occupy yourself

Herr Braybrook, morgen ist occupy:World-Tag. Ihnen als Linkem müßte doch das Herz aufgehen.

Mir als Linkem, soso… seltsam. Ich wußte nicht, daß ich ein Linker bin.

Sie bezeichnen den Rechtspopulismus dieser Tage als Nationalismus, der System hat. Sie verurteilen die Verschmelzung von Wirtschaft und Politik. Sie fordern mehr Geld für soziale Belange ein. Sind das keine linken Positionen?

Gegen Nazis zu sein, hat was mit Menschlichkeit und gesundem Menschenverstand zu tun. Dazu muß man kein Linker sein. Die anderen Probleme und offenen Fragen, die sie genannt haben, geben aus traditionell linker Position Antworten, die ich so nicht teile.

Beispiel?

Ich befürworte grundsätzlich einen freien Markt. Traditionell linke Positionen dazu gehen von planwirtschaftlicher Steuerung aus. Davon halte ich nichts. Das macht den Markt kaputt.

Sie sind gegen die Ausuferungen des Marktes, halten aber nichts davon, ihn zu steuern. Welches Konzept legen Sie vor?

Gar keines. Die Möglichkeiten, die wir bisher haben, reichen aus, der Politik einen gehörigen Denkzettel zu verpassen.

Das erinnert stark an die occupy-Bewegung. Denen wirft man auch vor, gegen alles zu sein, selbst aber keine Konzepte vorzulegen.

Konzepte vorzulegen, ist nicht Aufgabe der Bürger. Sie dürfen sich darauf beschränken, Mißstände anzuzeigen. Darauf muß die Politik dann reagieren.

Werden Sie morgen Mißstände aufzeigen gehen?

Nein.

Warum nicht?

Mir ist das alles zu schwammig.

Haben Sie nicht gerade eben gesagt, daß Protest auch ohne vorliegendes Verbesserungskonzept geübt werden darf?

Ja, aber meine Unzufriedenheit verpflichtet mich nicht, jedem Aufruf hinterherzurennen. Die occupy-Bewegung liefert schwammige Analysen, schwammige Schlüsse und dazu eben auch keine Konzepte. Das ist insgesamt zu wenig.

Erläutern Sie: welche schwammigen Analysen sind gemeint?

Es heißt, die Banken, die Börse wäre schuld an unserer Misere. Natürlich war all die Spekuliererei hautpverantwortlich dafür, daß der globale Finanzmarkt eine riesige Seifenblase geworden ist, mit Bürgschaften, Verbindlichkeiten und Geld, das gar nicht da ist. Dennoch wurde mit diesem nicht vorhandenen Geld spekuliert und weiterspekuliert, bis die Seifenblase geplatzt ist. Und nun springen Politiker ein und retten die Banken und das heißt im Klartext: der Bürger springt mit seinen Steuern ein. Das weckt natürlich Wut in uns. Aber wohin mit der Wut? Wen wollen wir treffen? Welches Verhalten wollen wir in Zukunft verhindern? Und vor allem: welche politischen Mittel gibt es, ausufernde Spekulationen zukünftig zu vermeiden?

Na, Sie haben es doch gerade eben gesagt: Banker und Spekulanten sind schuld. Sie sollen genauer kontrolliert und zukünftig verantwortlich für ihr Tun gemacht werden können.

„Banker“, „Spekulanten“ – das sind Konstrukte. Es gibt nicht die Banker oder die Spekulanten. Damit wirft man alle in einen Topf und wird keinem gerecht. Wir brauchen Banken, wir brauchen Marktwirtschaft und in einem überschaubaren Rahmen brauchen wir auch Spekulation.

Aber Sie selbst sagen doch, daß dem Markt das Regulativ fehlt.

Ja und nein. Ja, denn der Markt folgt fast schon naturwissenschaftlichen Gesetzen, aus denen man aber keinerlei Prognosen ableiten kann. Es ist wie der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings, der irgendwo auf der Welt einen Orkan auslösen kann: also pure Chaostheorie. Der Markt wird aber immer noch von Menschen bevölkert und auf die kommt es an. Wenn wir Menschen jegliche Verantwortung von uns weisen, degradieren wir uns zu Maschinen und machen uns letztendlich selbst abhängig von den Gesetzen des Marktes.
Wir brauchen aber die Souveränität, als Menschen im Markt agieren zu können. Es wirkt geradezu lächerlich, daß dies angeblich nicht möglich sein soll. Banker müssen menschlich agieren dürfen. Die öffentliche Ächtung der Menschlichkeit muß ein Ende haben.

Was meinen Sie damit?

Ein Manager bekommt Geld dafür, den Gewinn zu optimieren. Alles andere ist egal. So hat man lange gedacht und Unternehmen geführt.

Das war ja auch erfolgreich.

Irrtum. Viele Unternehmen hatten lange Zeit eine gesunde Bilanz, aber eine kranke Unternehmenskultur. Irgendwann sind sie zusammengebrochen – meistens dann, wenn die autoritäre Integrationsfigur, der Patriarch gestorben ist. Dieser Teil der Unternehmensgeschichte interessiert die wenigsten. Das ist ganz ähnlich wie mit Ex-Jugoslawien. Als es Anfang der 90er zusammengebrochen ist, war das die logische Konsequenz einer Entwicklung, die mit Titos Tod undwillkürlich begonnen hatte. Er hatte das Land mit eisernern Hand über jegliche Freiheitsbestrebungen hinweg geführt und als er starb, konnte und wollte keiner diese Funktion ersetzen.
Wir brauchen Menschlichkeit als Selbstverständlichkeit im Management, sonst wird der Markt immer weiter wuchern, bis nichts mehr zum Wuchern da ist.

Das klingt irrational: Menschlichkeit im Markt.

Ist es nicht umgekehrt? Alle befassen sich mit Ganzheitlichkeit, überall wird davon geredet, daß Systeme in allen Aspekten analysiert werden müssen, weil sie sonst unvollständig und somit fehlerhaft dargestellt werden. Nur für den Markt soll das bitteschön nicht gelten. Hier soll die Beschränkung auf Zahlen und Wachstum ausreichend für den Erfolg sein.

Warum nicht?

Weil der Markt letztendlich aus Menschen besteht. Mir erscheint es irrational, Aspekte der Humanität außer Acht zu lassen, nur weil Geld keine Seele besitzt. Wir, die wir das Geld in der Hand halten, haben eine Seele und die läßt sich nicht ausblenden.

Meinen Sie nicht, eine humane Ökonomie könnte kränkeln?

Im Gegenteil. „burn-out“ ist in aller Munde und stellt eine typische Krankheit dar, die durch Ausblenden menschlicher Aspekte beim Job entsteht. Der Mensch soll nicht nur alle Anforderungen bewältigen, er soll sie auch noch besser als die Konkurrenten bewältigen. Befindlichkeiten oder gar Krankheiten werden unterdrückt und das macht dann erst recht krank – bis zum burn-out.
Gegen das, was die Chinesen momentan tun, haben wir keine Chance, da können wir nur hinterherhecheln. Das ist nicht die Chance, nicht der Weg. Wir sparen immer mehr, bemühen uns immer mehr, werden immer nur noch unmenschlicher in der Arbeitswelt und am Ende reichen all diese Bemühungen doch nicht aus – die Chinesen arbeiten eben immer noch für nen Apfel und ein Ei. Selbst, wenn wir unsere Löhne auf deren Niveau runterschrauben würden, hätten uns die Chinesen den Hunger voraus: ein Apfel und ein Ei ist das Paradies für die, die hatten gestern weniger. Wir müssen versuchen, neue Wege zu gehen – so wie es auf technischer Ebene die grünen Energien waren, müssen wir einen neuen Weg in der Ökonomie einschlagen.

Wie soll ein Manager einen Haufen selbstmitleidiger Mitarbeiter zu Höchstleistungen anspornen?

Dieser Satz strotzt nur so vor negativen Konstrukten. Warum sollen Menschen zu Leistung agespornt werden? Wie wäre es mit Motivation? Und: muß die von außen kommen? Welche Rolle sollte ein Manager dabei haben? Was meinen Sie mit selbstmitleidig?
Das sind alles die Fehler der Vergangenheit. Schauen Sie sich Google an, da bekommen die Kreativen einen ganzen Tag pro Woche für ihre Kreativität. Sie müssen niemandem irgendetwas nachweisen und sind vielleicht gerade deshalb erfolgreich. Das Zauberwort hier ist „Vertrauen“.

Vertrauen kann man mißbrauchen.

Wegen der 5 – 10 %, die das Vertrauen eines Unternehmens mißbrauchen, lohnt sich das Prinzip des Vertrauens in Unternehmen trotzdem.

Was möchten Sie also der occupy-Bewegung sagen?

Mir fehlt der Selbstbezug. Das Problem, der Turbo-Kapitalismus ist das Ergebnis völliger Freiheit. Wir haben dem Markt völlige Freiheit gelassen, wir haben ihn auf den Sockel gehoben. Nun müssen wir uns aber eingestehen, daß wir auf den Markt nicht verzichten wollen, denn das würde heißen, auf die Annehmlichkeiten des Marktes verzichten zu wollen. Allerdings müssen wir ihn von seinem Sockel holen. Da gilt es, Heldenhaftigkeits-Vorstellungen zu demontieren. Der schnittige, sportliche, erfolgreiche Typ – das impliziert immer auch den inhumenen Typ. „Geiz ist geil“ – solche Sprüche hätten uns aufschreien lassen müssen, stettdessen haben wir alle mitgemacht. Weil wir immer mehr immer billiger wollten. Damit muß Schluß sein. Auch als Verbraucher haben wir einen Anteil an der Misere. Wir müssen den Konsum in Frage stellen. Er ist der Motor einer Wirtschaft, die nur bestehen kann, solange wir in regelmäßigen Abständen neue Waren kaufen, selbst, wenn wir sie nicht brauchen. Wer braucht einen 3D-Fernseher? Muß das sein? Im vergangenen Jahrzehnt sind wir von der Röhre über den LCD-Bildschirm, dann zum HD-Fernseher gekommen. Muß das sein? Ende der 90er hatte die CD die Vinyl-Platte bzw. Diskette als Datenträger abgelöst. Dann kam die DVD, die inzwischen von der Blu-Ray abgelöst wird. Muß das sein? Festplatten werden immer größer, weil die Daten, die wir darauf speichern, immer umfangreicher werden. Ein Bekannter hatte sich Mitte der 00er-Jahre damit gebrüstet, über 2500 Stunden Musik auf dem Rechner zu haben, von denen er vielleicht ein Zehntel überhaupt gekannt hat. Muß das sein? Brauchen wir das?
Ich wünsche mir, daß wir uns alle als ein gesamtes System begreifen. Die Banker, wie es sie gibt, haben wir uns gebacken. Der Media-Markt, über den ich lästere, in diesem Media-Markt habe ich auch schon eingekauft.

Sollen wir also kollektiv die Schnauze halten?

Nein. Wir sollen protestieren, aber wir dürfen uns von der Kritik nicht ausnehmen. Allein schon deshalb, weil ich es höchst zweifelhaft finde, Menschen aufgrund ihres Berufes auszugrenzen. Wenn die occupy-Bewegung absolut kongruent wäre, würden ihre Mitglieder ihre Bankkonten schließen. Tun sie das?

Müssen sie das, um glaubwürdig zu bleiben?

Nein, aber sie sollen nicht so tun, als seien sie unschuldig. Und sie sollen keine einseitigen Schuldzuweisungen gegenüber Bankern formulieren. Das sind Menschen wie du und ich, die mit der Zeit so inhuman werden wie das System, in dem sie arbeiten. Die Frage ist: welchen Teil tragen wir dazu bei, daß dieses System besteht?
Wir stehen vor einer der größten Herausforderungen der Neuzeit. Im Moment fällt mir nämlich kein besseres Heilmittel als die gute alte persönliche Haltung ein. Kompliziert zu definierende Werte wie „Maß halten“ – so etwas kann man schwer naturwissenschaftlich nachprüfbar festlegen. Das muß dem Menschen überlassen sein

Ist das nicht das Problem? Ist es nicht so, daß genau dadurch, daß man den falschen Leuten die Entscheidung über gutes und schlechtes Handeln überlassen hat, diese sich eben für schlechtes Handeln entschieden haben?

Doch schon. Dann müssen eben andere Leute her. Wir brauchen endlich ein gesellschaftliches Paradigma: jeder Mensch muß in jeder Position der Gesellschaft auch „gut“ handeln. Das haben wir zu lange außen vor gelassen. Weil uns die Freiheit wichtiger war als das Streben nach dem Guten, bis wir gemerkt haben: wenn man uneingeschränkt Freiheit hat, dann gibt es Leute, die sich die Freiheit nehmen, völlig egoistisch zu denken und zu handeln. Dabei müssen sich Freiheit und Gutes nicht widersprechen.
Also: okkupiert, aber polarisiert nicht.

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