Hatte die CDU vielleicht doch recht?

kastanie05

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Von Stuttgart 21 lernen heißt…

Heute hat der Lenkungskreis zu Stuttgart 21 getagt. 3 Monate zu spät, denn vertraglich ist ein Turnus von 6 Monaten vorgeschrieben. Der letzte Lenkungskreis ist allerdings 9 Monate her.

Von unseren Kindern erwarten wir, dass sie sich an Termine halten.

Bei Stuttgart 21 lernen sie: es ist „normal“, den Zeitrahmen zu überschreiten, denn „Verzögerungen im Rahmen grosser Bauprojekte sind nichts Ungewöhnliches“.

Wir erwarten von ihnen, dass sie sich nicht rausreden.

Bei S21 lernen sie: schuld an gestiegenen Kosten und Zeitverzögerungen sind die Gegner, schuld sind die Extrawünsche (also so was völlig Unnötiges wie Brandschutz), schuld ist die Regierung, aber keinesfalls jene, die S21 planen.

Wir erwarten von ihnen, dass sie die Regeln unserer demokratischen Grundordnung akzeptieren.

Bei S21 lernen sie: die demokratisch gewählte Landesregierung wird diffamiert, weil sie gemäß ihrem Wahlversprechen Bauanträge genauer prüft als es die Bahn tut (was ihr vermutlich geholfen hätte, die Kostenexplosion zu vermeiden).

Wir erwarten von ihnen, mit Geld hauszuhalten.

Bei S21 lernen sie: Geld erbitten, Mehrkosten verursachen, die Schuld dafür abweisen, und das alles als „Normalität“ hinstellen („Ich kenne kaum ein Projekt, das zu dem Betrag fertig wird, den man zuerst ausgerechnet hatte“  – Bundesverkehrsminister Ramsauer).

Wir erwarten von ihnen, Wort zu halten.

Bei S21 lernen sie: man kann, wie Bahnvorstand Grube vor der Volksabstimmung, 4,5 Mrd € als absolute Obergrenze angeben, aber wenn diese Obergrenze 1 Jahr später um 2 Mrd € überschritten wird, ist das „normal“ bei Großprojekten – „Wer mit wahren Zahlen operiert, verliert“.

Wir erwarten von ihnen, Kritik anzunehmen.

Bei S21 lernen sie: Gutachten der Gegenseite und sogar neutrale Gutachten (Bundesrechnungshof Anno 2008) werden ignoriert, stattdessen werden eigene Gutachten in Auftrag gegeben, die den eigenen Kurs nicht korrigieren, sondern bestätigen.

Wir erwarten von ihnen, dass sie lernen, ihre Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Bei S21 lernen sie: Bereitschaftspolizei und Wasserwerfer gegen demonstrierende Kinder, Jugendliche und Rentner. Und Freund Hauk von der CDU kommt dann daher und wirft den Leuten vor, sie hätten ihre „Kinder instrumentalisiert„.

Die konservative Ecke, aus deren Mitte sich die S21-Lobby größtenteils rekrutiert, ist es auch, aus deren Ecke ständige Kritik an Computerspielen wie GTA oder Gangsta-Rappern kommt. Es heisst, unsere Jugend sei verroht, schlecht erzogen, untugendhaft.

Das ist die pure Heuchelei.

Es heißt seitens der S21-Lobby, Zeitverzögerungen und Kostensteigerungen seien völlig normal bei Bauprojekten.

D.h. wie haben uns ein Wirtschaftssystem geschaffen, in dem es völlig normal ist, dass Aussagen nichts gelten (aus 2,6 Mrd € wurden inzwischen 6,8 Mrd €). Dazu folgende Einschätzung Karl Heinz Däkes, ehemaliger Präsident des Bundes deutscher Steuerzahler:

„Denn man braucht politische Entscheidungen. Und die bekommt man offenbar nur, wenn man die Kosten relativ gering hält. Und wenn etwas in Beton gegossen ist, wenn man angefangen hat zu bauen, kann man nicht mehr zurück. Dann muss man weitermachen. Und dann steigen die Kosten“.

Wir pflegen einen Umgang der Egozentrik in der politischen Kultur (Kritik wird diffamiert, Kritiker werden als Spinner, Alkommunisten, Linke Chaoten usw. etikettiert). Wir übernehmen keine Verantwortung für kommende Generationen – wichtig ist, dass jetzt Geschäfte gemacht werden – ob sie sich in Zukunft rechnen oder nicht.

Ich akzeptiere, dass viele Leute einen positivistischen Umgang mit der S21-Misere haben: sie sagen, man könne ja doch nichts daran ändern, es werde ja schon gebaut, ein großer Teil des Hauptbahnhofes sei  ja schon abgerissen usw.

Nur verstehe ich nicht, wie dieselben Leute sich dann über „die“ Manager und „die“ Banker aufregen können, denen ja Egozentrik, Verantwortungslosigkeit und eine „es ist nun mal so“-Mentalität vorgeworfen wird.

Es ist nun mal so und man kann nichts ändern?

WER AUSSER UNS SOLL DENN SONST ETWAS ÄNDERN KÖNNEN?

Wo ist das Problem? Welche Zukunftsvision wäre denn schlimmer:

„…wißt ihr noch, damals? Als rauskam, dass S21 immer teurer wird und immer später fertigwerden soll? Zum Glück haben die das damals gestoppt – lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Man hat den alten Bahnhof saniert und den Park aufgeforstet. Das hat übrigens auch nicht der liebe Gott getan, das haben Firmen aus Baden-Württemberg getan, mit Arbeitern, die Lohn erhalten haben und vom sanierten Bahnhof hat Stuttgart ebenfalls profitiert.“

oder:

„…wißt ihr noch? Als rauskam, dass S21 immer teurer wird und immer später fertigwerden soll?

Damals hat man gedacht: Augen zu und durch. Noch teurer wird’s nicht, noch länger kann es nicht dauern. Und schließlich hatten viele auch Angst vor den Ausstiegskosten, weil ja etliche beteiligte Firmen hätten entschädigt werden müssen. Und dann wurde das Ding durchgezogen.“

Ich habe bei der letzten Vision absichtlich nicht geschrieben, dass es tatsächlich noch teurer geworden ist und noch länger gedauert hat, damit mir keiner vorwerfen kann, ich hätte eine übertrieben düstere Zukunftsvision gezeichnet. Das heißt: alles, was da oben steht, sind unangezweifelte Fakten, wie sie bisher vorliegen. Aber ich gehe jede Wette ein, dass die 6,8 Mrd € und die bisherige Verzögerung von 2 Jahren noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sind. Dazu muß man nur den Verlauf der Chronik anschauen.

Um auf die Frage der Pädagogik zurückzukommen:

Unsere Kinder lernen ja leider nicht, dass dieser Typus Mensch, der S21 verbockt, ein kritikresistenter Wortbrecher, Verschwender, Egomane ist. Sie lernen diesen Typus Mensch als erfolgreich und sexy kennen. Immer mobil, dickes Auto, schönes Haus, durchsetzungsfähig, elegant usw.

DAS ist es, was als erstrebenswert vermittelt wird, weil alles in Geld und Erfolg gemessen wird und in diese Äußerlichkeiten werden Charaktereigenschaften reininterpretiert, die konstruiert sind.

Und DAS ist es, was unsere Kinder in unserer Gesellschaft lernen: all das Gerede von Menschlichkeit, inneren Werten, „gutem“ Handeln und Denken – das ist alles Mumpitz, den uns die Eltern zuhause erzählen, weil sie vom anderen Stern kommen. Aber die Realität ist anders und da muss man sich durchsetzen – mit Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Freundschaft, inneren Werten kommt man nicht weit. Ein dickes Auto bekommt man nur, wenn man sich dick macht, die Ellbogen rausfährt usw.

Die Kinder und Jugendlichen sind nicht daran schuld, dass sie Bushido und Sido gut finden. Daran sind wir selbst schuld. Mit jedem Stück Konsum verhelfen wir Bushidos „Stress ohne Grund“ in die Charts, selbst, wenn wir es gar nicht hören. Das müssen wir auch gar nicht. Der weltweite Konsum schafft eine Welle aus Scheisse, auf der manche besser reiten können als andere und Bushido ist der Kelly Slater der Konsumgesellschaft.

Entgleist

Seltsam. Vor 2 Jahren, am 30.09.2010 erfuhr ich bruchstückhaft und aus der Ferne (Wiesbaden) von den Vorgängen im mittleren Schloßgarten, von weinenden Kindern, von prügelnden Polizisten und einem ausgeschossene Auge.

Der Protest hat sich seitdem segmentiert, differenziert, radikalisiert, abgekühlt, alles gleichzeitig.
Er ist zu einer Bühne, einem Epos, einem Trauerspiel, einer Komödie, einer Farce geworden, alles gleichzeitig.
Er war das Ende der passiven Bürgerschaft, der CDU-Hegemonie in Baden-Württemberg, der Tabuisierung kritischer Fragen an Politik und Wirtschaft, er wurde zum Anfang einer neuen Bewegung, die selbst mit der Macht in Berührung gekommen ist – gleichzeitig.
Er war die gleichzeitige Bewegung vieler gegen die Konformität und gleichzeitig begannen viele darin, Normen zu bilden und sich konform zu verhalten sowie „normales“ und „deviantes“ Verhalten zu definieren – und beides gleichzeitig – das ging nun wirklich nicht.

„Den Protest“ – einen solchen als Einheit gibt es nicht mehr. Die wenigen hundert Leute, die nach wie vor Montagsdemos veranstalten, stehen schon alleine ihrer geringen Zahl wegen nicht für die >100000 Bürger, die sich am 1. Oktober 2010, also einen Tag nach dem „schwarzen Donnerstag“, im Schloßgarten versammelt hatten, um gegen das Vorgehen der schwarz-gelben Landesregierung zu protestieren. Es gingen nicht nur viele weitere Bewegungen aus dieser hervor, viele fanden durch sie erst eine Stimme bzw. ihre Stimme wurde erst hier gehört. Verschaffte sich der enttäuschte Wähler ein Jahr vorher noch bestenfalls mit den „Yeahhh“-Flashmobs auf Regierungsveranstaltungen auf satirische und zynische Weise Ausdruck, ging es hier bitterernst zur Sache. Was wiederum alle einte, die aus diesem (S21) oder einem anderen Grund unzufrieden waren mit der Politik. Man könnte auch sagen: war S21 ein Symbol für die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Politik, so war der 30. September die direkte, die konkrete Auseinandersetzung zwischen ihnen. Der 30. September – und damit meine ich nicht nur genau dieses Datum, sondern auch die Demo der Hunterttausend am Tag danach und letztlich auch den Punkt, an dem die öffentliche Wahrnehmung eine Kehrtwende machte . war ein Moment, und Momente vergehen.

Insofern war es eben doch nicht alles gleichzeitig, was passiert ist. Wir haben es gleichzeitig wahrgenommen. Es gab Momente, da waren ein paar wenige bei den Demos – ich kam „erst“ dazu, als es um die 1500 Leute waren. In Erinnerung aber bleibt der Moment, an dem 100000 gegen Mappus und Rech protestiert haben. Ablehnung und Stigmatisierung durch Politiker gab es auch schon vorher, aber die Prügel vom 30. September haben sich uns eher ins Hirn gebrannt als der Vorwurf des Vandalismus, als S21-Demonstranten die „Dialog“-Broschüre vor Drechslers Büro geworfen haben. Auch die unterschiedlichen Ansichten darüber, welche Aktionen noch OK sind und welche schon am Rande der Nötigung oder gar Gewalt, gab es bei den Parkschützern schon lange, nur wurde eben nicht über die Diskussionen, sondern die Durchführung der Verkehrsblockaden oder den Sturm auf den Bauzaun berichtet.

Ich hatte manchmal das Gefühl, daß die Leute ihr eigenes Image geglaubt haben. So als hätte es kein Vorher gegeben und als dürfte deshalb das Nachher auch nicht sein. Als der Teilnehmerschwund bei den Demos anfing, hieß es immer wieder „wir müssen dies oder jenes zu machen, um wieder so viele zu werden wie damals…“. Quatsch mit Soße. War der Protest unterhalb der Teilnehmerzahl vor der ersten bahnbrechenden Demo mit 16000 Leuten Ende Juli 2010 weniger wert? Teilnehmerzahlen haben nichts mit dem Inhalt, sondern mit der Wahrnehmung einer Sache zu tun, und diese Wahrnehmung hat mit jeder Montagsdemo abgenommen. Inflationäres Appellieren führt zu Taubheit, verstehen Sie?
Diesen Moment festzuhalten, war unmöglich und auch unnötig. Ich erinnere mich an den Tag, als Bahnchef Grube n der Liederhalle weilte, um ein Konzert zu hören (hieß es). Die Demomenge machte sich selbständig und ging vor die Liederhalle, skandierte und machte ihrem Unmut Luft. Ich selbst fühlte Wut in mir aufsteigen und fragte mich dann: auf wen bin ich eigentlich wütend? Auf einen Menschen, den ich nicht mal kenne? Und wenn es nicht um den Menschen, sondern den Chef eines Konzernes geht, warum greife ich dann den Konzern nicht an? Weil man einen Menschen leichter angreifen kann als einen abstrakten Konzern? Ich weiß, daß die Demonstrationen überwiegend friedlich waren – sonst wäre ich nicht hingegangen. Aber immer gab es auch Leute, die den Eindruck gemacht haben, als wollten sie die Sache eskalieren lassen, so, als sei der 30. September ein Glücksfall für den Protest gewesen, denn schließlich bedeutete er den Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung – bundesweit und sogar international. Glücklicherweise hatten die Eskalationswilligen keinen Erfolg, weil der Stuttgarter Protest gegen S21 überwiegend aus friedliebenden Menschen bestand.
Allerdings kamen dann andere Zeiten. Die Abwahl der CDU/FDP-Regierung in BaWü war gerade einmal per Hochrechnung festgestellt, da gingen diese wenigen unfriedlichen Leute den Bauzaun am Nordflügel einreißen. Selbst, von Hand und von Fuß, sozusagen. Es gab wohl ein paar Rangeleien und da sagte mir Floyd vom Fakeblog: „naja, weißt doch wie es ist: 99 % demonstrieren friedlich und wenn das eine Prozent was anderes tut, sind sofort die Kameras der Presse dabei und stellen es so dar, als seien alle S21-Gegner so“.
Kann sein, daß es so ist (wobei ich mich frage, wieso die 99 % in diesem Moment nicht in der Lage waren, dem einen Prozent einen Riegel vorzuschieben), aber das war nicht meine Kritik. Die bezog sich auf Matthias v. Hermann, der dann in der Lage war, ein offizielles Statement rauszuhauen, in dem er die Bauzaun-Einreiß-Aktion guthieß. Was an sich schlimm genug gewesen wäre, wenn nicht die Reaktionen innerhalb der Parkschützer teilweise befürwortend gewesen wären. Klartext: es gab Leute, die gut fanden, daß Matthias v. Hermann das mit dem Bauzaun gutfand. Und das fand ich nicht gut.
Ich kann die vielen ähnlichen Erlebnisse innerhalb dieses Protests nicht aufzählen, will ich auch gar nicht. Es geht mir auch nicht darum, jemanden davon zu überzeugen, daß der Protest gut oder schlecht gewesen sei, denn Material dazu ist zur Genüge vorhanden, um sich selbst ein Bild zu machen. Mir geht es nur darum, die Segmentierung und Differenzierung aufzuzeigen und zwar als einen normalen Vorgang, nicht als etwas fremdgesteuertes. Es ist nicht nur normal, es ist gut, daß der Protest einen Wandel und eine Auflösung erfahren hat. Ich bin immer noch gegen den Tiefbahnhof, aber ich werde nicht jahrelang mit Parkschützern diskutieren, ob Verkehrsblockaden sinnvoll sind oder nicht.
Ich halte Politik eh für eine vergebliche Versuchung, es sei denn, sie durchdringt einen durch und durch. Diese Authenzität nehme ich Leuten wie Putte bspw. ab, dessen Meinung ich nicht immer teile, dem ich aber abnehme, daß er sie mit seinem Inneren teilt. Sie lachen? Da kennen ich aber leider viele Leute, die das eine daherlabern und das andere meinen und wiederum was anderes praktizieren. Und sowas gab es haufenweise im Protest. Wiederum komisch: es ist vor allem das, was einzelne Menschen im persönlichen Kontakt getan und gesagt haben, das meine Identifikation mit dem Protest verringert hat. Pech gehabt? Mitnichten. Das ist kein Zufall: der Protest funktioniert so gut, weil er „aus hehren Zielen“ besteht und vereinfachend das gute Volk der bösen Politik gegenüberstellt. Natürlich. Alle anderen böse, wir gut. Funktioniert aber nicht für mich. Weil: lernt man die Leute privat kennen, will man die Hälfte auch schon wieder vergessen. Like für den Protest, Kommentar für die Menschen im Protest, um mal facebook-Sprache zu verwenden…

Jedenfalls jährt sich nun dieser Tag, der als Tiefpunkt den Höhepunkt des Protests gegen S21 in die Wege geleitet hat und trotz meiner Entfremdung zum Protest denke ich jedesmal, wenn ich den Umbau und vor allem die Antizipation des „tollen“ Ergebnisses, also das Bankenviertel und die Bücherei samt geplantem Schniegel-Viertel sehe: scheiße, wer kann so blöd sein, diesen Mist tatsächlich bauen zu wollen? In diesem Sinne: oben bleiben. Inzwischen vielleicht ohne Ausrufezeichen, aber nicht minder bestimmt.

Und ausgerechnet heute, wo ich, wie damals vor 2 Jahren (minus 1 Tag) aus Wiesbaden komme, passiert dann das:

Und noch eines:

Hier noch ein Video auf youtube von der Entgleisung (Dank an Antix).

Borna Großdemo gegen Stuttgart 21 am 20.11.2010

Wenn Rockenbauch furzt…

Der SWR mal wieder…

Ich war heute auf der Demo gegen Stuttgart 21. Der SWR behauptet folgendes:

„Der Leiter des Theaterhauses Stuttgart, Werner Schretzmeier, sagte, niemand habe etwas gegen einen modernen Bahnhof. Er könne sich jedoch nicht erinnern, wann sich Politiker so vehement für die Bildung eingesetzt hätten und sprach von Verschwendung.“
Screenshot:

Dann darf Fr. Gönner sich über das Motto der Demo empören:

Wenn man das als Unbeteiligter / Unwissender liest, denkt man doch so was wie:
„Ach ja, die Künstler… egal, wie gut sie sind, von Politik haben sie ja doch keine Ahnung“
„man kann nicht einfach Äpfel mit Birnen aufrechnen“
„Soziales und Verkehr sind doch zwei völlig verschiedene Töpfe“
usw.

Tja, nur leider hat der SWR offensichtlich „vergessen“, daß Schretzmeier das Wort „KOPFbahnhof“ benutzt hatte.

Nur ein Wort? Unwichtig? Mitnichten!

Hätte Schretzmann „Bahnhof“ gesagt, hätte man ihm unterstellen können, er sei einfach nur neidisch, weil in Zeiten knapper Kassen halt eben auch an der Kultur gespart wird. Und da stürze man sich eben auf jedes womöglich noch so sinnvolle Projekt wie einen modernen Bahnhof, gegen den man ja nichts habe.

Das hat Schretzmann aber nicht gesagt. Er ist NICHT einfach für irgendeinen modernen Bahnhof. Er ist komplett gegen DIESEN neuen S21-Bahnhof, weil es gute Argumente gegen ihn gibt. Und DAZU ist es empörend, daß er in seiner Branche – wie jeder andere in seiner Branche – beobachten muß, wie dauernd „kein Geld“ mehr da sein soll.
Er ist ABSOLUT für einen modernen KOPFbahnhof.

Der SWR stützt damit die Fehlanalyse der CDU, das Projekt sei ja ganz OK, aber eben nicht richtig kommuniziert. Man müsse nur die richtige PR machen, es den (dummen) Leuten klarmachen…

Eines noch zu Frau Gönner:

sie widerspricht sich selbst. Zuerst bestreitet sie einen Zusammenhang zwischen der Wirtschaftlichkeit von S21 und Sozialausgaben – dann nämlich, wenn die Projektgegner davon ausgehen, daß der Bahnhof unwirtschaftlich ist und Löcher in die Kassen reißt.
Und dann macht sie in alter CDU-Manier weis, daß die Wirtschaftlichkeit von S21 sich auf die Steuern und somit positiv auf Sozialausgaben auswirke.

Wie kann man sich derart widersprechen?

Mal ganz abgesehen davon frage ich mich, warum dieser Gedankengang Gedankenirrweg dem SWR einen Absatz wert ist. Wenn Rockenbauch furzt, dann stehts ja auch nicht im Artikel über die Pro-21-„Demo“.

Volksverhetzung auf Pro-S21-Veranstaltung

Nach der Demo, bei der laut Angaben der Veranstalter 50000 Menschen da gewesen sind, habe ich noch an einem spontanen Demozug teilgenommen. Der wurde von der Polizei auf die Konrad-Adenauer-Straße gelenkt, vorbei an einem von Bereitschaftspolizei gesicherten Landtag… für den sich kein Schwein interessiert hat.


(Souvenir aus Berlin, hat irgendwie auch was mit Demokratie zu tun, aber was nur…? Man beachte das Detail ;-))
(Foto Nr. 1)

Wir (also ich und der andere, nicht der ganze Demozug) sind dann einfach mal zur Pro-Demo gegangen. Die dort vorhandene Menge schätze ich auf ca 2000 – 3000 Menschen, allerdings waren einige der dort Anwesenden Gegner von S21.

Dabei fiel mir nach einiger Zeit ein Banner auf, den ich Euch nicht vorenthalten möchte:


(Foto Nr. 2)

Da bleibt einem erst Mal die Spucke weg. Begriffe schwirren durch meinen Kopf… Diffamierung? Volksverhetzung? Bagatellisierung des Holocaust? Verleumdung? Verletzung der Friedenspflicht? Alles gleichzeitig?

Ich habe diesen Banner gegen 17.00 Uhr fotografiert. Als ich die übriggebliebenen Grüppchen der Befürworter gegen 18.00 Uhr verlassen habe, war er inzwischen nicht mehr da.

Dabei fiel mir folgender Gesell auf:


(Foto Nr. 3)

Wir sehen: man darf sogar gegen das Vermummungsverbot verstoßen, wenn man auf der richtigen opportunen Seite ist.

Während der Veranstaltung versuchte ein Krankenwagen, durch die Menge der Befürworter zu kommen. Dies gelang zunächst nicht. Einer der Redner mußte erst von der Bühne aus dazu auffordern, dann kam der Krankenwagen langsam durch.
Angeblich kam der Rettungswagen aus anderen Gründen nicht durch. Dazu gibt es widersprüchliche Angaben in den Kommentaren, von im Weg stehenden Pollern bis zu einem nicht gefundenen RTW-Schlüssel.
Ich ändere dennoch diese Passage und weise darauf hin, daß etwas derartiges in etablierten Medien und schon gar nicht von Befürworterseite geschehen ist, als sich das Gerücht, eine Frau sei im RTW nicht durch die Menge der Gegner-Demonstranten gekommen und deshalb verstorben, als solches bestätigt hatte: das Katharinenhospital bestätigte, daß die Frau bereits vor Antritt der Fahrt ins KH verstorben war.

Selbiges beim Verlassen der Veranstaltung:


(Foto Nr. 4)

Ob dadurch wohl jemand zu Schaden gekommen ist?Laut Kommentaren (siehe unten) nicht. Das freut mich.

Jedenfalls wundert es mich nicht, wieso diese Veranstaltung trotz massiven PR-Aktionismus´(Ausschank von Wein und Sekt, Darreichung von Schnittchen, kostenlose Busfahrten zur „Demo“ usw.) so schlecht besucht war:
warum sollten Menschen für etwas demonstrieren, das von den Mächtigen mit aller Gewalt durchgedrückt wird? Wer gerne Marionette spielt, wird das sicher tun, aber mehr 3000 Leute habe ich nicht gesehen.
Ein Blick hinter die Kulissen enttarnt, woher die Plakate kommen und erklärt bestens, was mit „Filz“ gemeint ist:

(Foto Nr. 5: teric)

Kein Kommentar zu diesem Foto:


(Foto Nr. 6: Anja vom KOPF_HOCH_TEAM)

Eines noch:

in der Landesschau wurden die Zahlen mal wieder verfälscht, dennoch sprachen selbst diese verfälschten Zahlen eine deutliche Sprache: angeblich 8000 pro, 16000 contra das Projekt.
Witzig war ja auch, daß jeder Stuttgarter oder einer, der in Stuttgart mal shoppen war, erkannt hat, daß beim Kameraschwenk über das pro-Publikum die Königsstraße, also die Einkaufsmeile Stuttgarts gezeigt worden war.

Und jetzt kommt das beste:

mitten in die Einkaufsmeile haben die das da gestellt:


(Foto Nr. 7)

Absperrgitter, und zwar nicht direkt vor der Bühne, sondern gut 30 Meter davor. Jeder, der schon mal an dieser Stelle war, weiß: das ist quer zur Laufrichtung der Shopping-Kundschaft. Somit entsteht ein Stau und bis Ortsunkundige es geschafft haben, dieser Barriere auszuweichen, ist schon mal der eine oder andere Schwenk fürs Staatsfernsehen gemacht, der dann 8000 Befürworter suggeriert.

Dazu hier nochmal ein Foto, das ich beschriftet habe:

(Foto Nr. 8a, Quelle: trueten.de)

Und hier nochmal im Detail:

(Foto 8b)

Solange die Befürworter sich derart arrogant verhalten, solange sie also so offensichtlich damit rechnen, daß keiner den groben Unfug bemerkt, den die veranstalten, um mit Tricks und Übertreibung wenigstens auf die Hälfte der runtergefakten Gegnerzahlen zu kommen, solange brauchen wir keinerlei PR. Das erledigen die schon selbst und bisher hat es ja auch wunderbar funktioniert.

Und wenn die jetzt denken, daß sie sich noch schlauere Tricks einfallen lassen müssen, empfehle ich einfach mal: umdenken und zur Moral zurückkehren. Das ist immer gut, ob es opportun ist oder nicht, denn die Tugend trägt den Lohn in sich.

Und darum:

Update:

ich habe folgende Fotos der Pro-Demo im Netz gefunden (Autor bitte bei mir melden!) und sie auf Gipm zusammengeschoben. Soll mal jeder selber zählen: sind das, wie von den Befürwortern behauptet, 10000 Leute?


(Foto Nr. 9)

Da dies aus zwei Fotos zusammengesetzt ist, bei denen der Fotograf einen Schwenk gemacht hat, sind zwangsläufig Überschneidungen drin. Deshalb habe ich die Überschneidung etwa bei der Mitte der Menge (nicht der absoluten Mitte des Bildes!) angesetzt. Das führt dazu, daß im oberen Teil Menschen nicht und unteren Teil Menschen doppelt auf dem Bild sind, was man an den Hinweisen in Punkt 1. und 2. erkennt. Ich denke, daß sich beide Mengen die Waage halten.

Update:


(Foto Nr. 10)

Links:

„Demokratisches Stuttgart“ zur Frauenfeindlichkeit in Werbekampagnen der Projekt-Befürworter

trueten.de: S21-Veranstaltung ein Flop

Bei Abriss Aufstand

Kopfbahnhof 21

Konzerthinweis:

Stuttgart 21 Spezial: Lange Nacht des Autos
Konzert-Hinweis:

Im Rahmen der langen Nacht des Autos gibts neben Redebeiträgen und einer Video-Installation einen Mini-Gig mit 3 Songs von mir zu hören.

Wo: Wagenhallen, Innerer Nordbahnhof 1, 70191 Stuttgart
Wann: 28.10.2010, zwischen 21.00 und 22.00 Uhr
Eintritt: frei

UPDATE:

Screenshot vom 25.10.2010: SWR-Online-Nachrichten

10000…dabei sprach die Polizei selbst bereits von 60000 am 01.10.

Protest S21: äh…in welcher Richtung halte ich den Lauf?

Über die Vorkommnisse am 30.09. im Stuttgarter Schloßgarten brauche ich ja wohl keine Worte mehr zu verlieren, als ich es bereits hier und hier getan habe.

Sie hatten die Bundesrepublik aufgerüttelt. Zu viele Augenzeugen, zu viele youtube-Videos hatten die Medienmaschinerie etablierter Politik entlarvt. Der einzige Weg für ebendiese, einigermaßen trocken aus dem Sturm der Entrüstung, den diese Bilder und Berichte ausgelöst hatten, rauszukommen, wäre eine Entschuldigung, wären rollende Köpfe gewesen. Und weil die Maschinerie genau das nicht zuließ (wer übernimmt schon freiwillig die Verantwortung für ein Desaster?), wurde trotz des Übermaßes an Gegenberweisen die UNwahrheit verbreitet, Rentner und Schüler hätten eine paramilitärisch ausgerüstete Polizei zu hartem Durchgreifen provoziert. Und genau das hat wiederum zu noch mehr Protesten geführt. Ergebnis: die Demonstrationen am 01.10., 04.10. und 08.10. waren die bis dato größten mit 100000, 55000 und 150000 Menschen.

Nun war gestern die angekündigte Großdemo mit Konstantin Wecker am Schloßplatz. Es war kalt und nieselig und demnach sind ca. 25000 Demonstranten durchaus als Erfolg zu sehen – die Samstagsdemos waren bisher immer eher enttäuschend.

Gegen Ende jedoch wurde es dann leicht spannend, als das Gerücht über Twitter verbreitet wurde, daß ca. 40 Personen den Südflügel besetzt hätten. Kurz danach wurde das auch live als Video von drinnen gestreamt. Um die 9000 Betrachter bewiesen, wie sehr die Bilder vom 30.09. das Bewußtsein um zivilen Ungehorsam und die Reaktion der Polizei darauf geprägt hatten, wie groß das Interesse an den Vorkommnissen um S21 herum inzwischen ist.

Die Kamera war fast andauernd auf die Brandschutztür gerichtet – diese war verschlossen und um die aufzubrechen, bedarf es eines Rammbocks der Größe Gronds.

Irgendwann kam die Polizei auf die Idee, die Angeln, das Schloß und den Türschließer zu flexen, was im gefühlt 17. Versuch dann auch gelang.

Die Spannung stieg und während die Rammstöße die Tür immer ein wenig mehr aus den Angeln drückten, hatte man als Twitter-Konsument genügend Zeit, sich die Erstürmung des besetzten Südflügels in allerfeinster GSG9-Manier vorzustellen.

Und dann kam der heiß ersehnte Moment. Die Tür flog auf und aus etwas Rauch und Staub kam…

…nicht Darth Vader. Auch nicht Rambo.

Da standen zwei PolizistInnen mit Neon-Weste flankiert von ein paar BePos. Sie liefen ganz entspannt auf die Besetzer zu und fragten nach dem Sprecher der Gruppe. Dem übermittelten sie in schwäbelndem Hochdeutsch relaxed die Aufforderung, das Gebäude in kleinen Gruppen zu verlassen.
Dies geschah und alles war vorbei.

Irgendwie blieb ein Gefühl der Ratlosigkeit…
was hatte diese Aktion nun bewirkt?

Die Parkschützer sprechen heute von einer wichtigen PR-Aktion.

Nun, dem widerspreche ich aus vielerlei Gründen.

Zunächst einmal ist eine PR-Aktion geplant. Das war diese Aktion zwar auch, aber zur Planung gehört meiner Meinung nach vor allem die Frage, wie bei einer inszenierten Auseinandersetzung das Verhalten der Akteure in der Öffentlichkeit bewertet werden wird. Was bleibt am Ende im kollektiven Gedächtnis haften? Welche Assoziation wird durch das Wort „Südflügelbesetzung“ beim Normalbürger – und die wollen wir ja erreichen! – ausgelöst werden?
Ich denke, es wird folgender Gedanke sein: „Och, die Polizei war ja ganz niedlich…“.

Wenn also das Ziel der Aktion war, auf das Verhalten der Polizei hinzuweisen, dann ist das in einer Art gelungen, die sicher nicht erwünscht war: die Polizei hat sich völlig vorbildlich verhalten. So hätte man sich das am 30.09. gewünscht.

Nicht, daß ich mir gewünscht hätte, die Polizei hätte sich gestern wie am 30.09. verhalten, keineswegs! Ich bin zwar überwältigt von der Welle der Solidarität, die der unverhältnismäßige Einsatz der Polizei an jenem Tag in der Republik ausgelöst hatte und freue mich darüber. Aber ich würde mich natürlich nicht über eine weitere Gewalt-Eskalation freuen. Wer die Eskalation jenes Donnerstags im Hinblick auf den Auftrieb, den die Protestbewegung dadurch erhalten hat, als in diesem Sinne positiv und womöglich wiederholenswert bewertet, hat da irgendetwas nicht verstanden. Die Polizei hat sich also zum Glück vorbildlich verhalten.

Aber war das Glück?

Nein.

Sie hat sich vollkommen absichtlich vorbildlich verhalten.

Klingt seltsam? Nun, man stelle sich vor, wie Rech und Mappus gestern Abend in der Kantine des Landtages zusammensitzen und ein weiteres Mal darüber grubeln, wie sie das Image der Prügelpolizei loswerden können.
Und dann sagt Mappus: „Vielleicht könnten wir ja eine Aktion zivilen Ungehorsams inszenieren, die wir dann durch Kuschelpolizei auflösen…?“
Und der Rech so: „Nee, das blickt doch jeder, daß das inszeniert ist. Wozu sollten die Demonstranten eine Aktion durchführen, bei der sie sich dann von der Polizei zur Ordnung bitten lassen und dem dann auch noch Folge leisten?“
Mappus so: „Stimmt, ja. Und dann wäre ja noch die Frage, welchen Akt des zivilen Ungehorsams die im Moment vollbringen könnten…es wird im Moment ja nirgends abgerissen. So blöd sind die auch nicht.“
Rechs Handy klingelt (Nationalhymne). Der nimmt den Anruf an und nach kurzer Zeit erhellt sich sein Gesicht.
Anschließend Rech zu Mappus: „Vergiß meinen letzten Satz. Die sind so blöd und haben den Südflügel besetzt.“
Und der Mappus dann: „Also los: wir präsentieren den Medien die friedlichste Aktion, die man je bei der Räumung einer Hausbesetzung gesehen hat.“

Einen weiteren Grund habe ich Rech gerade eben in den Mund gelegt. Stellt Euch mal vor, die verbarrikadieren sich da drin und natürlich muß die Polizei abriegeln – nennt mir einen einzigen Menschen in Deutschland, der dafür kein Verständnis hätte. Und dann ließe sie die Besetzer einfach drinnen schmoren…weil durch die Besetzung des Südflügels nichts, rein gar nichts verhindert wird. Die Arbeiten dort ruhen sowieso und S21 wird zumindest dadurch überhaupt nicht verhindert, kein bißchen.

Und dann müssen die ganz kleinlaut nach 3 – 4 Tagen darum bitten, daß man sie rausläßt, weil sie endlich wieder anständig scheißen wollen, geschweige denn von dem Umstand des Hungers bzw. Durstes, der Übernächtigung und womöglich, weil die am Montag zur Schule oder zur Arbeit müssen…das Ganze ist noch glimpflich verlaufen. Es hätte ein PR-Desaster werden können.

Wann beginnen die Leute endlich mal, zu denken?

Wozu einen Südflügel besetzen, der im Moment nicht abgerissen wird? Wozu das Spiel an sich reißen, wenn der Gegner die Trümpfe in der Hand hält? Das ist so, als hätte der starke Junge von nebenan einem den Ball zurückgegeben, nachdem die Mama interveniert hat und man läge ihm den Ball vor die Füße und nähme ihn wieder weg, damit es so aussieht, als sei man stark…

Ich habe kein Problem mit organischem zivilem Ungehorsam – eine Menge von 100000 Menschen setzt sich, wie bei den letzten Demos, irgendwann einfach in Bewegung, da kann man nichts machen, dann gibt es einfach einen Demozug, ob der geplant war oder nicht.
Und wenn jeder weiß, daß der Grube in der Liedehalle ist und der IHK die Show vorspielt, die sie sehen will – also Rendite-Hochrechnungen -, dann ist es für mich vollkommen OK, wenn Menschen, die ein paar hundert Meter weiter gegen all das demonstrieren, zur Liederhalle ziehen, um friedlich, aber lautstark zu protestieren.

Daß diese Menge dann aber die Tiefgarage blockiert oder Autos mit Aufklebern zukleistert, obwohl sie damit Gegner und Befürworter des Projektes schädigt ist genauso dumm wie die klägliche Vorstellung der Besetzer gestern abend, denn man muß sich, wenn man schon den Kampf um die Selbstinszenierung eingeht, immer fragen: wie sehe ich dabei aus bzw.: wer geht aus diesem Kampf als Sieger hervor?

Es war die Polizei.

Ich könnte mir vorstellen, daß so manch einer gestern gesagt hat: hach ja, es gibt sie noch, „unsere“ friedliebende Landespolizei – und das völlig zurecht! Ich bin von Politessen fürs Falschparken schon blöder angemacht worden als die Besetzer gestern von der Polizei…

Verstehe mich bitte keiner falsch: inhaltlich ist mein Standpunkt zur S21 der Gleiche wie zuvor. Ich gehe sogar weiter: meine Bewertung des Vorgehens der Polizei vom 30.09. ist durch den gestrigen Akt in keiner Weise beeinflußt – der 30.09. steht für ein barbarisches Vorgehen der Polizei.
Aber was denkt der bisher Unbeteiligte? Noch schlimmer: was denken jene, die bisher aus reiner Loyalität für S21 waren, zwischenzeitlich aber aufgrund der skandalösen Vorkommnisse am 30.09. ins Wanken geraten waren?

Das muß man einfach im Auge behalten. Diese Auseinandersetzung findet über die Medien statt – kein Schwein hat sich für die 4000 Leute interessiert, vor denen ich im Mai gestanden bin. Nun sind es (abgesehen von gestern) 100000 und mehr, weil der einfache Wille des Volkes auf mehr Beteiligung an der Politik mit Füßen getreten worden ist und sich die etablierte Politik entblößt hat. Man konnte den 30.09. nicht planen, denn die Proteste waren organisch, frei, ungezwungen und die Ausschreitungen nicht inszeniert, zumindest nicht seitens der Demonstranten. Genau das Gegenteil gilt für die Seite der Projekt-Verantwortlichen einschließlich Einsatzkommandos der Polizei.

Das nun wiederholen zu wollen, nur, weil es aus 5000 Leuten 50000, 100000, 150000 gemacht hat, ist dumm. So was wie am 30.09. kann und darf sich nicht wiederholen.

Also muß man im Kopf durchspielen, was passiert, wenn man bewußt mit den Medien spielt.

Der 30.09. reicht als Beweis staatlichen Willens zur Durchsetzung seiner Macht gegenüber den Bürgern. Warum soll man das „toppen“?

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