Unser vorherrschendes Verständnis vom Sozialstaat

Schäuble zum Sparpaket.

In Niedersachsen wurde gestern eine Diätenerhöhung beschlossen – wie üblich durch die Abgeordneten selbst.

Das Paradoxe an unserem Sozialsystem ist ja Folgendes:

es soll in schlechten Zeiten verhindern, daß Leute in den Armutsstrudel gelangen.

Aber gerade in schlechten Zeiten wird vor allem im Sozialsystem gekürzt. Wie wir an diesem Beispiel sehen, auch noch an den Ärmsten der Armen.

Die Sparmaßnahmen werden kurzfristig Geld sparen und sicher dazu beitragen, daß Hartz IV-Empfänger nun wirklich jeden Job annehmen werden, vom Leichenwäscher bis zum Kanalreiniger.

Mittel- und langfristig wird es aber ein großer Teil der Menschen nicht schaffen, die Rechnungen zu bezahlen bzw. die Bedürfnisse von Kindern, die in dieser Gesellschaft Sozialisation erfahren, zu befriedigen – damit meine ich nicht das neueste Nintendo DS, sondern die Fahrt mit der U-Bahn oder den Eintritt ins Freibad.
Das liegt daran, daß manche Leute eben einfach nicht in der Lage sind, jeden Job zu übernehmen. Es ist schlicht und ergreifend eine falsche Annahme, zu glauben, daß alle Arbeitslosen nur zu faul sind.

Und in ein, zwei Jahren haben wir noch mehr marginalisierte Menschen in Deutschland. Aber dann kann man ja wieder sparen und gleichzeitig, wie gestern in Niedersachsen, eine Diätenerhöhung um rund 400 € pro Abgeordneten beschließen.

Bildungssparen III: Kommunales Kino? Geht doch ins Ufa!

Wozu sollte man ein Kino unterhalten, das rote Zahlen schreibt und in dem nur Kinder-, Underground- und Independentfilme laufen?

Vielleicht deshalb, weil ein solches Kino über ein ausgewähltes Programm verfügt, das nach pädagogischen Gesichtspunkten und nicht dem Diktat des Mainstreams folgend zusammengestellt wird?
Vielleicht, weil viele Kinder, die nicht mehr als 1,50 € für einen Kinobesuch aufbringen können, dort für diesen unschlagbaren Preis ein echtes Kinoerlebnis mit echten Kinosesseln und echtem Kinosaal geboten bekommen?
Vielleicht, weil genau diese Kinder ansonsten in ihrer Sozialisation davon geprägt werden, sich Kindern aus reicheren Milieus unterlegen zu fühlen, nur, weil deren Eltern die 4,50 € Eintritt (und dann auch nur bei FSK bis 6) im Ufa-Palast oder im Cinemaxx aus der Portokasse zahlen?
Vielleicht, weil ein guter Kinofilm durchaus besser ist als ein miserables Buch?
Vielleicht auch deshalb, weil im kommunalen Kino keine Werbung läuft?

Jedenfalls ist das nur noch peinlich: seit Sommer 2008 wurde das kommunale Kino nicht mehr finanziell unterstützt, was dessen Schließung zur Folge hatte. Somit ist ein weiteres kulturelles sowie Bildungsangebot aus dem Stadtbild Stuttgarts getilgt.

Bildungssparen II: weg mit der Mediothek!

Es ist schwer, den einzigartigen Flair der Mediothek in Stuttgart zu beschreiben, da eine Fülle von Angeboten dazu beiträgt, daß dieses kostenlose Angebot von vielen Kindern und Jugendlichen genutzt wird.

Dies soll nun im Zuge der Sparmaßnahmen bald schon Geschichte sein. Wieder einmal zählt nur die Zahl unterm Strich der nächsten ein oder zwei Jahre in der Stuttgarter Bilanz. Natürlich wird das kurzfristig Geld sparen. Es gibt aber leider offensichtlich immer noch Leute, die der Meinung sind, daß dieses Geld einfach so in der Luft verpufft. Dabei braucht man doch eigentlich heutzutage keinem mehr zu sagen, daß Geld für Medienkompetenz Geld für Bildung / Qualifikation und somit langfristig für den Arbeitsmarkt ist.

Die finanzielle Lage scheint im Moment derart schlimm zu sein, daß nun sogar langfristig lohnende Investitionen wie diese gekürzt werden müssen. Da frage ich mich aber dann doch, woher der Anteil der Kommune für das Milliardenprojekt „Stuttgart 21“ kommt. Dieser beläuft sich zwar „nur“ auf 61 Millionen €, dies ist aber im Vergleich zu den Kosten der Mediothek aber immens höher.

Hier wird ebenfalls damit argumentiert, daß sich das Projekt auszahlt – wenn es in 12 Jahren dann mal fertiggestellt ist. Bis dahin sind aus Schulanfängern jedoch Volljährige geworden und das Projekt „Mediothek“ hätte sich bis zu jenem fernen Zeitpunkt in der Zukunft sicher mindestens ebenso ausgezahlt – nur daß man das nicht ganz so leicht messen kann. Möglich ist es aber trotzdem und man muß noch nicht mal 12 Jahre warten. Die Wichtigkeit einer Ausdifferenzierung von Bildungsangeboten ist seit Jahren wissenschaftlich belegt.

In diesem Sinne kann man bei den Stuttgarter verantwortlichen Politikern von bestenfalls selektivem Wagemut sprechen. Angesichts dessen lege ich ihnen mal folgende Worte in den Mund: „S 21? Schauen wir mal, wird schon werden. Mediothek? Lohnt sich nicht und der Nutzen für die Bildung, deren Unterstützung wir uns (vor dem Wahlkampf) auf die Fahnen schreiben, ist erst in Jahren absehbar und (für uns Politiker) sowieso fraglich.“

Da kann ich nur sagen: Lesen bildet. Aber das wird schwierig, wenn an Bildung gespart wird. Hauptsache, der Herr Schuster hat sein Abi in der Tasche – wozu brauchen das dann andere?

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