Angst essen Seele auf: Fatih Akin sagt Teilnahme an Premiere in der Schweiz ab

Fatih Akin hat mehrfach Preise im In- und Ausland für seine Filme bekommen. Ich fand „Im Juli“ ganz besonders gut, aber man kann sich angesichts der Masse an exzellenten Filmen schwer auf einen Favoriten festlegen.

Nachdem 31% der Schweizer in der Lage waren, die Verfassung dahingehend zu ändern, daß dort ab sofort keine Minarette mehr gebaut werden dürfen, hat Fatih Akin die Teilnahme an der Premiere seines preisgekrönten neuen Filmes „Soul Kitchen“ in der Schweiz abgesagt.

Das halte ich für richtig.

Der Unterschied zwischen Faktoren und Fakten liegt auch in deren Halbwertszeit. An die Faktoren und Umstände, die diese peinliche Verfassungsänderung zustande gebracht haben, erinnert man sich bald schon nicht mehr. Das Faktum „Verfassungsänderung“ aber bleibt, denn es ist wirksam.
Kein Mensch redet noch darüber, daß das Ergebnis ja nur das Votum von 31 % der schweizer Wahlberechtigten ist. Ein Faktor für dieses Ergebnis waren ja 46 % Wahlberechtigte, die zu Hause geblieben waren. Unter diesem Licht betrachtet (umgerechnet sind 57,5 pro-Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 54 % ca 31 % pro-Stimmen in der Bevölkerung insgesamt) hat das gleich zweierlei Wirkungen:

1. Man ist in der Lage, das Argument, „die Mehrheit der Schweizer“ habe nun mal gesprochen und man habe dieses Votum zu akzeptieren, zu relativieren: definitiv 31% haben sich für ein Bau-Verbot ausgesprochen, Punkt.

2. Es kommt die Frage auf, ob der Sinn direkter Wahlverfahren wie dieser am Sinn der Rechtsstaatlichkeit und Demokratie vorbeigeht. Das stärkste Argument für eine direkte Demokratie ist ja die Annahme, daß die Meinung des Volkes unverfälscht (also bspw. nicht über manipulierte Volksvertreter) in Machtausübung mündet. Jedoch verliert dieses Argument an Kraft, denn angesichts der billigen (teilweise volksverhetzenden) Agitation durch das peinliche Plakat der SVP sowie dem Flash-Spiel auf deren Website (bei dem man Minarette abschießen konnte) wird klar, daß Manipulation durch direkte Abstimmungsverfahren nicht ausgeschlossen ist. Im Gegenteil: die Kürze, in der solche Verfahren ablaufen, machen es möglich, im Wirbel kontroverser und unüberschaubarer Medienpräsenz solcher Themen mal schnell Meinung zu machen.

Verfassungänderungen sollten nicht so leicht möglich sein. Die geschickte Platzierung singularer Geschehnisse im Vorfeld derartiger Wahlverfahren haben eine explosive Wirkung, die, da bin ich den Schweizern wohlwollend gegenüber sicher, nicht kontrollierbar, manchmal leider nicht mehr reversibel und eigentlich auch nicht gewollt sind.

Beispiel Ego-Shooter: jeder weiß, wie unübersichtlich und hochdynamisch die öffentliche Debatte zu Ego-Shootern nach einem Amoklauf bzw. School-Shooting ist. Man stelle sich mal vor, wie unterschiedlich das Ergebnis einer Volkbefragung zu einen generellen Verbot von Ego-Shootern sein könnte, wenn sie

a) auf einen Zeitpunkt in einer solchen „Kurz-nach-Winnenden-Phase“ oder
b) mitten im Sommerloch

datiert wäre.

Und darum gehts doch: der Wille des Volkes, also der, der eine Auswirkung auf langfristige Normgebung wie die Verfassung hat, dieser langfristige, tief sitzende Wille, sollte doch gut überlegt zustande kommen, nicht aufgrund kollektiver Emotionen.

Die hochkochende Emotion haben sich bereits die Nazis beim Reichstagsbrand zunutze gemacht. Der Ruf nach der starken Hand kommt immer dann, wenn Angst um sich greift, und wie Akin schon Faßbender treffend zitiert hat: „Angst essen Seele auf“.

Protestnote auf wahrscheinlich.

The Grand Chessoard: Die Rolle der Medien im dynamischen Spiel mit der Angst

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5 Antworten

  1. „Scheiß Schweizer! Zuerst Steueroase – nun Nazi-Paradies!“ – „Durch diese hohle Gasse muss der Rechtspopulist kommen“ – ironische Artikel zu diesem Thema –

    „Durch diese hohle Gasse muss der Rechtspopulist kommen“

    Genau, wie wir alle dachten – zwar waren zwei Antwortmöglichkeiten erlaubt aber eigentlich doch nur eine gestattet – „Für den Minarettbau heißt: aufgeschlossen, aufgeklärt, intelligent; gegen ebendiesen heißt nun mal: intolerant, rechtsextrem, faschistisch! Da kann man ja eigentlich nicht so viel falsch machen! Macht das Kreuzchen, wo es hingehört und alle sind glücklich!“
    ansonsten wird diffamiert und kräftig mit der braunen Keule geschwungen – so funktioniert Demokratie – aber irgendwie stinkt Demokratie ja!
    Toll, dass auch noch alle wissen wieso genau die Schweizer sich so entschieden haben. Und zwar aus den falschen Gründen…
    Ich rufe auf die Wahlen dann einfach abzuschaffen, so wird immer richtig entschieden!

    • Seltsam, wenn ausgerechnet die braune Ecke die Demokratie verteidigt. Demokratie ist nicht nur das Votum der Mehrheit, sondern auch Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ein Minarett-Verbot ist von diesen Werten weit entfernt.

      Außerdem: niemand hat das Votum der Schweizer für ungültig erklärt – wie soll das auch gehen? Im Gegenteil: es ist gültig und genau das ist das Problem. Aber im Gegensatz zu der Art, wie rechte Mehrheiten mit Minderheiten nach Wahlsiegen umgehen (siehe Hitlers Umgang mit der Opposition kurz nach der Machtergreifung), gesteht echte Demokratie den Andersdenkenden – gerade auch in der Minderheit – ihre Meinung zu.

      Das war ein Etappensieg aufgrund unglücklicher Faktoren: 46 % der Schweizer sind nicht wählen gegangen. Da haben dann 31 % ausgereicht, die Verfassung zu ändern. Und jetzt beansprucht die Rechte das Recht der Mehrheit für sich.

      Das ist ein faules Votum, und deshalb melden sich die echten Demokraten zu Wort.

  2. Korrigiert:
    Die Entscheidung, dass auf Moscheen keine Minarette mehr gesetzt werden dürfen macht aus einem Volk noch keinen Haufen Rassisten. Das Verhalten von Fatih Akin ist reiner Trotz und kontroproduktiv – hier müsste der Mann mit seiner Anwesenheit ein Zeichen setzen und die Gelegenheit beim Schopfe packen und die Veranstaltung nutzen. Den Blogbetreiber und allen anderen unterstelle ich eine fast pathologische, nicht wirklich empfundene aber gesellschaftlich opportune und anerzogene Empörung ob eines Vorgangs, der zwar nicht wirklich wünschenswert ist, aber die Souveränität eines Volkes unterstreicht. An dieser Stelle gleich wieder mal das 3. Reich, Adolf Hitler, den Faschismus als solchen etc. zu bemühen klingt eher nach dem Abspielen altbekannter Bänder aus der Moralbibliothek, als nach einer fundierten Kritik an einer vorherrschenden und die letzten Jahre propagierten Anti-Islam-Stimmung, die nicht nur in der Schweiz ihre Auswirkungen hat, sondern die Einstellung ganzer Generationen gegenüber Menschen mit islamischen Hintergrund (es trifft ja nichtmal die Radikalen (die davon eher noch profitieren), sondern die Menschen, die einfach nur ihrem Glauben nachgehen).

    Im übrigen würde ich die Petition unterschreiben, die den Abriss aller Gotteshäuser in Deutschland zum Ziele hätte. Sich im Jahre 2009 mit Gottesanbetung auseinanderzusetzen ist geistige Steinzeit und Verrat an den geistigen Errungenschaften des Menschen, der sich dereinst aufmachte sich zu lösen vom Diktat der Angst, die einen Gott gebar.

    • 1. Niemand hat aus einem Volk einen Haufen Rassisten gemacht. Es sind 31 %, die einen Willen bekundet haben, bei dem ich nichts weiter als rassistische Motivationen entdecken kann. Die Begründung der SVP (Minarette seien ein politisches Symbol für den Machtanspruch) ist doch Käse. Minarette gab es lange vor der Migrationswelle der Nachkriegszeit. Es gibt sie in den verschiedensten Ländern und mir ist nicht bekannt, daß sie ein politisches Symbol seien.

      2. Du hast es wenigstens richtig benannt: daß meine Empörung „eine fast pathologische, nicht wirklich empfundene aber gesellschaftlich opportune und anerzogene“ sei, ist eine Unterstellung. Sie trifft aber nicht zu.

      3. Du schreibst, der Vorgang sei nicht wirklich wünschenswert, unterstreiche aber die Souveränität eines Volkes. Na und? Ist ein Vorgang danach zu beurteilen, ob er formal korrekt ist oder sollte sich ein Blogger in seiner Beurteilung an moralischen Werten orientieren? Die Schweiz hat sich souverän ins Abseits gestellt, stimmt: keiner hat ihr dabei geholfen…

      4. Beim Satz mit dem 3. Reich hast Du Dich wohl etwas verrannt…er ergibt nicht wirklich einen Sinn, weil Halbsätze ins Leere laufen. Ich nehme an, Du wolltest damit sagen, daß Du keine Vergleiche mehr zum 3. Reich hören willst. Da frage ich: wer hat das Recht, das zu bestimmen? Der Vergleich paßt eben. Die Nazis hatten es sehr leicht, weil sie die Angst vor einer Parallelgesellschaft (nämlich den Juden, die ihrer Meinung nach die Welt beherrschen wollten) im Volk geschürt haben. Genau das gleiche passiert im Moment mit den Moslems. Bestes Beispiel ist diese völlig aus der Luft gegriffene Geschichte mit den Minaretten. Ich kann immer noch nicht erkennen, wo der Zusammenhang zwischen Minaretten und Machtansprüchen sein soll – zumal ich nicht sehe, wo es letztere geben soll.

      5. Der Abriß wäre nicht besser als die Vernichtung der Buddha-Statuen durch die Taliban in Afghanistan. Die geistigen Errungenschaften, von denen Du zuletzt schreibst, bauen auf unserer Geschichte auf. Ich nehme an, Du hast da die Kirche und ihre Machtausübung im Visier. Die gab es, ja. Die gab es aber überall früher. Keine Institution des öffentlichen Lebens kam ohne Macht aus. Sogar die Griechen, welchen wir unsere Philosophie verdanken, kannten die Todesstrafe, die Gotteslästerung (sowie daraus resultierende Todesurteile: Platon) und die Sklaverei als Wesentliches der Natur (Aristoteles, „Der Staat“). Dieses Kirchenbashing ist eine Art Volkssport. Befaßt man sich näher mit der Materie, findet man heraus, daß einfache Aussagen wie jene von der Religion als „Opium fürs Volk“ nicht zutreffen.

      6. Normalerweise veröffentliche ich keine Kommentare, bei denen Fake-E-Mail-Adressen angegeben werden. Es wäre also wünschenswert, wenn Du eine richtige angeben würdest. Das macht einen Kommentar glaubwürdiger. Weil sich Dein Kommentar aber so liest, daß Du inhaltlich gegen ein Minarett-Verbot bist, und weil Du auf nationalistische Agitation (abgesehen von dem 3. Reich-Argument) verzichtest, lasse ich den Kommentar stehen.

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