Keine Angst vor Autos

Hamburger SV - SV Werder BremenDas nennt man im Arbeitsjargon dann wohl … Durchsetzungsvermögen (vgl. Interview mit Daniel Illmer).

Dass der Profisport immer weiter kommerzialisiert wird, liegt in seiner Natur. Aber muss das auch beim Freizeitsport sein?

Jedes mal, wenn ich bei einem Spaziergang im Park in den Kondensstreifen eines 15 cm an mir vorbeirasenden Freizeit-Ullrichs eingesogen werde, frage ich mich das. Ich frage mich, was wohl passieren würde, wenn ich einem Käfer / Glassplitter / Kackhaufen ausweichen müsste, so ganz plötzlich. Soll bei Spaziergängen ja durchaus vorkommen. Wenn ich also einem dieser Kamikaze-Fahrer in die Bahn springen würde. Meine Freunde auf zwei Rädern haben inzwischen locker die Fahrt eines Stadtautos auf dem Tacho, welcher natürlich alle Daten live auf runtastic hochlädt. Ein Zusammenprall bei dieser Geschwindigkeit ist in der Lage, so ziemlich jeden Knochen zu brechen, den ein Mensch zu bieten hat. Inzwischen habe ich bei meinen Kindern weniger Angst vor den Autos, denn die sind auf der Straße. Die Sport-Radfahrer hingegen sind direkt neben mir, auf dem Gehweg, ohne trennenden Bordstein.

Nun ja, dieser persönliche Ärger ist das eine. Das Andere ist der Zusammenhang, in dem die Rationalisierung des Freizeitsports steht. Nein, ich habe nichts gegen Sport, ich habe nichts gegen Leistung, ich habe nichts gegen den Willen zum Sieg. Jahrelang habe ich Fußball gespielt und alles gegeben, und wenn jemand faul rumgestanden ist, habe ich die Klappe aufgerissen. Aber Motor war immer letztlich der Spass an der Sache im Wissen darum, dass es ein Spiel ist. Man sollte sich nach dem Spiel noch die Hand geben können. Einer, der Blutgrätschen verteilt, bekommt von mir nicht die Hand. Es gibt Grenzen. Und komme mir jetzt keiner mit Mädchen-Fussball. Meiner Erfahrung nach hat sich der Spass an der Sache immer ausgezahlt. Wer glaubt, faires Spiel sei unproduktiv, lebt im Mittelalter. Die wahren Loser waren eigentlich immer jene, die gefoult haben und viel über Leistung geredet, aber umso weniger Leistung gebracht. Nur ist sie nicht auszurotten, die vor allem verbale Leistungskultur im Sport, und sie scheint immer mehr Zuwachs zu bekommen: die Labersäcke auf dem Feld tragen kein Kondom, so sehr vermehren sie sich.

Und nun lese ich in einem Interview auf heute.de, welch beredte Sprache die sportliche Betätigung doch über unseren wahren Charakter spricht. Ein Sportwissenschaftler schmeisst sein anstudiertes Wissen den Imperativen des Arbeitsmarktes vor die Füße und interpretiert Kompetenzen des Organisierens, des Haushaltens, der Kommunikation, ja sogar Führungsqualitäten in die freizeitliche Sport-Betätigung hinein.

Das mag ja sogar stimmen, aber ist es nicht schade, dass Sport ausschliesslich deshalb gut sein soll, weil er dem Zweck der Produktivität dient? Darf man Sport auch aus Spass an der Freud´ machen? Und ist man dann automatisch ein schlechter Sportler? Sorry, aber ich glaube, Sport-Genies wie Maradona oder Pelé waren letztlich so gut, weil sie immer auch Spass an der Sache hatten. Das kapiert aber so ein minderbemittelter mittelmäßiger BWL-Sportler nicht. Für den ist Sport gut, wenn er ihn zählen kann. Und wenn es eine Qual ist, ihn auszuüben. Also vor allem muss er langweilig sein, denn nur dann ist er gut, ganz so wie Arbeit. Kunst ist brotlos, klar.

Wenn das nun jemand für kleinlich hält, erinnere ich daran, dass aus diesem positiven Nebeneffekt schnell eine Bedingung werden kann. So etwa:“Oh, du spielst Fussball / fährst Rad / springst Seil? und? Wieviel Kalorien am Tag?“.

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Ratespiel Folge 1: FC Bayern gewinnt Geisterspiel in Moskau

falsch

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Kaum zu unterscheiden. Versucht es trotzdem, denn NUR EINES davon ist das Original!

Wir sind wieder wer…

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Also klar, Frau Merkel war im Stadion. Herr Gauck auch.

Aber näher kommen sie einander nicht, die Politik und der Fußball, auch, wenn das bereits in der Vergangenheit so fleißig hergeredet werden wollte. Da konnte die Gleichzeitigkeit der Ereignisse noch so … gleichzeitig sein, letztlich hatte die „Auferstehung“ des deutschen Volkes 1954 nichts mit dem Titel seinerzeit zu tun. Und auch der Titel von Rom und die deutsche Einheit 1990 hatten nicht mehr als das Fallen bzw. Vorhandensein von Mauern gemeinsam.

Dennoch funktioniert sie, die Fusion zwischen berechtigter Begeisterung über guten Fußball, nationaler Mythologisierung und politischer Zweckentfremdung. Und ich habe die Befürchtung, dass wir davon in nächster Zeit mehr als genug bekommen werden.

 

wunder-bern-031954: „Fußballwunder“ und „Wirtschaftswunder“, „Wir sind wieder wer“ – Fußball ist bisweilen mehr als nur Fußball.

 

kohl_flaggen_dpaEmpfang der deutschen Mannschaft am Frankfurter Römer 1990? Ach nee, der Typ im Vordergrund ist zu dick: „Deutschland einig Fußball-Land“ und Helmut Kohl auf dem Höhepunkt.

Heute schreibt „Le Parisien„: „Deutschland ist nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch in Sachen Fußball eine Supermacht.“

Aha. Dann sind wir ja nur noch einen Schritt vom Stein der Weisen entfernt. Alles, was Deutschland anfasst, wird zu Gold. Weil, wer nicht nur wirtschaftlich, sondern auch im Fußball Erfolge vorzuweisen hat, muß ein Geheimrezept haben, eine Art Weltformel, die eigentlich auf alles anwendbar ist, sei es Politik oder Fußball und vielleicht auch gegen AIDS.

Es weiß zwar keiner, welche Art Formel das sein könnte, aber trotzdem sucht man nach ihr.

Täte man es nicht, müßte man schliesslich die Dinge getrennt, versachlicht betrachten. So zum Beispiel in der Politik: Deutschland steht wirtschaftlich gut da, weil die Agenda 2010 radikal war. Nicht wenige halten sie schlicht für unmenschlich. Fehlerfreiheit wird ihr jedenfalls von niemandem attestiert. Oder eben im Fußball: diese Mannschaft hat zwar Brasilien 1:7 geschlagen, gegen Ghana und Algerien jedoch durchaus so ihre Probleme gehabt.

Aber wer will sowas schon hören im Moment des Triumphes?

Ich verrate jetzt mal ein Geheimnis: mich interessieren beide genannten Spiele auch nicht mehr sonderlich. Das war ein (durchaus gekonnter) Arbeitssieg bzw. Unentschieden und ich kenne keinen Weltmeister, der je ohne solche Spiele ausgekommen wäre. Aber heute (15.07.2014) lese ich bereits Folgendes auf Facebook:

fbgaucho

Vorangegangen war der sog. „Gaucho-Marsch„. Von dem kann man halten, was man will, mich erschreckt vor allem aber die völlige Ergebenheit mancher Fans, die nicht in der Lage sind, auch nur einen Funken Kritik zuzulassen. Es ist also nicht möglich, zu sagen: gut gespielt, verdient gewonnen und ein wenig danebengegriffen im Taumel des Erfolgs. Nee, nicht mal das. Nichts, gar nichts darf auszusetzen sein an diesen Helden, denn sie werden nun kanonisiert und haben genauso wie Heilige grenzenlose Verehrung verdient.

Nun gut, im Fußball darf man noch über den einen oder anderen Stolperstein hinwegsehen, in der Politik nicht. Da kann nicht allein die Bilanz ausschlaggebend sein, da müssen auch die sog. „Störfeuer“ (um mal Weltmeister Lahm zu zitieren) begutachtet werden.

Herr Mertesacker durfte nach dem Algerien-Spiel auch mal dichtmachen und so tun, als sei er als Fan und nicht als gut bezahlter Leistungsträger nach Schwächen gefragt worden. Die Politik darf das aber nicht.

Und deswegen nervt mich dieses dümmliche Parallelen-Ziehen zwischen Erfolg A und Erfolg B. Beides steht für sich alleine und bereits für sich alleine besehen wird oft genug nach der Parole verfahren: „Winners are not judged“.

Wenn man aber beides miteinander vermischt, dann entsteht ein gefährlicher Mix, aufbauend auf unklaren Annahmen und oberflächlichen Halbwahrheiten. Und daraus entsteht dann irgendwann ein Mythos: die unbesiegbaren Deutschen, die in jedem Fall erfolgreiche Bundesregierung, Geheimwaffe Agenda 2010 blablabla. Das führt dann selbst im Ausland zu so Sprüchen, wie sie der Spiegel aus der englischen Presse zitiert hat: „Irgendwas machen die Deutschen richtig“.

Bravo, glänzende Analyse. Darauf lässt sich prima aufbauen. Fragt sich nur, was. Aber egal, Hauptsache man macht „irgendwas“ (was?) wie die Deutschen. Und das waren Stimmen aus dem Ausland, wohlbemerkt. Stimmen aus Paris und London, wo das Kopieren des deutschen Weges irgendwo gaaanz hinten in der Prioritätenliste steht. Aus Deutschland dürfte es demnächst noch eine Schippe deutscher Weg mehr sein.

Also: diese Mannschaft hat den Titel hochverdient gewonnen, ich habe mich sehr gefreut und alle Spiele genossen. Ja, auch die Spiele gegen Ghana und Algerien, denn eine gute Mannschaft kann das in schwierigen Spielen notwendige Mindestniveau abrufen und dazu waren die Deutschen immer in der Lage.

Aber: die gewichtige Rolle Deutschlands in Europa, manche sprechen von einer Führungsrolle, hat nichts mit dem deutschen Fußball zu tun. Auch nicht umgekehrt. Deutschland hat die WM nicht etwa aufgrund „deutscher Tugenden“ gewonnen. Auch nicht aufgrund einer deutschen Mentalität oder ähnlichem. Was soll denn das sein, eine „deutsche Tugend“? Kriegt man das als Deutscher in die Wiege gelegt? Fragen wir lieber nicht Mesut Özil, Sami Khedira oder den besonders im Finale überragend gut spielenden Jerome Boateng, was sie von der Vererbung charakterlicher Eigenschaften halten. Vermutlich so wenig wie ich. Deshalb mein Rat:

Genießt diesen völlig verdienten Titel und feiert die deutsche Mannschaft, aber wenn Ihr feiert, übertreibt es nicht mit dem Selbst-Feiern. Gewonnen und schön gespielt, das haben letztlich die 23 Leute des WM-Kaders vom DFB, nicht das deutsche Volk oder personifizierte „deutsche Tugenden“. Lasst die Finger von der Mythologisierung „deutscher Eigenschaften“. Glaubt nicht, dass das nun ein weiterer Schritt in Richtung Weltmacht aufgrund Vorbestimmung (um nicht zu sagen „Vorsehung“) ist. Das ist Firlefanz, der inetwa so seriös ist wie das Horoskop. Und wer das eben doch nicht lassen kann, muss dazu dann aber auch zu jener Publikation greifen, die alle drei von einander getrennten Bereiche Politik, Sport und Horoskop gerne mal auf einer Seite unterbringt, neben dem Oben-ohne-Foto der Swinger-interessierten vollbusigen Friseurin auf Seite 3: die BILD-Zeitung.

Dazu die Warnung nach dem Finale ´54 von, man höre und staune, der CDU/CSU (Quelle: bpb.de):

„So warnte der Deutschland-Uniondienst der CDU/CSU bereits am Montag nach dem Endspiel davor, „nach dem Fußballerfolg in Bern von einem „deutschen Fußballwunder“ zu sprechen“. Der große sportliche Erfolg dürfe nicht in nationale Phrasen gehüllt und das Geschehen in der Schweiz so kommentiert werden, als habe das deutsche Volk neun Jahre nach dem Zusammenbruch wieder zu „siegen“ verstanden.“

Recht hatte sie mal, die CDU.

 

UPDATE: die Gaucho-„Diskussion“ entwickelt sich weiter…

 

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Es ist einfach nicht zu vermeiden. Aus irgendeinem Grund findet sich dieser fb-Nutzer nun von der sog. „Nazi-Keule“ erschlagen. Obwohl die niemand herausgeholt hat (abgesehen davon, dass es sie gar nicht gibt…). Manche Leute wollen den Fußball einfach politisieren. Weil sie die Deutschtümelei brauchen – wobei dieses Foto da oben mehr ist als nur das.

Ich hingegen schaue mir jetzt das fantastische Götze-Tor noch mal an. Ganz ohne Hintergedanken.

[Update 2]:

Pressestimmen aus dem In- und Ausland zum „Gaucho-Dance“.

Bundesliga wird 50 – Feier im First-Class-Hotel

Auf heute.de lese ich: „die Bundesliga feiert sich selbst„. Sie wird 50:

bundesligafeiertUnterschriebn is´ – die Münchner zapfn o (Quelle: heute.de)!

Klickt man auf den Artikel, wird die Party größer: jetzt feiert schon der Fußball an sich.

bundesligafeiert2Die knappe Erwähnung der Doping-Affäre unter dem Bild weist darauf hin, dass im Video eingehender darauf eingegangen wird (Quelle: heute.de).

„Der Fußball“, damit sind wohl die ganzen Funktionäre heutiger und vergangener Zeit gemeint, die sich Dienstag Abend im First-Class-Hotel „Estrel“ in Berlin getroffen haben. Da wird dann Selbstbeweihräucherung betrieben und wer würde schon ausgerechnet bei einer Gala über die Doping-Vorwürfe reden wollen?

Der Video-Beitrag nimmt dann doch bezug:

Redakteur: „Hat der deutsche Fußball n Doping-Problem?“

Funktionär: „Nein, das glaub ich nichtääh, wobei dieses Thema schon eines ist, was uns alle … äähhh … belastet“

Dann folgt eine Erwähnung des Vorwurfs, einige der WM-Helden ´66 seien nicht sauber gewesen, begleitet von diesem Bild:

bundesligafeiert3Der Begriff „Rechte“ zeigt: der „Fußball“, von dem hier die Rede ist, gehört jemandem – jedenfalls nicht dem Fan (Quelle: heute.de).

Und dann kommt die Lichtgestalt des deutschen Fußballs mit der ultimativen Exkulpation.

Beckenbauer: „Ich glaube, dass wir ´66 noch gor ned wußtn, wos is Doping, wos, wosääh, wos mocht man do, oda wie-hi geht so wos? Es gab auch, also soweit ich mich erinnern kann, auch keine Kontrolln. Also mich hat nie einer aufgefordert, irgendwo reinzupinkln, wie des heute der Foll is. Also ich, ich… mei vielleicht is es au scho zu lang her, dass ich dort Einzlheitn vergessn hob, oba ich kann mich do ned daran errinern, dass do irgndwos in der, in der Richtungäh … passierd is.“

Also wenn selbst der Kaiser sich nicht mehr erinnern kann, muß die Liga ja unschuldig sein…

Der DfB ist der größte Sportverband in Deutschland und alleine die Fernseh-Übertragungsrechte 2013-2017 bringen der Liga 2,5 Mrd. € ein. Wer so viel Geld hat, bestimmt, worüber im Fernsehen berichtet wird und worüber nicht.

Mal ganz ehrlich: glaubt bei diesen Summen noch irgendjemand daran, dass alles mit rechten Dingen zugeht?

Das sind natürlich bisher unbestätigte Vorwürfe, also orientieren wir uns mal an der Unschuldsvermutung. Aber auch ganz ohne Doping ist dieses Geschäft – wie jedes andere auch – durchsetzt von Mauscheleien.

Der Wett-Skandal 2005 reicht mir aus, um mir ein Bild über den Profi-Fußball zu machen. Und dann ist es schon seltsam: etliche Spieler sagen, sie würden nie zu den Bayern gehen, und kurz vorher noch dementieren sie jegliche Gespräche über einen Wechsel. Dann kommt es eben doch dazu und im letzten Spiel gegen die Bayern laufen sie entweder nicht auf (Mario Götze war im Champions-League-Finale aufgrund einer „Verletzung“ plötzlich nicht mehr dabei) oder schießen, was für ein Pech aber auch, ein Eigentor (Michael Ballack) und die Bayern sind Meister.

Nimmt das noch jemand ernst?

Dieses ganze Aufbauschen von langweiligen Partien – der Kommentator schreit in seiner Zusammenfassung 10 Minuten lang ins Mikrofon und am Ende stehts dann 0 : 0 – aber dafür gab es 3 Schwalben und einen Verweis des Trainers auf die Tribüne.

Wrestling-Fans sind blöd, weil sie bewußt einer Inszenierung auf den Leim gehen? Neenee, mein Lieber: Fußball-Fans sind blöd, denn die bemerken die Inszenierung noch nicht einmal.

All die Beckenbauers und Breitners und DfBs und Bundesliga-Fans – DAS soll „der“ Fußball sein?

Von wegen. Die kleinen Steppkes auf dem Parkplatz vom Aldi nach Ladenschluß, die aus Spaß an der Freude spielen, die sich nicht gekonnt fallen lassen, die mehr Teamgeist haben als die gesamte Profi-Liga – DAS ist Fußball.

50 Jahre Bundesliga – Zeit für die Rente.

Armstrong und die elf Freunde

Ich überfliege bei tagesschau.de (zu 50 % Propaganda) seit Tagen die Beichte des gefallenen Radsport-Engels Armstrong.

Ist doch Boulevard, denke ich. Ein Sportler, der beschissen hat und sich jetzt ausheult. Und dann, natürlich, kommt mir in den Sinn: klar, Radsport ist nicht nur das Steckenpferd erfolgloser Polit-Langweiler, sondern sein professioneller Ableger gilt auch als Werbe-Zugpferd der Freizeit-Sportindustrie und ist natürlich ein Wirtschaftsfaktor.

Deshalb macht uns die Tagesschau weis, die öffentliche Behandlung des Themas Armstrong bzw. Doping sei natürlich nicht nur Boulevard.

Da habe ich aber meine Zweifel. Wie war das noch?

Der Sieger der Tour de France wird zum Helden hochsterilisiert, sein Sieg gilt als Ergebnis harter Arbeit und eisernen Willens.

Was soll das? Wer glaubt das noch?

In einem derart durchkommerzialisierten Sport kann es gar keine Helden im genannten Sinne geben, denn Millionen andere haben ebenfalls einen eisernen Willen und arbeiten hart. Letztendlich setzt sich dann derjenige durch, der beides hat und dann noch betrügt. Also die 100 Punkte plus 1 und jetzt beginne ich auch, zu verstehen, was Alonso meinte, als er sagte: „Ich habe 150 Prozent gegeben“. Das ist nicht etwa Sportler-Dummheit, das ist Sportler-Philosophie. Sozusagen.

Bei vielen kommt die Sache mit dem Doping nicht raus, aber wenn es dann doch passiert, beschäftigen die Leute sich noch lieber mit der romantischen Story vom gefallenen Sünder, der zur Beichte (bei Oprah ohne Beichtgeheimnis) rennt und ab jetzt völlig integer lebt, anstatt das sie zur Abwechslung mal das kommerzielle Sportsystem in Frage stellen.

Die Ursache ist doch völlig klar: wo Millionen fließen, bleiben Menschen nicht ehrlich. Ich sehe das doch bei meinem Alt-Herren-Kick, wo es um nichts, rein gar nichts geht und wo es trotzdem ein oder zwei Idioten gibt, die scheisse spielen, aber toll grätschen.

Und die große Erkenntnis ist: die Spielklasse sagt nichts über den Verbreitungsgrad an Idiotie aus, eher im Gegenteil. Je höher die Klasse, desto mehr Geld, desto mehr Versuchung, desto mehr Leute, die der Versuchung anheim fallen, zu bescheissen, zu foulen, zu dopen.

Seltsam. Vor Jahren, als wir nach dem Kick zu viert noch eine Runde Risiko spielen gegangen sind, hat doch tatsächlich einer von denen beschissen. Nicht nur ich habe das gesehen. Der hat sich immer seine Armeen rausgelegt und dann, wenn er sich unbeobachtet gefühlt hat, eine oder zwei „heimlich“ dazugenommen. Jochen zu ihm so: „du machsch des aber scho ehrlich, oder?“. Und er so: „jaja, klar.“

Komisch, genauso hat der auch Fussball gespielt. Nix gebracht, keine guten Aktionen, Tore Fehlanzeige. Was bleibt dem dann übrig? Foulen. Dachte er zumindest. Er hätte ja auch denken können: „gut, ich kann nicht überragend, aber anständig spielen. Ich kann hier mit den Jungs Spass haben. Gute Flanken verteilen, mannschaftsdienlich spielen oder wenigstens etwas für meine Fitness tun. Ich kann fair spielen.“. Hat er aber nicht. Er hat das bisschen Applaus, das er nach einer gelungenen Grätsche von hinten von einigen bekommen hat, einfach eher gebraucht. Dieses kleine bisschen eingebildeter Einzigartigheit, denn Applaus steht für nichts anderes. Selbst, wenn es einzigartige Blödheit und Fahrlässigkeit ist.

Fahrlässigkeit? Feyd, übertreibst du schon wieder? Ein bisschen Dreck am Kittel schadet nicht.

Nur dass es manchmal nicht bei „etwas Dreck am Kittel“ geblieben ist. Nicht nur einmal habe ich bei Freizeit-Turnieren den Krankenwagen kommen sehen.

Da fragt man sich: „was soll das? Wie blöde können Menschen sein?“. Vor allem: jemanden wegzugrätschen sagt nichts über den Erfolg aus, nichts. Beispiel ich: natürlich habe ich zurückgegrätscht, -gedrückt, -geschoben, wenn das jemand bei mir überstrapaziert hat. Aber die meiste Zeit bin ich denen aus dem Weg gegangen und habe entweder Tore gemacht oder vorbereitet. Und zwar nicht trotzdem, sondern gerade deswegen. Wer seine Energie ins Foulen und Bescheissen investiert, hat weniger übrig für gutes Spiel. Also einmal ganz langsam für die Dummen dieser Welt:

1. Erfolg und Fairness schliessen einander nicht aus.

2. Fairness ist wichtiger als Erfolg, denn: herbeibeschissener Erfolg bedeutet: 1 Punkt. Fairer Misserfolg: 2 Punkte. Fairer Erfolg: 2 Punkte und der Schönheitspreis.

Wie? Schönheitspreis? Ja, spielt der denn nicht, um zu gewinnen?

Scheisse, Leute. Ich sage es nochmal: ich habe oft genug gewonnen und kann heute noch ganz ordentlich mithalten. Aber dieser bescheuerte Sieger-Pathos, der meistens noch nicht einmal zum Erfolg führt, dieses „ich behaupte, ich spielte nur, um zu gewinnen, also bin ich ein Gewinner-Typ“ – dieses Zelebrieren von Sekundär-Erfolg ohne Primär-Erfolg, das kotzt mich so dermassen an, dass ich inzwischen kaum noch zum Kicken gehe.

Es gibt einfach zu viele Idioten dort.

Und deshalb sage ich zum Fall Armstrong:

Scheiss auf seine Beichte. Wieviel Kohle kriegt der alleine von Oprah dafür?

Scheiss auf den kommerziellen Sport. Elf Freunde sollt ihr sein, aber beim Geld hört die Freundschaft auf. Wo Kommerz, da Beschiss. Das wissen wir spätestens seit dem Bankencrash.

Scheiss im besonderen auf den kommerziellen Radsport. Dafür hat sich niemand früher interessiert. Dann kam (dopend, natürlich) Jan Ullrich aufs Siegertreppchen und plötzlich spielten überall in Deutschland erwachsene Männer Jan Ullrich, so wie kleine Mädchen Barbie spielen. Projektion des unterentwickelten Ichs auf den Fetisch. Das geht natürlich nur, wenn man Werbung für die Telekom macht, und deshalb verkleideten sie sich in bunte Shirts und Hosen mit Werbeaufdruck. Sehr schön auch die aerodynamischen Fahrradhelme, die ja den Luftwiderstand verringern und somit noch mal 1 oder 2 Prozent herausholen bei Gernod Kanupke aus Eisenhüttenstadt. Und damit sind wir wieder bei den Prozenten angelangt. Der Fahrradschlauch schliesst sich. Deshalb soll es für heute genug der Lästerei sein.

Feyd, bist du mürrisch und verbittert?

Nein. Ich fahre in schlabberigen Hosen Fahrrad durch die Natur und ich nehme sie – und nicht einen Fahrrad-Tacho oder eine Stoppuhr wahr. Und ein wenig untertrieben habe ich auch: ich kicke doch zumindest im Sommer noch ganz gerne rum, und falls es jemanden interessiert: total erfolgreich, wir haben jede Menge Spaß und die Übersteiger-Pirhouette gelingt auch heute noch, zumindest bei jedem 3. Anlauf. Aber das beste ist die 3. Halbzeit, wo man dann in einer Runde zusammensitzt, bei der sich jeder noch in die Augen schauen kann.

Köln-Hannover 2-0: wir haben worden…

…das Schlimme ist bei Fußballern ja: man weiß nie, vielleicht hat der Slomka das auch noch tatsächlich so gesagt.

Ganz ohne Pop-Ups: Fussballersprueche-1

Borna: matrjoschka

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