Von Stuttgart 21 lernen heißt…

Heute hat der Lenkungskreis zu Stuttgart 21 getagt. 3 Monate zu spät, denn vertraglich ist ein Turnus von 6 Monaten vorgeschrieben. Der letzte Lenkungskreis ist allerdings 9 Monate her.

Von unseren Kindern erwarten wir, dass sie sich an Termine halten.

Bei Stuttgart 21 lernen sie: es ist „normal“, den Zeitrahmen zu überschreiten, denn „Verzögerungen im Rahmen grosser Bauprojekte sind nichts Ungewöhnliches“.

Wir erwarten von ihnen, dass sie sich nicht rausreden.

Bei S21 lernen sie: schuld an gestiegenen Kosten und Zeitverzögerungen sind die Gegner, schuld sind die Extrawünsche (also so was völlig Unnötiges wie Brandschutz), schuld ist die Regierung, aber keinesfalls jene, die S21 planen.

Wir erwarten von ihnen, dass sie die Regeln unserer demokratischen Grundordnung akzeptieren.

Bei S21 lernen sie: die demokratisch gewählte Landesregierung wird diffamiert, weil sie gemäß ihrem Wahlversprechen Bauanträge genauer prüft als es die Bahn tut (was ihr vermutlich geholfen hätte, die Kostenexplosion zu vermeiden).

Wir erwarten von ihnen, mit Geld hauszuhalten.

Bei S21 lernen sie: Geld erbitten, Mehrkosten verursachen, die Schuld dafür abweisen, und das alles als „Normalität“ hinstellen („Ich kenne kaum ein Projekt, das zu dem Betrag fertig wird, den man zuerst ausgerechnet hatte“  – Bundesverkehrsminister Ramsauer).

Wir erwarten von ihnen, Wort zu halten.

Bei S21 lernen sie: man kann, wie Bahnvorstand Grube vor der Volksabstimmung, 4,5 Mrd € als absolute Obergrenze angeben, aber wenn diese Obergrenze 1 Jahr später um 2 Mrd € überschritten wird, ist das „normal“ bei Großprojekten – „Wer mit wahren Zahlen operiert, verliert“.

Wir erwarten von ihnen, Kritik anzunehmen.

Bei S21 lernen sie: Gutachten der Gegenseite und sogar neutrale Gutachten (Bundesrechnungshof Anno 2008) werden ignoriert, stattdessen werden eigene Gutachten in Auftrag gegeben, die den eigenen Kurs nicht korrigieren, sondern bestätigen.

Wir erwarten von ihnen, dass sie lernen, ihre Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Bei S21 lernen sie: Bereitschaftspolizei und Wasserwerfer gegen demonstrierende Kinder, Jugendliche und Rentner. Und Freund Hauk von der CDU kommt dann daher und wirft den Leuten vor, sie hätten ihre „Kinder instrumentalisiert„.

Die konservative Ecke, aus deren Mitte sich die S21-Lobby größtenteils rekrutiert, ist es auch, aus deren Ecke ständige Kritik an Computerspielen wie GTA oder Gangsta-Rappern kommt. Es heisst, unsere Jugend sei verroht, schlecht erzogen, untugendhaft.

Das ist die pure Heuchelei.

Es heißt seitens der S21-Lobby, Zeitverzögerungen und Kostensteigerungen seien völlig normal bei Bauprojekten.

D.h. wie haben uns ein Wirtschaftssystem geschaffen, in dem es völlig normal ist, dass Aussagen nichts gelten (aus 2,6 Mrd € wurden inzwischen 6,8 Mrd €). Dazu folgende Einschätzung Karl Heinz Däkes, ehemaliger Präsident des Bundes deutscher Steuerzahler:

„Denn man braucht politische Entscheidungen. Und die bekommt man offenbar nur, wenn man die Kosten relativ gering hält. Und wenn etwas in Beton gegossen ist, wenn man angefangen hat zu bauen, kann man nicht mehr zurück. Dann muss man weitermachen. Und dann steigen die Kosten“.

Wir pflegen einen Umgang der Egozentrik in der politischen Kultur (Kritik wird diffamiert, Kritiker werden als Spinner, Alkommunisten, Linke Chaoten usw. etikettiert). Wir übernehmen keine Verantwortung für kommende Generationen – wichtig ist, dass jetzt Geschäfte gemacht werden – ob sie sich in Zukunft rechnen oder nicht.

Ich akzeptiere, dass viele Leute einen positivistischen Umgang mit der S21-Misere haben: sie sagen, man könne ja doch nichts daran ändern, es werde ja schon gebaut, ein großer Teil des Hauptbahnhofes sei  ja schon abgerissen usw.

Nur verstehe ich nicht, wie dieselben Leute sich dann über „die“ Manager und „die“ Banker aufregen können, denen ja Egozentrik, Verantwortungslosigkeit und eine „es ist nun mal so“-Mentalität vorgeworfen wird.

Es ist nun mal so und man kann nichts ändern?

WER AUSSER UNS SOLL DENN SONST ETWAS ÄNDERN KÖNNEN?

Wo ist das Problem? Welche Zukunftsvision wäre denn schlimmer:

„…wißt ihr noch, damals? Als rauskam, dass S21 immer teurer wird und immer später fertigwerden soll? Zum Glück haben die das damals gestoppt – lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Man hat den alten Bahnhof saniert und den Park aufgeforstet. Das hat übrigens auch nicht der liebe Gott getan, das haben Firmen aus Baden-Württemberg getan, mit Arbeitern, die Lohn erhalten haben und vom sanierten Bahnhof hat Stuttgart ebenfalls profitiert.“

oder:

„…wißt ihr noch? Als rauskam, dass S21 immer teurer wird und immer später fertigwerden soll?

Damals hat man gedacht: Augen zu und durch. Noch teurer wird’s nicht, noch länger kann es nicht dauern. Und schließlich hatten viele auch Angst vor den Ausstiegskosten, weil ja etliche beteiligte Firmen hätten entschädigt werden müssen. Und dann wurde das Ding durchgezogen.“

Ich habe bei der letzten Vision absichtlich nicht geschrieben, dass es tatsächlich noch teurer geworden ist und noch länger gedauert hat, damit mir keiner vorwerfen kann, ich hätte eine übertrieben düstere Zukunftsvision gezeichnet. Das heißt: alles, was da oben steht, sind unangezweifelte Fakten, wie sie bisher vorliegen. Aber ich gehe jede Wette ein, dass die 6,8 Mrd € und die bisherige Verzögerung von 2 Jahren noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sind. Dazu muß man nur den Verlauf der Chronik anschauen.

Um auf die Frage der Pädagogik zurückzukommen:

Unsere Kinder lernen ja leider nicht, dass dieser Typus Mensch, der S21 verbockt, ein kritikresistenter Wortbrecher, Verschwender, Egomane ist. Sie lernen diesen Typus Mensch als erfolgreich und sexy kennen. Immer mobil, dickes Auto, schönes Haus, durchsetzungsfähig, elegant usw.

DAS ist es, was als erstrebenswert vermittelt wird, weil alles in Geld und Erfolg gemessen wird und in diese Äußerlichkeiten werden Charaktereigenschaften reininterpretiert, die konstruiert sind.

Und DAS ist es, was unsere Kinder in unserer Gesellschaft lernen: all das Gerede von Menschlichkeit, inneren Werten, „gutem“ Handeln und Denken – das ist alles Mumpitz, den uns die Eltern zuhause erzählen, weil sie vom anderen Stern kommen. Aber die Realität ist anders und da muss man sich durchsetzen – mit Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Freundschaft, inneren Werten kommt man nicht weit. Ein dickes Auto bekommt man nur, wenn man sich dick macht, die Ellbogen rausfährt usw.

Die Kinder und Jugendlichen sind nicht daran schuld, dass sie Bushido und Sido gut finden. Daran sind wir selbst schuld. Mit jedem Stück Konsum verhelfen wir Bushidos „Stress ohne Grund“ in die Charts, selbst, wenn wir es gar nicht hören. Das müssen wir auch gar nicht. Der weltweite Konsum schafft eine Welle aus Scheisse, auf der manche besser reiten können als andere und Bushido ist der Kelly Slater der Konsumgesellschaft.

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occupy yourself

Herr Braybrook, morgen ist occupy:World-Tag. Ihnen als Linkem müßte doch das Herz aufgehen.

Mir als Linkem, soso… seltsam. Ich wußte nicht, daß ich ein Linker bin.

Sie bezeichnen den Rechtspopulismus dieser Tage als Nationalismus, der System hat. Sie verurteilen die Verschmelzung von Wirtschaft und Politik. Sie fordern mehr Geld für soziale Belange ein. Sind das keine linken Positionen?

Gegen Nazis zu sein, hat was mit Menschlichkeit und gesundem Menschenverstand zu tun. Dazu muß man kein Linker sein. Die anderen Probleme und offenen Fragen, die sie genannt haben, geben aus traditionell linker Position Antworten, die ich so nicht teile.

Beispiel?

Ich befürworte grundsätzlich einen freien Markt. Traditionell linke Positionen dazu gehen von planwirtschaftlicher Steuerung aus. Davon halte ich nichts. Das macht den Markt kaputt.

Sie sind gegen die Ausuferungen des Marktes, halten aber nichts davon, ihn zu steuern. Welches Konzept legen Sie vor?

Gar keines. Die Möglichkeiten, die wir bisher haben, reichen aus, der Politik einen gehörigen Denkzettel zu verpassen.

Das erinnert stark an die occupy-Bewegung. Denen wirft man auch vor, gegen alles zu sein, selbst aber keine Konzepte vorzulegen.

Konzepte vorzulegen, ist nicht Aufgabe der Bürger. Sie dürfen sich darauf beschränken, Mißstände anzuzeigen. Darauf muß die Politik dann reagieren.

Werden Sie morgen Mißstände aufzeigen gehen?

Nein.

Warum nicht?

Mir ist das alles zu schwammig.

Haben Sie nicht gerade eben gesagt, daß Protest auch ohne vorliegendes Verbesserungskonzept geübt werden darf?

Ja, aber meine Unzufriedenheit verpflichtet mich nicht, jedem Aufruf hinterherzurennen. Die occupy-Bewegung liefert schwammige Analysen, schwammige Schlüsse und dazu eben auch keine Konzepte. Das ist insgesamt zu wenig.

Erläutern Sie: welche schwammigen Analysen sind gemeint?

Es heißt, die Banken, die Börse wäre schuld an unserer Misere. Natürlich war all die Spekuliererei hautpverantwortlich dafür, daß der globale Finanzmarkt eine riesige Seifenblase geworden ist, mit Bürgschaften, Verbindlichkeiten und Geld, das gar nicht da ist. Dennoch wurde mit diesem nicht vorhandenen Geld spekuliert und weiterspekuliert, bis die Seifenblase geplatzt ist. Und nun springen Politiker ein und retten die Banken und das heißt im Klartext: der Bürger springt mit seinen Steuern ein. Das weckt natürlich Wut in uns. Aber wohin mit der Wut? Wen wollen wir treffen? Welches Verhalten wollen wir in Zukunft verhindern? Und vor allem: welche politischen Mittel gibt es, ausufernde Spekulationen zukünftig zu vermeiden?

Na, Sie haben es doch gerade eben gesagt: Banker und Spekulanten sind schuld. Sie sollen genauer kontrolliert und zukünftig verantwortlich für ihr Tun gemacht werden können.

„Banker“, „Spekulanten“ – das sind Konstrukte. Es gibt nicht die Banker oder die Spekulanten. Damit wirft man alle in einen Topf und wird keinem gerecht. Wir brauchen Banken, wir brauchen Marktwirtschaft und in einem überschaubaren Rahmen brauchen wir auch Spekulation.

Aber Sie selbst sagen doch, daß dem Markt das Regulativ fehlt.

Ja und nein. Ja, denn der Markt folgt fast schon naturwissenschaftlichen Gesetzen, aus denen man aber keinerlei Prognosen ableiten kann. Es ist wie der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings, der irgendwo auf der Welt einen Orkan auslösen kann: also pure Chaostheorie. Der Markt wird aber immer noch von Menschen bevölkert und auf die kommt es an. Wenn wir Menschen jegliche Verantwortung von uns weisen, degradieren wir uns zu Maschinen und machen uns letztendlich selbst abhängig von den Gesetzen des Marktes.
Wir brauchen aber die Souveränität, als Menschen im Markt agieren zu können. Es wirkt geradezu lächerlich, daß dies angeblich nicht möglich sein soll. Banker müssen menschlich agieren dürfen. Die öffentliche Ächtung der Menschlichkeit muß ein Ende haben.

Was meinen Sie damit?

Ein Manager bekommt Geld dafür, den Gewinn zu optimieren. Alles andere ist egal. So hat man lange gedacht und Unternehmen geführt.

Das war ja auch erfolgreich.

Irrtum. Viele Unternehmen hatten lange Zeit eine gesunde Bilanz, aber eine kranke Unternehmenskultur. Irgendwann sind sie zusammengebrochen – meistens dann, wenn die autoritäre Integrationsfigur, der Patriarch gestorben ist. Dieser Teil der Unternehmensgeschichte interessiert die wenigsten. Das ist ganz ähnlich wie mit Ex-Jugoslawien. Als es Anfang der 90er zusammengebrochen ist, war das die logische Konsequenz einer Entwicklung, die mit Titos Tod undwillkürlich begonnen hatte. Er hatte das Land mit eisernern Hand über jegliche Freiheitsbestrebungen hinweg geführt und als er starb, konnte und wollte keiner diese Funktion ersetzen.
Wir brauchen Menschlichkeit als Selbstverständlichkeit im Management, sonst wird der Markt immer weiter wuchern, bis nichts mehr zum Wuchern da ist.

Das klingt irrational: Menschlichkeit im Markt.

Ist es nicht umgekehrt? Alle befassen sich mit Ganzheitlichkeit, überall wird davon geredet, daß Systeme in allen Aspekten analysiert werden müssen, weil sie sonst unvollständig und somit fehlerhaft dargestellt werden. Nur für den Markt soll das bitteschön nicht gelten. Hier soll die Beschränkung auf Zahlen und Wachstum ausreichend für den Erfolg sein.

Warum nicht?

Weil der Markt letztendlich aus Menschen besteht. Mir erscheint es irrational, Aspekte der Humanität außer Acht zu lassen, nur weil Geld keine Seele besitzt. Wir, die wir das Geld in der Hand halten, haben eine Seele und die läßt sich nicht ausblenden.

Meinen Sie nicht, eine humane Ökonomie könnte kränkeln?

Im Gegenteil. „burn-out“ ist in aller Munde und stellt eine typische Krankheit dar, die durch Ausblenden menschlicher Aspekte beim Job entsteht. Der Mensch soll nicht nur alle Anforderungen bewältigen, er soll sie auch noch besser als die Konkurrenten bewältigen. Befindlichkeiten oder gar Krankheiten werden unterdrückt und das macht dann erst recht krank – bis zum burn-out.
Gegen das, was die Chinesen momentan tun, haben wir keine Chance, da können wir nur hinterherhecheln. Das ist nicht die Chance, nicht der Weg. Wir sparen immer mehr, bemühen uns immer mehr, werden immer nur noch unmenschlicher in der Arbeitswelt und am Ende reichen all diese Bemühungen doch nicht aus – die Chinesen arbeiten eben immer noch für nen Apfel und ein Ei. Selbst, wenn wir unsere Löhne auf deren Niveau runterschrauben würden, hätten uns die Chinesen den Hunger voraus: ein Apfel und ein Ei ist das Paradies für die, die hatten gestern weniger. Wir müssen versuchen, neue Wege zu gehen – so wie es auf technischer Ebene die grünen Energien waren, müssen wir einen neuen Weg in der Ökonomie einschlagen.

Wie soll ein Manager einen Haufen selbstmitleidiger Mitarbeiter zu Höchstleistungen anspornen?

Dieser Satz strotzt nur so vor negativen Konstrukten. Warum sollen Menschen zu Leistung agespornt werden? Wie wäre es mit Motivation? Und: muß die von außen kommen? Welche Rolle sollte ein Manager dabei haben? Was meinen Sie mit selbstmitleidig?
Das sind alles die Fehler der Vergangenheit. Schauen Sie sich Google an, da bekommen die Kreativen einen ganzen Tag pro Woche für ihre Kreativität. Sie müssen niemandem irgendetwas nachweisen und sind vielleicht gerade deshalb erfolgreich. Das Zauberwort hier ist „Vertrauen“.

Vertrauen kann man mißbrauchen.

Wegen der 5 – 10 %, die das Vertrauen eines Unternehmens mißbrauchen, lohnt sich das Prinzip des Vertrauens in Unternehmen trotzdem.

Was möchten Sie also der occupy-Bewegung sagen?

Mir fehlt der Selbstbezug. Das Problem, der Turbo-Kapitalismus ist das Ergebnis völliger Freiheit. Wir haben dem Markt völlige Freiheit gelassen, wir haben ihn auf den Sockel gehoben. Nun müssen wir uns aber eingestehen, daß wir auf den Markt nicht verzichten wollen, denn das würde heißen, auf die Annehmlichkeiten des Marktes verzichten zu wollen. Allerdings müssen wir ihn von seinem Sockel holen. Da gilt es, Heldenhaftigkeits-Vorstellungen zu demontieren. Der schnittige, sportliche, erfolgreiche Typ – das impliziert immer auch den inhumenen Typ. „Geiz ist geil“ – solche Sprüche hätten uns aufschreien lassen müssen, stettdessen haben wir alle mitgemacht. Weil wir immer mehr immer billiger wollten. Damit muß Schluß sein. Auch als Verbraucher haben wir einen Anteil an der Misere. Wir müssen den Konsum in Frage stellen. Er ist der Motor einer Wirtschaft, die nur bestehen kann, solange wir in regelmäßigen Abständen neue Waren kaufen, selbst, wenn wir sie nicht brauchen. Wer braucht einen 3D-Fernseher? Muß das sein? Im vergangenen Jahrzehnt sind wir von der Röhre über den LCD-Bildschirm, dann zum HD-Fernseher gekommen. Muß das sein? Ende der 90er hatte die CD die Vinyl-Platte bzw. Diskette als Datenträger abgelöst. Dann kam die DVD, die inzwischen von der Blu-Ray abgelöst wird. Muß das sein? Festplatten werden immer größer, weil die Daten, die wir darauf speichern, immer umfangreicher werden. Ein Bekannter hatte sich Mitte der 00er-Jahre damit gebrüstet, über 2500 Stunden Musik auf dem Rechner zu haben, von denen er vielleicht ein Zehntel überhaupt gekannt hat. Muß das sein? Brauchen wir das?
Ich wünsche mir, daß wir uns alle als ein gesamtes System begreifen. Die Banker, wie es sie gibt, haben wir uns gebacken. Der Media-Markt, über den ich lästere, in diesem Media-Markt habe ich auch schon eingekauft.

Sollen wir also kollektiv die Schnauze halten?

Nein. Wir sollen protestieren, aber wir dürfen uns von der Kritik nicht ausnehmen. Allein schon deshalb, weil ich es höchst zweifelhaft finde, Menschen aufgrund ihres Berufes auszugrenzen. Wenn die occupy-Bewegung absolut kongruent wäre, würden ihre Mitglieder ihre Bankkonten schließen. Tun sie das?

Müssen sie das, um glaubwürdig zu bleiben?

Nein, aber sie sollen nicht so tun, als seien sie unschuldig. Und sie sollen keine einseitigen Schuldzuweisungen gegenüber Bankern formulieren. Das sind Menschen wie du und ich, die mit der Zeit so inhuman werden wie das System, in dem sie arbeiten. Die Frage ist: welchen Teil tragen wir dazu bei, daß dieses System besteht?
Wir stehen vor einer der größten Herausforderungen der Neuzeit. Im Moment fällt mir nämlich kein besseres Heilmittel als die gute alte persönliche Haltung ein. Kompliziert zu definierende Werte wie „Maß halten“ – so etwas kann man schwer naturwissenschaftlich nachprüfbar festlegen. Das muß dem Menschen überlassen sein

Ist das nicht das Problem? Ist es nicht so, daß genau dadurch, daß man den falschen Leuten die Entscheidung über gutes und schlechtes Handeln überlassen hat, diese sich eben für schlechtes Handeln entschieden haben?

Doch schon. Dann müssen eben andere Leute her. Wir brauchen endlich ein gesellschaftliches Paradigma: jeder Mensch muß in jeder Position der Gesellschaft auch „gut“ handeln. Das haben wir zu lange außen vor gelassen. Weil uns die Freiheit wichtiger war als das Streben nach dem Guten, bis wir gemerkt haben: wenn man uneingeschränkt Freiheit hat, dann gibt es Leute, die sich die Freiheit nehmen, völlig egoistisch zu denken und zu handeln. Dabei müssen sich Freiheit und Gutes nicht widersprechen.
Also: okkupiert, aber polarisiert nicht.

Radfahrende Möchtegern-Ullrichs am Bärensee

Eigentlich ist der Bärensee die Location in der Nähe Stuttgarts für Stuttgart-Flüchtlinge: schnell mit dem Auto zu erreichen, Naturschutzgebiet, schöne Wanderwege am Rande eines Sees (eigentlich zwei) und eine Wirtschaft mit guter Küche für hungrige Wandernde.

Das Problem ist, daß die Freizeit-Karrieristen diese Location seit einiger Zeit für sich entdeckt und inzwischen okkupiert haben. Der Tag, das Wetter, die Stimmung kann noch so perfekt sein, man wird alle halbe Minute von einem der gehetzten Jogger oder buntgescheckten radfahrenden Litfaßsäulen zur Seite gedrängt. Klar, die wollen natürlich auch leben und ihre Freizeit genießen. Nur, daß ich mir schwer vorstellen kann, was das mit Freizeit zu tun hat.
Nicht, daß ich unterschiedliche Vorstellungen von Freizeit nicht tolerieren könnte. Hunde jeglicher Größe sind auf den einen oder anderen nunmal Furcht einflößend, aber solange die angeleint sind, ist es mir egal. Und was die Zweirad-Fahrer angeht: sollense doch Werbung auf ihren Radlerhemden, -hosen, ohrringen haben. Das Problem ist nur, daß deren Vorstellung von Freizeit mit meiner (und der vieler anderer entspannter) Bärensee-Besucher kollidiert: obwohl es extra asphaltierte Radwege gibt, hört man auch auf den unbefestigten Wanderwegen ständig irgendeinen Freizeit-Ulrich rumbimmeln – Platz da, jetzt komme ich und mein Auftrag ist wichtig. Und wenn man dann mitnichten gleich wegspringt, wird man angemurrt oder gar -rempelt. Ohne Scheiß, wirklich passiert. Rempelt, rempelt.

Mein Schluß:

lange Jahre lachte ich über die lächerlichen Fitness-Studio-Zombies. Immer sagte ich: Mensch, geht doch raus in den Wald, dort ist es schön UND dort kann man Sport machen. Das hat sich geändert. Ich sage nun: verzieht Euch in Eure muffigen Muckibuden, die zu 50 % von unbefriedigten Singles frequentiert werden (und zu den anderen 50 % von unbefriedigten Nicht-Singles). Tauscht Eure Räder ein gegen Hometrainer, damit man nicht zähneknirschend zur Seite springen muß, wenn Ihr mit 50 km/h angerauscht kommt, weil Ihr alle Jan Ullrich seid – wenn auch nur in Eurer kindlichen Imagination. Macht und tut, was Ihr wollt, aber tut es nicht da, wo Leute einfach nur entspannen wollen. Danke.

How I fucked Facebook…

Facebook mal wieder in aller Munde.
Für Menschen, die erst jetzt aus dem Urlaub kommen und zwar von dort, wo es kein Internet gibt (Mond oder Marianengraben), hier die Zusammenfassung:
bei fb soll man jetzt seine gesamte Biografie angeben können. Und wie bei fb üblich, sollen andere das für einen tun können. Datenschützer laufen Amok, Piraten sieht man schluchzend Selbstbestätigung zelebrieren.

Alle sind also (zu Recht) beängstigt. Im vermeintlich besten Fall treten sie einfach aus. Und was ist die Folge? Der Datenkrake hat einen Feind weniger und verbreitet weiter Schrecken im Riff. Ist das wirklich der beste Fall? Ist das sinnvoll?

Hier deshalb der Hinweis auf folgende Gruppe:

We quit facebook all together at May 1st“ (Log-In erforderlich, klar.)

Idee:
Wenn sich einer still und leise verabschiedet, bleiben Millionen andere bei fb und wirklich gelöscht werden die Daten des Profils dort auch nicht. Viel schlauer ist es doch, diese Plattform auf legale Weise von innen heraus ad absurdum zu führen. Mein Geburtsjahr dort ist der 1.1.1910. Habe ich mich verklickt? Kann ich mich nicht genau an mein Geburtsdatum erinnern? Wer weiß das schon? Laut fb habe ich für Könige gearbeitet. Nun ja, da dürft Ihr, liebe Leser dieses Blogs Euch gerne geschmeichelt fühlen und somit ist diese Angabe aus einer gewissen Sicht heraus wahr, bringt facebook beim Verkauf dieser Daten allerdings nichts.
All das und noch vieles mehr kann man in dieser Gruppe hemmungslos ausleben. Und wenn einem das nicht reicht, nimmt man den Gruppennamen wortwörtlich und tritt aus, und jetzt das beste:
laut FGBl (Feyds Gesetzblatt) Nr. 45/2 ist nun der Austritt auch zu jedem anderen Datum des Jahres möglich, nicht nur am 1. Mai!!!
Weiter darf man gerne (lizenzfreie ;-)) Fotos von Kraken in jeglicher Darreichungsform (außer lebendig) hochladen.
Und natürlich jeglichen fb-Frust reinschreiben.

TATAAAAAAAAAAAAAAAAA!

Facebook fucks you?
Fuck Facebook!

Links:

braindeer („We all should never forget: From Facebooks point of view we are not the customer. We are the product!„)

Das Verständnis der Piraten von der Urheberschaft

Die Piraten sind dafür, kreative Schöpfungen frei zugänglich zu machen. Eine Begründung dafür findet sich in ihrem Programm: Kreative griffen bei der Schaffung neuer Inhalte auf bestehende Schöpfungen zurück (Programm Punkt 2 ff) .
Dem liegt ein einfaches Verständnis kreativer Schöpfungsprozesse zugrunde. Kreativ zu sein, bedeutet nicht, ausschließlich medial verfügbare Schöpfungen zu verwerten. Kreativität ist die Gesamtheit intrinsischer Prozesse im Hinblick auf Auslöser und Ergebnis. D.h. von außen betrachtet mag ein Künstler vermitteln können, was ihn zu einem kreativen Prozess bewogen hat und – natürlich – was dabei rausgekommen ist. Was aber währenddessen geschehen ist, ist ungleich schwerer zu vermitteln. Paul McCartney hat einmal gesagt, er habe die Melodie von „Yesterday“ geträumt. Hat er auf bestehende Schöpfungen dabei zurückgegriffen und wenn ja, auf welche? Es ist wichtig, dies in Frage zu stellen, denn die Piraten tun dies nicht und damit blenden sie all jenes Unfaßbare und Unvermittelbare aus, das einen Künstler zum Künstler macht.
Ein zweiter Kritikpunkt ist: selbst, wenn ein Musiker auf den Schatz früherer Schöpfungen zurückgreift, sind es doch auch wieder Schöpfungen von Künstlern, die ihrerseits viel in ihre Schöpfungen investiert haben und mitnichten etwas getan haben, was jeder hätte tun können.
Denn wenn jeder einfach so kreativ sein könnte, indem er den bestehenden Schatz an Schöpfungen nutzt, wieso tut es dann nicht jeder bzw. wieso sind dann nicht alle Neuschöpfungen gut?

Mir scheint, die Piraten sehen das Internet als etwas ganz Besonderes, Neues an. Deshalb sind sie offensichtlich überwältigt von der Masse an Kreativität, vor allem Musik, die sie dort im Netz finden und vermutlich schließen sie daraus, die Menschheit sei kreativer geworden.

Dies ist mitnichten der Fall bzw. wenn dem so wäre, müßten sie es beweisen. Die Tatsache, daß man per youtube oder grooveshark an so gut wie jedes Musikstück kommt, reicht mir als Beweis nicht aus. Denn es findet sich dort bei weitem nicht alles. Alte mongolische Gesänge findet man dort mitnichten und schon gar nicht, wenn man als Westeuropäer in seiner jeweiligen Sprache und Schrift danach sucht. Das, was es auf diesen Plattformen gibt, ist ein Spiegel des Musikgeschmacks der Internet-User, und der ist durchaus beschränkt. Im Großen und Ganzen finden Menschen des Westens dort westliche Popmusik.
D.h.: das westliche Internet ist ein Spiegel der westlichen Kultur. Hier gilt also dasselbe, was für alte Medien gegolten hat. Was früher das Fernsehen und davor die Live-Performance war, findet heute über das Internet statt. Ich sehe da prinzipiell keinen Unterschied, außer den, daß alles schneller und größer geworden ist.

Und somit ist es also erlaubt, die Frage der Urheberschaft genauso zu behandeln wie in früherer Zeit. Ein Urheber stellt mit einem Aufwand, den andere nicht betreiben (weil ihnen das zu mühsam ist) ein Werk her und sein Erfolg ist nur durch eines meßbar: seine Verbreitung. Ein Ohrwurm mag manchmal ein Zufall sein und ein One-Hit-Wonder kommt immer wieder vor. Es gibt aber Musiker, die einfach ein Händchen dafür haben und sie gehören entlohnt. Es ist davon auszugehen, daß hinter der Leichtigkeit des Ohrwurms eine Menge Arbeit steckt, eine Menge Know-How, das mühsam erarbeitet wurde. Alleine schon der Umstand, daß man sich entschließt, eine so unsichere Branche wie jene des Musikbusiness zu wählen, gehört entlohnt. Dieses Wagnis gehen verdammt viele ein, anstatt eine sichere Lehre bei der Bank anzustreben und die wenigsten von ihnen haben damit Erfolg. Es ist oft ein elendes Leben, das sie führen und selbst Bands, die einen Plattenvertrag haben, müssen oft knapsen, wo es nur geht.

Es ist ein wenig wie die Goldsuche. Tausende verlassen ihr Zuhause, geben Geld für Ausrüstung aus, suchen, graben, verzweifeln. Der Goldrausch ist mitnichten eine Erfolgsgeschichte, sondern eigentlich die Geschichte großen Elends. Eigentlich müßten die Menschen Reißaus nehmen, wenn sie nur davon hörten, daß es irgendwo Gold gibt. Stattdessen passiert folgendes: einer findet einen dicken Goldnugget, hat für sein Leben ausgesorgt. Und was geschieht? Erneut zieht es tausende und abertausende an den Ort, wo einer etwas gefunden hat.
Die Piraten wären in diesem Fall eine Partei, die der Meinung ist, daß das ganze Gold, das gefunden wird, an einen frei zugänglichen Ort gebracht wird und jeder, der will, sich dort bedienen kann. Was wäre die Folge? In Kürze wäre alles weg und ganz sicher wäre nicht alles gerecht verteilt.
Jetzt argumentieren Piraten so, daß der Vergleich mit dem Gold hinkt, denn die Musik würde ja nicht von einem Besitzer zum anderen wechseln, vielmehr würde sie vervielfältigt. Da es technisch möglich sei, exakte Repliken dieses Besitzes zu machen, würde keiner ärmer, sondern andere reicher werden. Das ist ein völliger Trugschluß. Denn selbst, wenn alle Menschen in der Lage wären, Gold zu vervielfältigen, wäre das Gold bald schon nichts mehr wert und es gäbe bald schon keine Goldsucher mehr, sondern nur noch Goldduplizierer. Diese gäbe es aber bald auch nicht mehr, da Gold nur deshalb so wertvoll ist, weil es knapp ist.
Die Piraten sind der Ansicht, daß es andere Wege gäbe, an Musik zu verdienen. Wenn dies aber nicht durch CD-Verkäufe ginge, wodurch dann? Live-Auftritte? Da haben die Piraten dann aber einfach mal ausgeblendet, daß man an Live-Auftritten in den letzten Jahrzehnten nur deshalb verdient hat, weil die Musik durch die allseits verhaßten Plattenfirmen gehyped worden ist. Niemand hätte je 130 € für Michael Jackson gezahlt, wenn er „nur“ die Musik bekommen hätte. Und auch den „Star“ Michael Jackson, für den dann doch einige gezahlt haben, hätte es ohne Hype nicht gegeben.
Wir müssen uns das so vorstellen, daß ohne den (historisch belegten) Hype Musiker auf exakt jenem Niveau gewesen wären, auf dem sie vor Erfindung der Schallplatte gewesen sind. Die wenigen, die davon leben konnten, waren ein paar studierte Musiker und wenige Hochbegabte, die sich selbst vor allem durch Auftritte finanziert haben.
Und genau darauf wird es auch wieder herauslaufen bzw. es ist schon zu sehen, daß das Musikerdasein ein karges ist, es sei denn, man gehört zu den wenigen Glücklichen, deren Label mehr als nur die Kosten trägt. Vor allem verdient man, wenn man sich kaputt tourt.
Ich will nicht ungerecht sein: die Technik macht alles schneller und besonders die Kreativität profitiert davon. Das möchte ich nicht missen. Die Piraten erkennen in ihrem Programm sogar die „berechtigten wirtschaftlichen Interessen der Urheber“ an, schreiben aber kein Wort dazu, wie diese interessen gewahrt werden sollen. Es fehlt also jegliche konkrete Vorstellung davon, wie der Urheber nun zu dem Geld kommen soll, daß ihm laut Piraten zusteht.
Stattdessen steht ganz klar darin, daß dies nicht durch Plattenverkäufe geschehen soll, denn Platten sollen für den Privatgebrauch frei kopierbar sein.

Natürlich habe ich kein Problem damit, wenn dies in jenem Umfang geschieht, in dem früher Kassetten kopiert worden sind. Das Problem an der heutigen Zeit ist, daß man per mp3 und Internet Musik jedem Menschen auf der anderen Seite der Welt zur Verfügung stellen kann. Das ist also nicht dasselbe wie der persönliche Kontakt früher zu einem Freund, dem man eine Band wärmstens empfohlen hat („hey, hast schon xy gehört? Nein? Ich leih es DIr mal aus, kannst ja überspielen“).

Den Song zu schreiben, den Millionen von Menschen auf der Straße pfeifen, erfordert eine Auseinandersetzung mit dem Commonsense, dem Allgemeinwissen, der Befindlichkeit der Gesellschaft. „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ – vielleicht war es ein tatsächlicher schlechter Sommer, vielleicht aber auch nicht. Tatsache ist aber, daß das Lied sofort zündet, da jeder das Gefühl kennt, sich im falschen Sommer zu befinden. Dazu eine Melodie, die die Melancholie und gleichzeitige Beschwingtheit in der Erinnerung trifft – das soll jeder können? Das soll Zufall sein? Es hört sich leicht und beschwingt an, ein Song, bei dem man vor sich hin faulenzen kann. Nur daß der Autor bestimmt kein Faulenzer war, als er sich das Know-How für etwas, das so leicht klingt, draufgeschafft hat.

Diese Arbeit gehört entlohnt. Und wenn sie nicht entlohnt wird, wird sich auch keiner mehr diese Arbeit machen.

Die Piraten nennen Werke eine „freies Gut“, da sie durch einen Kopierschutz künstlich unfrei gemacht werden. D.h.: alles, was man sich aneignen kann, ist frei. Das ist ein Denkfehler – nur, weil man Werke kopieren kann, können sie dennoch das Eigentum eines anderen sein. Viele Läden haben ihre Waren im Sommer draußen vor der Türe, unbewacht. Sich diese anzueignen ist Diebstahl, egal, ob es jemand merkt und verhindert oder nicht. Im Umkehrschluß würde dies ja bedeuten, daß jeder unbemerkte Diebstahl rechtmäßig wäre.

Unter 1.1 steht „die Schaffung von künstlichem Mangel aus rein wirtschaftlichem Interesse erscheint uns unmoralisch“. Wieso ist es ein künstlicher Mangel? Gibt es ein Menschenrecht auf die neue Platte seiner Lieblingsband? Haben sich diese Bands gegründet, um den Hörern zu einem Recht zu verhelfen? Ist es nicht vielmehr so, daß da ein Handel stattfindet? Einer kann etwas so besonders gut, daß andere dafür bezahlen, um es zu hören – dieses Prinzip ist bei Konzerten unumstritten. Warum soll das bei der Konservierung von Musik anders sein? Einer setzt sich wochen. und monatelang hin, um Musik zu schreiben, einzustudieren, aufzunehmen. Wieso sollen andere das Recht haben, die Früchte dieser monatelangen Arbeit zu essen, ohne dafür zu bezahlen?
Es ist also kein künstlicher Mangel, sondern ein freiwilliger. Eine bestimmte Musik hören zu wollen, ist die freiwillige Entscheidung jedes einzelnen. Wenn einer die Musik von Lady Gaga gutfindet, aber das Geld dafür nicht ausgeben will, muß er es sich halt verkneifen. Er wird daran nicht sterben.
Die Schaffung eines existenzgefährdenden Mangels an Geld, an Essen, an Kleidung kann es geben, und das ist das unmoralisch. Aber auch die Sicherung des Existenzminimums gegenüber Arbeitslosen bspw. über die Sozialhilfe heißt nicht, daß der Staat der Bank das Geld, dem Bauer die Produkte oder dem Kleidungshersteller die Kleidung wegnimmt – er bezahlt sie! Wenn es ein Recht, Lady Gagas neue CD zu besitzen gäbe, müßte der Staat der Logik der Piraten folgend also errechnen, wie viele Menschen ihre Platte konsumiert haben und ihr dann dieses Geld erstatten – ein lachhaftes Unterfangen wäre das.

Es heißt im Piratenprogramm, Kopierschutzverfahren erschüfen Kontrollierbarkeit. Dies läßt sich technisch und rechtlich beheben. Technisch dadurch, daß Kopierschutz ausschließlich zum Schutz vor unautorisierten Kopien genutzt wird und rechtlich dadurch, daß ein Zuwiderhandeln schlicht und einfach verboten wird. Wenn dies dennoch gemacht wird, dann deshalb, weil die User da mitmachen – wer hat die Leute gezwungen, sich bei Online-Spielen zu registrieren?

Was die Inoperabilität bei Abspielsystemen angeht, die durch Kopierschutz entsteht, ist das kein Argument gegen den Kopierschutz, sondern vielmehr ein Argument gegen das Kopieren. Würden Werke nicht dermaßen weitverbreitet kopiert werden, hätten die Softwarefirmen keinen Grund, ihre Werke zu schützen.

Es ist wahr, daß Plattenfirmen zu viel Macht besitzen und – das ist in der Wirtschaft leider so – monopolistisch vorgegangen sind. Es ist auch wahr, daß das Internet neue Formen der Vermarktung geschaffen hat, allerdings wird dabei oft negiert, daß Stars, die aus myspace und youtube hervorgegangen sind, dies aufgrund genau jener Dominanz Googles geschafft haben, die die Piraten verabzuscheuen vorgeben.

Jedoch gibt es einen anderen, wichtigeren Punkt. Ich habe mehrfach vom Know-How gesprochen. Ein besseres Wort fällt mir nicht ein, denn Wissen ist zu rational, Intuition verschweigt die Systematik, Begeisterung und Disziplin, mit der Künstler ihrer Wege gehen, um etwas Neues zu schaffen. Es ist, wie im Wort „Kunst“ schon verborgen, ein Können. Können aber zeichnet sich dadurch aus, daß einer etwas kann und andere nicht. Und genau dieses Können muß man wollen. Es ist eine Entscheidung. Die Entscheidung, etwas ganz anders als alle anderen machen zu wollen. Ein Künstler wird sich immer auf Abwege begeben, und wenn das Internet noch so viele Möglichkeiten bietet. All die interessanten und sicher auch guten Spielereien auf youtube wie „human beatbox“, bastard pop und sonstige neue Kunstformen der medialen Zerstückelung und Neuordnung mögen frisch und neu klingen, aber einer Band wie Beirut ist auf einfache, fast schon klassische Weise gelungen, was Künstler seit Jahrhunderten schon gemacht haben: sie haben sich einfach auf Abwege begeben. Weil Kunst bedeutet, anders sein zu wollen und vielleicht auch besser. Ist das schlimm? Es ist schlimm, wenn man sieht, wie die ganz oben sich selbst geil finden – Lady Gaga und Michael Jackson. Aber bis sich der kleine Furz aus der Provinz mal so verkauft wie jene beiden, wird er den Schutz von Plattenfirmen wohl brauchen, so leid es mir tut für die Piraten.

In 1.4 heißt es wieder: „Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem
Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen. Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher nicht nur berechtigt, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit der menschlichen Schöpfungsfähigkeiten von essentieller Wichtigkeit. “
Das ist ein materielles Verständnis von Kunst. So, als habe man sich an einem begrenzten Fundus materieller Güter bedient und somit diesen gemindert. Weiter müsse man also dies wieder zurückführen. Das strotzt nur so vor Denkfehlern. Kunst entsteht am seltensten aus Kunst und selbst dann wäre noch die Frage, woraus diese entstanden ist. Der Künstler macht aus dem Alltag etwas Unvorhergesehenes: aus rotem Lehm macht er Handabdrücke an Höhlenwände, aus den Reißzähnen von Säbelzahntigern Amulette, aus Fett und einem alten Stuhl ein Kunstwerk. D.h., daß da gar nichts mehr rückführbar ist. Auf dem Weg vom rohen Material hin zum Kunst-Stück ist etwas passiert, was sich materiell Meßbarem entzieht. Man könnte sagen, es sei die Fähigkeit, den Kontext zu verändern, zu extrahieren, der Mut, die Verzweiflung, der Wille, seinen Handabdruck auf der Höhlenwand der Geschichte zu hinterlassen, aber trotz aller Analyse bleibt ein unbestimmbar großer Teil dieses Prozesses im Dunkeln. Dieses Etwas ist auf untrennbare Weise mit dem Individuum verbunden und kann ihm nicht genommen werden. Es hat ein Recht darauf, es bereitzustellen sowie es wieder zu entziehen.
Wenn also die Piraten etwas zurückhaben wollen, können sie sie haben, die A-molls oder D-Durs, die einzelnen Trommelschläge, die einzelnen unzusammenhängenden Worte und Buchstaben. Sie sollen sich damit einschließen; wenn sie wollen, auf ewig. Und vielleicht schaffen sie es auch nur annähernd, aus diesen Bruchstücken von Musik und Text etwas zu schaffen, das so beseelt ist, daß jemand anders bereit wäre, Geld dafür auszugeben. Und wenn sie das geschafft haben (und ich bin mir sicher, daß es welche gäbe, die das lernen könnten, wenn sie nicht vorher aufgeben würden, weil es bis dahin nix zu fressen gibt), dann sollen sie sich nochmal hinstellen und sagen, daß jeder ihre Musik frei kopieren darf, da sie ja aus bereits Bestehendem erschaffen worden ist. Da bin ich aber mal gespannt.

HDE seit Jahren zufrieden – vor dem Weihnachtsgeschäft…

Jedes Jahr dasselbe:

der HDE bezahlt überzeugt die Medien, darüber zu berichten, wie unglaublich toll doch das Geschäft läuft.

Damit die dummen Menschen auf der Straße meinen, sie würden etwas verpassen, wenn sie jetzt nicht auch in den nächsten Laden rennen würden und ihr Geld ausgeben. Und was das Schlimmste ist: die normative Kraft von Medienmeldungen wie diesen ist hinlänglich bekannt.
Folge: die dummen Menschen auf der Straße meinen tatsächlich, sie würden etwas verpassen und rennen in den nächsten Laden, um ihr Geld auszugeben. Tatsächlich.

Und die schlauen sparen den größten Teil ihres Geldes für die vielen Rechnungen, die zum Jahresende/Jahresanfang zu bezahlen sind auf. Oder, wenn sie unbedingt etwas kaufen müssen:
sie warten auf den Preissturz Anfang Februar.

Ich kann es nur empfehlen, es lohnt sich.

Angesichts der Veralltäglichung einer angeblichen Terrorgefahr finde ich hier eine tatsächliche: die Gefahr vor dem Konsumterror, nur gibt es keine Polizei, die etwas dagegen tut.

Eine Runde Mitleid für die Bayern…

Louis van Gaal hat was gegen Joachim Löws 4-tägigen Leistungstest.

Der arme FC Bayern, der sich gerne damit brüstet, den größten Teil des DFB-Kaders zu stellen, sieht sich nun in Schwierigkeiten. Schließlich müsse man sich konzentriert auf das nächste Spiel vorbereiten. Gegen Mainz 05. Aha. Das erfordert von so hochklassigen Spielern wie denen des FCB natürlich enorm viel Vorbereitung und Konzentration.

Am besten wäre es noch, wenn man die Länderspiele und WMs ganz abschaffen würde. Denn Profi-Fußball bedeutet Geld, und das verdient man in der Liga, dem UEFA-Cup und der Championsleague viel eher als bei einer lumpigen WM.

Wer braucht schon altmodische Prestigeduelle? Wozu Ehre? Wozu Eleganz oder – PFUI! – Fairneß? Erfolg, und nur Erfolg zählt.

Schließlich bewegen wir uns nur, um zu überleben, und das tut man heute eben nicht durch die Jagd auf Beute, sondern auf Geld. Wobei man ja noch feststellen muß, daß das Wort „Prestige“ nur deshalb gerechtfertigt ist, weil es bei Weltmeisterschaften im Vergleich zu den Nebenkriegsschauplätzen relativ wenig Geld zu verdienen gibt:

Der DFB zahlt jedem Spieler für ein gewonnenes WM-Finale 300.000 €. Nicht schlecht für 90 Minuten kicken, sollte man meinen.

Soviel zahlt aber die UEFA jedem Verein bereits für ein Unentschieden in einem Gruppenspiel der Euroleague. Ein Sieg bringt das Doppelte, die Prämie für das Erreichen der Vorrunde allein übertrifft das 12-fache: 4400000 €, und zwar kumulativ. D.h. also: die Mannschaft, die das Finale gewinnt, bekommt „nur“ 7000000 €, kann aber inclusive der bis dahin erreichten Runden und der dafür notwendigen Siege bis zu 22700000 € verdient haben.

Und da wundere sich noch einer darüber, daß Vereinsobere und immer mehr auch Spieler auf das Prestige, Nationalspieler im Kader zu haben oder einer zu sein, scheißen. 4 Tage für eine Prestige-Veranstaltung sind gleichbedeutend mit 4 Tagen Fehlen eines Leistungsträgers im Verein, nein, weniger: sie verbrauchen Energie außerhalb der Firma und es besteht das Risiko, sich zu verletzen und somit unbrauchbar zu werden. Ein Bauunternehmen leiht ja auch nicht seinen Bagger an eine Initiative zur Stadtverschönerung aus – er könnte ja kaputt gehen.

Und die Spieler machen das Spiel natürlich gerne mit. Von den Achtungserfolgen bei einer WM spricht kaum einer. Oder kennt noch einer die unterlegenen Spieler aus dem WM-Finale 98? Und falls ja: wer kennt noch die Spieler des WM-Dritten oder Vierten von 2002? Sprich: wenn es nur darum geht, daß Sport sich lohnen muß, hat die WM verloren.

Und wenn jetzt einer kommt und verlangt, daß der DFB mehr Geld an die Spieler auszahlen soll, damit es sich auch lohnt, Nationalspieler zu sein, hat er nichts verstanden. Genausowenig, wie wenn er die Belohnung (Kaffeservice, B-Ware) für die Gewinnerinnen des EM-Finales der Frauen 1989 für einen Akt kommutativer Gerechtigkeit hält.

Das Problem ist nicht, daß es zuwenig Geld für WMs gibt, sondern der, daß es zu viel Geld für den regulären Profifußball gibt. Nicht, daß ich das ändern wollte. Könnte ich nicht mal mit einem Volksentscheid (und der wäre sicher sinnvoller als so mancher Volksentscheid der letzten 2 Monate…). Ich will hier nur erklären, wieso ich den ganzen Mist aus dem Fernsehen nicht mehr ernstnehmen kann. Stattdessen:

ich habe mit alten Herren schon so manch tollen Fußball zelebriert. So wie damals, als ich trotz Sturz über Changs Arthrose-Beine noch den Ball irgendwie vors gegnerische Tor geschnibbelt habe, wo ihn dann der Nino südländisch mit der Hacke aufgenommen hat – weil er ihn nicht gesehen hat. Dabei ist der Ball über einen Huppel gerollt und über die O-Beine von Peter gehüpft. Und da Nino mit seinen 34 Jahren schon ziemlich lahm war, konnte er sein Bein nicht richtig hochziehen. Also traf der Ball sein Knie und das bewirkte einen herrlichen Lupfer, gegen den der Franz völlig machtlos war, Schienbeinschoner hin oder her: das Runde landete im Eckigen und damit meine ich nicht Martins Hackfresse.

Danach sind wir noch ein Bier trinken gegangen und keiner hat seinen dümmlichen Mist in irgendeine Kamera gestammelt, so wie wir das von Idioten wie Ballack, Hoeneß oder seinerzeit Matthäus gewohnt sind. Unseren Mist erzählen wir uns selbst, und zwar fließend. Bis zum 3 Bier natürlich.

DAS ist Fußball.

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