Arschloch am Spiess

Auf dem Weg nach Hause fällt mir ein, dass ich heute abend noch essen muss. Ich gehe also zum Döner gleich hinter dem Bahnhof und schaue durch die Glastür – manchmal sieht man dem Spieß schon aus der Entfernung an, obs schmecken wird oder nicht. Expertenschaft durch jahrelange Gewöhnung an Fastfood.

Der Spieß sieht OK aus, aber irgendwie denke ich „muss das jetzt sein? Mach dir doch ein Wurschtbrot“. Ich will also kehrt machen, da sehe ich aus dem Augenwinkel das Schild „Studenten-Döner 2,50 €“.

OK, überredet.

Drinnen bestelle ich und das „mit schaf?“ „zum Mitnehmen“ – Spiel beginnt. Er so: „einpacken?“ und ich: „zum Mitnehmen“. Er so: „ja, aber soll ich ihn einpacken?“ und ich „ja, packen sie ihn ein und ich nehme ihn mit“.

Nachdem das also geklärt ist, halte ich ihm meinen Studentenausweis hin und er so: „oh, das müssen Sie vorher zeigen!“. Ah, OK. Und während ich die 3 € zahle, frage ich mich, ob ich ihm die Frage stellen soll:

„Ist ein Studenten-Döner eigentlich nichts anderes als ein kleiner Döner? – dazu brauche ich dann aber keinen Studentenausweis, oder?“. Ich lasse es bleiben, denn gleichzeitig meditiere ich über Aufstieg und Fall des Döners und das bittere Ende im völlig durchkommerzialisierten und -ökonomisierten Fastfood-Markt: die habens halt auch nicht leicht, die Leute…

Während ich meinen Studi-Ausweis wegstecke, rechne ich nach. Vor fast 5 Jahren habe ich das Studium begonnen und wäre nicht eine private Katastrophe dazwischen gekommen, wäre ich schon letztes Jahr fertig geworden. So kamen zu 7 extrem anstrengenden Semestern noch 2 Urlaubssemester dazu. Und morgen fahre ich nun zum letzten Mal nach Wiesbaden zum Präsenz-Seminar. Wie die anderen berufstätigen Studenten musste ich mich auch jahrelang der Gnade des jeweiligen Präsenz-Profs aussetzen, wenn ich mal ausnahmsweise fehlen wollte – wenn deine Frau eine Woche nach der Geburt deines Kindes im Wochenbett liegt und sowohl sie als auch deine 3-jährige Tochter dich Tag und Nacht brauchen, ist das z.B. kein Grund, 2 Tage zu fehlen. Es kommt dann eher so ein hilfreicher Vorschlag wie: „nehmen Sie doch ihre ältere Tochter in die Vorlesung mit“.

Super Idee, Frau Prof. Dr. F., meine Tochter mag die Sendung mit der Maus, und da gehts ja auch irgendwie um Wissen und so…

Eine Zeit lang habe ich sogar tatsächlich mal mit dem Gedanken gespielt, nur, damit die mal sehen, wie viele Fragen so ein 3-jähriges Kind hat. Aber das Stören der Vorlesung allein ist ja kein Gegenwert dafür, die Wöchnerin zuhause im Stich zu lassen. Jedenfalls habe ich mir den Mund weichgeredet, Ergebnis: nix da, da könnte ja jeder kommen. Fahr nach Wiesbaden, übernachte irgendwo, komme über-über-morgen wieder nach Hause und spiele schön mit deinem Kind.

Nachdem ich dann mit der Studienbüro-Frau gesprochen habe, gings auf einmal. Interessant, oder? Lauter hochgebildete Professoren, die dir was weiss ich was alles über das Soziale im Menschen beibringen wollen und dann ist die Sekretärin diejenige mit der größten sozialen Ader. Denn merke: man kann Pädagogik lehren und unpädagogische Massnahmen empfehlen, man kann Soziale Arbeit lehren und völlig unsozial sein. Man kann auch ein einfacher Mensch (Sekretärin) sein und so humanistisch wie die gesamte Frankfurter Schule zusammen. Und man kann ein einfacher Dönerverkäufer sein und inhumanerweise Studenten bescheissen. Alles drin in diesem riesigen Lebens-Komplex.

Morgen also das letzte Mal nach Wiesbaden und was machen die da? Hearing Gastprofessur und am Samstag dann so eso-Scheisse wie „Rückblick-Ausblick“.

Unterm Strich bleibt natürlich der Erkenntnisgewinn, die konstruktive Verunsicherung wissenschaftlichen Denkens und der eine oder andere klasse Prof. Das Schlechte… naja, ich denke mal, dass mich das dann nicht mehr beschäftigen wird, aber heute und morgen rege ich mich nochmal darüber auf, dass ich zu einem völlig sinnlosen Hearing gehen muss für eine Dozentenstelle, deren Auswirkungen mich gar nicht betreffen.

Die einzige Frage, die mich jetzt noch beschäftigt ist, ob ich diese Gedanken beim esoterischen Rückblick auch formuliere. Aber mal ehrlich: würdet Ihr zurück zum Dönermann gehen und ihm sagen, dass dass mit dem angeblichen Studenten-Döner Verarschung ist?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: