Dieter Bohlen produziert „oben bleiben“

Die Stuttgarter Bewegung hat ein neues Etappenziel erreicht: nach dem vorläufigen Baustopp und dem historischen Regierungswechsel in Baden-Württemberg war klar, daß eine Steigerung kaum möglich ist. Bundestagswahl war ja erst im September 2009 und auf die Wahl in den USA hat man als deutscher Staatsbürger kaum Einfluß. Was wäre also in der Lage gewesen, die kollektive Ekstase der vergangenen Zeit zu toppen?

Kaum ein rein politisches Ereignis, soviel stand fest. Es mußte etwas sein, das in der Lage war, alle Visionen, alle Wünsche, alle Hoffnungen und auch Enttäuschungen, Unmut, ja Ängste und sogar den Hass des kleinen Mannes auf die Regierung und die Ex-Regierung und die Noch-Regierung zu kompensieren. Zu schnell fand sich im Kollektiv-Laienschauspiel „Wir reißen den Bauzaun heute schon ein und schauen dabei fast so aus wie die Punks bei den Chaos-Tagen“ eine Projektionsfläche, aber leider gab und gibt es Leute, die vor unkontrollierter Gewalt zurückschrecken und das Stück wurde nach einer Aufführung abgesetzt – bedauerlich.

Und dann kam der rettende Gedanke: „oben bleiben“, jener Song, den irgendjemand gemeint hat, zu einer „Hymne“ erheben zu müssen, war doch super geeignet, dem kleinen (und dem kleingeistigen) Mann als Marseillaise des Alltags zwischen Maloche und allabendlichem PC-Konsum zu dienen. Der Sturm auf die Bastille ist in unserem kollektiven Gedächtnis untermalt mit den Worten „Marchons, marchons!“ abgespeichert – dabei waren wir ja nicht dabei und die Macher der Filme, in denen Musik und Realität zusammentreffen, auch nicht, aber das kümmert keine Sau. Es fühlt sich einfach geil an und in unseren Gedanken marschieren wir mit und töten die Soldaten des französischen Königs. Es sind ja keine echten Soldaten, sondern nur Schauspieler.

Also mußte der Song in den Adelsstand erhoben werden. Er sollte, richtig produziert, die Untermalung für unseren Sturm auf die Bastille (MINDESTENS!) liefern, nur: er war nicht mehr da! Der Autor hatte das Video aus dem Netz genommen, dieser Dreckskerl.

So, als hätte der irgendwas damit zu tun… es mögen ja seine Noten und Worte sein, aber die Gefühle, die in seinem Kontext (also dem Sturm-auf-den-Bauzaun-Film, den wir in unseren kranken Hirnen inszenieren und in dem wir natürlich die Helden sind) stattfinden, die gehören uns allein. Und jetzt nimmt der uns einfach die Plattform weg.

Also haben wir uns eines der vielen mp3s von irgendwelchen nichtigen Seiten im Netz genommen und an Dieter Bohlen geschickt, und jetzt kommt die Sensation:

Dieter will es machen!

Ja, richtig gelesen: uns´ Dieter produziert „oben bleiben – jetzt aber richtich!“ – und zwar: jetzt aber richtig! Dazu sollen sich die KandidatInnen der nächsten DSDS-Staffel jeweils in Alltags-Klamotten zwängen und mit allen möglichen Anti-S21-Buttons behängen. Sie müssen den Text 3 mal so schnell rappen – im Handstand. Dazu sollen sie Kickbewegungen machen, denn es soll ein oben-bleiben-Musical folgen, in dem Bauzäune und Polizisten getreten werden – diese Polizisten sind natürlich keine Menschen, sondern Orks, die verachtet sichs leichter. Gegen Ende findet eine Hexenverbrennung statt: sie sieht aus wie einer der ständig wechselnden CDU-Fraktionschefs. Das Publikum soll in die Show eingebunden werden, schon von der Sitzordnung her: es gibt keine Zuschauer-Sitzreihen im üblichen Sinne, sondern der Saal ist ein rotes Rechteck, die Bühne ist ein weißer Kreis in dessen Mitte und die Sitzreihen sind darin arrangiert wie ein schwarzes … nein, das wird noch nicht verraten.

Zufällige Passanten auf der Straße vor dem SI-Zentrum wurden zu geheimen Proben eingeladen und waren begeistert. Leider gab es ein Problem: sie ließen sich nicht mehr aus dem Saal bringen. Manche beharrten strikt darauf, im Saal zu bleiben und wieder und immer wieder „oben bleiben“ zu hören, solange, bis (O-Ton) „diese dreckigen Orks vernichtet sind“. Dr. Marvin Monroe vom Familientherapiezentrum Springfield analysiert:
„Musik kann Kanäle intrapersonaler black boxes öffnen, durch die Emotionen und Affekte fließen. Im Normalfall ist die black box nicht überfüllt und eine Öffnung der Kanäle findet „in kleinen Ausbrüchen“ statt. Ist die black box aber überfüllt (bspw. weil sich jahrelange ungelöste Konflikte angestaut haben), entsteht ein Affekt-Strom von innen nach außen, der sich durch sich selbst speist, also nie versiegt, weil die Menge an Agressionen immer neue Agressionen hervorruft. In diesem Fall ist die Musik ein Projektionsfeld für den kleinen unaufgearbeiteten Hass in jedem von uns, dem sich niemand gerne stellt und der, wenn er immer unterdrückt wird – bspw. wenn man alltägliche ungelöste Konflikte in sozialen Bezügen wie Freundschaften oder Familie „unter Verschluß hält“ – die Musik mißbraucht, um in einer Art Soziodrama ohne Happy End das Scheitern in der Person auf ein System überträgt. In diesem Fall wird der persönliche Hass auf ein abstraktes System wie „den bösen Staat“, „die teuflische CDU“ oder „den satanistischen Durchgangsbahnhof“ übertragen.“

Demnähst hier: „Borna“ rechtfertigt sich äußert sich zu den Gründen der Löschung seines Liedes aus dem netz.

6 Antworten

  1. Finde ich gut, dass du dich dazu äussern willst. Schliesst du dich als Person in deinen oben geschriebenen Worten ein?

  2. Hi,

    ich bin keine Person. Dieser Blog ist ein Konstrukt. So wie jeder andere Blog übrigens auch. Man könnte auch „Fake“ dazu sagen.
    Das wäre mir aber zu abwertend. Konstrukte sind beides: Wahrheit und Fiktion. Gleichzeitig. Aber sie sind niemals nur eines davon.
    Deshalb kann ich gar nicht als Person hier schreiben, weil die Person, die diese Zeilen schreibt, weit mehr ist als simplifizierende Schriftzeichen, die qua Rechtschreibung, Grammatik und Semantik versuchen, die Komplexität der Wirklichkeit einzufangen.

    Von daher kann ich auf Deine Frage direkt mit „nein“ oder noch besser mit „natürlich nicht“ antworten. Weil niemand – also auch Du oder leute, die wir kennen und die auch Blogs betreiben – als Person im Netz vorhanden ist.

  3. Danke für die aufschlussreiche Antwort. Ich kommuniziere aber sehr wohl im Internet mit Menschen. Also Personen. Aber ehrlich gesagt wird mir das auch zu kompliziert zu diskutieren. Ob das nun Feyd Braybrook ist oder nicht. Ich rede mit dem Menschen dahinter, weil ich ihn kenne. Ich hatte lediglich eine einfache Frage gestellt und du weisst denke ich wie sie gemeint war. Eine Tastatur bedient sich nunmal nicht selbst, sondern wandelt Gedanken in eine oftmals nachvollziehbare Sprache um.

  4. „…mit dem Menschen dahinter…“ schriebst Du… das sagt doch schon, daß zwischen uns etwas ist: das Internet, ein oder zwei Blogs und verschriftlichte Sprache. Von der „Kultur“ (und damit meine ich nicht nur die Netiquette, sondern alles, was an Normen, Symbolen und Umgangsformen üblich ist) mal ganz zu schweigen.

    Es soll nichts zwischen uns sein, heißt es so schön. Jedenfalls is ohne schöner. Natürlich auch unsicherer, aber schöner is schon.

  5. Solange wir hier im Blog kommentieren ist dein Ansatz zwar gut aber hinfällig;) Insofern brauchen wir auch nicht zu meiner Frage im ersten Kommentar zurückkehren, denn diese wurde durch ein Ablenkungsmanöver nicht beantwortet;) So long, lass es dir gut gehen.

  6. Hi, ich dachte, Deine anfängliche Frage sei schon so eine Art Ablenkungsmanöver gewesen…;-)
    Denn wenn Du mit dem Menschen dahinter reden willst, wie Du sagst, mußt Du einfach nur anrufen oder mit mir ein Bier trinken gehen. Morgen ist ja wieder Bundesliga, also ein ideales Feld für Manöverkritik😉

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