Kaczynski-Trauer = Enke-Trauer?

Gestern ist der polnische Präsident Lech Kaczynski bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen. tagesschau.de:

Unter den Opfern sind auch die Gattin des Präsidenten, Maria, der Zentralbankpräsident Slawomir Skrzypek sowie der Generalstabschef Franciszek Gagor und der stellvertretende Außenminister Andrzej Kremer. Auch ein Bischof und Angehörige der Opfer von Katyn waren in der Maschine, zudem zahlreiche Parlamentsabgeordenete und weitere hochrangige Militärs.

Mich interessieren die teilweise grotesken Reaktionen auf dieses Unglück.

Zunächst einmal das eigentlich gut gemeinte Argument, die Trauer sei einseitig, gespielt, organisiert und somit nicht echt. Schließlich seien auch andere Menschen im Flugzeug gestorben – ebenso wie täglich tausende von Menschen auf der Welt verhungern, darunter Kinder. Man fühle sich an den Enke-Trauer-Tourismus erinnert.

So schreibt der User „Deliberare“ als Kommentar auf tagesschau.de am 11.04.2010 um 11.30 Uhr:

„(…)sondern auch weitere 132 Menschen, dessen Gesichter und Namen der allgemeinen Öffentlichkeit nur Schall und Rauch sind“.

Mag ja sein, aber bei jedem Unglück muß man sich nach direkten und indirekten Folgen oder wenigstens der stellvertretenden Bedeutung für die Gesellschaft fragen. In diesem Zusammenhang war das beste Argument für die immense Aufmerksamkeit gegenüber Enkes Tod noch die Fokussierung auf das Problem, daß im (Profi-)Sport so wenig Platz für Menschlichkeit war, daß Enke sich gezwungen sah, sein Problem zu verheimlichen. Konstruktiv wäre also gewesen, eine Diskussion über die Oszillation der Imperative unserer Leistungsgesellschaft in etwas urspründlich so unschuldigem und spaßig gedachtem wie dem Sport zu führen. Ist ja leider nur in ganz seltenen Fällen geschehen.
Im Fall Kaczynski jedoch muß man nicht nach einer dahinter stehenden Bedeutung suchen. Das Unglück hat direkte Auswirkungen: Neuwahlen, womöglich ein Regierungswechsel. Zudem ist der Vorgang doch äußerst seltsam und angesichts der Masse der hochrangigen Opfer in jedem Fall bemerkenswert, gerade für die politische Presse. Die muß einfach darüber berichten, sonst ist sie nicht ernst zu nehmen.

Ein Blick auf mirkos Kommentar heute um 10.18 Uhr auf web.de:

mein beileid den angehörigen

aber trauern um den da
sry genauso wenig wie um den haider
der spaltpilz hat uns deutsche doch immer nur als melkkuh angesehen und sich überall eingemischt
europaisch alles geblockt

vermissen werd ich ihn nicht..

Ohne Worte.

Zwiebelhaube heute um 11.03 Uhr dazu:

bestürtzt über seinen Tod bin ich wirklich nicht. Ein deutschlandhasser weniger !!! Im Gegenteil … Und dann muss die Merkel nachtürlich ihr tiefstes Bedauern dazu aussprechen…..was für eine Heuchlerin.

Ebenfalls ohne Worte.

Dann nochmal ein Blick auf das Forum von tagesschau.de gestern:

Ein User beschwerte sich über die eingedeutschte Schreibweise des Namens Kaczynskis. Mag sein, daß das etwas kleinlich ist, im Prinzip hat er jedoch recht. Warum wird hierzulande jeder noch so blöde Anglizismus kritiklos, ja, ekstatisch übernommen, während man Schrift und Sprache direkter Nachbar-Nationen noch nicht annähernd kennt? Es gibt glorreiche Ausnahmen in der deutschen Bevölkerung und sie beweisen, daß slawische Namen keineswegs schwerer auszusprechen sind als deutsche – man muß es eben nur versuchen. Tut aber leider fast keiner. Dabei geht es auch gar nicht darum, ob die Aussprache gelungen ist oder nicht. Es reicht schon aus, es wenigstens zu versuchen.

Die Art und Weise, wie sehr sich darauf folgende Kommentatoren auf den Beitrag gestürzt haben, ist jedoch noch viel kleinlicher als der Ursprungskommentar. So, als ließe sich Unmut über die unkorrekte Schreibweise wegdiskutieren.

Zum Abschluß noch mal web.de, bestens repräsentiert durch seinen User tomicat um 15.41 Uhr:

„Trauerbeflaggung für einen toten ausländischen Präsidenten?
Aber für drei deutsche Soladten- die „für ihr Land gefallen sind“ gibt es sowas nicht.
Komisch. Aber bestimmt bin ich jetzt gleich wieder ein „typisch rechter Deutscher“.
Helft mir bitte, wer hat das nun mehr verdient?“

Meinungsfreiheit bedeutet eben auch, daß wirklich jeder Depp sein Paradethema mit jeder x-beliebigen Meldung verquicken darf. Und dafür gibts bei web.de auch noch 13 Daumen hoch (von 13).

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4 Antworten

  1. Nach dem tragischen Tod des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, frage ich mich wirklich, wie das passieren konnte. Wenn ein Flugzeug 4 mal versucht zu landen, was zur Hölle ist doch da in den Kopf des Piloten gefahren. Hatte der keine Ausbildung oder gab es da keinen Wetterbericht. Für mich klingt das alles sehr merkwürdig. Nun wir werden sehen, was die Untersuchung ergibt.

  2. @ feyd: ich hab ja selber so einen „unaussprechbaren“ slawischen namen, aber schau mal, was die slawen mit nicht-slwischen namen machen 🙂

    • ja, George Michael habe ich in einer kroatischen Gazette mal so gelesen:
      Đorđ Majkl.

      Hat doch auch was…;-)

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