Was sind Computerspiele eigentlich?

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Skurril: 1998 erscheint Die verrückten Abenteuer des Larry Laffer bei Bastei Lübbe, und zwar als Roman. Heinrich Lenhardt ist in PCPlayer 02/98 von diesem Leisure-Suit-Larry-„Port“ nicht überzeugt. Schon die Zwischenüberschrift „Platte Prosa-Peinlichkeit“ verrät: hier ist kein Pulitzer-Preis zu erwarten.

Dabei tritt ein nach wie vor aktuelles Problem zutage. Worte, Bild und Ton tragen zwar in manch gelungenem Computerspiel deutliche Züge von Roman, bildender Kunst und veröffentlichungsreifer Musik. Außerhalb des Gaming-Kontextes jedoch scheint deren narrativer, visueller und auditiver Gehalt kaum jemanden davon zu überzeugen, dass Computerspiele den alten Medien gleichzustellen wären. Funktionieren die künstlerischen Elemente in Games nur innerhalb ihrer natürlichen Umgebung?

Unter meinem GG-User-Namen Unregistrierbar tanze ich in Zeiten des Pillars of Eternity-Hypes auf dem Vulkan und lege dessen geistigen Urvater, Baldurs Gate, unter den Seziertisch. Wieviel Roman, wieviel Spiel ist in dessen Eingeweiden zu finden, und reicht der narrative Teil aus für ein Buch?

Der Artikel ist HIER zu finden (Link öffnet in neuem Tab).

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Der Hobbit: Herr der Ringe Teil 0

Herr Braybrook, Sie haben sich den Film „Der Hobbit“ angeschaut. Wie fanden Sie ihn?

Es war ein durchwachsenes Erlebnis.

Erläutern Sie.

„Der Hobbit“ gilt zwar allgemeinhin als die Vorgeschichte zum „Herrn der Ringe“, war aber nie so konzipiert. Tolkien hatte längt beruflich als Professor für Sprachen in Oxford Karriere gemacht und sozusagen all das, was er bisher so an wunderlichen Geschichten erfunden hatte, in dieses Buch fließen lassen und natürlich angepasst. All diese Fragmente waren also noch nicht als zusammenhängendes Buch gedacht, und erst, nachdem „Der Hobbit“ ein Erfolg geworden war, hatte sich Tolkien entschlossen, etwas Größeres zu erschaffen. So schön „Der Hobbit“ als Buch auch ist, man merkt ihm das Collagenhafte an. Und das ist das Problem an diesem Film. Er springt von einer Begebenheit zur nächsten und das hat wenig Zusammenhang.

Das heißt aber auch, daß die Schuld nicht bei Peter Jackson, dem Regisseur zu suchen ist.

Ach so, ja klar: schuld ist das Buch…

Nein, aber Sie scheinen das typisch Episodenhafte von Fantasy nicht zu mögen und der Hobbit war nun mal eben ein Prototyp der Fantasyliteratur.

Nein und ja. Ich mag Fantasy durchaus, wenn sie schafft, was sie vorhat: mir glaubhaft eine andere Welt vorzugaukeln. Ob das dann in Episoden geschieht oder nicht, ist mir wurscht. Das hat der Hobbit als Buch ja auch geschafft, nur: Peter Jackson hat mit dem Film zweierlei versucht. Er wollte einerseits ein neues, großes Fantasy-Erlebnis schaffen und sich andererseits der Welt des J. R. R. Tolkien bedienen. Da ist der Hobbit eben das, was noch am nächsten am Herrn der Ringe dran ist, nur: es ist eben nicht der Herr der Ringe.

Der Hobbit gibt nun mal nicht mehr Ring-Mythos her als eben da ist. Es sei denn, Jackson erfindet es dazu. Das wiederum hätten die Tolkien-Fans ihm nicht verziehen, ganz so wie damals, als er Tom Bombadil aus dem Herrn der Ringe rausgelassen hat. Es gab ein riesiges Hallo allein deswegen, weil er etwas weggelassen hatte – wie wäre es erst geworden, wenn er etwas dazuerfunden hätte? Also hat er sich selbst eine Quasi-Legitimation erteilt, indem er frei Dinge aus dem Herr der Ringe in den Hobbit reingenommen hat, die zwar schon von Tolkien stammen, zum Zeitpunkt der Erscheinung des Hobbits aber eben nichts vorgesehen waren.

Ist doch gut: er verleiht der eher oberflächlichen Kost des Hobbit-Buches die Tiefe des Herrn der Ringe. Da kann es schon mal zu Ungereimtheiten kommen, aber das stört wahre Tolkien-Fans nicht, denn selbst Tolkien hat den Hobbit als Vorgeschichte zum Herrn der Ringe gesehen. Wie soll man auch sonst vorgehen, wenn man eine „Vorgeschichte“ verfilmt, die gar nicht als solche geplant war?

Es hat ihn ja niemand gezwungen, „den Hobbit“ zu verfilmen. „Der Herr der Ringe“ lebt ja besonders von seiner epischen Breite und der rote Faden mit dem Ring und seiner Verführungskraft hält das alles zusammen. Das kam in der beliebten Filmtrilogie natürlich auch rüber und man könnte sagen: das Buch war eine gute Steilvorlage.

Der Hobbit hingegen ist nicht auf einer Stufe mit dem Herrn der Ringe. Die guten Momente sind ja jene, in denen einem der große Zusammenhang mit dem Ring und seiner enormen Bedeutung für Mittelerde klar wird, aber diese Momente werden erst im Betrachter selbst konstruiert. Das Schlimme ist: man ist sich dessen bewußt, weil man beide Bücher und ihre Entstehungsgeschichte kennt. Und weil Jackson weiß, daß die Zuschauer das wissen, baut er die Epik nachträglich ein.

Ist es verboten, hier konstruktivistisch heranzugehen? Es funktioniert doch, ist doch egal, warum.

Das ist mein Problem mit dem Film: es funktioniert für mich nicht. Wenn ich ins Kino gehe – und glauben Sie mir, ich mag Fantasy! – dann muß der Film es schaffen, dieses „ist doch nur ein Film“ – Gefühl sozusagen wegzuzaubern. Ich hingegen habe gealterte Schauspieler gesehen, die aber eine Geschichte vor den Ereignissen der Trilogie darstellen. In dem Moment wird mir das ganze Konstrukt bewußt. Ich sehe nicht Elrond, der mit Galadriel, Saruman und Gandalf in Bruchtal redet, ich sehe Hugo Weaving mit massig übertünchten Falten, Cate Blanchett mit gealtertem Gesicht und Ian McKellen mit noch mehr Falten. Bei Christopher Lee hingegen haben sie die Haut per CGI ganz gut hingekriegt. Aber das rettet die Situation nicht, die sowieso nicht im Buch vorkommt.

Das Alter der Schauspieler ist nicht das wirkliche Problem. Es ist eine Art Mitleid, die man mit Peter Jackson empfindet. Der scheint da wirklich tief drin zu stecken in der Materie. So sehr nämlich, daß der kindliche Wunsch nach einem 4. Teil des Herrn der Ringe zu diesem Hobbit geführt hat. Da steckt so viel Wille darin, aber leider ist da nicht viel mehr als der Wille. Und der Versuch, das tiefer mit der Epik zu verweben, kann als gescheitert angesehen werden, schlimmer noch: ich behaupte, „Der Hobbit“ wäre besser geworden, wenn man das Ganze ohne die Einbettung in die Epik gemacht hätte.

Sie hatten also keinen Spaß?

Doch schon. Abgesehen von meinen Einwänden ist es ein gut gemachtes Fantasy-Szenario.

Sie verwirren mich. Das klingt ja so, als wüßten Sie eben doch nicht, ob ihnen der Film gefallen hat.

Ich fürchte, ich kann Ihnen da keine klare Antwort geben. Der Film ist OK und ich habe ihn gesehen, weil der Hype so groß war. Aber weil sich der Hype auch auf den Tolkien-Mythos begründet und dieser allgegenwärtig ist, kritisiere ich ihn in bezug darauf. Das will er ja auch. Peter Jackson hat genau gewußt, woran er sich wagt.

Jetzt tun sie mal nicht so, als wäre er dazu nicht in der Lage. Immerhin hat er den Herrn der Ringe verfilmt und das alles andere als schlecht.

Er scheitert an dem Denkmal, das er sich selbst gesetzt hat. Warum läßt er das nicht so, wie es war? Das erinnert mich irgendwie an diese ganzen Rockbands, die ihre größten Hits erneut im klassischen Gewand aufnehmen. Das verkommt zum furchtbarsten Kitsch, den man sich vorstellen kann. Ich kann mir schon vorstellen, daß Peter Jackson, überwältigt vom Erfolg der Filmtrilogie, im Nachhinein noch tausend Dinge anders machen wollte. Aber genau dieser Verführung darf man nicht erliegen.

Aber Peter Jackson hat doch nicht die Trilogie bearbeitet. „Der Hobbit“ ist ein völlig neuer Film.

Ich fürchte nicht. Der Hobbit an sich ist aus dem Wunsch entstanden, einen 4. Teil des Herrn der Ringe zu machen. Alle wollten das. Peter Jackson ebenso wie die Fans. Aber das muß man sich verkneifen. Es gibt keinen Herrn der Ringe Teil 4. Tolkien hat seine gute Idee mit dem Ring sowieso schon ausführlichst verwurstet, mehr war eben nicht. Man kann es natürlich versuchen, aber das Ergebnis trübt den Eindruck eher als dass es ihn bereichert.

Und trotzdem haben sie es gesehen?

Ich habe es streckenweise sogar genossen. Ich weiß, was ich ausblenden muß und ob dann noch genug übrigbleibt, um zu sagen: „hat sich gelohnt“.

Also hat es sich gelohnt, den Film zu sehen?

Teilweise.

Sie regen mich auf. Sie wollen doch allen nur den Film vermiesen!

Tut mir leid, wenn ich Sie aus ihrem Kindertraum erweckt habe, aber glauben Sie mir: es wird noch andere Fantasy-Kino-Erlebnisse in Ihrem Leben geben und dann wird „Der Hobbit“ vergessen sein.

Probleme macht, wer welche hat…

Ein interessantes Interview mit Noah Sow bei tagesschau.de:

Ein angemalter Weißer ist kein Schwarzer.

Das hat schon was – auf wen macht Günter Wallraff wirklich aufmerksam? Auf die Probleme der Farbigen oder auf sich selbst? Gehts uns da nicht ein wenig so wie beim Betrachten dieses tollen Streifens über die Selbsterfahrung Morgan Spurlocks mit Fast-Food?

Man könnte meinen, das sei doch immerhin besser als garnichts. Mag sein, ja. Aber die Frage ist: empfindet man Empathie für den schwarz angemalten Weißen oder tatsächlich für „die Schwarzen“? Man ist sich der Szenerie doch vollkommen bewußt und projiziert alles in den Günter Walraff rein, anstatt offen für die „Forschungsergebnisse, Gefühle, Wissensproduktionen und Repräsentationsrechte Schwarzer“ (Sow) zu sein.

Die sind – genauso wie Migranten – gemäß ihres Herkunftsmilieus, dessen Schwierigkeiten ihren Alltag in Deutschland prägen, eben nicht die von den Einheimischen akzeptierte Projektionsfläche. Die machen Probleme.

Daß die Öffentlichkeit mal darauf aufmerksam wird, daß Migranten Probleme machen, weil sie welche haben, ist nicht der Fall und wird durch diesen Film wohl nicht erreicht werden.

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