Die wahren Gründe für den U2 – Apple – Shitstorm

Empörung.

„Apple forces shitty U2 Album on me“

Dieser Mann hat ein Problem. Er wurde beschenkt. Richtig gelesen, das ist ein Problem für ihn. Warum? Weil er nicht gefragt worden ist, ob er überhaupt beschenkt werden will. So wie viele iTunes-Nutzer wachte er eines morgens auf und fand das neue U2-Album auf seinem iPod / Smartphone / Tablet was-auch-immer, geschenkt. Das war kein Versehen, sondern Absicht und sollte sowohl U2 als auch iTunes und eigentlich den Usern nützen. Stattdessen:

„Apple zwängt mir das beschissene U2-Album auf.“ – das klingt nach Gewalt. Gewalt an mir kleinem User durch den Multi-Milliarden-Konzern Apple. Von „aggressiven Marketing-Strategien“ ist andernorts die Rede.

„Apple forces shitty U2 Album on me“ ruft also einer der fliegenden Kackbollen aus dem dahinwütenden Shitstorm gegen das unerbetene Geschenk an alle iTunes-Nutzer via youtube aus sich heraus. U2 verschenken ihr Album, doch keiner will es. Behauptet zumindest die Community.

Ich frage mich nun, wieso ein einfaches „Nein, danke.“ nicht ausreicht, sondern stattdessen der besagte Shitstorm entstanden ist.

Weil die Musik schlecht ist?

Nein, ich will U2 als Band überhaupt nicht in Schutz nehmen. Vielleicht ist ihr Album wirklich schlecht, kann ja sein. Aber schlechte Alben – noch dazu welche, für die man nichts bezahlt hat – lösen in der Regel keinen Shitstom aus.

Ohne das U2-Album zu kennen, erkenne ich den Kritikpunkt an, dass sie jungen Leuten nichts mehr zu sagen haben. Wie denn auch? Die Jugend sucht sich ihre Helden selber. Das war bei Bono, der vor seiner Karriere so gegen ´77 brav auf Punk-Konzerten rebelliert hat, nicht anders als bei den Kiddies heute. Insofern ist Popmusik nur dann ein Geschenk, wenn der Beschenkte dieses auch als Pop definiert – und das war noch nie der Fall bei der Musik von 60-jährigen. Aber für den puren Hass reicht das auch nicht aus, denn: man kann diesem Opa samt Kapelle von seinem iPod löschen, ganz einfach. Ehrlich, Fahrstuhl-Musik ist aufgezwängter als dieses U2-Album, denn letzteres kann man löschen, den Muzak im Lift aber nicht.

Weil hier klar wird, dass U2 und Apple Marken sind?

Ich erkenne ebenfalls den Kritikpunkt an, dass hinter diesem Geschenk nicht mehr als ein Joint-Venture steckt. Es sollen mehr iTunes-Versionen runtergeladen werden und U2 könnten eine bessere Werbekampagne nirgendwo sonst bekommen. Win / Win, ein Begriff aus der Geschäftswelt. Da höre ich schon den Aufschrei… U2? Geschäft? Das ist doch eigentlich Rock ´n ´Roll… scheisse, wer daran noch glaubt, gehört weggeschlossen. Wofür sonst als für Geld arbeiten Musiker, arbeitete Steve Jobs? Selbst die höchst krediblen Motörhead sind reich oder doch zumindest so wohlhabend, dass Lemmy nie arbeiten musste und immer genug Geld für Drogen und Weiber hatte. Und selbstverständlich hat er ein Management. Die Apple-Jünger mögen genauso fanatisch sein, aber zumindest haben sie Rock ´n´ Roll – Fans die Einsicht voraus, dass auch ihr Objekt der Anbetung eigentlich Geld verdienen will. Die Beweihräucherung heben sie sich für Steve Jobs auf. Also: trotz Rock ´n´ Roll und Business-Punk Jobs bleibt dieses Album eben nicht mehr und nicht weniger als ein Joint-Venture-Werbegeschenk. Das gab es bei jeder CD, jeder Platte in Form von limited Editions und Stickern und weiss nicht was. Nur, dass das Geschenk dieses Mal gleich das ganze Album ist. Und zwar eines, das man von seinem iPod löschen kann.

Weil es Werbung ist?

Werbung ist überall und nicht, dass jetzt jemand glaubt, ich sei ein Freund von Werbung – ich hasse sie. Aber dann frage ich mich, wieso sich die Leute ausgerechnet via youtube über U2/Apple aufregen, während doch gerade auf youtube immer mehr Werbung geschalten wird? Mal ganz abgesehen davon, dass youtube zu google gehört, jenem Datenkraken, der seit Jahren beides tut: Geschenke verteilen UND Daten sammeln, um z.B. gezielt Werbung zu schalten.

Ach, und wo wir schon mal bei Datenschutz und Werbung sind: Apple macht da schon lange keiner mehr was vor. Die verstehen dieses Geschäft blendend seit Jahren und gehören zu den Vorreitern in diesem Segment. Wer sich einen iPod oder ein iPhone kauft, wird automatisch erst einmal ausspioniert, bis er selbst Hand anlegt und manuell die Einstellungen diesbezüglich ändert.

D.h. all jene, die sich darüber aufregen, gewaltsam beschenkt worden zu sein (pffft…), unterstützen eben diese Form von Gewalt dadurch, dass sie Hardware, Software und Internetportale nutzen, die per se Werbung schalten. Es ist deutlich einfacher, das U2-Album von seinem iPod zu löschen, als die Geräte der Marke Apple auf „anonym“ und „Datenschutz“ zu stellen. Falls das überhaupt möglich ist.

Weil die schöne, heile Internet-Welt zerstört wird?

Der Glaube an das Internet als etwas per se Heilbringendes hält sich hartnäckig, und das, obwohl eben dieses Internet seit je her kommerzialisiert wird. Sicher, allein die Masse der „einfachen“ Internetuser hat Freeware, Open-Source und Wikipedia hervorgebracht, aber ebenso hat es auch Spam, Pop-Ups und Ad-ware hervorgebracht. Von den legalen Ablegern / Vorläufern dieser unliebsamen Erscheinungen mal ganz abgesehen. Erinnert sich noch jemand an frühe Nero-Burning-Rom-Versionen? Die wieder von der Platte zu kriegen, war ein kleines Kunststück. Da ist das Löschen des U2-Albums doch ein Kinderspiel dagegen.

Es ist also völlig einleuchtend, dass das Erfolgsrezept eine Mischung zur Bedürfnisbefriedigung beider Seiten ist: gebt den Usern, was sie wollen und versucht, dadurch an ihre Daten (=Geld) zu kommen. D.h.:

bei Googlemail bekommt man gleich 10 GB Speicherplatz „geschenkt“, jedoch sammelt Google Daten und platziert – wenn auch dezent – individualisierte Werbung im Postfach, während automatisch ein Google+-Profil erstellt wird. Und vieles mehr.

Facebook ermöglicht die Kernfunktionen einer Community – Vernetzung, Kontakt, Kommunikation und Datenaustausch – auf unvergleichlich einfache Weise. Andererseits sammelt facebook nicht nur Daten, sondern zwingt die User dazu, Realnamen anzugeben, um ebenfalls letztlich Werbung zu platzieren. Und vieles mehr.

Gleiches gilt für Apple. Das ist ganz besonders süffisant, denn Apple galt als unantastbar, bis herauskam, dass auch sie – wie alle anderen auch – Daten sammeln. Und vieles mehr.

Zu behaupten, das Internet gehöre also den Usern, ist die einseitige Sicht eines Kindes, das glaubt, der Stock in seiner Hand sei ein Gewehr.

Zurück zu Apple.

Selbstverständlich ist die Medien-Soft- und Hardware einer Firma wie Apple genauso gestrickt wie man es von einer Computerfirma erwarten kann: sie nutzt das Produkt, um ständig an den Kunden zu kommen. Wie verkauft man so etwas seinen Kunden?

Richtig, voll in die Offensive:

Zitat: „Privacy means: people know what they´re signing up for“.

Toll, Stevie. Deine Firma ist ein Arschloch, aber sie steht wenigstens dazu. Wir sehen ja, wie gut die ganzen „neuen Zielgruppen“, die Ihr in den letzten Jahren erschlossen habt, in der Lage sind, ihre Smart-Phones und Tablets im Sinne des Datenschutzes einzurichten. Das fällt sogar unseren Politikern auf.

Nochmal: warum sind die Beschenkten eigentlich alle so aggressiv?

Weil sie nicht gefragt worden sind. Aber so eine Kleinigkeit wäre eigentlich kein wirklicher Grund, würde man sie nicht in einen großen Zusammenhang stellen. Und da haben wirs: die ungefragte Schenkung ist Gewalt. Sie steht dafür, dass das Internet eben doch nicht Utopia ist. Internet, Apple, Konsolen – alles ist durchkommerzialisiert. Es mag in den ersten Jahren für ein paar Technik-affine Menschen Nischen und Schutzräume geboten haben, in denen sich manch aufregendes und oft auch illegales Treiben verbergen lassen hat, aber das ist vorbei. Nicht nur sind die User kompetenter geworden, so dass es weniger „Vorsprung durch Technik-Know-How“ gibt. Auch das Netz hat sich verändert. Der Markt ist den Menschen ins Netz gefolgt und umgekehrt. Das Netz bot mit der Zeit Lösungen eben nicht für die Cracks, sondern überwiegend für die Masse – das Internet ist einfacher (und manchmal einfach blöde) geworden. Und das hat zuletzt dazu geführt, dass der pure Spass und die pure Freiheit so nicht mehr existiert im Netz – zumindest nicht dort, wo sich die Masse tummelt (facebook zum Beispiel). Und iTunes ist eben ein Konsumprodukt für die Masse. Was erwarten die User denn davon?

Vor 10 Jahren noch hätte es den einen oder anderen Aufschrei bzgl. der heutigen Praxis in bezug auf persönliche Daten gegeben, heutzutage geben die Leute allein schon in ihrem Facebook-Profil alles, wirklich alles preis – vom Realnamen über den Wohnort bis hin zu persönlichen Fotos von sich und ihren Kindern. Ganz ohne Gewaltanwendung, freiwillig. Facebook mag ein Datenkrake sein; großgezogen und gefüttert wurde er aber bereitwillig von den Usern und niemandem sonst.

Und genau das ignorieren jene, die von der Freiheit des Internet schwafeln, von seiner Fähigkeit, Bildung, wenn nicht sogar Demokratie zu schaffen -womöglich einfach nur dadurch, dass es da ist. Einschränkungen, Kommerzialisierung, politische Vereinnahmung, das alles soll von einem kleinen, bösen Zirkel verschwörerischer Banker, Wirtschaftsbosse und Politiker ausgegangen sein, doch in Wirklichkeit hat die Nachfrage durch die User das Internet zu dem gemacht, was es ist.

Diesen soziologischen Aspekt versteht die technokratisch denkende Community nicht. Stattdessen glaubt sie an die messianische Dialektik von der Entwicklung der menschlichen Kultur hin zu ihrer Befreiung durch die Internet-Technologie. Dass dies ebenso mystisch verklärend ist wie das Evangelium nach Matthäus, scheint sie nicht zu stören, denn immerhin hat dieses Internet zumindest IHR Leben verändert, da MUSS doch auch der Hauptschüler irgendwann erleuchtet sein. Man muss ihn nur vors Internet setzen und schon wird ein Abiturient daraus.

Aber ganz so ignorant sind sie dann doch nicht, die Technik-Freunde. Natürlich nehmen sie ihn wahr, den Satan, wie er versucht, dieses Heil zu zerstören. Das Internet ist längst nicht mehr die Spielwiese, die es mal war. Wie gemein, man darf nicht einfach jede noch so extreme politische Sichtweise ins Netz stellen. Wie gemein, man darf keinen Content „sharen“ (also Raubkopien verbreiten). Wie gemein, google ist gar nicht gekommen, um die Welt zu retten, sondern um Geld zu machen und nur DESHALB schenken die uns Cloud-Speicher.

So mögen die Technik-Nerds durch ihr Know-How in der Lage sein, diesem Übel zu entgehen, aber bemerken tun sie die Veränderung und da muss dann eine einfache Erklärung her: die manipulierte Masse verhilft dem bösen Kommerz zu immer mehr Einfluss im Netz, und deshalb wird letztlich auch klar, warum das Geschenk von U2 und Apple bei manchem so unbeliebt ist: da geht es nicht um ein Geschenk, ein Album, eine Band, eine Sound-Datei. Da geht es um die Bedrohung der Freiheit durch das Böse. Wenn das mal nicht Matrix pur ist.

In diesem Shitstorm entlädt sich also die gesamte Enttäuschung über den größten #Fail der letzten 20 Jahre: das Internet. Sonst hätten diese Menschen längst das getan, was sie mit 90 % des Datenmülls aus dem Netz tun: ignorieren oder löschen. Aber dann hätte man ja nix zu meckern gehabt.

Der Heino-Hype: anders ist nicht unbedingt gut.

Markus Hassold, Musiker, hat auf Facebook eine Spontan-Rezension zu der vielbeachteten Heino-Scheibe gepostet. Mit seiner freundlichen Genehmigung füge ich das hier mal ein:
Also ich hab mir die Heino Scheibe heute auf LastFM durchgehört und bin nun zu einem Schluss gekommen.Nachdem ich die Idee zunächst für Clever gehalten habe und dachte: „Mann für die Eier sollte man den Mann belohnen und die Scheibe kaufen“ und wenn es nur das Zurückschlagen der dunkeln Seite der Macht ist…..
Aber nach dem Durchhören denke ich nun: Die haben ja vielleicht doch Recht, die Netzversteher, wenn sie sagen, man muss die Musik erst testen können, bevor man sie kauft. Kann man ja auch überall.Passiert mir sonst nicht – aber indem Fall war es ja absehbar: Die Platte ist Scheiße.Es handelt sich um eine dröge „in the Box“ Produktion, bei der die ursprünglichen Arrangements mit Virtuellen Instrumenten zwar sauber aber eben langweilig umgesetzt wurden und lediglich der Einsatz von Blechbläser-Sounds ein wenig Volksmusik-Atmo hinzugefügt hat.Was besonders auffällt ist, dass einige Songs sich als „nicht unkaputtbar“ erwiesen. So z.B. des „Liebeslied“, das ohne die näselnde Stimme Jan Delays nackt da steht, wie der Kaiser in seinen neuen Kleidern. Das Schadet den Songs – ob man das entstellen nennen darf oder es eher entlarven nennen muss, ist die Frage. Bei diesem Lied hat man jedenfalls das Gefühl feststellen zu können, dass Pitch-Correction mit Melodyne um Klassen echter klingt, als mit Antares Autotune. Irgendwie fühlt man den Einsatz dieser Mittel da jedenfalls doch.Und was ein Johnny Cash einem Heino einfach voraus hat, ist eine Tiefe und Authentizität, die eben weit über tiefes Timbre hinaus geht. Also bloß nicht aufs Glatteis führen lassen – die Assoziation liegt völlig daneben.

Dann kommt noch dazu, dass die Werbung mit einem „verbotenen“ Album natürlich irreführend und damit Wettbewerbswidrig ist. Das Album ist Legal – dank der GEMA und ihrem Lizenzsystem. Das ist auch gut so. Illegal wäre es nur ein Musikvideo zu drehen – das trifft auch für den Werbespot zu – aber dann das Album so zu verkaufen – das ist eben nur Masche.

Meine Meinung: Unterm Strich: Alles Mist.“

Soviel dazu von Markus. Eine persönliche Anmerkung noch:

In der „Welt“ schreibt Alan Posener, diese ganze Heino-Platte sei ein ganz raffiniertes Stück Aktionskunst und doppelbödige Provokation. Vielleicht ist das ja ironisch gemeint, dann sind die Leser der Welt aber ganz schön ausgefuchste Leute, denn in ihren Kommentaren ist zwischen den Zeilen nichts zu entdecken. Also wohl doch keine Ironie.

Und auch die Verlinkung eines Artikels über Heino, der seinen Bambi aus Protest gegen den Bushido-Bambi zurückgegeben hat, ist eher neo-nationalistisch, auf jeden Fall aber rechtskonservativ einzustufen. Verlinkt wird nämlich durch die Worte „national-chauvinistische Mythen„, und damit ist dann wohl die altbekannte „selber-selber“-Spiegelungs-Logik der neuen Nationalen gemeint, welche den antideutschen Reflex vielgescholtener Ausländer als eine Form von Nationalismus zu etikettieren versucht.

Nein, ich mag den Bushido nicht und der Bambi ist mir sowas von egal. Seine Bedeutung ist aber nicht zu leugnen – Menschen nehmen dieses golden angesprühte Plastik-Reh ernst und seine Popularität verleiht jeder noch so kleinlichen Auseinandersetzung unter Künstlern eine Art von Wichtigkeit. Wenn also Heino über Bushido schimpft, ist das nichts weiter als eine Übertragung des inszenierten Leitkultur-Parallelgesellschaft-Diskurses auf die Unterhaltungsbranche.

Von daher gehe ich davon aus, dass Posener das voll und ganz ernst meint. Deshalb schreibt er ja auch für die Welt.

Ich selbst sehe in dieser Sache nichts weiter als eine PR-Aktion vom Reissbrett. Vor 25 Jahren noch wäre das echt cool gewesen. Aber alte Männer, die plötzlich Popsongs singen, gibts schon lange: Johnny Cash (gut), Tom Jones (OK), Gunter Gabriel (ach, du meine Güte!). Deutschsprachiger Pop ist lange schon etabliert und das, was Heino da covert, ist schon lange Mainstream: Rammstein, Ärzte – Rock hat mit verzerrten Gitarren schon lange nichts mehr zu tun. Und der Switch von der Volks- zur Rock-/Popmusik ist auch kein grosser. Schliesslich gehörte zu jeder anständigen Pubertäts-/Adoleszenz-Biografie auf dem Land (ich starb 15 Jahre lang in Tuttlingen) die Vokuhila-Matte und der regelmässige Rausch am Samstag Abend bei den Zillertaller Klosterspatzn. Der bäuerliche Untergrund machte dem Bauern-Mainstream vor, wie es geht. Und nun gibt Heino den Bauern zurück, was sie ihrem König einst gaben.

Das ist also kein Switch von einer Szene in die andere. Das zeigt lediglich, dass Heino wie auch deutsche Mainstream-Popmusik ein und dieselbe Szene sind.

%d Bloggern gefällt das: