich dazuliefern.

  2. Gute Güte, soviel Text. Das kann ich alles gar nicht lesen. Ich will nur schnell den kausalen Zusammenhang zwischen Egoshootern und der Zunahme von Sex und Gewalt in den Medien bezweifeln.

    Und dann duck ich mich wieder weg 😉

    Nee, ganz so einfach mach ich’s mir natürlich nicht. Feyd, kurz zu deinem Kommentar:

    1. full ACK
    2. auch ACK
    3. der „Führer“ ist böse. Hähä.

    Ich kann auch eigener Erfahrung nur sagen: je älter ich werde, desto mehr ekele ich mich vor Gewaltdarstellungen. So geschehen in „Watchmen“ und „Pan’s Labyrinth“. Left4Dead brauch ich gar nicht erst anzuzocken.

    Ich denke, Amokläufe wird es genau so lange geben wie es Kinder gibt, die sich von ihren Eltern und der Gesellschaft im Stich gelassen fühlen, und die ZUGANG ZU WAFFEN HABEN. Das hat mit Egoshootern nix zu tun. Vor den Egoshootern waren Slayer und Marilyn Manson verantwortlich, weiter zurück waren es Bücher und noch weiter zurück vielleicht der Wald mit seinen fiesen Mordwaffen.

    Ich hatte das Glück, eine liebende Mutter zu haben, und das Pech, körperlich immer unterlegen zu sein. Ersteres hat mir ein gesundes (manche würden sagen übersteigertes) Selbstbewusstsein beschert, letzteres eine tiefe Abneigung gegen Gewalt, deren Opfer ich allzu oft geworden bin.

    Ein Kind, das ungehinderten Zugang zu jugendgefährdenden Medien hat (und dazu zählen sowohl Egoshooter als auch große Teile des Privatfernsehens), bekommt auf Dauer Probleme, weil es wahrscheinlich auch sonst von den Eltern vernachlässigt wird.

    DA liegt der Hund begraben. Und das könnte sich das Aktionismusbündnis Winnenden mal hinter die Löffel schreiben anstatt ständig nach neuen Gesetzen und einem starken Staat zu rufen.

    So. Mein Arbeitgeber guckt schon wieder grimmig, ich muss weg.

  3. Hey,

    danke für das positive Kommentar. Freut mich das dir der Artikel gefallen hat.
    Das du keine Dialoge sehen kannst ist leider schade, da auf der Seite des Aktionsbündniss nun das offizielle Statment von Schober zu finden ist, was ich sehr positiv finde in Bezug auf die Disskusionen:

    „Alle, wir vom Bündnis und die Gamer, haben doch ein gemeinsames Ziel: dass kein Amoklauf in Deutschland mehr stattfindet.“ sagte Vorstand Hardy Schober.

    Deshalb war die Aktion auch ein voller Erfolg. Jetzt nicht ausgehend von der eigentlichen Menge an gesammelten Spielen, worüber sich auch die „etwas“ zurückgebliebenen Youtube-User lustig machen, sondern eher aus dem Grund das eben wieder disskutiert wurde. Vorallem eben zwischen Ego-Shooter Gegner (AAW) und den Befürwortern (Wir, die Szene oder eben normale Zocker).

    In meinem Artikel hab ich die Aktion zwar nicht zerissen, aber doch etwas negativ darüber gesprochen, oder?
    Nachdem ich aber jetzt das Statment von Schober gelesen habe, denn ich auch nie mit meinem Artikel in irgendeiner Weise beleidigen wollte, denk ich auch eher „Neutraler“ über die Aktion.

    Das die Aktion aber fortgeführt wird in anderen Städten, dass braucht es nicht 😛

    Gruß;
    FlorianX

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