Das Verständnis der Piraten von der Urheberschaft

Die Piraten sind dafür, kreative Schöpfungen frei zugänglich zu machen. Eine Begründung dafür findet sich in ihrem Programm: Kreative griffen bei der Schaffung neuer Inhalte auf bestehende Schöpfungen zurück (Programm Punkt 2 ff) .
Dem liegt ein einfaches Verständnis kreativer Schöpfungsprozesse zugrunde. Kreativ zu sein, bedeutet nicht, ausschließlich medial verfügbare Schöpfungen zu verwerten. Kreativität ist die Gesamtheit intrinsischer Prozesse im Hinblick auf Auslöser und Ergebnis. D.h. von außen betrachtet mag ein Künstler vermitteln können, was ihn zu einem kreativen Prozess bewogen hat und – natürlich – was dabei rausgekommen ist. Was aber währenddessen geschehen ist, ist ungleich schwerer zu vermitteln. Paul McCartney hat einmal gesagt, er habe die Melodie von „Yesterday“ geträumt. Hat er auf bestehende Schöpfungen dabei zurückgegriffen und wenn ja, auf welche? Es ist wichtig, dies in Frage zu stellen, denn die Piraten tun dies nicht und damit blenden sie all jenes Unfaßbare und Unvermittelbare aus, das einen Künstler zum Künstler macht.
Ein zweiter Kritikpunkt ist: selbst, wenn ein Musiker auf den Schatz früherer Schöpfungen zurückgreift, sind es doch auch wieder Schöpfungen von Künstlern, die ihrerseits viel in ihre Schöpfungen investiert haben und mitnichten etwas getan haben, was jeder hätte tun können.
Denn wenn jeder einfach so kreativ sein könnte, indem er den bestehenden Schatz an Schöpfungen nutzt, wieso tut es dann nicht jeder bzw. wieso sind dann nicht alle Neuschöpfungen gut?

Mir scheint, die Piraten sehen das Internet als etwas ganz Besonderes, Neues an. Deshalb sind sie offensichtlich überwältigt von der Masse an Kreativität, vor allem Musik, die sie dort im Netz finden und vermutlich schließen sie daraus, die Menschheit sei kreativer geworden.

Dies ist mitnichten der Fall bzw. wenn dem so wäre, müßten sie es beweisen. Die Tatsache, daß man per youtube oder grooveshark an so gut wie jedes Musikstück kommt, reicht mir als Beweis nicht aus. Denn es findet sich dort bei weitem nicht alles. Alte mongolische Gesänge findet man dort mitnichten und schon gar nicht, wenn man als Westeuropäer in seiner jeweiligen Sprache und Schrift danach sucht. Das, was es auf diesen Plattformen gibt, ist ein Spiegel des Musikgeschmacks der Internet-User, und der ist durchaus beschränkt. Im Großen und Ganzen finden Menschen des Westens dort westliche Popmusik.
D.h.: das westliche Internet ist ein Spiegel der westlichen Kultur. Hier gilt also dasselbe, was für alte Medien gegolten hat. Was früher das Fernsehen und davor die Live-Performance war, findet heute über das Internet statt. Ich sehe da prinzipiell keinen Unterschied, außer den, daß alles schneller und größer geworden ist.

Und somit ist es also erlaubt, die Frage der Urheberschaft genauso zu behandeln wie in früherer Zeit. Ein Urheber stellt mit einem Aufwand, den andere nicht betreiben (weil ihnen das zu mühsam ist) ein Werk her und sein Erfolg ist nur durch eines meßbar: seine Verbreitung. Ein Ohrwurm mag manchmal ein Zufall sein und ein One-Hit-Wonder kommt immer wieder vor. Es gibt aber Musiker, die einfach ein Händchen dafür haben und sie gehören entlohnt. Es ist davon auszugehen, daß hinter der Leichtigkeit des Ohrwurms eine Menge Arbeit steckt, eine Menge Know-How, das mühsam erarbeitet wurde. Alleine schon der Umstand, daß man sich entschließt, eine so unsichere Branche wie jene des Musikbusiness zu wählen, gehört entlohnt. Dieses Wagnis gehen verdammt viele ein, anstatt eine sichere Lehre bei der Bank anzustreben und die wenigsten von ihnen haben damit Erfolg. Es ist oft ein elendes Leben, das sie führen und selbst Bands, die einen Plattenvertrag haben, müssen oft knapsen, wo es nur geht.

Es ist ein wenig wie die Goldsuche. Tausende verlassen ihr Zuhause, geben Geld für Ausrüstung aus, suchen, graben, verzweifeln. Der Goldrausch ist mitnichten eine Erfolgsgeschichte, sondern eigentlich die Geschichte großen Elends. Eigentlich müßten die Menschen Reißaus nehmen, wenn sie nur davon hörten, daß es irgendwo Gold gibt. Stattdessen passiert folgendes: einer findet einen dicken Goldnugget, hat für sein Leben ausgesorgt. Und was geschieht? Erneut zieht es tausende und abertausende an den Ort, wo einer etwas gefunden hat.
Die Piraten wären in diesem Fall eine Partei, die der Meinung ist, daß das ganze Gold, das gefunden wird, an einen frei zugänglichen Ort gebracht wird und jeder, der will, sich dort bedienen kann. Was wäre die Folge? In Kürze wäre alles weg und ganz sicher wäre nicht alles gerecht verteilt.
Jetzt argumentieren Piraten so, daß der Vergleich mit dem Gold hinkt, denn die Musik würde ja nicht von einem Besitzer zum anderen wechseln, vielmehr würde sie vervielfältigt. Da es technisch möglich sei, exakte Repliken dieses Besitzes zu machen, würde keiner ärmer, sondern andere reicher werden. Das ist ein völliger Trugschluß. Denn selbst, wenn alle Menschen in der Lage wären, Gold zu vervielfältigen, wäre das Gold bald schon nichts mehr wert und es gäbe bald schon keine Goldsucher mehr, sondern nur noch Goldduplizierer. Diese gäbe es aber bald auch nicht mehr, da Gold nur deshalb so wertvoll ist, weil es knapp ist.
Die Piraten sind der Ansicht, daß es andere Wege gäbe, an Musik zu verdienen. Wenn dies aber nicht durch CD-Verkäufe ginge, wodurch dann? Live-Auftritte? Da haben die Piraten dann aber einfach mal ausgeblendet, daß man an Live-Auftritten in den letzten Jahrzehnten nur deshalb verdient hat, weil die Musik durch die allseits verhaßten Plattenfirmen gehyped worden ist. Niemand hätte je 130 € für Michael Jackson gezahlt, wenn er „nur“ die Musik bekommen hätte. Und auch den „Star“ Michael Jackson, für den dann doch einige gezahlt haben, hätte es ohne Hype nicht gegeben.
Wir müssen uns das so vorstellen, daß ohne den (historisch belegten) Hype Musiker auf exakt jenem Niveau gewesen wären, auf dem sie vor Erfindung der Schallplatte gewesen sind. Die wenigen, die davon leben konnten, waren ein paar studierte Musiker und wenige Hochbegabte, die sich selbst vor allem durch Auftritte finanziert haben.
Und genau darauf wird es auch wieder herauslaufen bzw. es ist schon zu sehen, daß das Musikerdasein ein karges ist, es sei denn, man gehört zu den wenigen Glücklichen, deren Label mehr als nur die Kosten trägt. Vor allem verdient man, wenn man sich kaputt tourt.
Ich will nicht ungerecht sein: die Technik macht alles schneller und besonders die Kreativität profitiert davon. Das möchte ich nicht missen. Die Piraten erkennen in ihrem Programm sogar die „berechtigten wirtschaftlichen Interessen der Urheber“ an, schreiben aber kein Wort dazu, wie diese interessen gewahrt werden sollen. Es fehlt also jegliche konkrete Vorstellung davon, wie der Urheber nun zu dem Geld kommen soll, daß ihm laut Piraten zusteht.
Stattdessen steht ganz klar darin, daß dies nicht durch Plattenverkäufe geschehen soll, denn Platten sollen für den Privatgebrauch frei kopierbar sein.

Natürlich habe ich kein Problem damit, wenn dies in jenem Umfang geschieht, in dem früher Kassetten kopiert worden sind. Das Problem an der heutigen Zeit ist, daß man per mp3 und Internet Musik jedem Menschen auf der anderen Seite der Welt zur Verfügung stellen kann. Das ist also nicht dasselbe wie der persönliche Kontakt früher zu einem Freund, dem man eine Band wärmstens empfohlen hat („hey, hast schon xy gehört? Nein? Ich leih es DIr mal aus, kannst ja überspielen“).

Den Song zu schreiben, den Millionen von Menschen auf der Straße pfeifen, erfordert eine Auseinandersetzung mit dem Commonsense, dem Allgemeinwissen, der Befindlichkeit der Gesellschaft. „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ – vielleicht war es ein tatsächlicher schlechter Sommer, vielleicht aber auch nicht. Tatsache ist aber, daß das Lied sofort zündet, da jeder das Gefühl kennt, sich im falschen Sommer zu befinden. Dazu eine Melodie, die die Melancholie und gleichzeitige Beschwingtheit in der Erinnerung trifft – das soll jeder können? Das soll Zufall sein? Es hört sich leicht und beschwingt an, ein Song, bei dem man vor sich hin faulenzen kann. Nur daß der Autor bestimmt kein Faulenzer war, als er sich das Know-How für etwas, das so leicht klingt, draufgeschafft hat.

Diese Arbeit gehört entlohnt. Und wenn sie nicht entlohnt wird, wird sich auch keiner mehr diese Arbeit machen.

Die Piraten nennen Werke eine „freies Gut“, da sie durch einen Kopierschutz künstlich unfrei gemacht werden. D.h.: alles, was man sich aneignen kann, ist frei. Das ist ein Denkfehler – nur, weil man Werke kopieren kann, können sie dennoch das Eigentum eines anderen sein. Viele Läden haben ihre Waren im Sommer draußen vor der Türe, unbewacht. Sich diese anzueignen ist Diebstahl, egal, ob es jemand merkt und verhindert oder nicht. Im Umkehrschluß würde dies ja bedeuten, daß jeder unbemerkte Diebstahl rechtmäßig wäre.

Unter 1.1 steht „die Schaffung von künstlichem Mangel aus rein wirtschaftlichem Interesse erscheint uns unmoralisch“. Wieso ist es ein künstlicher Mangel? Gibt es ein Menschenrecht auf die neue Platte seiner Lieblingsband? Haben sich diese Bands gegründet, um den Hörern zu einem Recht zu verhelfen? Ist es nicht vielmehr so, daß da ein Handel stattfindet? Einer kann etwas so besonders gut, daß andere dafür bezahlen, um es zu hören – dieses Prinzip ist bei Konzerten unumstritten. Warum soll das bei der Konservierung von Musik anders sein? Einer setzt sich wochen. und monatelang hin, um Musik zu schreiben, einzustudieren, aufzunehmen. Wieso sollen andere das Recht haben, die Früchte dieser monatelangen Arbeit zu essen, ohne dafür zu bezahlen?
Es ist also kein künstlicher Mangel, sondern ein freiwilliger. Eine bestimmte Musik hören zu wollen, ist die freiwillige Entscheidung jedes einzelnen. Wenn einer die Musik von Lady Gaga gutfindet, aber das Geld dafür nicht ausgeben will, muß er es sich halt verkneifen. Er wird daran nicht sterben.
Die Schaffung eines existenzgefährdenden Mangels an Geld, an Essen, an Kleidung kann es geben, und das ist das unmoralisch. Aber auch die Sicherung des Existenzminimums gegenüber Arbeitslosen bspw. über die Sozialhilfe heißt nicht, daß der Staat der Bank das Geld, dem Bauer die Produkte oder dem Kleidungshersteller die Kleidung wegnimmt – er bezahlt sie! Wenn es ein Recht, Lady Gagas neue CD zu besitzen gäbe, müßte der Staat der Logik der Piraten folgend also errechnen, wie viele Menschen ihre Platte konsumiert haben und ihr dann dieses Geld erstatten – ein lachhaftes Unterfangen wäre das.

Es heißt im Piratenprogramm, Kopierschutzverfahren erschüfen Kontrollierbarkeit. Dies läßt sich technisch und rechtlich beheben. Technisch dadurch, daß Kopierschutz ausschließlich zum Schutz vor unautorisierten Kopien genutzt wird und rechtlich dadurch, daß ein Zuwiderhandeln schlicht und einfach verboten wird. Wenn dies dennoch gemacht wird, dann deshalb, weil die User da mitmachen – wer hat die Leute gezwungen, sich bei Online-Spielen zu registrieren?

Was die Inoperabilität bei Abspielsystemen angeht, die durch Kopierschutz entsteht, ist das kein Argument gegen den Kopierschutz, sondern vielmehr ein Argument gegen das Kopieren. Würden Werke nicht dermaßen weitverbreitet kopiert werden, hätten die Softwarefirmen keinen Grund, ihre Werke zu schützen.

Es ist wahr, daß Plattenfirmen zu viel Macht besitzen und – das ist in der Wirtschaft leider so – monopolistisch vorgegangen sind. Es ist auch wahr, daß das Internet neue Formen der Vermarktung geschaffen hat, allerdings wird dabei oft negiert, daß Stars, die aus myspace und youtube hervorgegangen sind, dies aufgrund genau jener Dominanz Googles geschafft haben, die die Piraten verabzuscheuen vorgeben.

Jedoch gibt es einen anderen, wichtigeren Punkt. Ich habe mehrfach vom Know-How gesprochen. Ein besseres Wort fällt mir nicht ein, denn Wissen ist zu rational, Intuition verschweigt die Systematik, Begeisterung und Disziplin, mit der Künstler ihrer Wege gehen, um etwas Neues zu schaffen. Es ist, wie im Wort „Kunst“ schon verborgen, ein Können. Können aber zeichnet sich dadurch aus, daß einer etwas kann und andere nicht. Und genau dieses Können muß man wollen. Es ist eine Entscheidung. Die Entscheidung, etwas ganz anders als alle anderen machen zu wollen. Ein Künstler wird sich immer auf Abwege begeben, und wenn das Internet noch so viele Möglichkeiten bietet. All die interessanten und sicher auch guten Spielereien auf youtube wie „human beatbox“, bastard pop und sonstige neue Kunstformen der medialen Zerstückelung und Neuordnung mögen frisch und neu klingen, aber einer Band wie Beirut ist auf einfache, fast schon klassische Weise gelungen, was Künstler seit Jahrhunderten schon gemacht haben: sie haben sich einfach auf Abwege begeben. Weil Kunst bedeutet, anders sein zu wollen und vielleicht auch besser. Ist das schlimm? Es ist schlimm, wenn man sieht, wie die ganz oben sich selbst geil finden – Lady Gaga und Michael Jackson. Aber bis sich der kleine Furz aus der Provinz mal so verkauft wie jene beiden, wird er den Schutz von Plattenfirmen wohl brauchen, so leid es mir tut für die Piraten.

In 1.4 heißt es wieder: „Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem
Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen. Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher nicht nur berechtigt, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit der menschlichen Schöpfungsfähigkeiten von essentieller Wichtigkeit. “
Das ist ein materielles Verständnis von Kunst. So, als habe man sich an einem begrenzten Fundus materieller Güter bedient und somit diesen gemindert. Weiter müsse man also dies wieder zurückführen. Das strotzt nur so vor Denkfehlern. Kunst entsteht am seltensten aus Kunst und selbst dann wäre noch die Frage, woraus diese entstanden ist. Der Künstler macht aus dem Alltag etwas Unvorhergesehenes: aus rotem Lehm macht er Handabdrücke an Höhlenwände, aus den Reißzähnen von Säbelzahntigern Amulette, aus Fett und einem alten Stuhl ein Kunstwerk. D.h., daß da gar nichts mehr rückführbar ist. Auf dem Weg vom rohen Material hin zum Kunst-Stück ist etwas passiert, was sich materiell Meßbarem entzieht. Man könnte sagen, es sei die Fähigkeit, den Kontext zu verändern, zu extrahieren, der Mut, die Verzweiflung, der Wille, seinen Handabdruck auf der Höhlenwand der Geschichte zu hinterlassen, aber trotz aller Analyse bleibt ein unbestimmbar großer Teil dieses Prozesses im Dunkeln. Dieses Etwas ist auf untrennbare Weise mit dem Individuum verbunden und kann ihm nicht genommen werden. Es hat ein Recht darauf, es bereitzustellen sowie es wieder zu entziehen.
Wenn also die Piraten etwas zurückhaben wollen, können sie sie haben, die A-molls oder D-Durs, die einzelnen Trommelschläge, die einzelnen unzusammenhängenden Worte und Buchstaben. Sie sollen sich damit einschließen; wenn sie wollen, auf ewig. Und vielleicht schaffen sie es auch nur annähernd, aus diesen Bruchstücken von Musik und Text etwas zu schaffen, das so beseelt ist, daß jemand anders bereit wäre, Geld dafür auszugeben. Und wenn sie das geschafft haben (und ich bin mir sicher, daß es welche gäbe, die das lernen könnten, wenn sie nicht vorher aufgeben würden, weil es bis dahin nix zu fressen gibt), dann sollen sie sich nochmal hinstellen und sagen, daß jeder ihre Musik frei kopieren darf, da sie ja aus bereits Bestehendem erschaffen worden ist. Da bin ich aber mal gespannt.

Eine Antwort

  1. […] “Das Verständnis der Piraten von der Urheberschaft” (22.9.2011, Feyd Braybrook) […]

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