Wovon träumen Lehrer nachts?

penn

Da haben wirs mal wieder:

die Jugend von heute ist total daneben. Weil: die Handschrift wird immer schlimmer. Das will eine Studie des Schreibmotorik-Instituts herausgefunden haben. Mich wundert das kaum, denn befragt wurden ausschliesslich Lehrer und diese waren überwiegend der Meinung, dass die Handschrift hierzulande den Bach runtergeht.

Ich hätte dem Institut diese Information für einen Bruchteil des Geldes geben können, denn wie alle anderen Ex-Schüler weiss ich: Lehrer sehen seit Jahrhunderten den Verfall der Gesellschaft an ihren Schützlingen. Sie bewerten, selektieren, bestrafen sie, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Da frage ich mich, warum sie dann Lehrer werden, wenn sie die Empfänger ihrer Dienstleistung verachten?

Ach so, natürlich wird noch ein Experte befragt: Josef Kraus, Vorsitzender der deutschen Lehrerverbandes, sieht die Gründe natürlich in der Familie. Dort solle man „Kritzeln, Malen, Kneten, Basteln“, um das Schreiben schon mal vorzubereiten. Selbst, wenn dadurch tatsächlich etwas getan werden könnte, dann frage ich, warum ausgerechnet durch die Familie?

Ach ja, klar: weil man dann auf den großen Unbekannten eindreschen kann. In „Familien“ müsse mehr gemacht werden. Weder ist klar, wer gemeint ist, noch, wie man den Arbeitsauftrag kontrollieren könnte, aber man kann seinem Unmut freien Lauf lassen.

Und zu allem Überfluss wird Lehrer Kraus am Ende dann noch als Pädagoge betitelt. Also es gibt Pädagogen, Sozialpädagogen, Therapeuten, Sozialarbeiter usw., aber der Schulmeister ist für heute.de ein Pädagoge. Manchmal kann man nur noch verzweifeln. Aber wenigstens verstehe ich jetzt wenigstens, wieso genau so ein Schulmeister (Bernhard Bueb) es mit einer „Streitschrift“ an die Spitze der Bestseller-Liste geschafft hat.

Wenn dauernd nach mehr instituionalisierter Bildung gerufen wird, kann nicht gleichzeitig nach mehr Arbeit in der Familie gerufen werden. Eltern sollen nach Arbeit, Haushalt, Hausaufgabenbetreuung, Erziehung und Pflege auch noch Knet-Aufträge aus der Schule bewerkstelligen? Ich dachte immer, die Schüler pennen in der Schule, aber offensichtlich sind es die Lehrer, die träumen.

Abschliessend noch das da, direkt aus dem Artikel auf heute.de:

heute01Ohne Worte.

[Update 11.30 Uhr:]

Stunden danach ist der Fehler immer noch nicht verbessert. Ist ja auch egal, eigentlich kümmerts mich nicht. Sieht halt nur seltsam aus, wenn die Jugend von heute in schlechtem Deutsch schlechtgeredet wird.

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Eine Milliarde Ganztagesschulplätze bis 2014

Wohin mit den Kindern?

Die Meldung, dass entgegen großspuriger Versprechen immer noch 100 000 Kita-Plätze fehlen, ist gerade mal 5 Tage alt, da fordern Politiker von CDU und SPD den „Rechtsanspruch auf Nachmittagsangebote„.

OK, die CDU will ja christlich geprägt sein und einer der Kernsätze im Christentum ist „…und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Gehen wir also mit gutem Beispiel voran und lassen das Versagen der Politik beim Ausbau der Kita-Plätze außen vor.

Lässt man dieses Versagen also außen vor, könnte man der Meinung sein, die Forderung nach einem Anspruch auf einen Ganztagesschul-Platz sei ein lobenswerter Ansatz. Ganztagesschulen fördern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, weiter profitierten besonders die Kinder sogenannter „bildungsferner Familien“ – so die „Klemm-Studie“ der Bertelsmann-Stiftung. Die CDU entdeckt ihren feministischen und sozialen Auftrag.

Ich kann aus meiner Erfahrung in 10 Jahren Arbeit als Erzieher in zwei Schülerhorten jedoch einiges zu bedenken geben. Dazu möchte ich aus der Entwicklung in Stuttgart berichten, wie der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz und die Minderung der pädagogischen Qualität zusammenhängen, auf welche Weise versucht worden ist, Räume für Krippen zu erzwingen, welche untergeordnete Rolle die pädagogische Qualität in konzeptioneller und personeller Hinsicht an Ganztagesschulen hat und inwiefern all dies vor allem aus politischem Kalkül heraus geschieht.

Rückblick.

2006 wurde, wie bekannt, der Ausbau der Krippenplätze angekündigt. 780000 Betreuungsplätze wollte die damalige Familienministerin von der Leyen (CDU) mit Hilfe der Länder bis 2013 geschaffen haben. Das Ziel wurde deutlich verfehlt, das ist allseits bekannt. Schändlich. Hätte nicht Fr. von der Leyen (CDU) damals und ihre Nachfolgerin Fr. Schröder (auch CDU) noch 2010 oder gar noch im November 2012 so die Klappe aufgerissen, wären wir als gute Christen durchaus bereit gewesen, den Christdemagogen zu verzeihen.

Allerdings kennen wir als Christen nicht nur den Begriff der Vergebung, sondern auch jenen der Reue. Finden wir die bei der CDU? Mitnichten. Das Scheitern wird auch noch als Erfolg dargestellt. 100 000 Kita-Plätze fehlen immer noch. Und Fr. Schröder schwärmt von Deutschlands „Kraftakt“, verliert kein Wort über die fehlenden 100 000 Plätze. Aber wie wurden die angeblichen 680 000 bestehenden Plätze geschaffen?

Echte, real existierende Schaffung.

Ja, es wurde tatsächlich auch investiert. Auf konventionellem Wege, also Neubau / Umbau von Räumlichkeiten und Schaffung von Stellen für pädagogisches / administratives Personal hat man auch etwas getan.

Jedoch hat das bei weitem nicht ausgereicht. Deshalb sahen sich Länder und Kommunen angesichts des nahenden Ultimo 01.08.2013 gezwungen, zu unkonventionellen Massnahmen zu greifen.

Ressourcen heben.

Im Dezember 2012 informierte der Gemeinderat Stuttgart die Träger und Einrichtungen, die Hortplätze anbieten zum sogenannten „Hortumbau“, beschlossen in der Gemeinderatssitzung vom 19.07.2012 :

– Bis 2018 wird die Finanzierung von Hortplätzen in reinen Horteinrichtungen eingestellt

– Der Umbauprozess soll prioritär für die Schaffung von Kleinkindplätzen genutzt werden

– Die Träger bisheriger reiner Horteinrichtungen können sich um eine Integration an Schulen im Sinne einer Betriebsübernahme bewerben. Die Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen (bspw. Personelle Besetzung der Gruppen und Stellenschlüssel) ist entsprechend der Anlage 1 zu GRDrs 417/2012 „Festlegung von Standards in Schülerhäusern der Landeshauptstadt Stuttgart“ durchzuführen

– Die pädagogische Konzeption des Schülerhauses / der Ganztagesschule wird gemeinsam von Schulleitung und Leitung des sozialpädagogischen Bereichs entwickelt.

– Deren Umsetzung ist Aufgabe der sozialpädagogischen Leitung „in enger Abstimmung mit der Schulleitung“ (ebd. S. 11)

Das bedeutet, dass die Träger freier Horte gezwungen worden sind,

1. Horte dicht zu machen oder zu 100% selbst zu finanzieren (das ist schlicht unmöglich)

2. aus den frei gewordenen Räumlichkeiten Krippen zu schaffen,

3. pädagogisches Personal, das nicht gewillt war, fortan als Krippenpersonal zu arbeiten, zumindest in Ganztagesschulen zu integrieren oder

4. solches Personal in den neu entstandenen Krippen zu beschäftigen.

Ich werde in einem anderen Artikel vertiefend auf das Verhältnis von Hort und Schule zu sprechen kommen, hier aber soll in bezug auf die Kita-Platz-Diskussion zunächst festgehalten werden: die freien Horte wurden zur Ressource für die Schaffung von Krippenplätzen degradiert und, wo es nicht anders möglich war, in Schulen „integriert“. Also: weg mit dem pädagogischen Larifari von wegen Wertschätzung, Lebensweltorientierung, Selbstbildung, Kompensation des Schulalltags usw. – Kinder sollen auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, und das geht am besten in der Schule.

Nein, Schule ist nicht gleich Hort. In Horten ist zumeist nach einer Stunde Hausaufgabenbetreuung Schluß. In der Ganztagesschule wird solange gesessen, bist die Hausaufgaben erledigt sind, und wenns 3 Stunden geht! Horte zeichnen sich durch pädagogische Autonomie aus – die Schule wird als Teil der Lebenswelt eines Kindes zwar ernstgenommen, jedoch empfängt der Hort keine Arbeitsaufträge von der Schule und das ist gut so. Die Sozialisation des Kindes mit seinen Kameraden und Freunden als Motor einer gesunden Entwicklung steht im Vordergrund, nicht Disziplinierung oder Reglementierung. Die Erzieher im Hort wissen das und sind bewußt an genau diesem und nicht irgendeinem anderen Arbeitsplatz, denn: die Autonomie im Hort macht professionelle pädagogische Arbeit erst möglich.

Und nun sollen diese Erzieher alle an die Schule kommen, wo Lehrer und Schulleiter das Konzept vorlegen.

Ich jedenfalls kenne nicht einen einzigen Erzieher, der an die Schule wechseln will. Wir alle haben unsere Erfahrungen mit der von Disziplinierung durchsetzten Schule in etlichen mühsamen Kooperationstreffen gemacht und waren deshalb immer über unsere Autonomie außerhalb der Schule froh. Keine zehn Pferde bringen mich an eine Schule, wenn die Konzeption noch nicht mal von meinem Chef gemacht werden darf, sondern er sich erst den Segen eines Bueb holen muß.

Standards senken I: jeder kann Pädagoge werden (und vor allem Frauen!)

Die mickrigen paar Prozent durch die Zerstörung der jahrzentelangen pädagogischen Hort-Tradition haben natürlich auch nicht viel gebracht. Warum also nicht auch mal abwegige Ideen verfolgen?

Wir erinnern uns an die politisch-pädagogische Farce, welche bekannt geworden ist unter dem Begriff der „Schlecker-Frauen“: 25000 Beschäftigte, zumeist Frauen, waren schlagartig arbeitslos. Da dachte sich Frau Schröder, sie könne gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Schlecker-Pleite kompensieren + Kita-Ausbau vielleicht doch noch erreichen…

Denn: schließlich sind Frauen von Natur aus fähig, Kindern zu erziehen. Das liegt in den Genen. Sozialpädagogik ist nichts, was man lernen müßte. Oder wenn doch, dann kann man das auf die biologische Determination „Frau“ noch draufsetzen – so Fr. Schröder (Erzieherin in Fernsehsendung: „ich krieg zu wenig Geld.“ – Schröder: „dafür kriegst Du Anerkennung und Wertschätzung“ – ich: kauf Dir mal ne Stulle von Anerkennung und Wertschätzung. Allerdings verstehe ich jetzt, wieso Politiker so viel Geld verdienen – könnte man von Anerkennung und Wertschätzung seine Miete bezahlen, wären die alle obdachlos).

Fr. Schröder selbst hat übrigens Abitur und Studium absolviert, um ihre … Tätigkeit … (kann man das als Beruf bezeichnen?) auszuüben. Das Signal, welches sie mit diesem Fauxpas an die Frauen gesandt hat, war: als Frau gehört man eben doch an den Herd oder zumindest zu den Kindern. Weil diese Arbeit nix mit Professionalität zu tun hat, sondern im Geschlecht determiniert ist. Das Wenige, was man da lernen muß, ist vergleichbar mit dem Bedienen einer Kasse. Insofern ist sie in der richtigen Partei, auch, wenn selbst konservative Christen sich von den drei K´s Kinder, Küche, Kirche verabschiedet haben.

Standards senken II: Pommes Bude, Kartons packen oder wie wärs mal mit Erzieher?

Nicht viel später wurde es noch bunter: jetzt sollten auch Langzeitarbeitslose zu Erziehern werden.

Kurz: den eklatanten Personalmangel hat man nicht etwa dadurch zu kompensieren versucht, dass man endlich die Ausbildungsstandards oder gar die Bezahlung verbessert hätte. Stattdessen hat man die Erzieherausbildung, die in Jahrzehnten ausgebaut und mühsam professionalisiert worden ist, zu einem last-exit für Arbeitslose beliebiger Herkunft degradiert: wirste nix, wirste Erzieher.

Die Kunst der Formulierung: Ein Tagesmutter-Platz ist auch irgendwie eine Kita.

Dann hat man den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz aufgeweicht: ein Rechtsanspruch, darunter war nun auch die Betreuung bei einer Tagesmutter zu verstehen.

Um aber Tagesmutter zu werden, bedarf es keiner pädagogischen Ausbildung. In § 43 Abs. 2 Nr. 1 f. SGB VIII ist lediglich zu lesen:

(2) Die Erlaubnis ist zu erteilen, wenn die Person für die Kindertagespflege geeignet ist. Geeignet im Sinne des Satzes 1 sind Personen, die

1. sich durch ihre Persönlichkeit, Sachkompetenz und Kooperationsbereitschaft mit Erziehungsberechtigten und anderen Tagespflegepersonen auszeichnen und

2. über kindgerechte Räumlichkeiten verfügen.

Sie sollen über vertiefte Kenntnisse hinsichtlich der Anforderungen der Kindertagespflege verfügen, die sie in qualifizierten Lehrgängen erworben oder in anderer Weise nachgewiesen haben. § 72a Absatz 1 und 5 gilt entsprechend.

Die „vertieften Kenntnisse“ in „qualifizierten Lehrgängen“ – das bedeutet in Baden-Württemberg: 30 Unterrichtsstunden, dann kann man loslegen. Wie? Das ist zu wenig? Baden-Württemberg legt drauf: ganze 130 tätigkeitsbegleitenden Stunden stellen die pädagogische Qualität sicher.

Da frage ich mich: warum bin ich nicht Tagesmutter geworden? Ich Depp habe 4 Jahre in meine Ausbildung investiert, habe mich mit Pädagogik, Psychologie und SGB rumgeschlagen und war leider zum falschen Zeitpunkt in der Ausbildung. Noch besser: hätte ich nach dem Schulabschluß überhaupt nicht gearbeitet, hätte ich nun als Langzeitarbeitsloser besonders gute Chancen darauf, im pädagogischen Bereich zu arbeiten.

Ach ja, ich vergaß: wenn man keinen Kita-Platz hat, ist man gezwungen, das Angebot der Tagesbetreuung durch eine Tagesmutter anzunehmen, da sonst der Rechtsanspruch nicht greift. Also eigentlich hast Du als Mutter einen Rechtsanspruch, Punkt. Aber eigentlich gibts nicht genügend Plätze, Komma, aber. Also mußt Du Dein Kind zu einer Tagesmutter schicken, die wir Dir anbieten, Gedankenstrich, Absatz, Unterpunkt. Und wenn Du das ablehnst, hast Du Deinen Rechtsanspruch verwirkt, mit freundlichen Grüßen, Punktpunkt.

Schluss mit den Palästen, Container tuns auch!

Und auch das hat nicht ausgereicht: so wurden Baustandards reduziert – vorübergehend, versteht sich. Deckenhöhe, Toilettengröße usw. Wie das dann tatsächlich aussieht, können wir uns anhand von Baucontainer-Kitas anschauen. Im Rahmen der Diskussion wurde ja auch über eine Bildungsreform gesprochen, die auch Kitas betreffen sollte. Dabei wurde unendlich viel über Raumkonzepte gesprochen – also so Details wie die Frage, ob Poster auch in Augenhöhe der Kinder hängen, inwiefern die farbliche Abstimmung des Inventars auf die Kinder anregend / beruhigend wirkt, ob das Konzept schlüssig ist usw. – diese andere Galaxie ist Lichtjahre entfernt von dem Verzicht auf die angemessene Toilettenhöhe. Versuch mal als 2-jähriger, auf eine Erwachsenentoilette zu klettern…

Und nach all dem reicht es immer noch nicht aus. Das Ziel, 780 000 Plätze zu schaffen, ist nicht erreicht worden. Aber wozu politische Verantwortung übernehmen? In der Politik gibt es nur Erfolg oder Rücktritt und freiwillig geht da keiner. Also wird die Diskussion geklont: nun soll an Ganztagesschulen verbockt werden, was bei Kitas auch schon nicht geklappt hat. Pädagogische Qualität? PRUUUUUST!!!

Die Zahl allein ist entscheidend, auch wenn sie trotz Trickserei nicht der gewünschten Zahl entspricht.

1 000 000 000 Ganztagesschulplätze werden sie bauen. Mindestens.

Es geht nicht um Bildung, wobei darunter schulische Bildung verstanden wird.

Aber es geht auch nicht um die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“.

Es geht noch nicht einmal um die Steigerung der Produktivität, wie Zyniker meinen könnten.

Es geht um die Bundestagswahl im September.

Würde man genauer hinter die aufgeblasenen Diskussionen um Bildung, Familie und Beruf oder Produktivität schauen, wäre der Blick da für die Frage nach der pädagogischen Qualität in Kitas:

Wie wachsen unsere Kinder auf? Was tun die da in dieser entscheidend prägenden Phase ihres Lebens? Mit welchen Personen verbringen sie 6 – 8 Stunden des Tages? Welche Rahmenbedingungen herrschen dort? Welche Werte werden ihnen vorgelebt und vermittelt? Wie wird ihre Lebenswelt berücksichtigt? Auf welche Weise wird der Eigenheit ihrer familialen Herkunft Rechnung getragen?

All das ist der Inhalt pädagogischer Arbeit und es ist verdammt schwer, all dem bereits als Profi gerecht zu werden. Dafür gibt es wissenschaftliche Analysen, Konzepte und Theorien, die in einer bewußt langfristigen Auseinandersetzung zwischen Theorie und Praxis vermittelt werden. Und selbst da wird vielen klar, dass es eben nicht ihr Ding ist, weshalb sie die Ausbildung bzw. das Studium abbrechen.

Aber im Namen der CDU sind Fr. von der Leyen und Fr. Schröder der Meinung, das ließe sich in einem Crash-Course an quasi jeden vermitteln, der im Moment keinen Job hat. Weil: wichtig ist nicht die pädagogische Qualität, sondern die Zahl von 780 000 Kita-Plätzen, selbst, wenn diese Zahlen gefaked sind und dabei Plätze einberechnet werden, die erst noch im Entstehen sind.

Mein Konzept für die CDU:

Wenn das so ist, schlage ich vor, es bei der Forderung nach dem Anspruch auf einen Ganztagesschul-Platz gleich richtig zu machen. Ich schlage vor, dem Wähler das Versprechen zu geben, 1 000 000 000 Ganztagesschul-Plätze bis 2014 zu schaffen. Dazu muß man nur hier und da etwas beschönigen, da und dort die Standards senken, hüben und drüben ein wenig einsparen und zuletzt noch ein paar Nullen dranhängen, auch wenn in Deutschland gar nicht so viele Menschen leben.

Aber Nullen, davon haben wir in der Politik genug und am besten hängen wir die an diese Zahl dran.

Kinder müssen lernen

Selten schaue ich fern. Heute habe ich dann doch mal den Fernseher eingeschaltet und eine Sendung auf ZDFinfo geschaut: 37 – nur das Beste für mein Kind.

Nicht gerade neu, aber trotzdem immer wieder beängstigend, wie sehr Menschen sich von ihrem reinen Bauchgefühl verabschieden können. Da kutschieren Leute ihre 3-jährigen Kinder zu 3 oder mehr Terminen (täglich), anstatt sie einfach mal zu fragen, was sie gerne machen möchten. Sowas hat man doch als Eltern im Bauch, oder nicht?
Diese Leute machen das nicht, weil sie ihre Kinder loshaben wollen, wohlbemerkt. So leicht will ich die nicht in die „böse-Eltern“-Ecke stellen. Sie meinen, ihrem Kind etwas Gutes damit tun zu müssen. Viel hilft ja bekanntermaßen viel und warum sollen Kinder neben Geigen- Tennis und Schwimmunterricht nicht auch noch zweisprachige Kinderschulen besuchen, wo sie nebenbei zusätzlich asiatische Schriftzeichen lernen?

Nein, das war kein undifferenzierter Bericht im ZDF. Die Kunst-Tante redet viel von assoziativem Malen, der Transformation des inneren Selbst in ein bildliches Selbst und demnach sehen die Bilder auch erfrischend unschulisch aus. Man sieht ihnen den Spaß an, mit dem die Farben verteilt, vermischt und verkleckst worden sind.

Den Eltern dürfte das egal sein. Vermutlich werden sie denken, es könne nicht schaden, wenn die Kinder früh genug mit „abstrakter Malerei“ in Berührung kommen. Es muß für alles eine Schublade geben.

Jedenfalls bin ich mir sicher, daß die Kinder hier alles andere als Geige, sportlichen Ehrgeiz oder Sprachkultur erwerben. Vielmehr lernen sie, gleich mehreren Autoritätspersonen gegenüber in die Kultur eingeführt zu werden. Daß das mal mehr, mal weniger autoritär geschieht, dürfte kaum ins Gewicht fallen. Das Gefühl die Beziehung zu einem Erwachsenen vollständig geprägt von rationaler Wissensvermittlung

und das unter ständigem Zeitdruck

zu erleben, prägt nicht nur die grundlegende Einstellung zu Erwachsenen selbst, sondern auch das Selbstbild.

Mal ganz abgesehen davon, daß bei einem derartigen Terminplan kaum noch Zeit für Bedürfnisse bleibt und die Neben-, Sub- oder wie man sie immer auch nennen mag -kultur nicht begreifbar gemacht wird. Was bringt einem Unterricht chinesischer Schriftzeichen, wenn man auf dem Weg zu diesem Termin bereits über zig Werbungen, zig Modestile, zig Comichefte an Kiosken und zig Kinder in anderen Situationen stolpert, die einem aber keiner erklärt – einfach nur deshalb, weil scheinbar keine Zeit dafür ist?

Wären es eine Handvoll armer Kinder irgendwelcher Karrieristen, die selbst nichts anderes kennen und deshalb auch nichts anderes vermitteln können, wären das Einzelschicksale, wenn auch schlimme.
Das Dumme ist nur, daß durch die falschen Schlüsse einer sowieso schon umstrittenen Studie (PISA) das Wort von der Bildung durch die Bundesrepublik geistert und unter Bildung vor allem schulische Bildung verstanden wird. Diese soll nicht etwa in Zielen, Inhalten und Methoden umgestaltet werden – sie soll einfach härter und schneller sein und vor allem früher anfangen. Am besten bereits im Krippenalter. Damit wir wieder wettbewerbsfähig werden.

Man könnte so etwas wichtiges wie Bildung ja mal vom ethisch-philosophischen Standpunkt aus angehen. Sich mal fragen, was, warum und wie wir Kindern etwas mitgeben wollen. Was es bedeutet, wenn wir einerseits aus Schulen hören, daß dort „keine Disziplin mehr“ herrscht und die einzige Antwort der Ruf nach noch mehr Disziplin ist. Und ruhig auch mal in Frage stellen, ob das Ziel, der berufliche Erfolg, alles im Leben ist.
Wenn wir nur unser eigenes Funktionieren im Blick haben und Kinder da irgendwie so hin- und durch die Schule durchschleifen, ist es doch völlig klar, daß die da irgendwann mal aussteigen, oder?

Kinder müssen nicht lernen müssen.

Sie lernen ganz von alleine.

Kinder – Krippe – Kindergarten – Grundschule – Gymnasium – Studium – Kinder

Studie der Bertelsmann-Stiftung: Krippenbesuch = höhere Chance auf Gymnasiums-Besuch.

Wenn das mal nicht ein Beispiel für Empirismus ist.

Wieso wird verschwiegen, daß Krippenkinder meistens Eltern haben, die zu zweit berufstätig sind und daß daraus ein entsprechendes finanziell abgesichertes Zuhause folgt, was wiederum immer noch Voraussetzung für einen Gymnasiumsbesuch ist? Die Kohle macht den Gebildeten, nicht der Gebildete die Kohle. In der Studie wird darauf hingewiesen, daß der „Bildungsstand in Deutschland zu einem hohen Teil vererbt“ wird. Das alte Problem mit der Reproduktion.

Dabei kommt heraus, daß gerade Kinder aus bildungsfernen Familien durch den Krippenbesuch eine erhöhte Chance haben, diese Reproduktionstradition zu überwinden.

Zwei Dinge gibt es, die mich an dieser Sache stören:

1. In der ganzen Krippendiskussion wird kaum darüber geredet, daß das eigentliche Ziel nicht die Betreeung, Erziehung oder Bildung (was immer das sei) von Kindern ist. Vielmehr sollen mehr Frauen in den Arbeitsmarkt gebracht werden. Das ist aus feministischer Sicht auch richtig so und sollte von Gleichbehandlungsgedanken auch weniger umstritten sein. Jedoch halte ich das Feld, auf dem dieser Streit zwischen konservativen und progressiven Kräften ausgetragen wird, für das falsche.

Die Frage nach Krippen und deren inhaltlicher Ausgestaltung sollte doch eigentlich nach der Prämissedes „Wohls des Kindes“ geführt beantwprtet werden, oder nicht? Stattdessen zwingt einen die entgegen aller Logik etablierte Auseinandersetzung auf besagtem Feld dazu, entweder für Krippen und somit gegen Erziehungsgestaltung aus Sicht des Kindes oder gegen Krippen und somit auch gegen feministische Bestrebungen zu sein.

Ich weiß, es gibt Leute, die sagen, man könne beide Ziele gleichzeitig verfolgen. Das wird sicher auch noch eine Weile so sein – zumindest solange, wie der Ausbau von Krippenplätzen derart erwünscht ist wie zur Zeit. Es funktioniert im Moment ganz gut: Krippen sind von Eltern und der Politik erwünscht, denn sie ermöglichen es Müttern, arbeiten zu gehen und die Produktivität zu steigern. Es gibt einen riesigen Bedarf an Plätzen. Irgendwann aber wird sich das nivellieren. Nicht alle Mütter, die arbeiten könnten, wollen dies auch. Sobald also die Nachfrage nicht mehr so groß ist, werden Krippen vom momentanten Boom-Unternehmenszweig zu im üblichen Rahmen erfolgreichen Dienstleistungsbetrieben „absteigen“.

Angesichts dessen, daß überall, also auch im Erziehungssektor gespart wird (siehe Kinder- und Jugendarbeit), werden Krippen eines Tages ebenfalls vor dem Problem stehen, mit wenig Geld gute Betreuung / Erziehung zu leisten, was letztendlich Qualitätsverlust bedeutet.

2. Dies ist ein weiterer Schritt in Richtung Ausdehnung des Leistungsprinzips Arbeit auf die Jugend / Kindheit / frühe Kindheit. Es geht hier um Qualifikation (möglichst schon im Krippenalter), das in weiten Teilen der Bevölkerung kaum umstrittene Endziel unserer Gesellschaft – dank PISA. Dort wurde festgestellt, daß Deutschland im internationalen Vergleich schlecht dasteht, also wurde nicht das Bildungssystem an sich in Frage gestellt, sondern erweitert auf Kindergärten und inzwischen Krippen. Nicht, daß ich gegen Leistung bin, im Gegenteil. Jedoch ist das gnadenlose Leistungsprinzip, der sog. Turbokapitalismus, als Prinzip nicht wirklich geändert worden. Dieses aber prägt unsere Arbeitswelt mit ausstrahlender Wirkung auf den gesamten Bildungsweg.

Neuerdings gehört also der Kindergarten dazu und inzwischen sogar der Krippenbereich ebenfalls. Ganz klar: wir kommen – vor allem durch den globalen Wettbewerb – nicht mehr mit und versuchen, die Arbeit auf andere Bereiche des Lebens abzuwälzen. Im Kindergarten sollen die Kinder noch intensiver auf die Schule vorbereitet werden, Buchstaben und Ziffern kennen, beobachtet und analysiert werden, um in individuellen Bildungsrastern erfaßt zu werden.

Wo bleibt denn da die Kompensation? Und zwar nicht jene, die von oben herab durch eine Erzieherin aufgesetzt wird, sondern jene, die aus uns selbst kommt und die wir selbst nicht wirklich verstehen – höchstens registrieren? Wir haben uns doch alle irgendwie in der Kindheit und Jugend das geholt, was wir gebraucht haben, oder nicht? Es war uns doch egal, was in der Schule auf dem Lehrplan stand? Unsere Interessen waren doch immer woanders und genau das war vielleicht das Interesse: etwas eigenes zu suchen und zu finden, gerade, weil es frei gewählt war. Kicken auf dem Bolzplatz hat immer ein wenig mehr Spaß gemacht als Kicken im Sportunterricht, auch, wenn das die Highlights waren.

Es gehört zum Leben, Ruhe und Raum zu haben, um Dinge aus dem Nichts zu erschaffen oder sich von ihnen überwältigen zu lassen. Wer weiß, welchen Anteil genau dieses „Nichts-Tun“ an unserem heutigen Status hatte?

Wenn der größte Vorteil (und ich zweifle sogar, daß es ihn gibt – siehe oben) an Krippen ist, daß sie einen Gymnasiumsbesuch begünstigen, ist das für mich zu wenig. Aber es steigert die Produktivität und deshalb ist es wohl auch so ein präsentes Thema in den Medien.

Kopftuch muslimischer Schülerin angezündet: Jubel im web.de-Forum

Mitschülerinnen einer 15-jährigen Muslimin haben dieser das Kopftuch angezündet. Den Artikel dazu findet man auf web.de nicht mehr, das sogenannte „Forum“ ist nach wie vor erreichbar.

Erschreckend gleich das erste Posting, aber noch viel erschreckender Weiterlesen

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