NSA-Affäre: Win / Win / Win / Win für das System

Win für Merkel:

Herr Pofalla verbot uns das Maul, als wir Fragen bzgl. unserer Ausspähung durch die NSA stellten. Nun, da seine Chefin Merkel selbst ausgespäht wird, folgt nicht etwa eine Entschuldigung, das Einräumen von Fehlern, nein: sie empört sich, reisst genau jenes Maul auf, das uns durch ihren Knecht Pofalla verboten worden ist. Ausgespäht zu werden, das schafft Nähe, das stiftet Identifikation. „Ich bin eine von Euch“, höre ich Angie sagen.

Win für Google:

der Konzern ist „aufgebracht darüber, wie weit die Regierung scheinbar gegangen ist, um Daten aus unseren privaten Glasfaser-Netzwerken abzugreifen“ – dabei sind SIE es, die Daten sammeln und per Zwangs-Verbindung von Googlemail-/Youtube-/Google+-Accounts eine weitgehende Anonymität im Netz verhindern.

Win für die Presse:

sie schreibt über alles und besonders gerne über den neuen Skandal. Dass die Presse als verlängerter Arm der Politik ständig über die drohende Gefahr des Terrorismus berichtet (wie oft wurden schon „große Anschläge“ aufgrund von „geheimen Informationen aus sicherer Quelle“ angeblich „verhindert“?) und damit erst eine breite Akzeptanz von Geheimdiensten schafft, kümmert keinen mehr, denn die NSA, die uns ausspäht, scheint ja eine andere NSA zu sein als jene, die von der Presse eifrig promoted wird.

Hauptsache, der Mensch konsumiert die journalistische Diarrhoe.

Win für die Opposition:

Sie wird sich jetzt ganz arg darüber aufregen, dass ja wohl niemand mehr in diesem Land vor Spionage sicher ist. Dabei gibt es nicht eine Partei, die nicht in irgendeiner Form staatliche Schnüffelei betrieben hat. Sei es als Lauschangriff, sei es zu anderen Zeiten in anderen politischen Systemen.

Win für Obama:

er kann sich jetzt als starker Mann profilieren, der aufräumt. Dazu muss er nur behaupten, nichts von alldem gewusst zu haben und das dumme Volk wird es ihm – zumindest überwiegend – glauben.

Win für die NSA:

solange so etwas wie die NSA nicht abgeschafft wird, gibt es keine wirkliche „Strafe“ für sie. Schlimmstenfalls werden ein paar Köpfe rollen, aber durch Neustrukturierung und Qualitätssicherung wird sie strahlender über uns wachen als je zuvor.

Hach, dabei wäre es so einfach. Einfach die Regierung abwählen. Aber bei so enorm viiielen Arbeitsplätzen (bei denen die prekären Arbeitsverhältnisse mitgezählt werden…) MUSS man sie doch lieben, unsere Winner. Wer sind eigentlich die Loser? Tja, wer wohl?

Ich will zwei Dinge. Erstens: ich will meine Häme, meine Abscheu, meine Schadenfreude über jene ausschütten, die dieser Regierung dazu verholfen haben, im Amt zu bleiben. Ihr regt Euch über die NSA-Affäre auf? HALTET. EINFACH. DEN. RAND.

Und ich will Wahrheit. Einfach nur etwas Wahrheit will ich.

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Von Stuttgart 21 lernen heißt…

Heute hat der Lenkungskreis zu Stuttgart 21 getagt. 3 Monate zu spät, denn vertraglich ist ein Turnus von 6 Monaten vorgeschrieben. Der letzte Lenkungskreis ist allerdings 9 Monate her.

Von unseren Kindern erwarten wir, dass sie sich an Termine halten.

Bei Stuttgart 21 lernen sie: es ist „normal“, den Zeitrahmen zu überschreiten, denn „Verzögerungen im Rahmen grosser Bauprojekte sind nichts Ungewöhnliches“.

Wir erwarten von ihnen, dass sie sich nicht rausreden.

Bei S21 lernen sie: schuld an gestiegenen Kosten und Zeitverzögerungen sind die Gegner, schuld sind die Extrawünsche (also so was völlig Unnötiges wie Brandschutz), schuld ist die Regierung, aber keinesfalls jene, die S21 planen.

Wir erwarten von ihnen, dass sie die Regeln unserer demokratischen Grundordnung akzeptieren.

Bei S21 lernen sie: die demokratisch gewählte Landesregierung wird diffamiert, weil sie gemäß ihrem Wahlversprechen Bauanträge genauer prüft als es die Bahn tut (was ihr vermutlich geholfen hätte, die Kostenexplosion zu vermeiden).

Wir erwarten von ihnen, mit Geld hauszuhalten.

Bei S21 lernen sie: Geld erbitten, Mehrkosten verursachen, die Schuld dafür abweisen, und das alles als „Normalität“ hinstellen („Ich kenne kaum ein Projekt, das zu dem Betrag fertig wird, den man zuerst ausgerechnet hatte“  – Bundesverkehrsminister Ramsauer).

Wir erwarten von ihnen, Wort zu halten.

Bei S21 lernen sie: man kann, wie Bahnvorstand Grube vor der Volksabstimmung, 4,5 Mrd € als absolute Obergrenze angeben, aber wenn diese Obergrenze 1 Jahr später um 2 Mrd € überschritten wird, ist das „normal“ bei Großprojekten – „Wer mit wahren Zahlen operiert, verliert“.

Wir erwarten von ihnen, Kritik anzunehmen.

Bei S21 lernen sie: Gutachten der Gegenseite und sogar neutrale Gutachten (Bundesrechnungshof Anno 2008) werden ignoriert, stattdessen werden eigene Gutachten in Auftrag gegeben, die den eigenen Kurs nicht korrigieren, sondern bestätigen.

Wir erwarten von ihnen, dass sie lernen, ihre Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Bei S21 lernen sie: Bereitschaftspolizei und Wasserwerfer gegen demonstrierende Kinder, Jugendliche und Rentner. Und Freund Hauk von der CDU kommt dann daher und wirft den Leuten vor, sie hätten ihre „Kinder instrumentalisiert„.

Die konservative Ecke, aus deren Mitte sich die S21-Lobby größtenteils rekrutiert, ist es auch, aus deren Ecke ständige Kritik an Computerspielen wie GTA oder Gangsta-Rappern kommt. Es heisst, unsere Jugend sei verroht, schlecht erzogen, untugendhaft.

Das ist die pure Heuchelei.

Es heißt seitens der S21-Lobby, Zeitverzögerungen und Kostensteigerungen seien völlig normal bei Bauprojekten.

D.h. wie haben uns ein Wirtschaftssystem geschaffen, in dem es völlig normal ist, dass Aussagen nichts gelten (aus 2,6 Mrd € wurden inzwischen 6,8 Mrd €). Dazu folgende Einschätzung Karl Heinz Däkes, ehemaliger Präsident des Bundes deutscher Steuerzahler:

„Denn man braucht politische Entscheidungen. Und die bekommt man offenbar nur, wenn man die Kosten relativ gering hält. Und wenn etwas in Beton gegossen ist, wenn man angefangen hat zu bauen, kann man nicht mehr zurück. Dann muss man weitermachen. Und dann steigen die Kosten“.

Wir pflegen einen Umgang der Egozentrik in der politischen Kultur (Kritik wird diffamiert, Kritiker werden als Spinner, Alkommunisten, Linke Chaoten usw. etikettiert). Wir übernehmen keine Verantwortung für kommende Generationen – wichtig ist, dass jetzt Geschäfte gemacht werden – ob sie sich in Zukunft rechnen oder nicht.

Ich akzeptiere, dass viele Leute einen positivistischen Umgang mit der S21-Misere haben: sie sagen, man könne ja doch nichts daran ändern, es werde ja schon gebaut, ein großer Teil des Hauptbahnhofes sei  ja schon abgerissen usw.

Nur verstehe ich nicht, wie dieselben Leute sich dann über „die“ Manager und „die“ Banker aufregen können, denen ja Egozentrik, Verantwortungslosigkeit und eine „es ist nun mal so“-Mentalität vorgeworfen wird.

Es ist nun mal so und man kann nichts ändern?

WER AUSSER UNS SOLL DENN SONST ETWAS ÄNDERN KÖNNEN?

Wo ist das Problem? Welche Zukunftsvision wäre denn schlimmer:

„…wißt ihr noch, damals? Als rauskam, dass S21 immer teurer wird und immer später fertigwerden soll? Zum Glück haben die das damals gestoppt – lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Man hat den alten Bahnhof saniert und den Park aufgeforstet. Das hat übrigens auch nicht der liebe Gott getan, das haben Firmen aus Baden-Württemberg getan, mit Arbeitern, die Lohn erhalten haben und vom sanierten Bahnhof hat Stuttgart ebenfalls profitiert.“

oder:

„…wißt ihr noch? Als rauskam, dass S21 immer teurer wird und immer später fertigwerden soll?

Damals hat man gedacht: Augen zu und durch. Noch teurer wird’s nicht, noch länger kann es nicht dauern. Und schließlich hatten viele auch Angst vor den Ausstiegskosten, weil ja etliche beteiligte Firmen hätten entschädigt werden müssen. Und dann wurde das Ding durchgezogen.“

Ich habe bei der letzten Vision absichtlich nicht geschrieben, dass es tatsächlich noch teurer geworden ist und noch länger gedauert hat, damit mir keiner vorwerfen kann, ich hätte eine übertrieben düstere Zukunftsvision gezeichnet. Das heißt: alles, was da oben steht, sind unangezweifelte Fakten, wie sie bisher vorliegen. Aber ich gehe jede Wette ein, dass die 6,8 Mrd € und die bisherige Verzögerung von 2 Jahren noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sind. Dazu muß man nur den Verlauf der Chronik anschauen.

Um auf die Frage der Pädagogik zurückzukommen:

Unsere Kinder lernen ja leider nicht, dass dieser Typus Mensch, der S21 verbockt, ein kritikresistenter Wortbrecher, Verschwender, Egomane ist. Sie lernen diesen Typus Mensch als erfolgreich und sexy kennen. Immer mobil, dickes Auto, schönes Haus, durchsetzungsfähig, elegant usw.

DAS ist es, was als erstrebenswert vermittelt wird, weil alles in Geld und Erfolg gemessen wird und in diese Äußerlichkeiten werden Charaktereigenschaften reininterpretiert, die konstruiert sind.

Und DAS ist es, was unsere Kinder in unserer Gesellschaft lernen: all das Gerede von Menschlichkeit, inneren Werten, „gutem“ Handeln und Denken – das ist alles Mumpitz, den uns die Eltern zuhause erzählen, weil sie vom anderen Stern kommen. Aber die Realität ist anders und da muss man sich durchsetzen – mit Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Freundschaft, inneren Werten kommt man nicht weit. Ein dickes Auto bekommt man nur, wenn man sich dick macht, die Ellbogen rausfährt usw.

Die Kinder und Jugendlichen sind nicht daran schuld, dass sie Bushido und Sido gut finden. Daran sind wir selbst schuld. Mit jedem Stück Konsum verhelfen wir Bushidos „Stress ohne Grund“ in die Charts, selbst, wenn wir es gar nicht hören. Das müssen wir auch gar nicht. Der weltweite Konsum schafft eine Welle aus Scheisse, auf der manche besser reiten können als andere und Bushido ist der Kelly Slater der Konsumgesellschaft.

Entgleist

Seltsam. Vor 2 Jahren, am 30.09.2010 erfuhr ich bruchstückhaft und aus der Ferne (Wiesbaden) von den Vorgängen im mittleren Schloßgarten, von weinenden Kindern, von prügelnden Polizisten und einem ausgeschossene Auge.

Der Protest hat sich seitdem segmentiert, differenziert, radikalisiert, abgekühlt, alles gleichzeitig.
Er ist zu einer Bühne, einem Epos, einem Trauerspiel, einer Komödie, einer Farce geworden, alles gleichzeitig.
Er war das Ende der passiven Bürgerschaft, der CDU-Hegemonie in Baden-Württemberg, der Tabuisierung kritischer Fragen an Politik und Wirtschaft, er wurde zum Anfang einer neuen Bewegung, die selbst mit der Macht in Berührung gekommen ist – gleichzeitig.
Er war die gleichzeitige Bewegung vieler gegen die Konformität und gleichzeitig begannen viele darin, Normen zu bilden und sich konform zu verhalten sowie „normales“ und „deviantes“ Verhalten zu definieren – und beides gleichzeitig – das ging nun wirklich nicht.

„Den Protest“ – einen solchen als Einheit gibt es nicht mehr. Die wenigen hundert Leute, die nach wie vor Montagsdemos veranstalten, stehen schon alleine ihrer geringen Zahl wegen nicht für die >100000 Bürger, die sich am 1. Oktober 2010, also einen Tag nach dem „schwarzen Donnerstag“, im Schloßgarten versammelt hatten, um gegen das Vorgehen der schwarz-gelben Landesregierung zu protestieren. Es gingen nicht nur viele weitere Bewegungen aus dieser hervor, viele fanden durch sie erst eine Stimme bzw. ihre Stimme wurde erst hier gehört. Verschaffte sich der enttäuschte Wähler ein Jahr vorher noch bestenfalls mit den „Yeahhh“-Flashmobs auf Regierungsveranstaltungen auf satirische und zynische Weise Ausdruck, ging es hier bitterernst zur Sache. Was wiederum alle einte, die aus diesem (S21) oder einem anderen Grund unzufrieden waren mit der Politik. Man könnte auch sagen: war S21 ein Symbol für die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Politik, so war der 30. September die direkte, die konkrete Auseinandersetzung zwischen ihnen. Der 30. September – und damit meine ich nicht nur genau dieses Datum, sondern auch die Demo der Hunterttausend am Tag danach und letztlich auch den Punkt, an dem die öffentliche Wahrnehmung eine Kehrtwende machte . war ein Moment, und Momente vergehen.

Insofern war es eben doch nicht alles gleichzeitig, was passiert ist. Wir haben es gleichzeitig wahrgenommen. Es gab Momente, da waren ein paar wenige bei den Demos – ich kam „erst“ dazu, als es um die 1500 Leute waren. In Erinnerung aber bleibt der Moment, an dem 100000 gegen Mappus und Rech protestiert haben. Ablehnung und Stigmatisierung durch Politiker gab es auch schon vorher, aber die Prügel vom 30. September haben sich uns eher ins Hirn gebrannt als der Vorwurf des Vandalismus, als S21-Demonstranten die „Dialog“-Broschüre vor Drechslers Büro geworfen haben. Auch die unterschiedlichen Ansichten darüber, welche Aktionen noch OK sind und welche schon am Rande der Nötigung oder gar Gewalt, gab es bei den Parkschützern schon lange, nur wurde eben nicht über die Diskussionen, sondern die Durchführung der Verkehrsblockaden oder den Sturm auf den Bauzaun berichtet.

Ich hatte manchmal das Gefühl, daß die Leute ihr eigenes Image geglaubt haben. So als hätte es kein Vorher gegeben und als dürfte deshalb das Nachher auch nicht sein. Als der Teilnehmerschwund bei den Demos anfing, hieß es immer wieder „wir müssen dies oder jenes zu machen, um wieder so viele zu werden wie damals…“. Quatsch mit Soße. War der Protest unterhalb der Teilnehmerzahl vor der ersten bahnbrechenden Demo mit 16000 Leuten Ende Juli 2010 weniger wert? Teilnehmerzahlen haben nichts mit dem Inhalt, sondern mit der Wahrnehmung einer Sache zu tun, und diese Wahrnehmung hat mit jeder Montagsdemo abgenommen. Inflationäres Appellieren führt zu Taubheit, verstehen Sie?
Diesen Moment festzuhalten, war unmöglich und auch unnötig. Ich erinnere mich an den Tag, als Bahnchef Grube n der Liederhalle weilte, um ein Konzert zu hören (hieß es). Die Demomenge machte sich selbständig und ging vor die Liederhalle, skandierte und machte ihrem Unmut Luft. Ich selbst fühlte Wut in mir aufsteigen und fragte mich dann: auf wen bin ich eigentlich wütend? Auf einen Menschen, den ich nicht mal kenne? Und wenn es nicht um den Menschen, sondern den Chef eines Konzernes geht, warum greife ich dann den Konzern nicht an? Weil man einen Menschen leichter angreifen kann als einen abstrakten Konzern? Ich weiß, daß die Demonstrationen überwiegend friedlich waren – sonst wäre ich nicht hingegangen. Aber immer gab es auch Leute, die den Eindruck gemacht haben, als wollten sie die Sache eskalieren lassen, so, als sei der 30. September ein Glücksfall für den Protest gewesen, denn schließlich bedeutete er den Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung – bundesweit und sogar international. Glücklicherweise hatten die Eskalationswilligen keinen Erfolg, weil der Stuttgarter Protest gegen S21 überwiegend aus friedliebenden Menschen bestand.
Allerdings kamen dann andere Zeiten. Die Abwahl der CDU/FDP-Regierung in BaWü war gerade einmal per Hochrechnung festgestellt, da gingen diese wenigen unfriedlichen Leute den Bauzaun am Nordflügel einreißen. Selbst, von Hand und von Fuß, sozusagen. Es gab wohl ein paar Rangeleien und da sagte mir Floyd vom Fakeblog: „naja, weißt doch wie es ist: 99 % demonstrieren friedlich und wenn das eine Prozent was anderes tut, sind sofort die Kameras der Presse dabei und stellen es so dar, als seien alle S21-Gegner so“.
Kann sein, daß es so ist (wobei ich mich frage, wieso die 99 % in diesem Moment nicht in der Lage waren, dem einen Prozent einen Riegel vorzuschieben), aber das war nicht meine Kritik. Die bezog sich auf Matthias v. Hermann, der dann in der Lage war, ein offizielles Statement rauszuhauen, in dem er die Bauzaun-Einreiß-Aktion guthieß. Was an sich schlimm genug gewesen wäre, wenn nicht die Reaktionen innerhalb der Parkschützer teilweise befürwortend gewesen wären. Klartext: es gab Leute, die gut fanden, daß Matthias v. Hermann das mit dem Bauzaun gutfand. Und das fand ich nicht gut.
Ich kann die vielen ähnlichen Erlebnisse innerhalb dieses Protests nicht aufzählen, will ich auch gar nicht. Es geht mir auch nicht darum, jemanden davon zu überzeugen, daß der Protest gut oder schlecht gewesen sei, denn Material dazu ist zur Genüge vorhanden, um sich selbst ein Bild zu machen. Mir geht es nur darum, die Segmentierung und Differenzierung aufzuzeigen und zwar als einen normalen Vorgang, nicht als etwas fremdgesteuertes. Es ist nicht nur normal, es ist gut, daß der Protest einen Wandel und eine Auflösung erfahren hat. Ich bin immer noch gegen den Tiefbahnhof, aber ich werde nicht jahrelang mit Parkschützern diskutieren, ob Verkehrsblockaden sinnvoll sind oder nicht.
Ich halte Politik eh für eine vergebliche Versuchung, es sei denn, sie durchdringt einen durch und durch. Diese Authenzität nehme ich Leuten wie Putte bspw. ab, dessen Meinung ich nicht immer teile, dem ich aber abnehme, daß er sie mit seinem Inneren teilt. Sie lachen? Da kennen ich aber leider viele Leute, die das eine daherlabern und das andere meinen und wiederum was anderes praktizieren. Und sowas gab es haufenweise im Protest. Wiederum komisch: es ist vor allem das, was einzelne Menschen im persönlichen Kontakt getan und gesagt haben, das meine Identifikation mit dem Protest verringert hat. Pech gehabt? Mitnichten. Das ist kein Zufall: der Protest funktioniert so gut, weil er „aus hehren Zielen“ besteht und vereinfachend das gute Volk der bösen Politik gegenüberstellt. Natürlich. Alle anderen böse, wir gut. Funktioniert aber nicht für mich. Weil: lernt man die Leute privat kennen, will man die Hälfte auch schon wieder vergessen. Like für den Protest, Kommentar für die Menschen im Protest, um mal facebook-Sprache zu verwenden…

Jedenfalls jährt sich nun dieser Tag, der als Tiefpunkt den Höhepunkt des Protests gegen S21 in die Wege geleitet hat und trotz meiner Entfremdung zum Protest denke ich jedesmal, wenn ich den Umbau und vor allem die Antizipation des „tollen“ Ergebnisses, also das Bankenviertel und die Bücherei samt geplantem Schniegel-Viertel sehe: scheiße, wer kann so blöd sein, diesen Mist tatsächlich bauen zu wollen? In diesem Sinne: oben bleiben. Inzwischen vielleicht ohne Ausrufezeichen, aber nicht minder bestimmt.

Und ausgerechnet heute, wo ich, wie damals vor 2 Jahren (minus 1 Tag) aus Wiesbaden komme, passiert dann das:

Und noch eines:

Hier noch ein Video auf youtube von der Entgleisung (Dank an Antix).

facebook – Safer Onanie

Unter Politik verstehe ich Gestaltung oder Veränderung.

Gestaltung:
Wenn man Gestaltung nur mit Gleichgesinnten ausübt, braucht man eine Mehrheit und dann ist diese „Gestaltung“ Ausdruck der Machtverhältnisse.

Ist man in der Minderheit, ist die Möglichkeit zur Gestaltung erstmal nicht gegeben. Oder nur insofern, als es die demokratischen Verhältnisse vor Ort gestatten. Dazu gehört der Minderheitenschutz oder die freie Meinungsäußerung, und solange ich Aufrufe zum Umsturz des Systems auf facebook, teilweise unter Realnamen lese (ohne daß diese Menschen kurze Zeit später verschwinden), werte ich das als einen Beweis für das Vorhandensein des Rechts auf freie Meinungsäußerung.

Veränderung:

Was sie angeht, gibt es jene der Minderheit durch die Mehrheit und das ist wiederum Machtausübung. Wenn also Macht solange ausgeübt wird, bis Einstellungen, Deutungen und Wertungen von der Minderheit übernommen werden.
Wie steht es aber mit der Minderheit? Welche Handhabe zur Veränderung hat sie?
Sie kann, wenn sie ungehindert ihre Meinung äußern kann, kraft guter Argumente zu einer Mehrheit werden – so der Plan. Dazu muß sie aber mit Andersdenkenden in den Meinungsaustausch gehen. Und nun die Frage:
wie wieviele Andersdenkende hat man für gewöhnlich unter seinen Freunden bei Facebook? Wen erreicht man, wenn man seine Meinung zu einer Sache postet? Doch wohl zunächst einmal die Freunde, oder?
Und wo findet da dann der Austausch statt?
Bin ich in der Mehrheit, dann ist mein politisches Handeln Gestaltung als Ausübung von Macht. Das poste ich aber nicht auf Facebook, es sei denn, ich betreibe Propaganda.
Bin ich in der Minderheit, kann ich posten, was ich will, solange es nur Gleichgesinnte lesen – dadurch verändere ich nichts. Das ist keine politische Arbeit, sondern so ähnlich wie die Rede eines Parteivorstandes vor seiner Parteibasis und die Likes sind der Applaus.
Im besten und allerseltensten Fall habe ich unter meinen Freunden bei Facebook Andersdenkende und hier besteht zumindest die Möglichkeit eines Austausches gegnerischer Positionen. Allerdings ist selbst hier noch lange nicht gesichert, daß dieser Austausch in Politik als Gestaltung mündet. Es kann nämlich sein, daß die Mehrheit die guten Argumente der Minderheit anhört und – nichts weiter tut.

Aber zumindest wäre der Austausch unter Andersdenkenden jenes Minimum, das als Basis für jene angebliche politische Arbeit auf facebook oder in Blogs (ja, auch in diesem) notwendig wäre. Tut das jemand? Gibt es das auf Facebook? Nein, denn einer der Vorzüge von FB ist der, daß man sich zurückziehen kann. Man muss sich nicht auseinandersetzen, wenn einem etwas nicht gefällt. Man kann sich entziehen. Und das tun wir alle, wenn es möglich ist. Ich auch.
Im persönlichen Kontakt kann man das allerdings wenig und deshalb finde ich auch so viele Revolutionäre auf Facebook: hier kann jeder endlich ausleben, was er schon immer wollte. Ein besserer Mensch sein. Seine eigene Dekadenz verdecken durch gerechte Worte, über deren nachfolgende Taten man niemandem Rechenschaft schuldig ist.

So ein Scheiß.

Facebook soll das tun, was es am besten kann: die Plattform bieten für Ausrufe unseres westlich-dekadenten Lifestyles (ja, auch des meinen), auf der man möglichst unkompliziert über seinen Furz von gerade eben schreibt, damit andere ihr Like dazusetzen können.

Eine Plattform – oder gar eine besonders geeignete – für politische Arbeit ist es mitnichten.

Standard & Poor´s stuft Mensch herab und Heuschrecken hoch

Die Ratingagentur ließ heute verlautbaren, daß aufgrund des schlechten Krisenmanagements der Weltpolitik eine Konsolidierung der nationalen Haushalte nicht zu erwarten sei. Die Politik nähme zu viel Rücksicht auf den Faktor Mensch. Erschwerend hinzu käme, daß der Faktor Mensch uneinsichtig sei und gegen dringend notwendige Sparpläne auch noch demonstriere.

Deshalb droht die Ratingagentur dem Wirtschaftsfaktor Mensch nun mit einer Herabstufung seiner Bonität von A-A auf LMAA. Begründen müsse man dies mit der mangelnden Einsicht zu sinnvollen Sparmaßnahmen wie der Streichung von 30000 Stellen im öffentlichen Dienst sowie der Kürzung der Renten. Gerade Renten seien volkswirtschaftlich besehen sinnlose Investitionen, da bei den Empfängern die Lebenserwartung sowieso geringer sei als bei kaufkräftiger arbeitender Bevölkerung – diese Fehlinvestitionen seien öffentlich zu ächten.

Auf der Suche nach Alternativen finden Vertreter der Agentur deutliche Worte:
„Der Mensch ist zwar zu enormen Leistungen fähig, allerdings muß er stets dazu angetrieben werden. Erschwerend hinzu kommt, daß ihm geistige Fehlentwicklungen wie soziales Bewußtsein, Vernunft und Mitgefühl kontinuierlich den Weg zu einer effizienten Daseinsform versperren.
Wir fordern die Politik daher auf, sich möglichst schnell an Lebensformen zu orientieren, die besser in der Lage sind, gewinnmaximierend vorzugehen.“

Gleichzeitig vergab die Agentur an die Spezies „Heuschrecke“ die Höchstnote AAA. Ein Sprecher ließ verlautbaren, daß es sich um eine Art kosmischen Irrtum handeln müsse, daß jenes Lebewesen, welches am besten in unserem Wirtschaftsystem klarkomme, kein Mensch, sondern eine Heuschrecke sei.

Weiter empfahl er „dieses wunderschöne Video“ – es zeige die Vision einer weiterentwickelten Spezies Mensch, der die besagte Effizienz in Fleisch und Chitin übergegangen sei:

Die Rating-Agentur sah in folgendem „Erfolgsprinzip“ ein Proto-Modell für gelingende Wirtschaft:

– neuen Lebensraum okkupieren
– Ressourcen verbrauchen
– sich solange vermehren, bis die Ressourcen erschöpft sind
– neuen Lebensraum okkupieren

Volksverhetzung auf Pro-S21-Veranstaltung

Nach der Demo, bei der laut Angaben der Veranstalter 50000 Menschen da gewesen sind, habe ich noch an einem spontanen Demozug teilgenommen. Der wurde von der Polizei auf die Konrad-Adenauer-Straße gelenkt, vorbei an einem von Bereitschaftspolizei gesicherten Landtag… für den sich kein Schwein interessiert hat.


(Souvenir aus Berlin, hat irgendwie auch was mit Demokratie zu tun, aber was nur…? Man beachte das Detail ;-))
(Foto Nr. 1)

Wir (also ich und der andere, nicht der ganze Demozug) sind dann einfach mal zur Pro-Demo gegangen. Die dort vorhandene Menge schätze ich auf ca 2000 – 3000 Menschen, allerdings waren einige der dort Anwesenden Gegner von S21.

Dabei fiel mir nach einiger Zeit ein Banner auf, den ich Euch nicht vorenthalten möchte:


(Foto Nr. 2)

Da bleibt einem erst Mal die Spucke weg. Begriffe schwirren durch meinen Kopf… Diffamierung? Volksverhetzung? Bagatellisierung des Holocaust? Verleumdung? Verletzung der Friedenspflicht? Alles gleichzeitig?

Ich habe diesen Banner gegen 17.00 Uhr fotografiert. Als ich die übriggebliebenen Grüppchen der Befürworter gegen 18.00 Uhr verlassen habe, war er inzwischen nicht mehr da.

Dabei fiel mir folgender Gesell auf:


(Foto Nr. 3)

Wir sehen: man darf sogar gegen das Vermummungsverbot verstoßen, wenn man auf der richtigen opportunen Seite ist.

Während der Veranstaltung versuchte ein Krankenwagen, durch die Menge der Befürworter zu kommen. Dies gelang zunächst nicht. Einer der Redner mußte erst von der Bühne aus dazu auffordern, dann kam der Krankenwagen langsam durch.
Angeblich kam der Rettungswagen aus anderen Gründen nicht durch. Dazu gibt es widersprüchliche Angaben in den Kommentaren, von im Weg stehenden Pollern bis zu einem nicht gefundenen RTW-Schlüssel.
Ich ändere dennoch diese Passage und weise darauf hin, daß etwas derartiges in etablierten Medien und schon gar nicht von Befürworterseite geschehen ist, als sich das Gerücht, eine Frau sei im RTW nicht durch die Menge der Gegner-Demonstranten gekommen und deshalb verstorben, als solches bestätigt hatte: das Katharinenhospital bestätigte, daß die Frau bereits vor Antritt der Fahrt ins KH verstorben war.

Selbiges beim Verlassen der Veranstaltung:


(Foto Nr. 4)

Ob dadurch wohl jemand zu Schaden gekommen ist?Laut Kommentaren (siehe unten) nicht. Das freut mich.

Jedenfalls wundert es mich nicht, wieso diese Veranstaltung trotz massiven PR-Aktionismus´(Ausschank von Wein und Sekt, Darreichung von Schnittchen, kostenlose Busfahrten zur „Demo“ usw.) so schlecht besucht war:
warum sollten Menschen für etwas demonstrieren, das von den Mächtigen mit aller Gewalt durchgedrückt wird? Wer gerne Marionette spielt, wird das sicher tun, aber mehr 3000 Leute habe ich nicht gesehen.
Ein Blick hinter die Kulissen enttarnt, woher die Plakate kommen und erklärt bestens, was mit „Filz“ gemeint ist:

(Foto Nr. 5: teric)

Kein Kommentar zu diesem Foto:


(Foto Nr. 6: Anja vom KOPF_HOCH_TEAM)

Eines noch:

in der Landesschau wurden die Zahlen mal wieder verfälscht, dennoch sprachen selbst diese verfälschten Zahlen eine deutliche Sprache: angeblich 8000 pro, 16000 contra das Projekt.
Witzig war ja auch, daß jeder Stuttgarter oder einer, der in Stuttgart mal shoppen war, erkannt hat, daß beim Kameraschwenk über das pro-Publikum die Königsstraße, also die Einkaufsmeile Stuttgarts gezeigt worden war.

Und jetzt kommt das beste:

mitten in die Einkaufsmeile haben die das da gestellt:


(Foto Nr. 7)

Absperrgitter, und zwar nicht direkt vor der Bühne, sondern gut 30 Meter davor. Jeder, der schon mal an dieser Stelle war, weiß: das ist quer zur Laufrichtung der Shopping-Kundschaft. Somit entsteht ein Stau und bis Ortsunkundige es geschafft haben, dieser Barriere auszuweichen, ist schon mal der eine oder andere Schwenk fürs Staatsfernsehen gemacht, der dann 8000 Befürworter suggeriert.

Dazu hier nochmal ein Foto, das ich beschriftet habe:

(Foto Nr. 8a, Quelle: trueten.de)

Und hier nochmal im Detail:

(Foto 8b)

Solange die Befürworter sich derart arrogant verhalten, solange sie also so offensichtlich damit rechnen, daß keiner den groben Unfug bemerkt, den die veranstalten, um mit Tricks und Übertreibung wenigstens auf die Hälfte der runtergefakten Gegnerzahlen zu kommen, solange brauchen wir keinerlei PR. Das erledigen die schon selbst und bisher hat es ja auch wunderbar funktioniert.

Und wenn die jetzt denken, daß sie sich noch schlauere Tricks einfallen lassen müssen, empfehle ich einfach mal: umdenken und zur Moral zurückkehren. Das ist immer gut, ob es opportun ist oder nicht, denn die Tugend trägt den Lohn in sich.

Und darum:

Update:

ich habe folgende Fotos der Pro-Demo im Netz gefunden (Autor bitte bei mir melden!) und sie auf Gipm zusammengeschoben. Soll mal jeder selber zählen: sind das, wie von den Befürwortern behauptet, 10000 Leute?


(Foto Nr. 9)

Da dies aus zwei Fotos zusammengesetzt ist, bei denen der Fotograf einen Schwenk gemacht hat, sind zwangsläufig Überschneidungen drin. Deshalb habe ich die Überschneidung etwa bei der Mitte der Menge (nicht der absoluten Mitte des Bildes!) angesetzt. Das führt dazu, daß im oberen Teil Menschen nicht und unteren Teil Menschen doppelt auf dem Bild sind, was man an den Hinweisen in Punkt 1. und 2. erkennt. Ich denke, daß sich beide Mengen die Waage halten.

Update:


(Foto Nr. 10)

Links:

„Demokratisches Stuttgart“ zur Frauenfeindlichkeit in Werbekampagnen der Projekt-Befürworter

trueten.de: S21-Veranstaltung ein Flop

Bei Abriss Aufstand

Kopfbahnhof 21

Konzerthinweis:

Stuttgart 21 Spezial: Lange Nacht des Autos
Konzert-Hinweis:

Im Rahmen der langen Nacht des Autos gibts neben Redebeiträgen und einer Video-Installation einen Mini-Gig mit 3 Songs von mir zu hören.

Wo: Wagenhallen, Innerer Nordbahnhof 1, 70191 Stuttgart
Wann: 28.10.2010, zwischen 21.00 und 22.00 Uhr
Eintritt: frei

UPDATE:

Screenshot vom 25.10.2010: SWR-Online-Nachrichten

10000…dabei sprach die Polizei selbst bereits von 60000 am 01.10.

Lynchmob

Gewalt durch Jugendliche in Münchner S-Bahn.

Und schon heißt es wieder, unsere Justiz sei nicht hart genug. Dieser Reflex erfolgt gleichzeitig mit dem Ruf nach Abschiebung krimineller Migranten, so, als wäre die Nationalität der Täter bereits bekannt. Wo? Bei web.de natürlich, wo denn sonst?

Das ist ein Irrtum:

Gegen die Mörder Dominik Brunners (des S-Bahn-Opfers von München) ist Anklage wegen Mordes erhoben worden.

Was wollen die also? Wer von Kuschelpädagogik redet, hat keine Ahnung.

Oder hätte man sie wegen Besessenheit zum Scheiterhaufen verurteilen sollen? Na, dann ab ins Mittelalter…

War völlig klar, daß das wieder von Nationalisten ausgeschlachtet wird…bevor überhaupt bekannt ist, ob es Migranten waren oder Deutsche. Das zeigt, daß es nicht um eine Diskussion zur Härte der Justiz, sondern um das allseitsbekannte Dampf-Ablassen am Stammtisch geht.

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