50 Jahre Postzugraub – who aged Bambi?

Vor fünzig Jahren fand der legendäre Postzugraub in Großbritannien statt. Dazu bringt heute.de ein Portrait Ronnie Biggs´, wohl dem bekanntesten Beteiligten.

Nach gelungenen Raub und Ausbruch aus dem Gefängnis setzte er sich mit seinem Anteil damals nach Brasilien ab, wo er jahrzehntelang blieb, bis er sich selbst stellte. Inzwischen ist er unglaublich alt und wurde aufgrund mehrerer Schlaganfälle aus der Haft entlassen.

In dem Artikel ist die Rede von einer Kollaboration mit den Toten Hosen. Das ist jetzt über 20 Jahre her – ich werde alt. Die alledings weit bedeutendere Kollaboration war jene mit den Rest – Sex Pistols Steve Jones und Paul Cook, beides Urgesteine der altgewordenen 70er-Punk-Bewegung in dem Film „The Great Rock ´n´Roll Swindle“.

Jedoch ist das Lied eher langweilig, der Film insgesamt erschreckend in die Länge gezogen (bis auf ein paar – allerdings brillante – Ausnahmen wie den Titelsong mit dem glänzenden Edward Tudor-Pole), und Malcom McLarens Versuch, Johnny Rotten zu diskreditieren, geht irgendwie auch daneben. Dennoch ist dieses Fragment ein Stück Rock-Historie, wenn auch ein trauriges: es zeigt den Hype einer Band, die es eigentlich gar nicht mehr gab, was von manchen Beteiligten wiederum nicht wahrgenommen werden wollte.

Edward Tudor-Pole: „Who killed Bambi?“

3 Jahre zuvor: Punk erobert die Insel

Ach so, und wens interessiert: zwei Ex Pistols und Ronnie Biggs mit „No one is innocent“

Witzig: ein Kommentator im Sex-Pistols / The Clash-Video bemerkt, in diesem Jahr (1976) sei Punk gestorben. Genau. Oder war es nicht bereits 1958, als Elvis in die Armee eingezogen wurde?

Dieses ganze „Der Rock ist da und da gestorben“ oder „Der Rock wird niemals sterben“ – ist doch eigentlich nix anderes als eine Art Selbstreflexion auf der untersten Stufe des Bewusstseins. Es beginnt in dem Moment, in dem man sich bewusst wird, dass man älter wird und irgendwie überleben muss – also wahrscheinlich einer Arbeit nachgehen. Und diese Konfrontation mit der nahenden Systemintegration weckt natürlich Sehnsüchte und Fluchtträume.

Wenn jetzt einer glaubt, das seien alles Momente einer vergangenen Epoche oder abgehakte Momente der eigenen Biografie, ist das ein Irrtum. Zwar nehmen die 40-jährigen Alt-Hipsters in Berlin-Friedrichshain und Hamburg den Rock nicht mehr wirklich ernst, aber etliche von ihnen sind begeistert von der Piratenpartei oder der Occupy-Bewegung. Also alles Bewegungen, die alten Ideen in neuem Gewand folgen und die dieselben Fehler machen wie die Punks seinerzeit:

man stellt sich vor eine Bank, die „das Establishment“ repräsentiert und protestiert gegen das Finanzsystem, an dessen Titte man erst zu dem geworden ist, was man ist. Man ist aufgerüttelt, empört, erschüttert von den wahren und gefakten Berichten aus der Welt, deren Auswahl vor allem die jeweiligen Facebook-Kontakte vornehmen, wobei man diese Nachrichten jederzeit bequem über sein iPhone oder Tablet abrufen kann. Das alles tut man am Samstag nachmittag, denn Sonntag ist Sonntag und am Montag muß man dann wieder arbeiten.

Es ist ja auch OK, sich mit der Frage der Street-Credibility zu beschäftigen. Solange man sich seiner Eingebundenheit im System gewahr wird und dementsprechend nach Lösungen und Auswegen sucht. Und solange man weiß, wann sich eine Protestbewegung überlebt hat. Spätestens dann nämlich kann man sagen: Punk is dead.

Armstrong und die elf Freunde

Ich überfliege bei tagesschau.de (zu 50 % Propaganda) seit Tagen die Beichte des gefallenen Radsport-Engels Armstrong.

Ist doch Boulevard, denke ich. Ein Sportler, der beschissen hat und sich jetzt ausheult. Und dann, natürlich, kommt mir in den Sinn: klar, Radsport ist nicht nur das Steckenpferd erfolgloser Polit-Langweiler, sondern sein professioneller Ableger gilt auch als Werbe-Zugpferd der Freizeit-Sportindustrie und ist natürlich ein Wirtschaftsfaktor.

Deshalb macht uns die Tagesschau weis, die öffentliche Behandlung des Themas Armstrong bzw. Doping sei natürlich nicht nur Boulevard.

Da habe ich aber meine Zweifel. Wie war das noch?

Der Sieger der Tour de France wird zum Helden hochsterilisiert, sein Sieg gilt als Ergebnis harter Arbeit und eisernen Willens.

Was soll das? Wer glaubt das noch?

In einem derart durchkommerzialisierten Sport kann es gar keine Helden im genannten Sinne geben, denn Millionen andere haben ebenfalls einen eisernen Willen und arbeiten hart. Letztendlich setzt sich dann derjenige durch, der beides hat und dann noch betrügt. Also die 100 Punkte plus 1 und jetzt beginne ich auch, zu verstehen, was Alonso meinte, als er sagte: „Ich habe 150 Prozent gegeben“. Das ist nicht etwa Sportler-Dummheit, das ist Sportler-Philosophie. Sozusagen.

Bei vielen kommt die Sache mit dem Doping nicht raus, aber wenn es dann doch passiert, beschäftigen die Leute sich noch lieber mit der romantischen Story vom gefallenen Sünder, der zur Beichte (bei Oprah ohne Beichtgeheimnis) rennt und ab jetzt völlig integer lebt, anstatt das sie zur Abwechslung mal das kommerzielle Sportsystem in Frage stellen.

Die Ursache ist doch völlig klar: wo Millionen fließen, bleiben Menschen nicht ehrlich. Ich sehe das doch bei meinem Alt-Herren-Kick, wo es um nichts, rein gar nichts geht und wo es trotzdem ein oder zwei Idioten gibt, die scheisse spielen, aber toll grätschen.

Und die große Erkenntnis ist: die Spielklasse sagt nichts über den Verbreitungsgrad an Idiotie aus, eher im Gegenteil. Je höher die Klasse, desto mehr Geld, desto mehr Versuchung, desto mehr Leute, die der Versuchung anheim fallen, zu bescheissen, zu foulen, zu dopen.

Seltsam. Vor Jahren, als wir nach dem Kick zu viert noch eine Runde Risiko spielen gegangen sind, hat doch tatsächlich einer von denen beschissen. Nicht nur ich habe das gesehen. Der hat sich immer seine Armeen rausgelegt und dann, wenn er sich unbeobachtet gefühlt hat, eine oder zwei „heimlich“ dazugenommen. Jochen zu ihm so: „du machsch des aber scho ehrlich, oder?“. Und er so: „jaja, klar.“

Komisch, genauso hat der auch Fussball gespielt. Nix gebracht, keine guten Aktionen, Tore Fehlanzeige. Was bleibt dem dann übrig? Foulen. Dachte er zumindest. Er hätte ja auch denken können: „gut, ich kann nicht überragend, aber anständig spielen. Ich kann hier mit den Jungs Spass haben. Gute Flanken verteilen, mannschaftsdienlich spielen oder wenigstens etwas für meine Fitness tun. Ich kann fair spielen.“. Hat er aber nicht. Er hat das bisschen Applaus, das er nach einer gelungenen Grätsche von hinten von einigen bekommen hat, einfach eher gebraucht. Dieses kleine bisschen eingebildeter Einzigartigheit, denn Applaus steht für nichts anderes. Selbst, wenn es einzigartige Blödheit und Fahrlässigkeit ist.

Fahrlässigkeit? Feyd, übertreibst du schon wieder? Ein bisschen Dreck am Kittel schadet nicht.

Nur dass es manchmal nicht bei „etwas Dreck am Kittel“ geblieben ist. Nicht nur einmal habe ich bei Freizeit-Turnieren den Krankenwagen kommen sehen.

Da fragt man sich: „was soll das? Wie blöde können Menschen sein?“. Vor allem: jemanden wegzugrätschen sagt nichts über den Erfolg aus, nichts. Beispiel ich: natürlich habe ich zurückgegrätscht, -gedrückt, -geschoben, wenn das jemand bei mir überstrapaziert hat. Aber die meiste Zeit bin ich denen aus dem Weg gegangen und habe entweder Tore gemacht oder vorbereitet. Und zwar nicht trotzdem, sondern gerade deswegen. Wer seine Energie ins Foulen und Bescheissen investiert, hat weniger übrig für gutes Spiel. Also einmal ganz langsam für die Dummen dieser Welt:

1. Erfolg und Fairness schliessen einander nicht aus.

2. Fairness ist wichtiger als Erfolg, denn: herbeibeschissener Erfolg bedeutet: 1 Punkt. Fairer Misserfolg: 2 Punkte. Fairer Erfolg: 2 Punkte und der Schönheitspreis.

Wie? Schönheitspreis? Ja, spielt der denn nicht, um zu gewinnen?

Scheisse, Leute. Ich sage es nochmal: ich habe oft genug gewonnen und kann heute noch ganz ordentlich mithalten. Aber dieser bescheuerte Sieger-Pathos, der meistens noch nicht einmal zum Erfolg führt, dieses „ich behaupte, ich spielte nur, um zu gewinnen, also bin ich ein Gewinner-Typ“ – dieses Zelebrieren von Sekundär-Erfolg ohne Primär-Erfolg, das kotzt mich so dermassen an, dass ich inzwischen kaum noch zum Kicken gehe.

Es gibt einfach zu viele Idioten dort.

Und deshalb sage ich zum Fall Armstrong:

Scheiss auf seine Beichte. Wieviel Kohle kriegt der alleine von Oprah dafür?

Scheiss auf den kommerziellen Sport. Elf Freunde sollt ihr sein, aber beim Geld hört die Freundschaft auf. Wo Kommerz, da Beschiss. Das wissen wir spätestens seit dem Bankencrash.

Scheiss im besonderen auf den kommerziellen Radsport. Dafür hat sich niemand früher interessiert. Dann kam (dopend, natürlich) Jan Ullrich aufs Siegertreppchen und plötzlich spielten überall in Deutschland erwachsene Männer Jan Ullrich, so wie kleine Mädchen Barbie spielen. Projektion des unterentwickelten Ichs auf den Fetisch. Das geht natürlich nur, wenn man Werbung für die Telekom macht, und deshalb verkleideten sie sich in bunte Shirts und Hosen mit Werbeaufdruck. Sehr schön auch die aerodynamischen Fahrradhelme, die ja den Luftwiderstand verringern und somit noch mal 1 oder 2 Prozent herausholen bei Gernod Kanupke aus Eisenhüttenstadt. Und damit sind wir wieder bei den Prozenten angelangt. Der Fahrradschlauch schliesst sich. Deshalb soll es für heute genug der Lästerei sein.

Feyd, bist du mürrisch und verbittert?

Nein. Ich fahre in schlabberigen Hosen Fahrrad durch die Natur und ich nehme sie – und nicht einen Fahrrad-Tacho oder eine Stoppuhr wahr. Und ein wenig untertrieben habe ich auch: ich kicke doch zumindest im Sommer noch ganz gerne rum, und falls es jemanden interessiert: total erfolgreich, wir haben jede Menge Spaß und die Übersteiger-Pirhouette gelingt auch heute noch, zumindest bei jedem 3. Anlauf. Aber das beste ist die 3. Halbzeit, wo man dann in einer Runde zusammensitzt, bei der sich jeder noch in die Augen schauen kann.

Interview: Feyd und die Kirche (Teil I)

Guten Tag Herr Braybrook.
 
Schön, Sie wieder zu sehen.
 
Herr Braybrook, die katholische Kirche hat soeben ihren Weltjugendtag begangen. Ihr Resümee?
 
Ein überwältigendes Ereignis.
 
Ist das Ihr Ernst?
 
Kommen Sie zur Sache. Ich nehme an, Sie fanden es alles andere als überwältigend.
 
Das kann man sagen. Schließlich gab es eine Festnahme wegen Terror-Verdachts und Proteste am Rande der Veranstaltung.
 
Ihre Bezeichnung „am Rande“ ist schon richtig. Neben all den vielen begeisterten und friedlichen jungen Menschen gab es leider auch einen Freak und eine kleine Gruppe von Menschen, die gegen den Weltjugendtag demonstriert haben.
 
Nennen Sie einen Terror-Attentäter verharmlosend einen Freak?
 
Nennen Sie einen Freak aufbauschend einen Terror-Attentäter?
 
Wieso hat ihn denn die Polizei festgenommen?
 
Es hieß, man verdächtige ihn, einen Anschlag auf Gegner des Weltjugendtages geplant zu haben.
 
Ist das kein Terror?
 
Nein, das ist der Verdacht auf einen Anschlag. Lesen Sie doch genauer. Da heißt es :“…Mexikaner plante offenbar…“. Oder:“In Internetforen soll er Attentatspläne angekündigt haben“ – soll? Ein Redakteur bekommt doch Geld dafür, zu recherchieren, oder nicht? Oder kann er kein Spanisch? Was macht er dann auf dem Weltjugendtag in Spanien? Deshalb bringt er ja auch die Kritik des Bundes Deutscher Katholiken, die sprechen wenigstens seine Sprache. Oder auf die Kritik Franceso Rodriguez von der Vereinigung „Säkulares Europa“, der katholischen Kirche würden Rechte zugebilligt, die ihr nicht zustünden, unterstellt der Autor dem mutmaßlichen Attentäter, er habe dies für „Blasphemie“ gehalten bzw. daran gedacht – ist das seriös? Kann Reinhard Spiegelhauer vom HR jetzt schon Gedanken lesen? Aber selbst, wenn er das tatsächlich vorgehabt haben sollte: so etwas gab es auch 1980 beim Oktoberfest. Ein verirrter Einzeltäter, vermutlich radikalisiert.
 
Seltsam: Sie halten Breivik (den Mann, der die Anschläge auf Oslo und Utøya verübt hat) für einen typischen Vertreter der rechten Szene, den verhafteten Mexikaner aber für keinen typischen Christen.
 
Natürlich, denn in keiner christlichen Publikation lese ich von Ausgrenzung und Gewalt gegenüber anderen, schon gar nicht den Verlierern der Gesellschaft, was ja der Fall bei den von Breivik verhaßten Migranten ist. Und damit steht er nicht alleine da bei den neuen Nationalisten Europas. Breiviks Taten stehen in reinster rechtspopulistischer und nationalistischer Tradition.
 
Ist eine Kirche, die hierarchisch strukturiert ist, deren Oberhaupt für unfehlbar proklamiert wird und die „den rechten Glauben“ predigt, unschuldig an der Verfolgung Andersgläubiger?
 
Die Hierarchie ist einerseits ein wichtiger Kritikpunkt, jedoch gibt es sie in anderen Institutionen genauso. Sie ist ein Relikt aus einer Zeit, in der Staatsoberhaupt und höchste religiöse Instanz in einer Person vereint waren. Andererseits geht es um religiöse Erkenntnisse, die eine enorme Expertenschaft voraussetzen. Das Priesteramt aber auch die Exegese bedürfen eines jahrelangen Studiums. Das sind Texte und Traditionen, die jahrtausendealt sind und die zuerst rein sprachlich, dann semantisch verstanden und interpretiert werden müssen. Das kann eben nicht jeder. Und dann ist ja noch die Frage, was das alles mit armen Irren zu tun haben soll, die in der katholischen Kirche etwas anderes suchen als ihr Seelenheil. Die sog. „Verfolgung Andersgläubiger“, wie Sie es nennen, ist in Wahrheit die Vernichtung anderer durch eine arme Seele, die sich eine Plattform für ihren Wahn sucht. Würde die Kirche ihre gesamte Hierarchie abschaffen, käme es trotzdem dazu, daß irgendein Mensch seine dunklen Seiten auf Kosten des Evangeliums oder der angeblich zu beschützenden westlichen Demokratie auslebt. Das ist kein Grund für die Kirche, ihre jahrtausendealte Tradition zu verneinen.
 
Der Staat verfügt auch über eine jahrtausendealte Tradition, hat sich aber verändert.
 
Da liegen gleich mehrere Falschannahmen drin. „Den Staat“ gibt es nicht, schon gar nicht seit Jahrtausenden. Genauer: die BRD, in der wir leben, gibt es strenggenommen in dieser Form erst seit 1990. Die Staaten, die davor existiert haben, unterlagen anderen Regeln und Gesetzen. Praktisch alle Lebensbereiche unterlagen anderen Bedingungen, die weltpolitische Lage war anders, dementsprechend die Zusammensetzung der Gesellschaft. Und der Staat vor 100 Jahren bestand aus den Menschen von vor 100 Jahren – diese aber konnten ziemlich konservativ sein und an Veränderungen überhaupt nicht interessiert. Machen Sie nicht den Fehler, die Kirche a priori für altmodisch zu halten. Menschen sind bisweilen altmodisch. Werte sind nicht alt- oder neumodisch – wir halten sie für wahr oder unwahr, nachdem wir sie lange prüfen. Ein Wertewandel wäre in der Kirche nur machbar, wenn man die Referenz, also das Evangelium umschriebe. Dieses hat sich aber 2000 Jahre lang bewährt und würde immer wieder geprüft.
Natürlich hat die Kirche auch weiterhin die Aufgabe, die Botschaft des Evangeliums zu interpretieren. Die Frage ist nur: wie viel Interpretation ist möglich, wenn der Kern der Aussage nicht verändert werden soll?
 
Das ist ja das Problem: warum soll sich die Menschheit mit der Quadratur des Kreises beschäftigen? Die Annahmen der Menschheit aus der Zeit vor 1000 und mehr Jahren können gar nicht in die neue Zeit gebracht werden. Die Menschheit des 21. Jahrhunderts hat neue Erkenntnisse gefunden, die besser zu ihrem Dasein passen.
 
Wenn man glaubt, daß der Mensch Gott nach seinem Ebenbild geschaffen hat, trifft das zu. Dann muß jede Generation ihren Gott neu definieren, weil sie sich selbst ebenfalls neu definiert. Oder um es mit Ihrem Ausdruck der „Erkenntnis“ zu formulieren: so wie sich der Mensch selbst erkennt, glaubt er, Gott zu erkennen. Es ist aber nun mal die Eigenart von Religionen, daß man an die Existenz eines „höheren Wesens“ glaubt, das dem Menschen seine höhere Weisheit offenbart. Also etwas, das vor dem Menschen da war und nach ihm sein wird und das unabhängig vom Zeitgeist Generationen überdauert.

„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“ – klingt antiquiert.
 
Wenn Sie das überfordert, nehmen Sie vielleicht zur Kenntnis, daß der Idealismus ebenfalls von einer höheren Ordnung ausgeht, die erst hergestellt werden muß.
Eine universalistische Idee hat per se Alleingeltungsanspruch. Ich nehme an, Sie sind gegen die Beschneidung von Frauen?
 
Natürlich. Das gehört sanktioniert.
 
Es sind doch aber andere, souveräne Staaten, in denen womöglich die rechtlichen Mittel dafür nicht ausreichen?
 
Und in diesem Fall muß man sich über das sogenannte Recht in diesen Staaten hinwegsetzen.
 
Die Souveränität eines anderen Staates ist aber ebenfalls Teil einer Vorstellung von Recht.
 
Nicht, was derlei Staaten betrifft.
 
Und wer bestimmt das? Wer sagt, in welchem Fall Staaten „Unrechtsstaaten“ sind und in welchem Fall nicht? Wer bestimmt, welches Recht zugunsten der Wahrung anderer Rechte gebrochen sind? Wer bestimmt, ob die Souveränität eines Staates verletzt werden soll oder nicht? Die USA?
 
Nicht die beste Lösung. Aber immerhin besser als gar keine.
 
Die Frage ist, ob „Staaten“ – oder besser: Staatsregierungen – überhaupt in der Lage sind, solche Urteile zu fällen und daraufhin Entscheidungen zu treffen. Das kann nur der einzelne Mensch selbst.
 
Nur wird „der einzelne Mensch“ Adolf Hitler nicht daran hindern, Europa zu verwüsten und die Juden erbarmungslos zu verfolgen.
 
Stimmt. Aber viele einzelne Menschen haben ihm zu seiner Macht verholfen, obwohl sie hätten anders handeln können, und manche wenigen, darunter viele Christen, haben ihm den Gehorsam verweigert. Vergessen wir nicht: Adolf Hitler kam nicht durch seinen Putschversuch in den Zwanzigern, sondern durch legitime Wahlen 1932/1933 ins Parlament. Die Menschen selbst haben ihm zur Macht verholfen. Aber: Religion ist nicht primär dazu da, die politischen Probleme der Menschheit zu lösen, auch wenn Menschen aus religiösen Motiven heraus politisch gut handeln können. Religion ist das, was zwischen dem Einzelnen und Gott stattfindet. Jeder selbst ist seinem Gewissen, Gott gegenüber Rechenschaft schuldig. Die Identifikation eines anderen als Schurken oder eines anderen Staates als Schurkenstaat entbindet nicht von der ethischen, der moralischen, der religiösen Frage nach der Legitimation für das Außerkraftsetzen von Recht. Orientiert man sich nur an der staatlichen Legitimation, hat jeder US-Soldat mit dem Beschluß des Kongresses die Absolution für den Einmarsch in den Irak erhalten, inklusive aller Leichen, über die er auf dem Weg in Saddam Husseins Palast (oder, wie sich später herausgestellt hat: Bunker) gegangen ist.
Vor Gott aber ist jegliche staatliche Legitimation völlig unerheblich. Jesus sagt: mein Reich ist nicht von dieser Welt. Es geht um die höhere, die göttliche Ordnung, das göttliche Gesetz.
 
Sie meinen das 3. Gebot: Du sollst nicht töten?
 
Das fünfte nach dem katholischen Katechismus, das sechste nach der heiligen Schrift.

Warum brauche ich dafür eine Kirche? Wenn es nur um mich und Gott geht – was hat der Papst da verloren?
 
Ohne Kirche weiß man z.B. nicht, um welches Gebot es sich handelt. Aber im Ernst: das Hantieren mit derart komplexen Fragen wie der Legitimation für das Töten erfordert allerhöchste Genauigkeit, allerhöchste Kenntnis. Da geht es um mehr als die Kenntnis der 11 Gebote oder deren Reihenfolge.

Ohne Kirche kann also kein Mensch eigenständig ethische Entscheidungen fällen?
 
Natürlich kann er das.
 
Aber keine richtigen?
 
Natürlich kann er das. Aber warum soll die Kirche nicht eine Art Leitsatz herausgeben. Es gibt sowieso schon keine richtigen – also einfachen – Antworten auf schwere ethische Fragen. Ein US-Soldat steht im Irak vor der Wahl, einen Kameraden zu retten indem er einen Iraki erschießt oder es nicht zu tun – und damit zu riskieren, selbst mitsamt Kamerad draufzugehen. Da gibt es keine saubere Lösung.
 
Ein Dilemma.
 
Ja. Aber wenn bereits die Zielformulierung ungenau ist – wenn man also aufgrund der Realität Zugeständnisse an die Ideale macht, wird das Ergebnis immer schwammiger.

Vielleicht hilft ihm bei der Entscheidung das Wissen, mit dem irakischen Soldaten den Beschützer eines der größten Despoten der arabischen Welt vor sich zu haben.
 
Sie meinen, er verfügt über Wissen aus Zeitungen, Büchern, dem Fernsehen?
 
Was soll diese Detailfrage? Ja, vermutlich hat er dieses Wissen aus Zeitungen, Büchern und dem Fernsehen. Vielleicht auch von seiner Nachbarin, Frau Krause.
 
Dann müßte er aus diesen Medien aber auch wissen, daß diese Informationen manipulierbar sind. So geschehen im Falle Irak: dem Kongress wurden absichtlich falsche Informationen zugeschanzt, um die Wahrscheinlichkeit der Bewilligung einer Intervention zu erhöhen. Und nicht nur der Kongreß, auch die Mehrheit der Bevölkerung der USA befürwortete daraufhin die Intervention.
Es ist immer das gleiche Prinzip: man holt sich die Legitimation für die Tötung / den Mord außerhalb des eigenen Gewissens. Weil uns eine andere Instanz beruhigt: die anderen sind die Schurken und verdienen zu sterben. Sie sind die Bösen. Da findet eine Verteufelung statt.
 
Da betreten Sie jetzt aber ein gewagtes Terrain. Die Kirche hat auf diese Weise Millionen angebliche Hexen verbrannt.
 
Wieder liegen Sie bereits bei den Fakten falsch. Es waren weit weniger, etwa 40000 – 60000.
 
Na toll.
 
Und nicht die Kirche hat sie verbrannt, sondern sie hat sie verurteilt – übrigens vor allem die evangelische! Die Vollstreckung oblag weltlicher Gewalt.
 
Welchen Unterschied macht das?
 
Für die Ermordeten keinen.
 
Eben, und nun?
 
Weil man mit heutigen Maßstäben Dinge beurteilt, die früher üblich waren. Das Schlimme ist, daß man die heutige Kirche so behandelt, als hätte sie die damaligen Verbrechen begangen. Man muß verstehen, daß das eine andere Zeit war. Es war völlig normal, daß die Kirche weltliche Macht hatte. Das war bereits im römischen Reich so: Priester…
 
…und Priesterinnen…
 
… waren Angehörige einer angesehenen und mit Privilegien ausgestatteten Kaste. Selbstverständlich hatten sie eine Deutungshoheit religiöse Fragen betreffend und selbstverständlich gab es ein unfehlbares religiöses Oberhaupt.
 
Den Kaiser.
 
Richtig. Er galt als Sohn Jupiters, des höchsten Gottes und sein Wort war Gesetz.
 
L´etat ce moi. Und das finden sie gut?
 
Nein. Aber die Menschen haben das damals akzeptiert, allein aufgrund der normativen Kraft, die in den Äußerungen der Mächtigen steckt. In der damaligen Zeit war das so akzeptiert wie das Sklaventum und im Übrigen auch die Herrschaft des Hausherrn (der Name sagt es ja bereits) über die Frau und die Kinder.
 
Barbarei des Altertums.
 
Philiosophisch legitimiert. Und überhaupt: die Barbaren, das waren die jenseits des Limes. Die Römer selbst haben sich bei den griechischen Philosophen bedient und diese wiederum haben die Hierarchie zwischen Sklave Herr, Frau und Kind philosophisch begründet.
 
Ach ja? Welcher mittelmäßige Philosoph hat dies begründet?
 
Kein geringerer als Aristoteles selbst. Lesen sie seine „Politik“, schlackern sie mit den Ohren. Und dennoch war er der Begründer der Ethik.
 
Nun, auch geniale Philosophen sind der Spiegel ihrer Zeit. Zur Zeit Aristoteles´ galt eine andere Moral.
 
Na bitte, da sagen Sie es doch selbst. Aristoteles´ Ausführungen zur Sklaverei werden ihm verziehen, der Kirche der frühen Neuzeit die Hexenverfolgung aber nicht. Man beurteilt aus historischer Ferne eine Institution „hier“ vor Ort – ein glänzend geeignetes Feld für Selbstgerechtigkeit. Fragen Sie einen Menschen heutzutage, ob er die Hexenverfolgung mitgemacht hätte und keiner wird es bejahen. Aber wer hat dann die ganzen Denunziationen begangen? An der Hexenverfolgung war die Obrigkeit ebenso wie deren Untertanen beteiligt und Denunziation war der Part des einfachen Volkes, den viele bereitwillig übernommen haben. Die Institution Kirche war wie jede Institution letztlich ein Zusammenschluß von Menschen und die funktionieren heute nicht wesentlich anders als im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit. Sie sind bereit, Mobbing zu betreiben und zu morden, solange sie glauben, es für eine gerechte Sache zu tun.

Na bitte, da haben wir einen weiteren Grund, uns von der Religion abzukehren. Sie stiftet nur Unheil.

Ebenso könnte man sagen, daß die Religion die bedeutendsten Momente des Widerstandes gegen organisiertes Unrecht inszeniert hat. Friedrich Spee, einer der bedeutendsten Kritiker der Hexenverfolgung, war Jesuit. Nehmen Sie doch einfach hin, daß Menschen die Eigenschaft haben, kollektiv zu handeln und zu denken. Wenn dies sowieso der Fall ist, ist es doch besser, man füttert diesen Hunger mit dem Streben nach dem Guten.

Aber tut das die Kirche im Falle der Homosexuellen? Ist es damit getan, ihnen die Empfehlung zu geben, vom „Weg der Sünde“ abzukehren und heterosexuell oder abstinent zu werden? Gibt es da nicht noch die Möglichkeit, kirchlicherseits Homosexualität wie eine völlig normale sexuelle Ausrichtung zu behandeln?

Das ist richtig.

Oha. Diese Worte ausgerechnet von Ihnen zu hören verwundert mich doch sehr…

Ich halte die Kirche auch nicht für unfehlbar, lediglich das Wort Gottes für wahr. Was Homosexualität angeht, hat die Kirche immer noch eine negative Position dazu. Das halte ich für unsinnig. Der Gedanke, der dahinter steckt, ist ja der, man könne ein Unheil an der Ausbreitung hindern. Stattdessen ist Homosexualität wohl determiniert, nicht „anerzogen“ oder Folge von Sozialisation. Ein Beweis dafür dürfte sein, daß sie zu allen Zeiten und überall aufgetreten ist – ob man sie nun erlaubt oder verboten hat.

Schön. Wann treten Sie aus der Kirche aus?

Sie wissen ja noch nicht einmal, ob ich Mitglied bin. Aber wenn dem so wäre: wozu? Es gibt ja auch eine Erneuerung von innen heraus. Ich bin mir sicher, daß die Kirche diese Aufgaben bewältigen kann. Dabei kommt es darauf an, daß sie sich erneuert. Dies ist aber eine schwierige Gratwanderung zwischen der Bewahrung des Wortes Gottes und dessen Interpretation. Dazu ist eine Veranstaltung wie der Weltjugendtag wichtig. Die progressivsten Tendenzen in jeder Bewegung sind bei der Jugend zu finden. Und niemand kann so frei und authentisch Kritik innerhalb der eigenen Reihen üben wie die Jugend. Leider wurde seitens der Tagesschau die Aufgabe des Jugendtages ausschließlich auf die Ausübung von Kritik reduziert. Ein journalistischer Anfängerfehler.

Wohl eher Absicht.

Das ist ja noch schlimmer: weil man der Kirche eins auf die Mütze geben will, verschweigt man, daß 1 Million junger Menschen auch anderes für die Kirche empfinden als Abneigung.

Es ist nun mal ein deutsches, freies Medium.

Es ist vor allem eine egozentrische Sichtweise, nicht im Ansatz objektiv. Hajo Friedrichs, der Guru der Tagesthemen hat mal gesagt: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“. Wenn der Redakteur der Meinung ist, es sei gut, Kritik an der Kirche zu üben, kann er das ja machen. Aber „gut“ für einen Jounalisten wäre es, auch die Begeisterung der guten Million junger Christen zu beschreiben. Das hat er marginalisiert. Deshalb kann man die Tagesschau als Medium nicht mehr ernstnehmen, wenn es um die Kirche geht. Die Berichte sind völlig vorhersehbar, da nicht objektiv. So, als könnten sich die Menschen kein eigenes Urteil bilden.

Ende Teil I. Morgen folgt Teil II.

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