Pogromstimmung auf web.de

web.de berichtet ja gerne über Themen, die die momentan gereizte Stimmung zwischen Christen und Moslems anheizen. Darüber habe ich bereits einige Male geschrieben und es ist ja schlimm genug. Mir geht es aber im Moment darum, festzustellen, wie weit dieses Konstrukt „Islamophobie“ trotz seiner argumentativen Lücken fortgeschritten ist. Dabei stelle ich mir die Frage, welche Themen hier wild durcheinandergeschmissen werden – in der Hoffnung, daß sie sich im Kopf verängstigter Menschen westlicher Prägung zu einem Haß verdichten, der zwar – wie gesagt – jeglicher Rationalität entbehrt, der aber trotzdem funktioniert. Ganz so, wie das bei Konstrukten eben der Fall ist.

Ausgangspunkt war der Bericht vom Überfall einiger muslimischer Fanatiker auf koptische Christen in Ägypten.
Ich habe hier keinen Moslem gesehen, der diese Tat nicht verurteilt hätte. Dennoch wird im sogenannten Meinungsforum auf web.de nun alles wild durcheinandergemischt. Und zwar so, daß ich nicht an einen Zufall glaube. Aber seht selbst:

1933 hieß das „Deutsche, wehrt Euch, kauft nicht bei Juden!“.

Kurze Zeit später:

Aha. Vom vierfachen Mord ist hier bereits die Brücke zur Verallgemeinerung auf den türkischen Staat geschlagen.

Hier noch ein paar Auszüge, an denen sehr gut beobachtet werden kann, wie nationalistische Propaganda vorgeht:

Lieber Fumin,

es gibt kein einziges „katholisches Land“. Weder Polen, noch Italien und erst recht nicht Deutschland sind „katholische“ Länder. Stichwort Säkularisation, da hast Du was verpaßt.
Deine Wahnvorstellung brennender Botschaften und haßerfüllter Menschen auf den Straßen spricht dafür, daß Du erfolgreich das Brainwashing gewisser rechtskonservativer Kräfte vollzogen hast.
Weiter ist der Papst nicht dazu da, „zu toben“ oder Protestnoten“ zu senden. Verstehe es endlich: wenn wir es ernstmeinen mit unserer Moral, dürfen wir nicht auf diese Einzelfälle von Kriminalität mit staatlichen Generalfällen von Unrecht antworten. Und schon garnicht sollten wir so dumm sein, den gesamten Islam mit ein paar Idioten gleichzusetzen.

Und natürlich, da ist es wieder: die Thematisierung der Moscheenfrage. Was bitte haben Moscheen denn mit diesem Überfall zu tun? Das hat mir bisher noch kein einziger Gegner plausibel erklären können. Es soll ein Symbol für Machtanspruch sein. Hä? Und die Argumentationskette? Tja, Fehlanzeige. Denn Minarette sind analog zum Kirchturm ein Symbol für das Himmelstreben und ganz nebenbei auch praktischerweise als Turm gebaut, um die Stimme des Muezzin vernehmbar zu machen. Aber wie soll man von Nationalisten erwarten, sich auch nur ein wenig mit Kultur zu befassen?

Da ist sie wieder, die alte Mär von der Fremdbestimmung deutscher Politik durch „die Juden“.

Und wieder: „der Islam“ soll Ausgleichszahlungen aufbringen, so als gäbe es „den Islam“ als Institution, die für Unrecht verantwortlich gemacht werden könne und als gäbe es Adressaten, die dafür entschädigt werden könnten. Personifizierungen einer Religion – das hatten wir in Deutschland schon mal mit ganz ähnlicher Ausdrucksweise.

So dümmlich dieses letzte Zitat (ich könnte Seiten damit füllen, aber ich bin kein Masochist) ist, es bringt es auf den Punkt: man fühlt sich bedroht vom Islam. Dabei ist unklar, wer man eigentlich ist, wer „der Islam“ eigentlich sein soll, wodurch man bedroht sein will. Nur eines ist klar: sie sollen weg, am besten mit Gewalt.

Der fehlende Rest, die fehlende Argumentation, wird einfach mit nationalistischer Ekstase gefüllt. Also nicht mit Rationalität, sondern Emotionalität und Nebel. D.h.: mit Schockern wie dem Beitrag über den Mord an Christen, mit Angst vor, ja, wovor eigentlich? Einer nebulösen Vorstellung eines homogenen „Islam“, der derart vereinfacht und quasi personifiziert auch als Träger und Rammbock für diese Angstgefühle dienen kann.

Die Angst muß nur noch in Haß umschlagen, aber das geht angesichts dieser Art der Meinungsmache (nicht nur wie bei web.de) fast von ganz alleine.

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14 Antworten

  1. Und was ist das für eine Seite hier?

    Wird hier alles als nationalistisch abgestempelt, was sich kritisch mit dem Islam befasst?
    Was soll denn dadurch erreicht werden? Sollen alle kritischen Stimmen verstummen, damit man ihnen nicht die Nationalisten Marke auf die Stirn brennt?

    Anstatt von nationalistischer Propaganda zu schreiben, wäre auch die Frage nach den Lichterketten angebracht, die in Deutschland zu sehen sind, wenn es leider wieder einmal Opfer gegeben hat.

  2. Hallo Enrico,

    im Moment sehe ich eher die Notwendigkeit, über nationalistisches Treiben zu schreiben, denn Lichterketten sind in Deutschland im Moment nicht zu sehen, im Gegenteil: es ist zappenduster.

  3. Die meiste plappern doch eh nur nach. Aber das ist typisch deutsch. Es ist ein deutsches Phänomen. Ich möcht net wissen wer da begründet hetzt. Von denen hatte bestimmt noch nie einer Probleme mit Ausländern. Das ist so , wie in manchen Ostdeutschen Städten. Da schreien die Nazis „Ausländer Raus“ bei 3 % Ausländeranteil. Und es wird immer schön Verallgemeinert , ja wir sind wieder mal kurz vorm Fall angelangt. Der deutsche Hochmut ist wieder stark am kommen.
    Die Regierung muss ganz stark aufpassen das die Mitte net am Rad dreht. Ich sehe Vergleiche wie vor 33.
    Und die Aussagen werden legalisiert, wie schon Enrico schrieb. Man nennt es kritische Stimmen. Aber es grenzt an Hetzte.

  4. Noch was, das Problem sind nicht die Muslime. Nein das eigentliche Problem ist ,das sie Ausländer sind. Hättenwir keine 5 Millionen Muslime hier sondern Kopten auch dann würde der Deutsche schimpfen.

  5. Ich sehe durchaus, dass es ein Problem mit radikalen Islamisten gibt – denn der radikale Islamismus mit all seinen Werten und Vorstellungen ist eine Gefahr für die Demokratie! Und es darf auch nicht unter den Teppich gekehrt werden, dass die Kriminalitätsraten unter jungen Männern mit türkischem oder arabischem Hintergrund leider überproportional hoch sind. Wir brauchen eindeutig kritische Stimmen (des demokratischen Spektrums der Politik!) die diese Probleme ansprechen und angehen.

    Was wir nicht brauchen, sind Hetze und braune Parolen. Ich finde es mehr als ärgerlich, wenn Volksverhetzung und derartiges lediglich als „harmlose Meinungsäusserung“ gesehen wird. Sachliche und begründete Kritik darf, ja muss in einer demokratischen Gesellschaft geäussert werden. Aber platte und populistische Hetze (wie in 99% der Beiträge bei web.de) hat mit sachlichen Analysen rein gar nichts zu tun.

    Wir benötigen keine Scharfmacher, die eine Pogromstimmung im Volk heraufbeschwören (ich warte schon auf Schilder nach dem Motto „Kauft nicht bei Moslems“). Gefragt sind demokratische Politiker, die anerkennen, dass es ein Problem gibt, vor dem eine wachsende Anzahl an Leuten Angst hat.

    • Hat bei Dir eine Art Sinneswandel stattgefunden?

      • Nein, ganz und gar nicht. Ich war schon immer für unseren demokratischen Rechtsstaat in seiner jetzigen Form. Und deshalb bin ich auch der Auffassung, dass Rechtsradikale Schwachmaten und Hohlköpfe sind, aber dass man genau so die Gefahren von Islamismus etc. nicht unterschätzen sollte. Ich finde, dass es kein Widerspruch ist, gegen Neonazis zu sein aber gleichzeitig auch die Gefahren des Islamismus zu erkennen.

        Ich denke nicht, dass ich einen Sinneswandel in die rechte Ecke hatte, nur weil ich so denke, schon immer so gedacht habe. In den (gemässigten) Nürnberger Nachrichten kann man z.B. ein Interview mit der türkischstämmigen Autorin und Soziologin Necla Kelel lesen, in dem sie das Duckmäusertum vor dem Islam kritisiert. Ich denke nicht, dass Frau Kelek eine Rechtsradikale ist…

        Wenn mir natürlich ein Sinneswandel in die braune Ecke unterstellt wird, nur weil ich es wage anzusprechen, dass es Probleme mit Islamisten und gewaltbereiten ausländischen Jugendlichen gibt, dann habe ich hier das letzte Mal einen Kommentar hinterlassen. Das wäre nämlich genau ein Anzeichen dieser Haltung, die alle Probleme mit radikalen Moslems schlichtweg leugnet bzw. totschweigt und alle Personen, die sie anzusprechen wagen, in die rechte Ecke stellt.

      • @DerEine:

        Das mit dem letzten Kommentar, den Du hier hinterlassen willst, ist Deine Entscheidung und hat mit mir nichts zu tun. Ich lasse mich nicht erpressen. Will sagen: weder lösche ich Kommentare, noch lasse ich mir das kommentieren verbieten.

        Was Du schreibst, ist ja genau die Argumentation, die ich kritisiere: man ist ja weiß Gott kein Nazi, aber gegen Islamismus müsse man eben vorgehen. Das ist schrecklich nichtssagend. Natürlich ist jeder Demokrat und natürlich ist jeder gegen Islamismus. Das soll doch aber nicht dazu führen, daß Minarette in Symbole für den „Machtanspruch des Islam“ (O-Ton SVP) umgedeutet werden. Oder Kopftücher. Oder das Sprechen der eigenen Sprache, das muß man sich mal vorstellen.

        Was auch die Stimmen der Migranten selbst angeht, die den Islam kritisieren: natürlich muß berechtigte Kritik geäußert werden können. Davon redet aber auch keiner. Ich kritisiere die einseitige Berichterstattung, die Sensibilisierung der Massen für bestimmte Themen anhand singulärer Kriminalakte. In meinen Augen kommt da der vulgäre, einfach, altbekannte Haß auf die Türken raus, und die Diskussion über Straftaten wie jene in Ägypten sind doch nur ein Vorwand. Ich kritisiere also den Mißbrauch einzelner Meldungen über Straftaten von Migranten – speziell muslimischer. Man kann, man muß über Kriminalität reden, ja sogar über die Anfälligkeit monotheistisch geprägter Kulturen für patriarchalische Zustände, aber alles im rechten Maß und ohne dümmliche Verweise auf Kopftücher und Minarette.

        PS: das hattest Du nicht getan. Aber ich halte die Sprache von berechtigter Kritik am Islamismus auch nicht für das bestimmende Thema in Verbindung mit Migration. Ich sehe eher die Notwendigkeit, darüber zu klage, daß das öffentliche Bild der Muslime diffamiert wird.

        PPS: ich denke, wir haben uns einfach mißverstanden.

      • Als Erpressungsversuch war meine Aussage auch überhaupt nicht gedacht – und erst recht nicht als Versuch, dir das Kommentieren zu verbieten. Das wäre höchst lächerlich von mir, da dieses hier dein Blog ist.

        Ich habe nie behauptet, dass ich in irgend einer Weise gegen Minarette oder Kopftücher bin. Das sind doch nur Symbole für die geifernde Masse, die sich in ihrer Hass-Stimmung daran hochzieht. Ich sehe halt die Gefahren, die vom radikalen Islamismus ausgehen sowie von der (in meinen Augen falschen) Toleranz gegenüber Leuten wie Hasspredigern und Kriminellen usw. Aber ich stimme nicht in den brüllenden Chor des geifernden Pöbels ein und ich sehe auch, dass die überwiegende Zahl der Ausländer und Muslime nicht radikal oder kriminell ist. Ich wäre der letzte, der web.de-Parolen wie „schmeisst sie alle raus“ ruft.

        Die von dir beschriebene einseitige Berichterstattung gbt es, besonders halt bei web.de zu sehen, wo dem Pöbel in regelmässigem Abstand Ausländer- und Islamthemen als Fleischbrocken hingeworfen werden, auf die sich die Meute stürzt. Aber es gibt auch noch seriöse Medien, bei denen ich solche Tendenzen zum Glück nicht erkennen kann. Und ich stimme dir zu: Es gibt leider Bevölkerungsschichten, in denen der Hass auf Türken tief sitzt und die sich dann an den Beispielen hochziehen, um ihre altbekannten Parolen herauszuplärren. Und wenn sie keine Türken oder Moslems hätten, würden sie sich andere Gruppen vorknöpfen. Bei manchen kommt es mir sogar so vor, als wären sie nicht zufrieden, wenn sie kein anständiges Feindbild im eigenen Land hätten.

  6. Ja die Türken die ich kenne , schreien auch langsam Laut es reicht mit der Zuwanderung. Sie hassen vor allem Araber.
    Aber ich denke aus denen spricht manchmal die Angst, da sie Angst haben mit Fundamentalisten in einen Topf geworfen zu werden. Was ich auch verstehen kann, so wie ich heute bei web.de las .

    Ich fordere auch ein Zuwanderungsstop. Immerhin ist mittlerweile jeder vierte deustche Migrant oder hat ausländische Wurzeln. Nur hasse ich deswegen nicht jeden Moslem.
    Vor kurzem las ich auch das bis 2050 , 50 Millionen Schwarzafrikaner nach Europa wollen. Das ist doch unmöglich. Wie soll das gehen?

  7. Und dann diese Meinungen von Eksperte und dann noch 14 Daumen hoch. Was für eine plumpe Aussage .
    Würde er gezwungen im Iran zu leben? Ich glaub mancher leiden unter Schizophrenie und erfinden solche Aussagen.

  8. mir scheint, die angst hat schon in hass umgeschlagen…

  9. Der Hass breitet sich aus – nicht nur in den Internetforen. Vorschub leisten seiner Verbreitung in der Mittelschicht, bei den ganz „normalen“ Leuten, Sprüche wie die von Sarrazin, Buschkowsky, Bosberg, aber auch und gerade Giordano – von einer ganzen Reihe „Onkel Toms“ mal zu schweigen.

    Und das ist kein ausschließlich deutsches Phänomen. Österreich, Dänemark, Italien, Frankreich – wo man auch hinsieht ….

  10. Und das Potential an Beiträgen, zu denen der Pöbel bei web.de seine hetzerischen Meinungen loswerden kann, reisst nicht ab. Im Moment steht auf Platz 1 der Thread zum Prozess um den Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle.

    Mir kommt es so vor, als würde der geifernde Mob vergessen, dass es sich nach wie vor um Menschen handelt. Es sind keine Tiere oder Sachen, nein Menschen! Aber Hauptsache, man kann auf jemanden eindreschen und sich so besser fühlen. Das ist genau das gleiche Schema, wenn bei web.de ein Thread zum Thema Homosexuelle existiert. Die steinzeitliche Homophobie, die sich dort äussert, lässt einen vom Glauben abfallen.

    Aber was mich auch wundert: Es scheint Leute zu geben, deren einzige Lebensaufgabe es ist, von morgens bis abends bei web.de gegen Ausländer und alles, das nicht in ihr Weltbild passt, zu hetzen. Auch wenn man nur ab und zu bei web.de vorbeischaut, fallen einem manche Namen auf, die immer und immer wieder auftauchen.

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