Enke-Trauer: ein Freizeit-Event

Ist es ekelhaft bzw. pietätslos, die „Trauer“ um Robert Enke als Freizeit-Event zu bezeichnen? Dazu eine Gegenfrage: ist der folgende Screenshot von bild.de würdevoll?

enkebild

Im Gegensatz zur Bild-Zeitung kann ich meine Position begründen:

Wer schon mal eine echte Person aus dem eigenen Umfeld betrauert hat, weiß, daß die „Trauer“ um Robert Enke in Wirklichkeit keine ist. Enke war eine Person, die man durch die Medien gekannt hat – Mediator Nr. 1 (was wurde von Enke gezeigt? Seine Depressionen oder sein Torwartspiel und bestenfalls der eine oder andere Kommentar zum Spiel?).
Dann ist da noch ein Image, das wiederum z.T. selbst- (Spieler haben oft Berater und Werbeverträge), z.T. fremdgesteuert (Maradona hatte gleich mehrere ungewollte Image-Facetten, sei es als „Hand Gottes“, sei es als „Koksnase“) ist: Mediatoren Nr. 2 und 3.
Auch wären da noch Fakten, welche allerdings gerade durch die intensive Medienpräsenz oft verfälscht werden (bestes Beispiel: Wikipedia): Mediator Nr 4.
Und schlußendlich gibt es in der eigenen Wahrnehmung Erwartungshaltungen (ein Fan von Hannover 96 sieht Enke anders als einer des HSV) und Vorstellungen sowie die persönliche Interpretation derselben von einer Person wie Robert Enke: Mediatoren 5, 6 und 7.

Das ist auf die Schnelle nur eine unvollständiger Überblick, aber es sollte blitzlichtartig beleuchten, daß das, was wir von bekannten Personen zu wissen glauben, verdammt oft nicht dem entspricht, was tatsächlich zutrifft. Medial aufbereitete Trauer ist ein Konstrukt.

Das Paradoxe an dieser Situation ist ja, daß die eigentliche Trauer Menschen betrifft, die Schmerz fühlen, wenn eine Person mit allem, was man an ihr gekannt hat, stirbt. „Mit allem“ – das heißt alles Gute und alles Schlechte. Gemeinsam durch dick und dünn gegangen zu sein, auch die Schwächen des anderen am eigenen Leib erfahren zu haben, das erzeugt Nähe. Reibung erzeugt Wärme.

Wie Enkes Tod (und vor allem das Leiden davor) nun gezeigt haben, haben nur die allerwenigsten Robert Enke wirklich gekannt. Sein Leben war von Depression bestimmt und was wir im Fernsehen gesehen haben, war ein Job, den er abgespult hat. Was gibts da zu trauern? Was fehlt uns? Der Fußballer? Das war nur ein kleiner Teile Enkes. Was führt dazu, daß gut 50000 Menschen an der Trauerfeier teilnehmen wollen? Bestenfalls 1000 haben ihn persönlich gekannt, ich nehme an, nicht mehr als 100 davon näher, und wie wir jetzt wissen, höchstens eine Handvoll Leute so gut, daß sie von seiner schwer Depression gewußt haben. Was treibt also Menschen zu einer Trauerfeier, wo keine Trauer ist? Ist es nicht eine Art Happening oder spitzer formuliert Freizeit-Event, was zur „größten Trauerfeier seit Adenauers Tod“ führt?

Wenn das so ist, kann man nicht nur den Schluß ziehen, selbst nicht an dieser inszenierten Trauer teilzunehmen. Man muß sich sogar davon distanzieren.

Das tue ich hiermit.

Nicht, daß ich einem Hinterbliebenen mein Beileid verwehren würde – es tut mir aufrichtig leid um Enke.

Aber genauso tun mir alle anderen Menschen leid, die den Selbstmord als letzten Ausweg sehen oder an Depressionen leiden. Von denen spricht leider keiner und daran wird auch Enkes Tod nichts ändern, im Gegenteil: die falsche Trauer um Enke nimmt den Raum für eine offene und anständige Auseinanderstzung mit dem Thema. Die falsche Trauer erzeugt eine vorgetäuschte Verarbeitung dieses Todes und seiner Gründe in Form einer Illusion und das halte ich für gefährlich.

Depression als Krankheitsbild wird totgeschwiegen, es sei denn, man redet im Nachhinein über Enkes leicht handhabbare Depression – die erfordert ja auch keine echte Auseinandersetzung damit. Schön bequem.

Die ganzen Mit-Trauernden sollten sich fragen, ob sie diese ganze Emotionalität auch auf ihren Familien- und Bekanntenkreis übertragen können. Dort nämlich finden sie echte Menschen vor, die nicht verfälscht über Mediatoren echte Personen darstellen, an denen man echte Freude empfinden kann und die eben so manches Mal auch richtig unangenehm werden können. Aber genau das macht echte Personen und echte Beziehungen zu ihnen so wichtig. Alles andere ist Selbstbetrug. Soll also heißen: Blumen für die Oma, nicht für Enke.

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