Der Heino-Hype: anders ist nicht unbedingt gut.

Markus Hassold, Musiker, hat auf Facebook eine Spontan-Rezension zu der vielbeachteten Heino-Scheibe gepostet. Mit seiner freundlichen Genehmigung füge ich das hier mal ein:
Also ich hab mir die Heino Scheibe heute auf LastFM durchgehört und bin nun zu einem Schluss gekommen.Nachdem ich die Idee zunächst für Clever gehalten habe und dachte: „Mann für die Eier sollte man den Mann belohnen und die Scheibe kaufen“ und wenn es nur das Zurückschlagen der dunkeln Seite der Macht ist…..
Aber nach dem Durchhören denke ich nun: Die haben ja vielleicht doch Recht, die Netzversteher, wenn sie sagen, man muss die Musik erst testen können, bevor man sie kauft. Kann man ja auch überall.Passiert mir sonst nicht – aber indem Fall war es ja absehbar: Die Platte ist Scheiße.Es handelt sich um eine dröge „in the Box“ Produktion, bei der die ursprünglichen Arrangements mit Virtuellen Instrumenten zwar sauber aber eben langweilig umgesetzt wurden und lediglich der Einsatz von Blechbläser-Sounds ein wenig Volksmusik-Atmo hinzugefügt hat.Was besonders auffällt ist, dass einige Songs sich als „nicht unkaputtbar“ erwiesen. So z.B. des „Liebeslied“, das ohne die näselnde Stimme Jan Delays nackt da steht, wie der Kaiser in seinen neuen Kleidern. Das Schadet den Songs – ob man das entstellen nennen darf oder es eher entlarven nennen muss, ist die Frage. Bei diesem Lied hat man jedenfalls das Gefühl feststellen zu können, dass Pitch-Correction mit Melodyne um Klassen echter klingt, als mit Antares Autotune. Irgendwie fühlt man den Einsatz dieser Mittel da jedenfalls doch.Und was ein Johnny Cash einem Heino einfach voraus hat, ist eine Tiefe und Authentizität, die eben weit über tiefes Timbre hinaus geht. Also bloß nicht aufs Glatteis führen lassen – die Assoziation liegt völlig daneben.

Dann kommt noch dazu, dass die Werbung mit einem „verbotenen“ Album natürlich irreführend und damit Wettbewerbswidrig ist. Das Album ist Legal – dank der GEMA und ihrem Lizenzsystem. Das ist auch gut so. Illegal wäre es nur ein Musikvideo zu drehen – das trifft auch für den Werbespot zu – aber dann das Album so zu verkaufen – das ist eben nur Masche.

Meine Meinung: Unterm Strich: Alles Mist.“

Soviel dazu von Markus. Eine persönliche Anmerkung noch:

In der „Welt“ schreibt Alan Posener, diese ganze Heino-Platte sei ein ganz raffiniertes Stück Aktionskunst und doppelbödige Provokation. Vielleicht ist das ja ironisch gemeint, dann sind die Leser der Welt aber ganz schön ausgefuchste Leute, denn in ihren Kommentaren ist zwischen den Zeilen nichts zu entdecken. Also wohl doch keine Ironie.

Und auch die Verlinkung eines Artikels über Heino, der seinen Bambi aus Protest gegen den Bushido-Bambi zurückgegeben hat, ist eher neo-nationalistisch, auf jeden Fall aber rechtskonservativ einzustufen. Verlinkt wird nämlich durch die Worte „national-chauvinistische Mythen„, und damit ist dann wohl die altbekannte „selber-selber“-Spiegelungs-Logik der neuen Nationalen gemeint, welche den antideutschen Reflex vielgescholtener Ausländer als eine Form von Nationalismus zu etikettieren versucht.

Nein, ich mag den Bushido nicht und der Bambi ist mir sowas von egal. Seine Bedeutung ist aber nicht zu leugnen – Menschen nehmen dieses golden angesprühte Plastik-Reh ernst und seine Popularität verleiht jeder noch so kleinlichen Auseinandersetzung unter Künstlern eine Art von Wichtigkeit. Wenn also Heino über Bushido schimpft, ist das nichts weiter als eine Übertragung des inszenierten Leitkultur-Parallelgesellschaft-Diskurses auf die Unterhaltungsbranche.

Von daher gehe ich davon aus, dass Posener das voll und ganz ernst meint. Deshalb schreibt er ja auch für die Welt.

Ich selbst sehe in dieser Sache nichts weiter als eine PR-Aktion vom Reissbrett. Vor 25 Jahren noch wäre das echt cool gewesen. Aber alte Männer, die plötzlich Popsongs singen, gibts schon lange: Johnny Cash (gut), Tom Jones (OK), Gunter Gabriel (ach, du meine Güte!). Deutschsprachiger Pop ist lange schon etabliert und das, was Heino da covert, ist schon lange Mainstream: Rammstein, Ärzte – Rock hat mit verzerrten Gitarren schon lange nichts mehr zu tun. Und der Switch von der Volks- zur Rock-/Popmusik ist auch kein grosser. Schliesslich gehörte zu jeder anständigen Pubertäts-/Adoleszenz-Biografie auf dem Land (ich starb 15 Jahre lang in Tuttlingen) die Vokuhila-Matte und der regelmässige Rausch am Samstag Abend bei den Zillertaller Klosterspatzn. Der bäuerliche Untergrund machte dem Bauern-Mainstream vor, wie es geht. Und nun gibt Heino den Bauern zurück, was sie ihrem König einst gaben.

Das ist also kein Switch von einer Szene in die andere. Das zeigt lediglich, dass Heino wie auch deutsche Mainstream-Popmusik ein und dieselbe Szene sind.

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