Armstrong und die elf Freunde

Ich überfliege bei tagesschau.de (zu 50 % Propaganda) seit Tagen die Beichte des gefallenen Radsport-Engels Armstrong.

Ist doch Boulevard, denke ich. Ein Sportler, der beschissen hat und sich jetzt ausheult. Und dann, natürlich, kommt mir in den Sinn: klar, Radsport ist nicht nur das Steckenpferd erfolgloser Polit-Langweiler, sondern sein professioneller Ableger gilt auch als Werbe-Zugpferd der Freizeit-Sportindustrie und ist natürlich ein Wirtschaftsfaktor.

Deshalb macht uns die Tagesschau weis, die öffentliche Behandlung des Themas Armstrong bzw. Doping sei natürlich nicht nur Boulevard.

Da habe ich aber meine Zweifel. Wie war das noch?

Der Sieger der Tour de France wird zum Helden hochsterilisiert, sein Sieg gilt als Ergebnis harter Arbeit und eisernen Willens.

Was soll das? Wer glaubt das noch?

In einem derart durchkommerzialisierten Sport kann es gar keine Helden im genannten Sinne geben, denn Millionen andere haben ebenfalls einen eisernen Willen und arbeiten hart. Letztendlich setzt sich dann derjenige durch, der beides hat und dann noch betrügt. Also die 100 Punkte plus 1 und jetzt beginne ich auch, zu verstehen, was Alonso meinte, als er sagte: „Ich habe 150 Prozent gegeben“. Das ist nicht etwa Sportler-Dummheit, das ist Sportler-Philosophie. Sozusagen.

Bei vielen kommt die Sache mit dem Doping nicht raus, aber wenn es dann doch passiert, beschäftigen die Leute sich noch lieber mit der romantischen Story vom gefallenen Sünder, der zur Beichte (bei Oprah ohne Beichtgeheimnis) rennt und ab jetzt völlig integer lebt, anstatt das sie zur Abwechslung mal das kommerzielle Sportsystem in Frage stellen.

Die Ursache ist doch völlig klar: wo Millionen fließen, bleiben Menschen nicht ehrlich. Ich sehe das doch bei meinem Alt-Herren-Kick, wo es um nichts, rein gar nichts geht und wo es trotzdem ein oder zwei Idioten gibt, die scheisse spielen, aber toll grätschen.

Und die große Erkenntnis ist: die Spielklasse sagt nichts über den Verbreitungsgrad an Idiotie aus, eher im Gegenteil. Je höher die Klasse, desto mehr Geld, desto mehr Versuchung, desto mehr Leute, die der Versuchung anheim fallen, zu bescheissen, zu foulen, zu dopen.

Seltsam. Vor Jahren, als wir nach dem Kick zu viert noch eine Runde Risiko spielen gegangen sind, hat doch tatsächlich einer von denen beschissen. Nicht nur ich habe das gesehen. Der hat sich immer seine Armeen rausgelegt und dann, wenn er sich unbeobachtet gefühlt hat, eine oder zwei „heimlich“ dazugenommen. Jochen zu ihm so: „du machsch des aber scho ehrlich, oder?“. Und er so: „jaja, klar.“

Komisch, genauso hat der auch Fussball gespielt. Nix gebracht, keine guten Aktionen, Tore Fehlanzeige. Was bleibt dem dann übrig? Foulen. Dachte er zumindest. Er hätte ja auch denken können: „gut, ich kann nicht überragend, aber anständig spielen. Ich kann hier mit den Jungs Spass haben. Gute Flanken verteilen, mannschaftsdienlich spielen oder wenigstens etwas für meine Fitness tun. Ich kann fair spielen.“. Hat er aber nicht. Er hat das bisschen Applaus, das er nach einer gelungenen Grätsche von hinten von einigen bekommen hat, einfach eher gebraucht. Dieses kleine bisschen eingebildeter Einzigartigheit, denn Applaus steht für nichts anderes. Selbst, wenn es einzigartige Blödheit und Fahrlässigkeit ist.

Fahrlässigkeit? Feyd, übertreibst du schon wieder? Ein bisschen Dreck am Kittel schadet nicht.

Nur dass es manchmal nicht bei „etwas Dreck am Kittel“ geblieben ist. Nicht nur einmal habe ich bei Freizeit-Turnieren den Krankenwagen kommen sehen.

Da fragt man sich: „was soll das? Wie blöde können Menschen sein?“. Vor allem: jemanden wegzugrätschen sagt nichts über den Erfolg aus, nichts. Beispiel ich: natürlich habe ich zurückgegrätscht, -gedrückt, -geschoben, wenn das jemand bei mir überstrapaziert hat. Aber die meiste Zeit bin ich denen aus dem Weg gegangen und habe entweder Tore gemacht oder vorbereitet. Und zwar nicht trotzdem, sondern gerade deswegen. Wer seine Energie ins Foulen und Bescheissen investiert, hat weniger übrig für gutes Spiel. Also einmal ganz langsam für die Dummen dieser Welt:

1. Erfolg und Fairness schliessen einander nicht aus.

2. Fairness ist wichtiger als Erfolg, denn: herbeibeschissener Erfolg bedeutet: 1 Punkt. Fairer Misserfolg: 2 Punkte. Fairer Erfolg: 2 Punkte und der Schönheitspreis.

Wie? Schönheitspreis? Ja, spielt der denn nicht, um zu gewinnen?

Scheisse, Leute. Ich sage es nochmal: ich habe oft genug gewonnen und kann heute noch ganz ordentlich mithalten. Aber dieser bescheuerte Sieger-Pathos, der meistens noch nicht einmal zum Erfolg führt, dieses „ich behaupte, ich spielte nur, um zu gewinnen, also bin ich ein Gewinner-Typ“ – dieses Zelebrieren von Sekundär-Erfolg ohne Primär-Erfolg, das kotzt mich so dermassen an, dass ich inzwischen kaum noch zum Kicken gehe.

Es gibt einfach zu viele Idioten dort.

Und deshalb sage ich zum Fall Armstrong:

Scheiss auf seine Beichte. Wieviel Kohle kriegt der alleine von Oprah dafür?

Scheiss auf den kommerziellen Sport. Elf Freunde sollt ihr sein, aber beim Geld hört die Freundschaft auf. Wo Kommerz, da Beschiss. Das wissen wir spätestens seit dem Bankencrash.

Scheiss im besonderen auf den kommerziellen Radsport. Dafür hat sich niemand früher interessiert. Dann kam (dopend, natürlich) Jan Ullrich aufs Siegertreppchen und plötzlich spielten überall in Deutschland erwachsene Männer Jan Ullrich, so wie kleine Mädchen Barbie spielen. Projektion des unterentwickelten Ichs auf den Fetisch. Das geht natürlich nur, wenn man Werbung für die Telekom macht, und deshalb verkleideten sie sich in bunte Shirts und Hosen mit Werbeaufdruck. Sehr schön auch die aerodynamischen Fahrradhelme, die ja den Luftwiderstand verringern und somit noch mal 1 oder 2 Prozent herausholen bei Gernod Kanupke aus Eisenhüttenstadt. Und damit sind wir wieder bei den Prozenten angelangt. Der Fahrradschlauch schliesst sich. Deshalb soll es für heute genug der Lästerei sein.

Feyd, bist du mürrisch und verbittert?

Nein. Ich fahre in schlabberigen Hosen Fahrrad durch die Natur und ich nehme sie – und nicht einen Fahrrad-Tacho oder eine Stoppuhr wahr. Und ein wenig untertrieben habe ich auch: ich kicke doch zumindest im Sommer noch ganz gerne rum, und falls es jemanden interessiert: total erfolgreich, wir haben jede Menge Spaß und die Übersteiger-Pirhouette gelingt auch heute noch, zumindest bei jedem 3. Anlauf. Aber das beste ist die 3. Halbzeit, wo man dann in einer Runde zusammensitzt, bei der sich jeder noch in die Augen schauen kann.

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