Die wahren Gründe für den U2 – Apple – Shitstorm

Empörung.

„Apple forces shitty U2 Album on me“

Dieser Mann hat ein Problem. Er wurde beschenkt. Richtig gelesen, das ist ein Problem für ihn. Warum? Weil er nicht gefragt worden ist, ob er überhaupt beschenkt werden will. So wie viele iTunes-Nutzer wachte er eines morgens auf und fand das neue U2-Album auf seinem iPod / Smartphone / Tablet was-auch-immer, geschenkt. Das war kein Versehen, sondern Absicht und sollte sowohl U2 als auch iTunes und eigentlich den Usern nützen. Stattdessen:

„Apple zwängt mir das beschissene U2-Album auf.“ – das klingt nach Gewalt. Gewalt an mir kleinem User durch den Multi-Milliarden-Konzern Apple. Von „aggressiven Marketing-Strategien“ ist andernorts die Rede.

„Apple forces shitty U2 Album on me“ ruft also einer der fliegenden Kackbollen aus dem dahinwütenden Shitstorm gegen das unerbetene Geschenk an alle iTunes-Nutzer via youtube aus sich heraus. U2 verschenken ihr Album, doch keiner will es. Behauptet zumindest die Community.

Ich frage mich nun, wieso ein einfaches „Nein, danke.“ nicht ausreicht, sondern stattdessen der besagte Shitstorm entstanden ist.

Weil die Musik schlecht ist?

Nein, ich will U2 als Band überhaupt nicht in Schutz nehmen. Vielleicht ist ihr Album wirklich schlecht, kann ja sein. Aber schlechte Alben – noch dazu welche, für die man nichts bezahlt hat – lösen in der Regel keinen Shitstom aus.

Ohne das U2-Album zu kennen, erkenne ich den Kritikpunkt an, dass sie jungen Leuten nichts mehr zu sagen haben. Wie denn auch? Die Jugend sucht sich ihre Helden selber. Das war bei Bono, der vor seiner Karriere so gegen ´77 brav auf Punk-Konzerten rebelliert hat, nicht anders als bei den Kiddies heute. Insofern ist Popmusik nur dann ein Geschenk, wenn der Beschenkte dieses auch als Pop definiert – und das war noch nie der Fall bei der Musik von 60-jährigen. Aber für den puren Hass reicht das auch nicht aus, denn: man kann diesem Opa samt Kapelle von seinem iPod löschen, ganz einfach. Ehrlich, Fahrstuhl-Musik ist aufgezwängter als dieses U2-Album, denn letzteres kann man löschen, den Muzak im Lift aber nicht.

Weil hier klar wird, dass U2 und Apple Marken sind?

Ich erkenne ebenfalls den Kritikpunkt an, dass hinter diesem Geschenk nicht mehr als ein Joint-Venture steckt. Es sollen mehr iTunes-Versionen runtergeladen werden und U2 könnten eine bessere Werbekampagne nirgendwo sonst bekommen. Win / Win, ein Begriff aus der Geschäftswelt. Da höre ich schon den Aufschrei… U2? Geschäft? Das ist doch eigentlich Rock ´n ´Roll… scheisse, wer daran noch glaubt, gehört weggeschlossen. Wofür sonst als für Geld arbeiten Musiker, arbeitete Steve Jobs? Selbst die höchst krediblen Motörhead sind reich oder doch zumindest so wohlhabend, dass Lemmy nie arbeiten musste und immer genug Geld für Drogen und Weiber hatte. Und selbstverständlich hat er ein Management. Die Apple-Jünger mögen genauso fanatisch sein, aber zumindest haben sie Rock ´n´ Roll – Fans die Einsicht voraus, dass auch ihr Objekt der Anbetung eigentlich Geld verdienen will. Die Beweihräucherung heben sie sich für Steve Jobs auf. Also: trotz Rock ´n´ Roll und Business-Punk Jobs bleibt dieses Album eben nicht mehr und nicht weniger als ein Joint-Venture-Werbegeschenk. Das gab es bei jeder CD, jeder Platte in Form von limited Editions und Stickern und weiss nicht was. Nur, dass das Geschenk dieses Mal gleich das ganze Album ist. Und zwar eines, das man von seinem iPod löschen kann.

Weil es Werbung ist?

Werbung ist überall und nicht, dass jetzt jemand glaubt, ich sei ein Freund von Werbung – ich hasse sie. Aber dann frage ich mich, wieso sich die Leute ausgerechnet via youtube über U2/Apple aufregen, während doch gerade auf youtube immer mehr Werbung geschalten wird? Mal ganz abgesehen davon, dass youtube zu google gehört, jenem Datenkraken, der seit Jahren beides tut: Geschenke verteilen UND Daten sammeln, um z.B. gezielt Werbung zu schalten.

Ach, und wo wir schon mal bei Datenschutz und Werbung sind: Apple macht da schon lange keiner mehr was vor. Die verstehen dieses Geschäft blendend seit Jahren und gehören zu den Vorreitern in diesem Segment. Wer sich einen iPod oder ein iPhone kauft, wird automatisch erst einmal ausspioniert, bis er selbst Hand anlegt und manuell die Einstellungen diesbezüglich ändert.

D.h. all jene, die sich darüber aufregen, gewaltsam beschenkt worden zu sein (pffft…), unterstützen eben diese Form von Gewalt dadurch, dass sie Hardware, Software und Internetportale nutzen, die per se Werbung schalten. Es ist deutlich einfacher, das U2-Album von seinem iPod zu löschen, als die Geräte der Marke Apple auf „anonym“ und „Datenschutz“ zu stellen. Falls das überhaupt möglich ist.

Weil die schöne, heile Internet-Welt zerstört wird?

Der Glaube an das Internet als etwas per se Heilbringendes hält sich hartnäckig, und das, obwohl eben dieses Internet seit je her kommerzialisiert wird. Sicher, allein die Masse der „einfachen“ Internetuser hat Freeware, Open-Source und Wikipedia hervorgebracht, aber ebenso hat es auch Spam, Pop-Ups und Ad-ware hervorgebracht. Von den legalen Ablegern / Vorläufern dieser unliebsamen Erscheinungen mal ganz abgesehen. Erinnert sich noch jemand an frühe Nero-Burning-Rom-Versionen? Die wieder von der Platte zu kriegen, war ein kleines Kunststück. Da ist das Löschen des U2-Albums doch ein Kinderspiel dagegen.

Es ist also völlig einleuchtend, dass das Erfolgsrezept eine Mischung zur Bedürfnisbefriedigung beider Seiten ist: gebt den Usern, was sie wollen und versucht, dadurch an ihre Daten (=Geld) zu kommen. D.h.:

bei Googlemail bekommt man gleich 10 GB Speicherplatz „geschenkt“, jedoch sammelt Google Daten und platziert – wenn auch dezent – individualisierte Werbung im Postfach, während automatisch ein Google+-Profil erstellt wird. Und vieles mehr.

Facebook ermöglicht die Kernfunktionen einer Community – Vernetzung, Kontakt, Kommunikation und Datenaustausch – auf unvergleichlich einfache Weise. Andererseits sammelt facebook nicht nur Daten, sondern zwingt die User dazu, Realnamen anzugeben, um ebenfalls letztlich Werbung zu platzieren. Und vieles mehr.

Gleiches gilt für Apple. Das ist ganz besonders süffisant, denn Apple galt als unantastbar, bis herauskam, dass auch sie – wie alle anderen auch – Daten sammeln. Und vieles mehr.

Zu behaupten, das Internet gehöre also den Usern, ist die einseitige Sicht eines Kindes, das glaubt, der Stock in seiner Hand sei ein Gewehr.

Zurück zu Apple.

Selbstverständlich ist die Medien-Soft- und Hardware einer Firma wie Apple genauso gestrickt wie man es von einer Computerfirma erwarten kann: sie nutzt das Produkt, um ständig an den Kunden zu kommen. Wie verkauft man so etwas seinen Kunden?

Richtig, voll in die Offensive:

Zitat: „Privacy means: people know what they´re signing up for“.

Toll, Stevie. Deine Firma ist ein Arschloch, aber sie steht wenigstens dazu. Wir sehen ja, wie gut die ganzen „neuen Zielgruppen“, die Ihr in den letzten Jahren erschlossen habt, in der Lage sind, ihre Smart-Phones und Tablets im Sinne des Datenschutzes einzurichten. Das fällt sogar unseren Politikern auf.

Nochmal: warum sind die Beschenkten eigentlich alle so aggressiv?

Weil sie nicht gefragt worden sind. Aber so eine Kleinigkeit wäre eigentlich kein wirklicher Grund, würde man sie nicht in einen großen Zusammenhang stellen. Und da haben wirs: die ungefragte Schenkung ist Gewalt. Sie steht dafür, dass das Internet eben doch nicht Utopia ist. Internet, Apple, Konsolen – alles ist durchkommerzialisiert. Es mag in den ersten Jahren für ein paar Technik-affine Menschen Nischen und Schutzräume geboten haben, in denen sich manch aufregendes und oft auch illegales Treiben verbergen lassen hat, aber das ist vorbei. Nicht nur sind die User kompetenter geworden, so dass es weniger „Vorsprung durch Technik-Know-How“ gibt. Auch das Netz hat sich verändert. Der Markt ist den Menschen ins Netz gefolgt und umgekehrt. Das Netz bot mit der Zeit Lösungen eben nicht für die Cracks, sondern überwiegend für die Masse – das Internet ist einfacher (und manchmal einfach blöde) geworden. Und das hat zuletzt dazu geführt, dass der pure Spass und die pure Freiheit so nicht mehr existiert im Netz – zumindest nicht dort, wo sich die Masse tummelt (facebook zum Beispiel). Und iTunes ist eben ein Konsumprodukt für die Masse. Was erwarten die User denn davon?

Vor 10 Jahren noch hätte es den einen oder anderen Aufschrei bzgl. der heutigen Praxis in bezug auf persönliche Daten gegeben, heutzutage geben die Leute allein schon in ihrem Facebook-Profil alles, wirklich alles preis – vom Realnamen über den Wohnort bis hin zu persönlichen Fotos von sich und ihren Kindern. Ganz ohne Gewaltanwendung, freiwillig. Facebook mag ein Datenkrake sein; großgezogen und gefüttert wurde er aber bereitwillig von den Usern und niemandem sonst.

Und genau das ignorieren jene, die von der Freiheit des Internet schwafeln, von seiner Fähigkeit, Bildung, wenn nicht sogar Demokratie zu schaffen -womöglich einfach nur dadurch, dass es da ist. Einschränkungen, Kommerzialisierung, politische Vereinnahmung, das alles soll von einem kleinen, bösen Zirkel verschwörerischer Banker, Wirtschaftsbosse und Politiker ausgegangen sein, doch in Wirklichkeit hat die Nachfrage durch die User das Internet zu dem gemacht, was es ist.

Diesen soziologischen Aspekt versteht die technokratisch denkende Community nicht. Stattdessen glaubt sie an die messianische Dialektik von der Entwicklung der menschlichen Kultur hin zu ihrer Befreiung durch die Internet-Technologie. Dass dies ebenso mystisch verklärend ist wie das Evangelium nach Matthäus, scheint sie nicht zu stören, denn immerhin hat dieses Internet zumindest IHR Leben verändert, da MUSS doch auch der Hauptschüler irgendwann erleuchtet sein. Man muss ihn nur vors Internet setzen und schon wird ein Abiturient daraus.

Aber ganz so ignorant sind sie dann doch nicht, die Technik-Freunde. Natürlich nehmen sie ihn wahr, den Satan, wie er versucht, dieses Heil zu zerstören. Das Internet ist längst nicht mehr die Spielwiese, die es mal war. Wie gemein, man darf nicht einfach jede noch so extreme politische Sichtweise ins Netz stellen. Wie gemein, man darf keinen Content „sharen“ (also Raubkopien verbreiten). Wie gemein, google ist gar nicht gekommen, um die Welt zu retten, sondern um Geld zu machen und nur DESHALB schenken die uns Cloud-Speicher.

So mögen die Technik-Nerds durch ihr Know-How in der Lage sein, diesem Übel zu entgehen, aber bemerken tun sie die Veränderung und da muss dann eine einfache Erklärung her: die manipulierte Masse verhilft dem bösen Kommerz zu immer mehr Einfluss im Netz, und deshalb wird letztlich auch klar, warum das Geschenk von U2 und Apple bei manchem so unbeliebt ist: da geht es nicht um ein Geschenk, ein Album, eine Band, eine Sound-Datei. Da geht es um die Bedrohung der Freiheit durch das Böse. Wenn das mal nicht Matrix pur ist.

In diesem Shitstorm entlädt sich also die gesamte Enttäuschung über den größten #Fail der letzten 20 Jahre: das Internet. Sonst hätten diese Menschen längst das getan, was sie mit 90 % des Datenmülls aus dem Netz tun: ignorieren oder löschen. Aber dann hätte man ja nix zu meckern gehabt.

Flogging Facebook #2: leck mich, ein Leck! Piratenprobleme

Gestern ich auf facebook so…:

Piratenchef Schlömer gestern auf tagesschau.de: „Die Menschen wissen einfach nicht, wofür die Piratenpartei steht.“
Ich glaube, das wissen die Piraten selber nicht 😀

Dann verlinkt Stephan Römer auf diesen Artikel bei wecab. Wer zu faul ist, das zu lesen: youtube behauptet, die Gema würde Videos sperren, was sie schon rein technisch gar nicht kann. Sie will, das ist ja ihre Aufgabe, das Geld dafür einziehen und an die Urheber weiterleiten. Das will aber youtube nicht und lügt in bester Shitstorm-Manier das Blaue vom Himmel herunter. Jedenfalls hat nun der Stern gemeint, ganz witzig sein zu müssen und eine Bilderstrecke mit Fake-youtube-Meldungen gepostet. Beispiel:

„Dieses Video ist in Deutschland wegen der maßlosen Gema-Forderungen gesperrt. Sorry liebe Rockmusiker, wir wollen nicht für eure Rolls-Royce-Wagen, Kunstsammlungen und die Unterhaltsansprüche eurer Ex-Frauen aufkommen.“

Und wieder ist der Urheberrechtsstreit entflammt und in diesem Zusammenhang habe ich natürlich auch wieder meinen Senf dazu beigetragen:

also: reich werden darfst du, indem du das Geld der Masse als Banker bei Immobiliengeschäften in den Sand setzst. Aber wehe, du wagst es, mit so Hokus-Pokus wie Musik reich zu werden. Das geht gar nicht.

und selbst, wenn sie (die Musiker und Autoren) reich wären, was wäre dabei? Aber sie DÜRFEN es ja ncht. Weil manche Leute trotz all der Zivilisationsgeschichte immer noch einen Unterschied machen zwischen Dingen, die man anfassen kann und Dingen, die nicht greifbar sind. Das ist das Niveau von Grundschülern. Denen musst du auch erklären, dass Hauptworte auch Dinge sein können, „die man nicht anfassen kann“. Und so ist es auch mit Musik. Die kannst du nicht anfassen, also ist sie in deren Augen auch nix wert. Der Musiker auf der Bühne hat ja eigentlich nur Spaß dabei, sein Instrument zu spielen. Mit Arbeit hat das alles nichts zu tun.

Dann schrieb Marcel Schweder:

Vor allem weil auch keiner von uns solche profanen Sachen wie Miete oder Stromrechnungen etc. pp. bezahlen muss. Als Künstler stehen wir ja eh über solchen Dingen.

und ich schloss daraufhin:

Wenn ich meine Gitarre anfasse, spüre ich, wie die Energie mich durchfliesst und schon habe ich keinen Hunger mehr bzw. brauche keinen Schlaf, also auch kein Bett, keine Wohnung usw. Ich bin sowieso lieber draussen, wie wir alle, denn Strassenmusiker zu sein, hach, das ist ja sowas von romantisch. Man kommt ganz schön rum dabei und bringt den Leuten Freude. Wenn die an einem vorbeilaufen und lächeln, dann ist das schon Bezahlung genug. Hach ja…

Genauso ist das mit den Piraten, sie sind auf dem Niveau eines Grundschülers. Der schreibt „Haus“ und „Brot“ groß, denn beides kann man anfassen (und auch stehlen). „Liebe“, „Angst“, Freundschaft“, „Gedanke“ oder gar „Luft“ – all das kann man nicht anfassen, demnach kann es also auch kein Hauptwort sein. Und da „Musik“ demnach auch nicht angefasst werden kann, kann man sie auch nicht stehlen, so die Piraten. Das mp3 ist ja immer noch „da“, wenn man es kopiert.

Aber die Frage nach einem materiellen Raum stellt sich nicht. Musik ist weder „in“ deinem Computer, noch „in“ deinem Ohr. Seine elektronischen Bestandteile sind im PC, die Schallwellen dringen ans Ohr, werden dort in Signale verwandelt und im Hirn verarbeit. Aber die Musik?

„Da“ oder „dort“ – das gilt für Elektronen, Einsen, Nullen, Schallwellen, Nervenimpulse usw. Aber das gilt nicht für das, was der Mensch als Musik empfindet. Vergesst naturwissenschaftliche Erklärungsversuche in bezug auf das, was Musik wohl ist.

Musik, das ist der Sinn, der sich aus der Interpretation dieser ganzen Signälchen und Schwingungen ergibt und dieser Sinn ist etwas hochkomplexes – da muss schon mehr als die Naturwissenschaft her, um das zu „erklären“. Wahrscheinlich kann man das auch garnicht. Vielmehr ist es so, dass es bei der Musik ein letztes Geheimnis gibt, das unentschlüsselt bleibt, selbst für den Autor. Aber ganz so niemandem überlassen will ich die Interpretation gar nicht. Natürlich habe ich meine Interpretation von „Sinn“:

Musik, das ist eine Konstruktion aus der musikalischen Prägung des Autors, seiner musikalischen Ausbildung, seinen persönlichen musikalischen Interessen und das prallt dann auf die Prägung des Hörers und seinen zugang zur Musik bzw. seine Interessen. Aber auch das ist noch lange nicht alles, was sich in den dreieinhalb Minuten abspielt, in denen ein Song gehört wird.  Denn Musik wird auch durch Dinge beeinflusst, die mit Musik gar nichts am Hut haben. Was hat George Harrison dazu bewogen, eine Sitar zu benutzen? Er hatte Ravi Shankar und die Meditation für sich entdeckt, weil er auf der Suche nach einem Weg aus dem Musikzirkus heraus war. Also Musik brachte ihn dazu, eine bestimmte Konstruktion von Musik – die Beatlemania – zu verlassen, ihr zu entfliehen. Und das, was er dort dann fand, verband er letztendlich dann doch wieder mit Musik, aber diese war nun verändert.

Und auch das ist nur ein winziges Mosaiksteinchen des kreativen Schaffensprozesses.

Und jetzt kommen so ein paar Nullen von der Piratenpartei daher und erzählen mir, dass Musik nichts weiter als ein paar Einsen und Nullen sind, die nur jeweils anders zusammengesetzt werden. Sie reduzieren diese Komplexität auf ein paar physikalisch nachweisbare Elektronenströme und kleben das unschöne Wortkürzel „mp3“ drauf – das nenne ich mal eine Verdinglichung, wobei ich kein Problem habe, selbst dieses Kürzel zu benutzen. Sie könnten es auch xyz12345 nennen, solange sie die Wertschätzung in Form von Bezahlung rüberbringen würden, aber das tun sie ja nicht.

Nichts, nichts haben die Piraten verstanden. Sie verstehen sich ja noch nicht einmal selbst, sondern reduzieren ihr eigenes politisches Treiben auf Sekundärtugenden wie Transparenz und Partizipation.

Dabei ist es doch so einfach: der Mensch ist mehr als das, was wir mit den Sinnen erfassen können und gerade die Musik ist der Beweis dafür: ein kleiner Teil der Musik ist das, was wir akustisch, mit dem Hörsinn erfassen. Aber das kann ein Richtmikrofon auch. Was Töne für uns zur Musik macht, das ist der individuelle Sinn, den wir ihr geben und den der Autor ihr gibt. Das ist so dermassen hochkomplex, dass es nie Computer geben wird, die das „entschlüsseln“ können. So viel materielle Kapazität in Speicher oder Rechenleistung kann es garnicht geben, denn es ist ein qualitativer Unterschied: zuerst war die Musik, und dann erst der Ton.

Frage an die Produktpiraten

Nur eines noch:
die Pirätchen sagen, es gäbe kein geistiges Eigentum. Schließlich würden auch Autoren auf Bestehendes zurückgreifen, aus dem Allgemeingut schöpfen. Also müsse man – durch die aufopferungsvolle Arbeit der Piraten natürlich – diese Bestandteil wieder in das Allgemeingut zurückführen.

Selbst wenn das stimmen würde – wenn also Kunst frei von jenem unbegreiflichen Etwas wäre, das aus einem Künstler kommt und dessen Ursprung niemand, manchmal nicht mal der Künstler kennt – selbst in diesem Fall würde das ja bedeuten, daß der Zweck von Kunst, wo immer sie auch herkommt, die Schaffung von Kunst wäre.

Wir reden beim Filesharing aber vom Konsum dieser Werke.

Deshalb, liebe Piraten: Ihr dürft gerne Musik nehmen, kopieren, auseinandernehmen – WENN Ihr daraus Neues schafft. Wenn Ihr Musik analysiert, versteht und dann neue Musik daraus macht.

Ihr macht doch aber gar nichts Neues aus der Musik, die Ihr kopiert. Ihr kopiert sie, um sie zu konsumieren. Warum zahlt Ihr dann nicht für sie? Wollt Ihr mir erzählen, Ihr tätet das, um die Entstehung neuer Werke zu beschleunigen? Dann stellt sie unbesehen, ungehört ins Netz für andere Künstler. Dann nämlich, und nur dann, habt Ihr das getan, was Ihr zu tun vorgebt: „Wissen“ (darauf reduziert Ihr die Kunst ja) an die Allgemeinheit zurückgeben.

Ich dachte ja eigentlich, daß Coder irgendwie logisch denken müssen, um zu coden, aber offensichtlich beschränkt sich die Logik auf das Programmieren, nicht auf das Argumentieren.

Feyd zu Piraten, Anonymous, Content-Diebstahl

Herr Braybrook, Sie sind den Pavillonisten beigetreten, verlangen aber ein „Unfreiwilliger Pavillonist“-T-Shirt.

Damit bringe ich zum Ausdruck, daß ich viele Positionen kritisiere, nicht aber den Willen zur Veränderung.

Beispiel?

Die Idee der Vernetzung ist grundsätzlich gut. Sie steht für den Gedanken der Partizipation. Menschen sind in vielen Bereichen des Lebens gut in der Lage, sich selbst zu organisieren.

Was haben Sie dann gegen das „Schwarmprinzip“?

Sich selbst zu organisieren heißt nicht, daß man ab jetzt und für immer ohne Führung ist. Masse braucht Führung, sonst ist sie kopflos im Sinne von hirnlos. Individuen geben sich in der Masse auf, ganz automatisch. Ob sie dies in einer Graswurzelbewegung tun oder nicht, spielt keine Rolle, die Auswirkungen können fatal sein. Der Schwarm funktioniert nach anderen Prinzipien als dem hehren Ziel der Partizipation als demokratischem Element. Sehen Sie sich einen Heuschreckenschwarm an. Der frißt jegliche Vegetation leer, hinterläßt verwüstete Landstriche. Man könnte sagen, daß da ein partizipatorisches oder anarchistisches Element zu entdecken wäre, aber es ist eben nur ein Element. Da gibt es noch die Auswirkung: totale Verwüstung.

Die Natur gleicht das wieder aus.

Ja, die Natur kann auf das Leben eines Landstrichs verzichten. Sie hat Generationen lang Zeit, dies wieder auszugleichen. Sie hat unbegrenzten Raum – in der Logik der Natur steht die Wüste ja nicht für Zerstörung und Elend. Sie erfüllt in der Gesamtökologie einen wichtigen Zweck, ist für das Klima ausgleichend wichtig, bietet spezialisierten Lebensformen Platz.

Klingt doch gut: in der Natur gibt es kein Leid, alles wird ausgeglichen.
Übertragen Sie das mal auf die Wirtschaft: denken Sie an Unternehmen, die ihre schlechte Bilanz durch Entlassungen ausgleichen. Dadurch wird kurzfristig viel Geld gespart und unter Umständen erholt sich das Unternehmen nach einer Zeit.

Hart, aber was soll man sonst machen?

Ja, interessiert es Sie nicht, was mit den entlassenen Menschen geschieht, die vielleicht Familien haben und plötzlich ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können? Arbeitslosigkeit, Wohnungswechsel oder gar – losigkeit, Folgeprobleme wie prekäre familiale Lebenslagen? Haben Sie die Athmosphäre in einer Hartz IV-Familie schon mal erlebt? Wenn es ständig darum geht „wie war die Jobsuche?“, „wir haben eine Rechnung erhalten“ und „die Kinder fahren ins Schullandheim und brauchen Taschengeld“? Weiter ist es bekannt, daß sozial unterschichtete Kinder schlechtere Chancen im Bildungssystem haben. Zudem werden Menschen in prekären Verhältnissen öfter krank, leiden öfter unter Depressionen.

Die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf familiale Systeme sind mir bekannt.

Dann werden Sie mir zustimmen, daß es also mehr als naturwissenschaftlicher Prinzipien bedarf, um ein Unternehmen zu steuern.

Natürlich gibt es soziale Fragen, aber muß ein Unternehmen sozial sein?

Ja, wer denn sonst? Der Staat? Der ist damit überfordert, wenn er gleichzeitig freiheitlich handeln will. Der Spagat zwischen Freiheit für eine gesunde Wirtschaft und Lenkung der Wirtschaft zum Zwecke sozialer Gerechtigkeit ist zu groß für „den Staat“. Das sind diametral entgegengesetzte Kräfte, die ziehen und zerren und die müssen auf Protagonisten verteilt werden – Arbeitgeber und Gewerkschaften zum Beispiel.

Unternehmen stehen vor der Aufgabe, soziale Elemente in ihre Vision zu integrieren und selbst da wird es schwierig. Aber es ist eine Chance, denn die Menschen, aus denen Unternehmen bestehen, verbringen einen Großteil ihres Lebens in Arbeitsverhältnissen. Das prägt deren Denke, Werte, Deutungen, Überzeugungen, ihr Handeln. Wenn das Unternehmen nur Platz läßt für Profit und Rationalisierung, geschieht zweierlei: erstens zerstört das die Unternehmenskultur – d.h. Arbeitnehmer, die in dieses Schema nicht reinpassen, verabschieden sich mit der Zeit oder scheitern und zweitens bildet sich eine informelle Unternehmenskultur, damit der Laden überhaupt läuft.

Klingt doch nicht schlecht: wenn das Unternehmen versagt, sorgen die Mitarbeiter für Kompensation. Das Prinzip der Selbstorganisation funktioniert doch.

Das ist keine Selbstorganisation, sondern Zerfall. Langfristig zerstört die Entfernung der Chefetage von den Mitarbeitern das Unternehmen. Natürlich kann man, wenn man diesen Vorgang mit der Natur vergleicht, sagen: das ist natürliche Auslese, da hats zwischen Chefetage und Mitarbeiterebene nicht geklappt und wenn damit ein ungesundes Unternehmen zugrunde geht, macht es Platz für den nächsten Versuch der natürlichen Wirtschaftslandschaft, einem gesunden Unternehmen die Chance zu geben. Aber was ist mit den Arbeitnehmern – können die sagen: „hat nicht geklappt mit dem Unternehmen, in dem ich gearbeitet habe. Also jetzt erst mal ein paar Monate arbeitslos und dann schauen, wie es weitergeht.“?

Es ist ein Unterschied, ob ich als Chef Raum gebe für Diskussionen und diese auch wertschätze oder ob ich Diskussionen unterdrücke und die Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand lästern. Das sind zweierlei äußerst unterschiedliche Arten von Kommunikation. Ich fürchte, bei der letzteren wird das Unternehmen darunter leiden.

Die Pavillonisten sind aber eher in der Politik denn in der Wirtschaft beheimatet.

Das ist noch schlimmer. Politik ohne Gesamtverantwortung hat noch weitreichendere Folgen als Unternehmensführung ohne Verantwortung. Es sind mehr Menschen betroffen. Um genau zu sein: alle Menschen des Landes.

Die einzelnen Zellen der Pavillonisten können doch auch soziale Interessen verfolgen.

Und sie können es auch lassen. Das Partizipationsprinzip allein gewährleistet nicht soziale Gerechtigkeit. Es ist lediglich ein Weg der Teilhabe an politischen Entscheidungen, nicht derer Inhalte. Eine Gesellschaft kann sich dafür entscheiden, Menschen von gesellschaftlichen Gütern auszuschließen und sie kann dabei das Partizipationsprinzip völlig einhalten.

Glauben Sie, die Mensche seien so blöd?

Das hat nichts mit Blödheit zu tun. Wenn Ressourcen knapp sind, beginnt das große Ziehen und Zerren. Das ist nur menschlich, hat aber unmenschliche Folgen für Einzelne, meistens die Schwachen. Genau deshalb hat man sich immer schon mit der Frage beschäftigt, wie auch jene ihr Stück vom Kuchen abbekommen können, die des Ziehens und Zerrens nicht mächtig sind. So etwas kann man nicht dem Willen der Mehrheit überlassen, weil die Mehrheit nur ihre Interessen verfolgt – vor allem, wenn die Güter knapp sind. Haben sie schon mal eine Panik erlebt? Da geht’s drunter und drüber. Aber es muß noch nicht einmal die Panik als Beispiel herhalten. Da reicht schon der Sommerschlußverkauf oder die Eröffnung des Buffets. Die Leute sind blind, sie sind berauscht vom Konstrukt der Partizipation als Allheilmittel.

Sie spielen auf die Erfolge der Piratenpartei an.

Ja, die halten sich für eine Bewegung aus dem Volk heraus und das Internet mit seinen sozialen Netzwerken ist für sie DER Garant für eine Demokratisierung.

Ich nehme an, Sie sagen mir gleich, warum das nicht der Fall sein soll.

Zunächst einmal hat nicht jeder Zugang zu den Gütern, die einen Piraten ausmachen.

Nicht jeder hat einen Internetzugang, aber das wird sich ändern und die Piraten wollen dies sogar beschleunigen.

Der Internetzugang allein bewirkt noch kein politisches Engagement. Die 20 – 30 € für eine Internet-/Telefonie-Flat kriegen bis auf wenige sehr arme Menschen die meisten noch zusammen. Es ist wie mit dem Fernsehen: da steht vielleicht dasselbe Gerät in zwei Haushalten, aber es laufen unterschiedliche Programme. Die Möglichkeit allein bedeutet noch nicht, daß sie auch genutzt wird. Die Piraten schließen zu sehr von sich auf andere. Die Vernetzung, die die wahrnehmen und deren Teil sie sind, betrifft viele Volksgruppen nicht. Und damit meine ich noch nicht einmal marginalisierte Bevölkerungsgruppen in prekären Lebenslagen, sondern auch technikfremde Volksgruppen. Also Leute, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Berufstätigkeit keinen oder einen eingeschränkten Zugang zum Internet haben. Oder solche, die ihn gar nicht haben wollen.

Die Welt da draußen ist anders als jene, die die Piraten durch ihren Bildschirm sehen. Vernetzung bringt denen etwas, weil die eine gewisse Homogenität haben. Ist dies nicht gegeben, kommt es zu widersprüchlichen Interessen und dann wird nicht vernetzt, dann werden Machtkämpfe geführt.

Beispiel?

Beispiel: Filesharing. Sie tun es, weil sie es können. Was meinen Sie, warum die Volksmusik-Industrie einen vergleichsweise geringen Einbruch zu verzeichnen hat? Deren Konsumenten sind fürs Filesharing einfach nicht technikaffin genug.

Anders bei den Piraten: viele haben schon beruflich im Internet zu tun. Da rattern die Feeds und ständig wird gebloggt, gemailt, getwittert. Dementsprechend wissen die schon lange, wie man Daten austauscht und Filesharing-Plattformen sind da, weil die es so gebraucht haben. Vernetzung ist da völlig normal.

Und das Schlimme ist nun, daß die daraus ihre Werte ableiten. Die wollen Filesharing betreiben, also muß man das auch dürfen. D.h. erst wird gehandelt, dann wird das Handeln im Nachhinein legitimiert. Da frage ich mich, wozu man Gesetze überhaupt braucht.

Deshalb sind naturwissenschaftliche Prinzipien auch so wichtig für diese Bewegung: der Schwarm hat recht, was immer er tut, wo immer er sich auch hinbewegt. Die Piraten sagen das ganz offen: die Entwicklung im Internet ist nicht mehr umkehrbar, und weil das so ist, muss das Urheberrecht abgeschafft werden. Es sei nicht mehr zeitgemäß, gehöre abgeschafft, weil sich so gut wie keiner mehr daran hält.

Als Feindbild muß dann die „Musikindustrie“ herhalten. Das ist natürlich schön bequem – „die Musikindustrie“ – wer ist das? Sind das die großen Plattenfirmen wie Sony, BMG und EMI? Also Konzerne? Das ist deshalb bequem, weil man keinen Schuldigen direkt benennen muß. Feind ist ein Konzern und wenn man die Musik nicht bezahlt, die der auf CD oder per Download verkauft, hat man ja keinen Menschen geschädigt, sondern einen bösen Konzern. Das erinnert mich an japanische B-Movies aus den 70ern oder an Resident Evil, an Fantasy oder Starship Troopers: Gewalt ist eigentlich schlecht, aber da ausnahmesweise vollkommen OK, weil das ja Maschinen oder Zombies, Orks oder Bugs sind, die vernichtet werden.

Im Übrigen trifft es noch nicht einmal „die Konzerne“ oder jene, die dort arbeiten und selbst keine Musik herstellen. Es trifft also nicht diejenigen, die Musik vermarkten. Die werden am ehesten noch den Transfer zu neuen Wegen der Vermarktung hinbekommen. Es trifft die Autoren und Musiker.

Ein Autor lebt nun einmal davon, daß die Musik, die er komponiert, gehört wird. Das so hinzubekommen, daß viele Menschen immer wieder hinhören, ist eine Kunst und die muß man sich oft erarbeiten. Gleiches gilt für Musiker: die liefern eine Dienstleistung ab und je mehr CDs bezahlt werden, desto mehr Geld verdienen die daran.

Der Kampf gegen Konstrukte ist in seinem Wesen höchst faschistischer Natur und wenn man sich die Videos von Anonymous ansieht, fühlt man sich doch unweigerlich an faschistische Propagandavideos erinnert. Der Inhalt ist ebenso bedenklich. Die demonstrieren gegen das Bankenwesen. Wieder so ein Konstrukt. Das kennen wir von dem angeblichen „Weltjudentum“ – man konstruiert einen ungreifbaren Feind, schreibt ihm die Schuld an einem Mißstand zu und das wird dann als Legitimation dafür genommen, greifbare Personen anzugreifen. Die Nazis haben sich darin ihre Legitimation für ihre Verbrechen an den Juden zurechtgelegt.

Das alles paßt den Piraten ins Bild. Sie negieren die Existenz geistigen Eigentums, damit sie Content stehlen und weiterverbreiten dürfen. Sie stellen die Freiheit auf die Stufe der Werte, dabei ist die Freiheit ein Mittel für das Gute wie das Schlechte – eine Antwort auf dringende soziale Fragen habe ich in deren Programm nicht gefunden. Sie bewegen sich im Umfeld von Anonymous – einer Organisation, die gegen „die Banken“ vorgehen will. Da haben wir es wieder: ein Mißstand wird einem Konstrukt, als „den Banken“ zugeschrieben. Das wiederum mündet in Cyber-Angriffen auf die Internetpräsenzen der Banken, was wiederum reale Personen schädigt, siehe „Operation Payback“ oder die „Operation Sony“. Bei der Gema ist es ebenso: wenn die Seite der Gema lahmgelegt wird, laufen Dienstleistungen wie die Musikrecherche nicht mehr. Rechnen Sie sich mal aus, was das bei 65000 Mitgliedern für einen Schaden anrichtet. Das ist also nicht eine ominöse „Industrie“, das sind reale Personen, Autoren, deren Werke online nicht mehr gefunden werden können, weil die Site lahmgelegt ist.

Wir können nicht einerseits behaupten, gegen Korruption zu sein (was ja das Fehlverhalten von Individuen ist) und andererseits keine Namen nennen. Wenn wir sagen: die Banken sind schuld – dann halte ich das für ein Konstrukt und zwar für ein gefährliches. Gefährlich nicht nur deshalb, weil wir damit eine Legitimation schaffen, Menschen zu verurteilen (und wie Anonymous zu bestrafen) allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Menschengruppe. Gefährlich auch deshalb, weil wir uns selbst dadurch zu Unmenschen machen.

Wie definieren sie „Unmensch“? Ist das nicht ein Widerspruch zu der Menschenwürde, die sie genannt haben?

Überhaupt nicht. Denn nach wie vor glaube ich, daß jeder Mensch eine unveräußerliche Menschenwürde hat. Das heißt aber nicht, daß er gefeit davor ist, Fehlverhalten an den Tag zu legen. Andere zu verurteilen oder zu schädigen, nur weil sie einer Gruppe von Menschen angehören, ohne Sicht auf den Menschen selbst, das halte ich für unmenschlich. Deshalb spreche ich diesen Leuten nicht die Menschenwürde ab. Die haben sie nach wie vor. Und gleichzeitig handeln sie anderen gegenüber menschenunwürdig, kriminell, unmoralisch.

Halten sie Anonymous für eine kriminelle Organisation?

Ich halte den Cyber-Angriff auf Websites wie jene der Gema für kriminell und jeder, der sich daran beteiligt hat, hat kriminell gehandelt.

Anonymous sagt das Gleiche über die Gema.

Mit dieser Argumentation legitimieren auch Terroristen ihr Tun. Für sie haben die knapp 3000 Toten der Anschläge vom 11. September im besten Fall den Status eines Kollateralschadens. Dasselbe ist ja das Argument der Piraten: im besten Fall zeigen diese noch eine gewisse Art von Verständnis für Autoren, aber ihrer Meinung nach sind sie durch ihre Mitgliedschaft bei der Gema eben im falschen Boot und dürfen entrechtet werden. Und deshalb ist für die Piraten das Urheberrecht ebenfalls Unrecht. D.h. die demontieren Stück für Stück alles, was ihrem Vorteil – dem Datenklau – im Weg steht. Die zimmern sich ihr Weltbild zurecht.

Teilweise lese ich auch so völlig abstruse Erklärungsversuche für das Filesharing wie: „ich unterstütze Autoren, bin aber gegen die Industrie“ – Filesharing also aus reiner Menschenliebe womöglich… das muß man sich mal vostellen: da kopiert sich einer die Musik eines Künstlers, zahlt keinen Cent dafür und bildet sich womöglich noch ein, den Autor zu unterstützen. Weil die Industrie ihn ja ausnimmt. Was er ja nicht tut, wenn er Musik kopiert.

Aber selbst, wenn das Filesharing moralisch verwerflich ist, ist doch der Kampf dagegen dennoch zumindest aus funktionaler Sicht verloren. Die Strafen, so drakonisch sie auch sind, scheinen offensichtlich kaum jemanden abzuschrecken. Welche bessere Strategie fällt Ihnen denn ein?
Warum sollen wir nicht wieder darüber reden, daß der Mensch mehr ist als tumbe Materie? Wenn man so etwas Immaterielles wie persönliche Daten für schützenswert erklärt – wo ja besonders die Piraten hochsensibel sind – muß man doch auch anerkennen, daß Musik etwas Immaterielles, aber Seiendes ist. Es ist nicht nur eine beliebige Anordnung von Tönen oder Artikulation. Es steht für eine Person, die es ausgesandt hat, um andere Personen zu erreichen. Es steht für die Arbeit, den künstlerischen Werdegang, die Auseinandersetzung mit sich selbst als Person und der Umwelt. Wie kann jemand auf die Idee kommen, die Persönlichkeit eines Menschen würde verletzt, wenn man dessen Daten weiterverbreite, aber gleichzeitig sei es keine Verletzung seiner Persönlichkeit, wenn man seine ureigene Musik verbreite, ohne ihn dafür zu entlohnen?

Ganz abgesehen davon ist es mir vollkommen egal, ob der Kampf gegen den Contentdiebstahl verloren ist oder nicht. Damit würde ich mich ja auf dieselbe positivistische Stufe stellen wie die Heuschrecken, die alles leerfressen.

Sind sie der Bauer, der in sein von Heuschreckenschwärmen zerstört werdendes Feld rennt und die Heuschrecken aufscheucht?

Nein, ich sitze daneben und gieße mein Pflänzchen. Das haben die noch nicht entdeckt und solange lassen die mich auch in Ruhe. Ich sitze da, beträufle das zarte Ding und denke über all die Arschlöcher nach, die den Acker leerfressen. Sie sind sich keiner Schuld bewußt, denn jede frißt ja „nur“ sich satt. Sie ignorieren den Anblick, der sich ihnen böte, wenn sie nur mal ein paar Meter nach oben fliegen würden: die vollständige Zerstörung einer Lebensgrundlage. Sie ignorieren es, weil sie selbst damit beschäftigt sind, zu fressen. Aber das Schlimmste ist: das sind keine Heuschrecken. Das sind Menschen, die sich selbst zu Heuschrecken degradieren. Sie sprechen der Kunst das Individuelle ab, weil ihrer Meinung nach alles von Künstlern Geschaffene auf bereits Bestehendes zurückgreift und es nur neu zusammensetzt. Wie kann man vor einem Bild von van Gogh stehen und sagen: „das ist im Prinzip dasselbe, was da Vinci gemacht hat – es ist Ölfarbe, es ist Leinwand, da ist ein Mensch und eine Landschaft abgebildet.“

Soviel zur Sinnhaftigkeit naturwissenschaftlicher Ansätze der Erklärung unserer Wirklichkeit.

Soviel zum Schwarmprinzip. Was ist nun mit den Pavillonisten?

Ich mag sie,solange sie an genau dieser Diskussion interessiert sind. Meine Frage nach dem „-ismus“ als Form der Uniformierung hat doch einige aufgeschreckt. Keiner will einem Ismus angehören. Solange die Frage danach, inwiefern Vernetzung ein Teil, oder besser: „nur“ ein Teil von Demokratie sein kann, erlaubt ist und wohlwollend behandelt wird, bleibe ich dabei.

D.h. Sie sind Pavillonist?

Ich bin für mehr Partizipation, aber sie darf nicht als Allheilmittel gelten. Es gibt keine mechanistische Verbesserung unserer Lage und ich fürchte, wir werden das schon zu einem Teil noch selbst in die Hand nehmen müssen.

Im Saarland am Saalrand…

(klicken zum Vergrößern)

Im Saarland gewinnt die CDU die Wahl, Teufel noch mal.

Also die Wahlbeteiligung lag gegen 14.00 Uhr bei 31 % oder so. Und davon haben wiederum 35 % die CDU gewählt. Etwa 11 % der Wahlberechtigten im Saarland haben also der CDU zu neuer Macht verholfen. Die FDP ist raus, aber die Piraten eignen sich prima als Substitut – da haben die Saarländer den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Ist es nicht interessant, dass die Piraten zulegen, während die FDP verliert? Seltsam…
Zurück zur möglichen Koalition der CDU mit der Piratenpartei: Wenn die zusammen koalieren, macht das meiner Rechnung nach ca 42,5 %. Das ist nicht gerade eine dicke Mehrheit, aber in der Not frißt der Teufel Fliegen. Interessant stelle ich mir allerdings die Koalitionsverhalndungen zum Thema Acta vor. Die CDU ist ja eher für die Datenspeicherung, die Piraten nicht – man will ja seine Cracks und Raubkopien vor dem Eingriff des Staates schützen. Als gemeinsames Feindbild könnten dann die Rockmusiker herhalten – der CDU sind deren Haare zu lang und die Piraten sind der Meinung, daß gestohlen werden darf, was nicht niet- und nagelfest ist. Nein, wirklich: wie der Vorzeigedemagoge Lauer von der PP sagte (vgl. mein letzter Artikel), ist Kopiererei kein Diebstahl wie jener im Supermarkt – denn dort verschwindet die Packung Nudeln, die Musik bleibt aber trotz Kopie bestehen.
Dumm nur, daß der eigentliche Schaden bei der Kopiererei nicht das Verschwinden der Musik, sondern die unbezahlte Arbeit des Autors ist. Letztere macht nur dann Sinn, wenn Leute, die das Zeug hören, ehrlich sind und sagen: „hör ich, weils mir gefällt, also hat der Typ was richtig gemacht und dafür zahle ich“.

Also ich denke, die CDU hat sich den Teufel von den Piraten ausgeliehen, weil deren Ambitionen für Autoren die Hölle auf Erden sind.

Wie, das Gerede von Teufel, Beelzebub und Hölle hält jemand für mittelalterlich? Nun, die Piraten bringen uns genau dahin. Im Mittelalter waren Künstler nämlich scheiße bezahlt, weil sie nichts gebaut haben, nichts produziert, was man anfassen kann. Und genau so primitiv denken die Piraten auch: Musik kann man nicht anfassen, also kann sie auch keinem gehören. Verstehe. Ich sagte ja bereits: nur, was nicht niet- und nagelfest ist…

UPDATE:

(klicken zum Vergrößern)

…wer sich mit dem Teufel einläßt… gestern sah das Foto der CDU-Jubler doch noch anders aus, oder?

Lauer (Piraten): Arbeit kann man nicht anfassen, also muss man sie nicht bezahlen!

Zieht Euch das mal rein (vor allem die halbgare Antwort des Piraten-Partei-Politikers Christoph Lauer):

Regener (Element of Crime) lässt es krachen

Also dieser Lauer von der Piratenpartei läßt ja mal nichts als Politikergelalle von sich. Nur ein Beispiel: er hält den Supermarkt-Vergleich Regeners für falsch, da beim Klau einer Packung Nudeln die Packung weg sei, beim Kopieren von Musik im Internet die Musik aber immer noch da. Denkfehler: der Schaden beim Nudelklau ist der mangelnder Vergütung des Nudelproduzenten, nicht der einer etwaigen Vernichtung/eines Verbrauchs des Produkts. Und der Schaden beim Musik-Kopieren ist – GENAU DER GLEICHE: der Produzent der Musik wird nicht vergütet.

Es geht um das Prinzip, daß Arbeit vergütet werden muß, und damit ist nicht nur der Prozeß der „Herstellung von Musik“ (klingt bescheuert, aber anders versteht es so ein Yuppie wie der von der Piratenpartei nicht) gemeint, sondern auch die Einstellung, die persönliche Haltung, der Austausch unter Kulturschaffenden, der Überblick über die Szene (John Lennon hat sich, bevor er eine neue Platte rausgebracht hat, regelmäßig die Top 20 besorgt und durchgehört, was manchmal alles andere als Freizeitvergnügen ist…) und nicht zu vergessen jahrelange Entbehrung als Nobody sowie intensives Studium seines Instruments. Es gibt tausende Musiker, die das alles investieren und nichts rausbekommen – einfach weil sie nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Ich kenne ein paar verdammt gute und fähige Musiker, die es nie zu etwas gebracht haben – die gehen ein enormes Risiko ein und bekommen als Gegenleistung nichts dafür. Und da denke ich, ist es doch einfach nur fair, deren Musik als Ergebnis von Arbeit zu sehen und es entsprechend zu vergüten.

C.S. schrieb empört auf facebook:
Aus Wikipedea:in den letzten Jahren gerät das aktuelle Urheberrecht, entgegen aller legislativen Trends, immer mehr in die Kritik führender Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler.
Kritisiert wird vor allem, dass das Urheberrecht immer mehr zu einem „Rechteverwerterrecht“ ohne Berücksichtigung der Allgemeinheit und der im Wandel befindlichen Internet- und Informationsgesellschaft verkomme. Das Urheberrecht sei in seiner aktuellen Form ein Relikt des letzten Jahrhunderts, das in der Zeit von interaktiven Internetanwendungen und Breitbandanbindung eine ganze Generation kriminalisiere und in keiner Weise mehr seiner ursprünglichen Intention gerecht werde. Anstatt kreatives Schaffen zu beflügeln und zu fördern, schränke das aktuelle Urheberrecht die Entwicklung von Kultur und Fortschritt enorm ein. – Welch Skandal: Das Urheberrecht schützt immer mehr nur das Recht des Urhebers. Wo kommen wir denn da hin? Die armen kriminalisierten Kulturjünger…

Dem fügte ich bei:
ja, deshalb darf man die Wikipedia auch nicht in wissenschaftlichen Arbeiten zitieren: jeder Depp darf da was reinschreiben und die Quelle ist ungesichert. Das Urheberrecht ist also immer mehr ein „Rechteverwerterrecht“ – wie verwerflich… JA, WAS SOLL ES DENN SONST SEIN??? Und was gibts bei Leistungsschutzrechten gegenüber der Allgemeinheit denn zu berücksichtigen? Das ist ein klares Verhältnis zwischen Dienstleister und Konsument. Dieser Logik folgend müßte man den gesamten sozialen Dienstleistungssektor für monetär wertlos erklären, denn es ist ja im Dienste der Allgemeinheit, wenn Ärzte, Krankenpfleger, Sozialpädagogen, Therapeuten und Psychologen ihre Arbeit verrichten… nur, daß es bald keine Ärzte, Krankenpfleger, Sozialpädagogen, Therapeuten und Psychologen mehr geben wird, wenn deren Arbeit nicht angemessen vergütet wird.

Weiter bringt Lauer in seinem Interview das Argument, man könne gegen die Entwicklung des Filesharing im Internet ja nichts mehr machen. Ach so, somit ist das Kopieren dann also legitimiert. Wies stehts dann mit Kinderpornos? Ich las auf tagesschau vor ein paar Jahren, die Internet-Kinderporno-Szene sei nicht mehr kontrollierbar, das Netz sei einfach zu groß. Heißt das der Logik Lauers zufolge, daß Kinderpornos nun legitim sind? Ich sage dem eine glänzende Karriere als Politiker voraus, nur als Mensch ist der Typ eine herbe Enttäuschung.

tagesschau.de 06.10.2011- das Review

Irgendwie war es klar. Steve Jobs hatte es lange in der Öffentlichkeit gehalten, doch nun ist er tot. Tagesschau.de bringt das zurecht als die Top-News des Tages, denn bereits nach Jobs Rückzug aus dem Geschäft brach der Kurs für Apple-Aktien ein. Eine Wirtschafts- aber auch Gesellschaftsmeldung also, war Steve Jobs doch für viele das Paradebeispiel eines Visionärs, der aus dem angeschlagenen Unternehmen Mitte der 90er die Alternative zu Microsoft gemacht hatte.
Es gibt genügend andere und besser geeignete Plattformen für einen persönlichen Rückblick. Deshalb will ich es hierbei belassen. Persönlich betroffen bin ich nicht, denn ich habe ihn nicht persönlich gekannt. Allerdings imponiert mir Jobs Stil, der Elemente des Leadership hatte, bevor systemisches Management zu einer Art Modewort geworden ist.

In den USA, in denen ohne Slogan mal gar nichts funktioniert, sagte Obama „Yes we can“, aber irgendwie meinte er wohl „Maybe we could“. Jobs stellte die Frage Kann man erfolgreich sein, wenn man es anders versucht?“ und gab selbst die Antwort „a solution exists„.

Ja, Apple, das war auch immer Werbung, Slogans, Schick und Design. Aber durch Steve blieb es nie bei leeren Versprechungen – die Slogans der Firma Apple, das muß man trotz der Kritik an deren Marktstrategie gelten lassen, die Slogans trafen zu: Apple ist anders. Apple ist verrückt. Und Apple funktioniert wirklich.
Steve Jobs war ein Mann, der etwas ganz einfaches gemacht hat: er Computer zum Funktionieren gebracht. Das Argument, man müsse sich verändern, um den Computer zu verstehen, hat er nie gelten lassen. Die Technik hat sich an den Menschen anzupassen und dies zu bewerkstelligen, hat Steve Jobs als Aufgabe gesehen. Und genau so einfach ist der Erfolg Jobs´ sowie seiner Firma zu sehen: Menschen geben ihr Geld eher für Dinge aus, die funktionieren, als für welche, die man erst selbst zum Funktionieren bringen muß. Danke, Steve.

[Update 11:45 Uhr]
Die Tagesschau fährt nun das volle Jobs-Programm:
hier (Video) und
hier (Bericht) und
hier (Bilderstrecke)
und das zusätzlich zum eigentlichen Artikel. Death sells.

Grüne und SPD in Berlin.

Kurz durchatmen, dann gehts weiter: die Seite berichtet über die Schlammschlacht zwischen den Grünen und der SPD, nachdem die Koalitionsverhandlungen in Berlin gescheitert sind. Da scheint ein ganz schön heftiger Rechtfertigungsdruck zu bestehen, sonst würden die sich jetzt im Nachhinein nicht die Schuld gegenseitig in die Schuhe schieben, aber ich frage mich, welchen Wähler das interessiert? Und warum macht da die Tagesschau mit? Die Dienstleistung ist nicht erbracht und es ist völlig irrelevant, wer die „Schuld“ hat (ich nehme an, beide). Da sollte sich die Tagesschau raushalten, sonst ist das nichts weiter als Polit-Boulevard.

Ulrich Deppendorf bringt einen Artikel über den inhaltlichen Gehalt des Piratenprogramms. Naja. Er hat ja nicht unrecht, aber den aktuellen Anlaß kann man sich selbst irgendwo herzaubern. Inhaltlich kommt da immer noch zu viel Wertung rüber. Zur Frage, ob die Piraten bundesweit eine Chance haben oder nicht, analysiert er richtig: die haben im Moment einen Höhenflug und sind eben übereifrig. Das wird sich schon noch geben… Dann folgt eine Analyse des Programms. Deppendorf nimmt bezug zur Transparent-Politik der Piraten. Und gleich meint er, es gäbe eben Staatsgeheimnisse, die nicht presgegeben werden dürften, aber „richtig ist es, daß die mehr drin haben wollen, daß die mehr beteiligt werden wollen, daß der Staat oder die Parteien mehr mit den Leuten kommunizieren müssen“. Das ist scheint zunächst nicht richtig, denn soweit man die Piraten zunächst verstanden hatte, wollten die Piraten völlige Transparenz, nicht nur „mehr“ davon. Aber dann behält Deppendorf doch recht. Auszug aus dem Parteiprogramm, Punkt 8 („Freier Zugang zu öffentlichen Inhalten“):

„Ausnahmen von der Veröffentlichungspflicht sind nur bei schwerwiegenden Gründen möglich; diese müssen in jedem Einzelfall schriftlich dargelegt werden.“

Also doch keine völlige Transparenz. Deppendorf nimmt wahr, daß die Piraten zumindest momentan noch so tun, als seien sie für völlige Transparenz („so, wie sie es jetzt sagen, noch eher ja“), allerdings interpretiert er „den Gedanken dahinter, möglichst viel Transparenz zu haben“. Und da interpretiert er richtig – ich nehme an, er hat das Parteiprogramm überflogen (langsamer geht auch nicht). Quintessenz ist: man darf sie nicht so unterschätzen, wie man das bei den Grünen anfangs gemacht haben – die waren plötzlich eben doch da, im Parlament. Allerdings bezweifelt er, ob die Piraten bei ihren Grundsätzen bleiben werden und da bin ich mit ihm einer Meinung, obwohl ich mein Wissen über die Piraten ausschließlich aus erster Hand habe: da ist viel Willen, viel berechtigte Empörung über ausufernde Politik, aber auch seltsame Vorstellungen von Freiheit, wobei letztere zum Wert erhoben wird, was ich für äußerst fragwürdig halte.

Entschädigung für verstrahlte NVA-Soldaten

CHristian Thiels bringt einen Artikel über die geplante Einrichtung einer Stiftung / eines Fonds „außerhalb des geregelten rechtlichen Verfahrens“. Klartext: das, was es dazu von gesetzlicher Seite gibt, ist ausgeschöpft, aber gerecht wird diese Lösung den Erkrankten nicht. Nun legt das Verteidigungsministerium vor: 7 Mio € fließen von dortiger Seite in den Fonds, was aber natürlich nicht reicht. Daher wird „eine Beteiligung mit den Firmen, die die Radargeräte damals produziert hätten“ in die Diskussion (die außerhalb des Parlaments ja noch gar nicht besteht…) eingebracht.

Ein Paradebeispiel für die Handlangerfunktion öffentlich-rechtlicher Medien. Der rechtliche Rahmen ist ausgeschöpft, die Alternative, ein Fonds aus teils öffentlicher, teils privater Hand ist schwer zu rechtfertigen bzw. realisierbar. Also bringt man die Diskussion ein wenig in Gang. Grundsätzlich ist eine öffentliche Diskussion bei Fragen zum Thema Geld ja wichtig, aber mit gefällt die Chronologie nicht, in der das abläuft. Eigentlich sollten die Bürger selbst darüber entscheiden, welche Themen außerhalb des rechtlichen Rahmens dennoch behandelt werden sollen. Und offensichtlich scheinen die Politiker auch keinerlei Handhabe gegenüber den Herstellern jener Radargeräte zu haben, sonst würden sie dies nicht in die Diskussion bringen. Da hofft doch stillschweigend jemand auf öffentliche Empörung, oder? Und zuguterletzt frage ich mich, wie die Nähe zur Tagesschau zustande kommt. Eigentlich sollten derartige Themen – also Menschen, die außerhalb des rechtlichen Rahmens dennoch nicht oder nicht so richtig zu ihrem Recht kommen – durch das Volk an die Presse herangebracht werden können. Ist aber nicht so. Die Damen und Herren in Berlin sagen der Tagesschau, wo es langgeht. Klar, schließlich sind die Politiker die personifizierte Meinung des Volkes. Wozu das Volk befragen? CDUSPDGrüneFDPLinke sind doch das Volk…

Slowakei sagt zum Euro-Rettungsschirm: „ne!“ – oder fast noch nicht eventuell vielleicht erst später noch

Ein Nein der Slowakei zum Rettungsschirm wäre ja eine Meldung, aber das voraussichtliche Nein ist es für die Tagesschau ebenfalls. Man erhält in Stefan Heinleins Artikel detaillierte Einsichten in die Befindlichkeiten der slowakischen Parteienlandschaft, selbst, wenn die keinen interessieren. Und mal ehrlich: ist selbst die Ablehnung des Rettungsschirmes durch die Slowaken ein wirkliches Novum? Ich schreibe bewußt: „die Slowaken“, denn das Parlament hat ja noch nicht abgestimmt. Das wäre wirklich einer Meldung wert. Aber Säbelrasseln im Vorfeld hebt sich irgendwann auch nicht mehr aus den vielen Säbelrasseln-Meldungen hervor. Bisher bringt diese Tagesschau jedenfalls – bis auf den Tod Jobs´ – keine wirkliche Meldung.

Immerhin: Brigitte Osterath erklärt uns in der Reihe „Nobelpreis live“, was Quasikristalle eigentlich sind. Ich muß sagen, daß mich das sogar interessiert. Ganz sicher mehr als das Geplänkel zwischen den Fast-Koalitionspartnern in Berlin oder das Bald-Vielleicht-Nein der Slowakei zum Rettungsschirm.

Und nochmal nix, aber die Tagesschau liest die Gedanken Sarah Palins – EXKLUSIV!!!

Sarah Palin wird 2012 nicht für die Republikaner im Kampf um die US-Präsidentschaft antreten. Das allein wäre schon unwichtig genug, denn mit Michele Bachmann steht (natürlich) schon eine andere Kandidatin parat. Interessant ist jedoch, daß die/der nicht genannte RedakteurIn Worte in Palins Mund legt die sie nie gesagt hat. Sie hat das auch nicht so gemeint, sondern es ist schlichte Konstruktion, was da bei unserem öffentlich-rechtlichen Parademedium getan wird. Schauen wir uns das genau an (ich nehme bewußt wörtliche Zitate der Tagesschau!):

Die Tagesschau nennt folgende Begründung:
In einem Brief an ihre Anhänger schrieb die ehemalige Kandidatin für die Vize-Präsidentschaft, dass ihre Familie Vorrang habe. „Nach vielen Gebeten und ernsthaften Überlegungen habe ich entschieden, mich 2012 nicht um eine Nominierung der Republikanischen Partei für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten zu bemühen“.
In der Überschrift heißt es aber: „Gott und Familie statt Wahlkampf und Weißes Haus“.
Das mit der Familie kann man dann noch durchgehen lassen, denn trotz fehlenden wörtlichen Zitates bekennt sich die/der AutorIn dazu dies in der Nachricht an die Anhänger gelesen zu haben.
Aber wo steht, daß Palin „für Gott“ auf den Wahlkampf verzichtet? Sie hat geschrieben, sie hätte sich nach „vielen Gebeten“, nicht „für Gott“ gegen die Kandidatur entschieden.

Jetzt wird man sagen können, das sei kleinlich.

Das wäre es, wenn hier nicht tatsächliche Aussagen mit Konstrukten vermischt würden und wenn in diesem Zusammenhang nicht mit konstruierten Einstellungen gegenüber den Republikanern gespielt würde.

Die Republikaner, klar, für Gott und Vaterland und überhaupt: konservativ bis ins letzte Detail. Natürlich gehört bei denen eine Frau nach Hause in die Küche und bestenfalls in die Kirche, wenn sie schon mal austreten darf. Böse Republikaner, gute Demokraten.

Das meine ich mit Konstrukten. Das ist alles ein Funken Wahrheit, der mit journalistischem Brennstoff zur Explosion gebracht wird. Da ist ein Teil wahr und nimmt den Leser erstmal mit in den Zug. Dann wird vor dem Fenster eine Fototapete vorbeigezogen, und zwar so schnell, daß man nicht erkennt, daß das gar nicht die Realität ist. Am Waggon wird geruckelt und man glaubt, der Zug holpert durch die Gegend. Und wenn man aussteigt, hat man das Brainwashing solange mitgemacht, daß man glaubt, tatsächlich an einem anderen Ort angekommen zu sein. Und wenn dann einer sagt: „hey, wir sind ja gar nicht in XY“, sagen die anderen: „wieso, hast Du denn nicht gesehen, daß die Landschaft vorbeigesaust ist und der Zug geruckelt hat?“.

Macht Euch immun gegen dieses Brainwashing. Sarah Palin mag eine Republikanerin sein. Sie mag gläubig sein. Aber sie tritt nicht „für Gott“ von der Kandidatur zurück. Das ist mehr als nur eine boulevard-stilistische Umschreibung. Hier soll suggeriert werden, daß Palin aus irrationalen Gründen zurücktritt und natürlich deshalb, weil sie eine Republikanerin ist. Das ist Wahlkampf pur und einseitig, wie es sich für ein öffentlich-rechtliches Medium verbietet.

Ob ich die Republikaner mag? Nein, und in diese Diskussion darf man sich nicht hineinzwängen lassen. Weil die Schwarz-Weiß-Malerei, die Messianisierung Barack Obamas, der Guantanamo immer noch nicht geschlossen hat, obwohl er es mal versprochen hatte, die Kehrseite der Medaille ist. Sie schreibt den Persilschein für „die Guten“, Böses zu tun. Die Republikaner sind nicht nur böse und die Demokraten auch nicht nur gut. Auch Obama hat seinen Amtseid auf Gott geschworen, ebenso wie Clinton und alle anderen Demokraten vor ihm. Es gibt verdammt viele Gläubige Christen bei den Demokraten. Die Öffentlichkeit wird hier an der Nase herumgeführt und abgelenkt: man beschäftigt sich mit Wahlkämpfen und Präsidenten, während die Kriege immer weiter gehen.

Diese Meldung ist eines ÖR-Mediums nicht würdig.

Kaczynski mag die Deutschen nicht, Kazmierczak hält das für reine Strategie

Weiter folgt eine enorm wichtige Meldung über das neue Buch des polnischen Oppositionschefs Kaczynski. Die Erklärung, waraum dies ausgerechnet jetzt geschieht, folgt sogleich: am Sonntag ist Wahl in Polen und mit etwas Deutschen-Bashing kommt man schon eher ins Gespräch. Ob das so ist, ist fraglich. Überhaupt nicht fraglich ist, daß, falls diese Strategie aufgehen sollte, die Erwähnung des Buchs und seines Inhaltes in Ludger Kazmierczaks Artikel auf tagesschau.de ihren Beitrag zum Erfolg beigetragen hat. Also wieder eine Meldung, die sich wichtig macht, indem sie Unwichtiges aufbauscht. „Seht mal, da ist nichts!“…

Deutscher Wissenschaftler darf nicht nach Russland

Klingt zwar nach umgefallenen Reissack, ist aber tatsächlich mal eine sinnvolle Meldung. Es zeigt, in welchem Zustand sich der russische Rechtsstaat befindet: der gute Mann hatte immerhin ein gültiges Visum, womit die Frage der Gültigkeit russischer Dokumente geklärt ist. Weitere Informationen zu Schröders politischen Forschungsergebnissen findet man zwar nicht, dafür ist ein Link zu Schröders HP vorhanden.
Aber auch hier weise ich auf das gestrige Review hin: Rußland mag in vielerlei Hinsicht kritikwürdig sein, von einer Dämonisierung muß aber abgesehen werden, denn Konstrukte wie ein verteufeltes Rußland sind genausowenig zutreffend wie politisch hilfreich.

Bahn informiert über Wintervorbereitungen.

Als BahnCard-Besitzer nehme ich diese Meldung dankend entgegen. Die Bahn ist für mich ein Beispiel dafür, daß die Wirtschaft eben doch kontrollierbar ist. Dazu bedarf es keines Staates. Die Bürger selbst können kraft ihrer Masse einiges tun. So gibt es seit langem schon Pro Bahn, eine Interessenvertretung der Verbraucher, die genau das macht, was Konzerne brauchen: die Interessen der Kunden vertreten, Druck ausüben. Konzerne verändern sich nicht aus Spaß an der Freud zu verbraucherfreundlichen gemeinnützigen Vereinen. Sie tun es, wenn sie es müssen. Und das tun sie nur, wenn ihnen die Kunden abspringen.
Also: diese Meldung ist schon OK. Allerdings ist die Chronologie wiederum etwas ver-rückt (sic!). Eigentlich geht es ja um die Interesen der Fahrgäste. Hier gings aber andersrum: Bahn -> Tagesschau -> Bürger. Hätten letztere keinen Druck auf die Bahn ausgeübt, läge der Bericht wohl nicht vor. Ein wenig mehr Wahrnehmung der Verbraucherinteressen täte der Tagesschau gut, aber dazu sind die nicht nahe genug am Bürger.

Insgesamt wieder einiges belanglose in dieser Tagesschau, aber Deppendorfs Woche sowie die beiden Artikel zu Rußland und der Bahn verhelfen dieser Tagesschau doch zu einer Wertung von 63,57 %, wobei deutlich mehr dringewesen wäre, wenn man sich den Palin-Artikel gespart hätte.

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