AfD und wie sie alle heißen

Mei, 1968 hatte die NPD 9,8 % in BaWü und 2004 9,2 % in Sachsen.
Nee, schön wars nicht, aber das haben wir auch überlebt.
1981 wurde in den USA ein Cowboyfilm-Darsteller zum Präsidenten gewählt, der seinem filmischen Schaffen alle Ehre gemacht hat.
Diese groteske Gratwanderung der Geschichte zwischen den Abgründen „lustig und entsetzlich“ haben wir überstanden, wenn auch mit Blessuren.
1991 dann die Übergriffe auf Migranten jeglicher Coleur und jeden Alters (in Solingen war das jüngste Mordopfer 5 Jahre alt). Das tut bis heute weh, aber gewonnen haben die rechtsradikalen Mörder trotz aller Gewalt nicht.
Und nun die AfD im Siegestaumel, scheingetragen von den Fallschirmen Dreistigkeit und Blödheit.
14,5 % in Baden-Württemberg, da werden Sektkorken knallen heute nacht.
Puff! Puff! – wirds machen, ziemlich laut und untermalt von einigem Gejohle, welches zum Schluss dann in der einen oder anderen (oder vielleicht sogar dritten) Strophe des Deutschlandliedes aufgehen wird, sofern man das Gelalle dann noch von radegebrochenen Stammtischparolen unterscheiden wird können.
Und dann, nachdem das alles verpufft ist?
– was wird dann sein?
Eine AfD, die sich bar jeglicher Ahnung und absichtlich blind und taub stellend gegen alles stemmen wird, was entfernt nach humanistischer Politik riecht. Eine Partei, die immer noch nicht kapiert hat, dass Politik etwas mit dem globalen Dorf und den Zusammenhängen zwischen Staaten und ihren Menschen zu tun hat und niemand auf dieser Welt alleine ist. Letztlich ein Verein bereitwillig Ahnungsloser, deren ausphrasierte Formeln sich immer noch auf die eine, die alte, die mir so verhasste Milchmädchenrechnung kürzen lässt: „Deutsche zuerst, dann wird alles gut“.
4 Jahre wird es durchzustehen gelten, und am Ende dieser 4 Jahre, nach viel unnötig entstandenem Dreck, werfen wir diesen Dreck zu dem restlichen Dreck auf dem Dreckhaufen der Geschichte, in bester Gesellschaft mit der NPD, Ronald Reagan und den Mördern von Solingen.
Mir tuts nur leid, dass es bis dahin viele Flüchtlinge schwerer haben werden, irgendwie zu überleben.
Und das muss man als Demokrat leider aushalten: Du schleifst ein paar Ewig-Gestrige mit, die einen Scheiss darauf geben, was Demokratie bedeutet, obwohl sie auf ihrem Rücken erst zu politischer Macht gelangen. Am liebsten würde ich ihnen sagen: „dann macht doch mal kaputt, was die Demokratie ausmacht, stutzt Freiheit, Bürgerrechte, internationale Solidarität“. Allein der Gedanke, was dann geschähe, allein die Erinnerung an jenes andere Mal, als man gemeint hat, den Falschen mit „ein bisschen Macht“ ruhigstellen zu können, macht mir Angst und deshalb gebe ich nicht auf, diese Brut zu verachten und zu bekämpfen, denn:
wir haben nur eine Demokratie, und die gilt es zu schützen. Das mit der AfD wird vorübergehen, da habe ich keine Zweifel. 4 Jahre und dann ist Schluss. Aber bis dahin werden sie einiges kaputtmachen, wofür echte Demokraten einst gekämpft haben und gestorben sind.

Die Todesstrafe ist abgeschafft. Das GroKo-Spiel.

Propaganda, das gibt es nicht bei uns. Das ist die abfällige Bezeichnung für Nachrichten, die staatstragende Funktionen übernehmen. Das heisst: solche Nachrichten sind zumeist beschönigend und nicht zutreffend. Sie sollen verhindern, dass das Volk auf die Idee kommt, etwas gegen das System zu tun, sie sollen manipulieren, verschleiern, an der Nase herumführen.

Propaganda, das gab es bei den Nazis, in der DDR, im südafrikanischen Apardheids-System. Zu anderen Zeiten, an anderen Orten, aber nicht hier, nicht jetzt, nicht in der Bundesrepublik Deutschland.

Oder doch?

Heute lese ich die Schlagzeile bei heute.de und ärgere mich. Dort werden, wie jeden Freitag, die Ergebnisse des ZDF-Politbarometers bekanntgegeben, Thema mal wieder: die Grosse Koalition. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, die Schlagzeile zu verändern und bitte den Leser darum, beide Screenshots zu betrachten und dann zu entscheiden, welcher der beiden Screens die Unwahrheit sagt.

Screen 1:

heutepropagandafinal01

Screen 2:

heutepropagandaoriginal

Auflösung

man merkt es schnell an meinen bescheidenen Bildbearbeitungs-Fähigkeiten: der erste Screenshot ist mein Fake. Jedoch: nichts daran ist inhaltlich unwahr. Ich habe sogar die Formulierungen des Politbarometers benutzt. Keiner der beiden Screenshots sagt die Unwahrheit.

Und doch wirken beide Nachrichten völlig anders auf uns.

Grund: sie sollen es auch. Im Original soll, wie seit Wochen, eine Normativität hergestellt werden, die bewirkt, dass die SPD-Basis die GroKo absegnet. Das war bereits bei dieser, dieser und dieser Meldung so. Und das ist heute nicht anders. Da man bei uns aber nicht so leicht lügen kann wie in Unrechtsstaaten, stellt man die Wahrheit eben selektiv dar. Ja, es stimmt: 82 % der Befragten erwarten, dass die GroKo kommt. Also landet das in der Schlagzeile. Dass aber 51 % eine GroKo nicht  „gut“ fänden, das erfährt man dann erst irgendwo mitten im Artikel, den sowieso nur ein Bruchteil der heute.de-Konsumenten liest.

Also: man kann diese BRD nicht mit Nazi-Deutschland, der DDR oder dem Südafrika der Buren vergleichen, beileibe nicht. Aber die Normativität der Presse ist genauso vorhanden wie die soziale Kontrolle der Bürger durch das System, nur dass es sanftere Methoden hat als jene der o.g. Unrechtsstaaten. Immerhin, die Todesstrafe ist abgeschafft.

The winner takes it all – Fehlinterpretation der 100 wichtigsten Zahlen der Welt

heute.de schreibt: die Mehrheit der Deutschen will eine grosse Koalition.  Gott, muss ich ein Nischenmensch sein, denn ich kenne nur Menschen, die das nicht wollen. Zeichnet mich das aus?

Hmm, mal genauer hinschauen:

oha, die Mehrheit, das sind für heute.de 58 %. Klar, rein rechnerisch ist das eindeutig die Mehrheit, aber 58 % zufriedene Gewinner dürften ja eigentlich 42 % unzufriedene Verlieren sein.  Die grosse Koalition ist also 33,6 Mio Deutschen ein Dorn im Auge, und die Meinungsmacher in den Medien streuen noch etwas Salz darauf.

Ist das Propaganda oder bin ich einfach nur ein schlechter Verlierer?

Also wenn ich eine Umfrage bei zehn Hortkindern zu der Frage mache, wohin sie beim Ausflug denn gerne hin wollen und 6 von 10 wollen Fussball spielen, dann kann das sein, dass ich das durchaus nicht mache.

Wie? Warum lasse ich die dann überhaupt abstimmen? Ist das Schein-Partizipation?

Nee, es ist recht einfach. Wenn 4 Mädchen in der Gruppe sind, die einfach keinen Bock auf Fussball haben, dann müssen wir ein anderes Ausflugsziel finden. Die Mehrheit bekommt die Macht über das ganze Volk, nicht nur über die 58 % der Mehrheit, und mit der Minderheit muss sie verantwortungsvoll umspringen.

Also schaue ich mal genauer auf den Artikel und da lese ich: 25 % der Befragten fänden eine grosse Koalition schlecht, und 14 % wäre das egal.

Diese 14 % werden dann irgendwie zu den 58 % dazugerechnet, und daraus macht heute.de dann Folgendes:

heute01Gelb hervorgehoben: 58 % befürworten und erwarten die grosse Koalition und 14 % ist eine grosse Koalition egal und sie erwarten eine solche – ja und? Ich erwarte ziemlich schlechtes Wetter im November – aber finde ich das gut?

Warum machen die so etwas?

Ist das Propaganda oder leide ich an Fletchers Visionen?

Nun, es gibt ja etliche wissenschaftliche Publikationen zur Normativität von Nachrichten und speziell da von repräsentativen Umfragen.

Doch die muss man nicht bemühen; der Beweis kommt auf der selben Seite selbst:

heute03

1 Woche nach der Bundestagswahl – die ja nicht repräsentativ, sondern tatsächlich durchgeführt worden ist (munkelt man) – erhält die CDU nun 43 % der Stimmen. Wo kommen denn innerhalb einer Woche 1,5 % Wähler her? Da hat der Jubelgesang der CDU wohl einige Unentschlossene dazu gebracht, sich auf die Seite des Siegers zu schlagen. Süffisantes aus dem Artikel von CDU-Fraktionschef Kauder: „Der Generalsekretär hat gesagt, dass Wahlsieger das Lied singen dürfen.“. Und pinkeln gehen durften die auch.

Gleiches gilt für die FDP: die hat hier nur 3 %. Haben die innerhalb einer Woche 2 % verloren? Soo viele FDPler könnens dann auch nicht sein, die zur AfD wechseln wollen / müssen…

Nun denn, Zahlen werden gefaked – siehe Grubes Versprechen vor der Volksabstimmung, S21 werde nicht teurer als 4,5 Mrd €.

Zahlen werden geschönt – von den versprochenen 780 000 Kita-Plätzen sind (höchstens) 680 000 geschaffen worden und dabei sind solche mit eingerechnet, für die lediglich eine Betriebsgenehmigung erteilt worden ist, die aber noch nicht in Betrieb sind (z.T., weil sie erst noch gebaut werden müssen).

In jedem Fall sind Zahlen aber entscheidend – vor allem in einer Gesellschaft, die sich zur Entscheidungsfindung der Massenmedien bedient, weil diese vor allem eines sind: schnell.

Und genau das ist das Problem: schnell ist meistens gleichbedeutend mit oberflächlich.

 

Also bleibt mir zum Schluss nur noch eine Aussage:

 

Zahlen sind vor allem – nur Zahlen.

Andere Geschichte eines Nichtwählers

Der Mann liegt halb auf dem Gehweg, halb auf der Straße. Mein Blick bleibt sofort an ihm hängen. Ist er ohnmächtig? Nein… er regt sich, kriecht auf ein Fahrrad am Gehwegrand zu.

Ah, er ist also besoffen. Und zwar so dermassen voll, dass ihm selbst das Kriechen schwerfällt. Immer wieder erschlafft er völlig.

Der braucht offensichtlich Hilfe.

Nachdem ich das letzte Mal so etwas gemacht hatte, weiss ich, dass man zuerst die Polizei rufen muss. In Deutschland geht „öffentliche Sicherheit“ offensichtlich vor Gesundheit. Da erspare ich mir jetzt mal einen Kommentar.

Ich gebe also meinen Namen an und schildere das Gesehene. Eine Streife will nach dem Rechten schauen.

Inzwischen hat sich der arme Kerl irgendwie auf ein abgesperrtes Baugelände geschleppt und liegt jetzt auf der Bank.

Sie zu mir: „Komm, wir müssen wählen.“, dann sieht sie ihn. „Der wählt heute bestimmt nicht.“

Ich: „Nee. Der hat keine Wahl.“

 

Erst denken, liebe Spiegel-Leser (Spiegel-Titel vor kurzem: „Nichtwähler: träge, frustriert, arrogant“), dann verurteilen.

borna: geld kann man nicht s-sehn

Eine Milliarde Ganztagesschulplätze bis 2014

Wohin mit den Kindern?

Die Meldung, dass entgegen großspuriger Versprechen immer noch 100 000 Kita-Plätze fehlen, ist gerade mal 5 Tage alt, da fordern Politiker von CDU und SPD den „Rechtsanspruch auf Nachmittagsangebote„.

OK, die CDU will ja christlich geprägt sein und einer der Kernsätze im Christentum ist „…und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Gehen wir also mit gutem Beispiel voran und lassen das Versagen der Politik beim Ausbau der Kita-Plätze außen vor.

Lässt man dieses Versagen also außen vor, könnte man der Meinung sein, die Forderung nach einem Anspruch auf einen Ganztagesschul-Platz sei ein lobenswerter Ansatz. Ganztagesschulen fördern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, weiter profitierten besonders die Kinder sogenannter „bildungsferner Familien“ – so die „Klemm-Studie“ der Bertelsmann-Stiftung. Die CDU entdeckt ihren feministischen und sozialen Auftrag.

Ich kann aus meiner Erfahrung in 10 Jahren Arbeit als Erzieher in zwei Schülerhorten jedoch einiges zu bedenken geben. Dazu möchte ich aus der Entwicklung in Stuttgart berichten, wie der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz und die Minderung der pädagogischen Qualität zusammenhängen, auf welche Weise versucht worden ist, Räume für Krippen zu erzwingen, welche untergeordnete Rolle die pädagogische Qualität in konzeptioneller und personeller Hinsicht an Ganztagesschulen hat und inwiefern all dies vor allem aus politischem Kalkül heraus geschieht.

Rückblick.

2006 wurde, wie bekannt, der Ausbau der Krippenplätze angekündigt. 780000 Betreuungsplätze wollte die damalige Familienministerin von der Leyen (CDU) mit Hilfe der Länder bis 2013 geschaffen haben. Das Ziel wurde deutlich verfehlt, das ist allseits bekannt. Schändlich. Hätte nicht Fr. von der Leyen (CDU) damals und ihre Nachfolgerin Fr. Schröder (auch CDU) noch 2010 oder gar noch im November 2012 so die Klappe aufgerissen, wären wir als gute Christen durchaus bereit gewesen, den Christdemagogen zu verzeihen.

Allerdings kennen wir als Christen nicht nur den Begriff der Vergebung, sondern auch jenen der Reue. Finden wir die bei der CDU? Mitnichten. Das Scheitern wird auch noch als Erfolg dargestellt. 100 000 Kita-Plätze fehlen immer noch. Und Fr. Schröder schwärmt von Deutschlands „Kraftakt“, verliert kein Wort über die fehlenden 100 000 Plätze. Aber wie wurden die angeblichen 680 000 bestehenden Plätze geschaffen?

Echte, real existierende Schaffung.

Ja, es wurde tatsächlich auch investiert. Auf konventionellem Wege, also Neubau / Umbau von Räumlichkeiten und Schaffung von Stellen für pädagogisches / administratives Personal hat man auch etwas getan.

Jedoch hat das bei weitem nicht ausgereicht. Deshalb sahen sich Länder und Kommunen angesichts des nahenden Ultimo 01.08.2013 gezwungen, zu unkonventionellen Massnahmen zu greifen.

Ressourcen heben.

Im Dezember 2012 informierte der Gemeinderat Stuttgart die Träger und Einrichtungen, die Hortplätze anbieten zum sogenannten „Hortumbau“, beschlossen in der Gemeinderatssitzung vom 19.07.2012 :

– Bis 2018 wird die Finanzierung von Hortplätzen in reinen Horteinrichtungen eingestellt

– Der Umbauprozess soll prioritär für die Schaffung von Kleinkindplätzen genutzt werden

– Die Träger bisheriger reiner Horteinrichtungen können sich um eine Integration an Schulen im Sinne einer Betriebsübernahme bewerben. Die Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen (bspw. Personelle Besetzung der Gruppen und Stellenschlüssel) ist entsprechend der Anlage 1 zu GRDrs 417/2012 „Festlegung von Standards in Schülerhäusern der Landeshauptstadt Stuttgart“ durchzuführen

– Die pädagogische Konzeption des Schülerhauses / der Ganztagesschule wird gemeinsam von Schulleitung und Leitung des sozialpädagogischen Bereichs entwickelt.

– Deren Umsetzung ist Aufgabe der sozialpädagogischen Leitung „in enger Abstimmung mit der Schulleitung“ (ebd. S. 11)

Das bedeutet, dass die Träger freier Horte gezwungen worden sind,

1. Horte dicht zu machen oder zu 100% selbst zu finanzieren (das ist schlicht unmöglich)

2. aus den frei gewordenen Räumlichkeiten Krippen zu schaffen,

3. pädagogisches Personal, das nicht gewillt war, fortan als Krippenpersonal zu arbeiten, zumindest in Ganztagesschulen zu integrieren oder

4. solches Personal in den neu entstandenen Krippen zu beschäftigen.

Ich werde in einem anderen Artikel vertiefend auf das Verhältnis von Hort und Schule zu sprechen kommen, hier aber soll in bezug auf die Kita-Platz-Diskussion zunächst festgehalten werden: die freien Horte wurden zur Ressource für die Schaffung von Krippenplätzen degradiert und, wo es nicht anders möglich war, in Schulen „integriert“. Also: weg mit dem pädagogischen Larifari von wegen Wertschätzung, Lebensweltorientierung, Selbstbildung, Kompensation des Schulalltags usw. – Kinder sollen auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, und das geht am besten in der Schule.

Nein, Schule ist nicht gleich Hort. In Horten ist zumeist nach einer Stunde Hausaufgabenbetreuung Schluß. In der Ganztagesschule wird solange gesessen, bist die Hausaufgaben erledigt sind, und wenns 3 Stunden geht! Horte zeichnen sich durch pädagogische Autonomie aus – die Schule wird als Teil der Lebenswelt eines Kindes zwar ernstgenommen, jedoch empfängt der Hort keine Arbeitsaufträge von der Schule und das ist gut so. Die Sozialisation des Kindes mit seinen Kameraden und Freunden als Motor einer gesunden Entwicklung steht im Vordergrund, nicht Disziplinierung oder Reglementierung. Die Erzieher im Hort wissen das und sind bewußt an genau diesem und nicht irgendeinem anderen Arbeitsplatz, denn: die Autonomie im Hort macht professionelle pädagogische Arbeit erst möglich.

Und nun sollen diese Erzieher alle an die Schule kommen, wo Lehrer und Schulleiter das Konzept vorlegen.

Ich jedenfalls kenne nicht einen einzigen Erzieher, der an die Schule wechseln will. Wir alle haben unsere Erfahrungen mit der von Disziplinierung durchsetzten Schule in etlichen mühsamen Kooperationstreffen gemacht und waren deshalb immer über unsere Autonomie außerhalb der Schule froh. Keine zehn Pferde bringen mich an eine Schule, wenn die Konzeption noch nicht mal von meinem Chef gemacht werden darf, sondern er sich erst den Segen eines Bueb holen muß.

Standards senken I: jeder kann Pädagoge werden (und vor allem Frauen!)

Die mickrigen paar Prozent durch die Zerstörung der jahrzentelangen pädagogischen Hort-Tradition haben natürlich auch nicht viel gebracht. Warum also nicht auch mal abwegige Ideen verfolgen?

Wir erinnern uns an die politisch-pädagogische Farce, welche bekannt geworden ist unter dem Begriff der „Schlecker-Frauen“: 25000 Beschäftigte, zumeist Frauen, waren schlagartig arbeitslos. Da dachte sich Frau Schröder, sie könne gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Schlecker-Pleite kompensieren + Kita-Ausbau vielleicht doch noch erreichen…

Denn: schließlich sind Frauen von Natur aus fähig, Kindern zu erziehen. Das liegt in den Genen. Sozialpädagogik ist nichts, was man lernen müßte. Oder wenn doch, dann kann man das auf die biologische Determination „Frau“ noch draufsetzen – so Fr. Schröder (Erzieherin in Fernsehsendung: „ich krieg zu wenig Geld.“ – Schröder: „dafür kriegst Du Anerkennung und Wertschätzung“ – ich: kauf Dir mal ne Stulle von Anerkennung und Wertschätzung. Allerdings verstehe ich jetzt, wieso Politiker so viel Geld verdienen – könnte man von Anerkennung und Wertschätzung seine Miete bezahlen, wären die alle obdachlos).

Fr. Schröder selbst hat übrigens Abitur und Studium absolviert, um ihre … Tätigkeit … (kann man das als Beruf bezeichnen?) auszuüben. Das Signal, welches sie mit diesem Fauxpas an die Frauen gesandt hat, war: als Frau gehört man eben doch an den Herd oder zumindest zu den Kindern. Weil diese Arbeit nix mit Professionalität zu tun hat, sondern im Geschlecht determiniert ist. Das Wenige, was man da lernen muß, ist vergleichbar mit dem Bedienen einer Kasse. Insofern ist sie in der richtigen Partei, auch, wenn selbst konservative Christen sich von den drei K´s Kinder, Küche, Kirche verabschiedet haben.

Standards senken II: Pommes Bude, Kartons packen oder wie wärs mal mit Erzieher?

Nicht viel später wurde es noch bunter: jetzt sollten auch Langzeitarbeitslose zu Erziehern werden.

Kurz: den eklatanten Personalmangel hat man nicht etwa dadurch zu kompensieren versucht, dass man endlich die Ausbildungsstandards oder gar die Bezahlung verbessert hätte. Stattdessen hat man die Erzieherausbildung, die in Jahrzehnten ausgebaut und mühsam professionalisiert worden ist, zu einem last-exit für Arbeitslose beliebiger Herkunft degradiert: wirste nix, wirste Erzieher.

Die Kunst der Formulierung: Ein Tagesmutter-Platz ist auch irgendwie eine Kita.

Dann hat man den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz aufgeweicht: ein Rechtsanspruch, darunter war nun auch die Betreuung bei einer Tagesmutter zu verstehen.

Um aber Tagesmutter zu werden, bedarf es keiner pädagogischen Ausbildung. In § 43 Abs. 2 Nr. 1 f. SGB VIII ist lediglich zu lesen:

(2) Die Erlaubnis ist zu erteilen, wenn die Person für die Kindertagespflege geeignet ist. Geeignet im Sinne des Satzes 1 sind Personen, die

1. sich durch ihre Persönlichkeit, Sachkompetenz und Kooperationsbereitschaft mit Erziehungsberechtigten und anderen Tagespflegepersonen auszeichnen und

2. über kindgerechte Räumlichkeiten verfügen.

Sie sollen über vertiefte Kenntnisse hinsichtlich der Anforderungen der Kindertagespflege verfügen, die sie in qualifizierten Lehrgängen erworben oder in anderer Weise nachgewiesen haben. § 72a Absatz 1 und 5 gilt entsprechend.

Die „vertieften Kenntnisse“ in „qualifizierten Lehrgängen“ – das bedeutet in Baden-Württemberg: 30 Unterrichtsstunden, dann kann man loslegen. Wie? Das ist zu wenig? Baden-Württemberg legt drauf: ganze 130 tätigkeitsbegleitenden Stunden stellen die pädagogische Qualität sicher.

Da frage ich mich: warum bin ich nicht Tagesmutter geworden? Ich Depp habe 4 Jahre in meine Ausbildung investiert, habe mich mit Pädagogik, Psychologie und SGB rumgeschlagen und war leider zum falschen Zeitpunkt in der Ausbildung. Noch besser: hätte ich nach dem Schulabschluß überhaupt nicht gearbeitet, hätte ich nun als Langzeitarbeitsloser besonders gute Chancen darauf, im pädagogischen Bereich zu arbeiten.

Ach ja, ich vergaß: wenn man keinen Kita-Platz hat, ist man gezwungen, das Angebot der Tagesbetreuung durch eine Tagesmutter anzunehmen, da sonst der Rechtsanspruch nicht greift. Also eigentlich hast Du als Mutter einen Rechtsanspruch, Punkt. Aber eigentlich gibts nicht genügend Plätze, Komma, aber. Also mußt Du Dein Kind zu einer Tagesmutter schicken, die wir Dir anbieten, Gedankenstrich, Absatz, Unterpunkt. Und wenn Du das ablehnst, hast Du Deinen Rechtsanspruch verwirkt, mit freundlichen Grüßen, Punktpunkt.

Schluss mit den Palästen, Container tuns auch!

Und auch das hat nicht ausgereicht: so wurden Baustandards reduziert – vorübergehend, versteht sich. Deckenhöhe, Toilettengröße usw. Wie das dann tatsächlich aussieht, können wir uns anhand von Baucontainer-Kitas anschauen. Im Rahmen der Diskussion wurde ja auch über eine Bildungsreform gesprochen, die auch Kitas betreffen sollte. Dabei wurde unendlich viel über Raumkonzepte gesprochen – also so Details wie die Frage, ob Poster auch in Augenhöhe der Kinder hängen, inwiefern die farbliche Abstimmung des Inventars auf die Kinder anregend / beruhigend wirkt, ob das Konzept schlüssig ist usw. – diese andere Galaxie ist Lichtjahre entfernt von dem Verzicht auf die angemessene Toilettenhöhe. Versuch mal als 2-jähriger, auf eine Erwachsenentoilette zu klettern…

Und nach all dem reicht es immer noch nicht aus. Das Ziel, 780 000 Plätze zu schaffen, ist nicht erreicht worden. Aber wozu politische Verantwortung übernehmen? In der Politik gibt es nur Erfolg oder Rücktritt und freiwillig geht da keiner. Also wird die Diskussion geklont: nun soll an Ganztagesschulen verbockt werden, was bei Kitas auch schon nicht geklappt hat. Pädagogische Qualität? PRUUUUUST!!!

Die Zahl allein ist entscheidend, auch wenn sie trotz Trickserei nicht der gewünschten Zahl entspricht.

1 000 000 000 Ganztagesschulplätze werden sie bauen. Mindestens.

Es geht nicht um Bildung, wobei darunter schulische Bildung verstanden wird.

Aber es geht auch nicht um die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“.

Es geht noch nicht einmal um die Steigerung der Produktivität, wie Zyniker meinen könnten.

Es geht um die Bundestagswahl im September.

Würde man genauer hinter die aufgeblasenen Diskussionen um Bildung, Familie und Beruf oder Produktivität schauen, wäre der Blick da für die Frage nach der pädagogischen Qualität in Kitas:

Wie wachsen unsere Kinder auf? Was tun die da in dieser entscheidend prägenden Phase ihres Lebens? Mit welchen Personen verbringen sie 6 – 8 Stunden des Tages? Welche Rahmenbedingungen herrschen dort? Welche Werte werden ihnen vorgelebt und vermittelt? Wie wird ihre Lebenswelt berücksichtigt? Auf welche Weise wird der Eigenheit ihrer familialen Herkunft Rechnung getragen?

All das ist der Inhalt pädagogischer Arbeit und es ist verdammt schwer, all dem bereits als Profi gerecht zu werden. Dafür gibt es wissenschaftliche Analysen, Konzepte und Theorien, die in einer bewußt langfristigen Auseinandersetzung zwischen Theorie und Praxis vermittelt werden. Und selbst da wird vielen klar, dass es eben nicht ihr Ding ist, weshalb sie die Ausbildung bzw. das Studium abbrechen.

Aber im Namen der CDU sind Fr. von der Leyen und Fr. Schröder der Meinung, das ließe sich in einem Crash-Course an quasi jeden vermitteln, der im Moment keinen Job hat. Weil: wichtig ist nicht die pädagogische Qualität, sondern die Zahl von 780 000 Kita-Plätzen, selbst, wenn diese Zahlen gefaked sind und dabei Plätze einberechnet werden, die erst noch im Entstehen sind.

Mein Konzept für die CDU:

Wenn das so ist, schlage ich vor, es bei der Forderung nach dem Anspruch auf einen Ganztagesschul-Platz gleich richtig zu machen. Ich schlage vor, dem Wähler das Versprechen zu geben, 1 000 000 000 Ganztagesschul-Plätze bis 2014 zu schaffen. Dazu muß man nur hier und da etwas beschönigen, da und dort die Standards senken, hüben und drüben ein wenig einsparen und zuletzt noch ein paar Nullen dranhängen, auch wenn in Deutschland gar nicht so viele Menschen leben.

Aber Nullen, davon haben wir in der Politik genug und am besten hängen wir die an diese Zahl dran.

Bitte, Politiker: bleibt ehrlich. BITTE!

Die deutsche Kanzlerin verdient weniger als ein Sparkassendirektor. Schlappe 200 000 € Jahresgehalt seien zu wenig, hört man ausnahmsweise mal nicht vom Stammtisch, sondern aus der Kantine des Bundestages. Immerhin lenke die Bundeskanzlerin die Geschicke eines ganzen Landes, ein Sparkassendirektor hingegen nur jene einer Bankfiliale. Das hören wir nicht von einem der vielen CDU/FDP-Abgeordneten, die ihr mieses Gehalt durch das Engagement in zahlreichen Aufsichtsräten irgendwelcher Unternehmen der Wirtschaft aufstocken müssen. Dieses Thema serviert uns in alter Frische Peer Steinbrück, der Kanzlerkandidat der SPD, die ja für soziale Gerechtigkeit steht und sich als „Arbeiterpartei“ verstanden wissen will.

Und dann wird als Begründung für eine Gehaltserhöhung – die die Damen und Herren des Bundestages ja selbst festlegen dürfen – auch immer wieder die Angst vor Korruption geäußert. Wer als Politiker zu wenig verdiene, sei in Gefahr, der Versuchung zu erliegen, sich kaufen zu lassen.

Tja, damit müssen wir dreisten Wähler schon rechnen: wenn wir unsere Politiker mit schäbigen 7960,- € (2013 dann 8252,- €) abgespeisen, ist doch völlig klar, daß die ihr Verantwortungsbewußtsein und ihre Moral, ihre Ethik und ihre Überzeugung in die Tonne kicken und das Team wechseln.

Es ist klar, aber ich gehe noch weiter:

wir müssen endlich den Kniefall vollziehen. Es geht nicht nur um Geld, es geht auch um Anerkennung. Jeden Montag morgen, wenn wir gemeinen Wähler arbeiten gehen und die bösen Hartzer ein Viertel ihrer monatlich zustehenden 374,- € (Höchstsatz) für billigen Fusel ausgeben, wenn unsere Kindern in Kindergärten und Schulen bereits mit einem 6 – 8 Stundentag auf die Produktionsgesellschaft hin trainiert werden – wofür sie dankbar sein müssen! -, sollte in der gesamten Bundesrepublik eine Glocke ertönen. 10.00 Uhr, Kniefall-Apell.

Text:

„Liebe Politiker!

Wir wissen, wie schwer Euer Leben ist. Wir wissen, daß die Anwesenheit im Bundestag nicht gewährleistet werden kann, denn bei den knapp 7960,- €,

Alle: 7960,- €!

die Ihr verdient, muß man in den einen oder anderen Aufsichtsrat schauen. Dazuverdienen.

Alle: DAZUVERDIENEN!

Dennoch ist das alles zu wenig. Gefahren lauern überall und die Korruption ist eine Versuchung, der keiner widerstehen kann. Jeder ist käuflich,

Alle: KÄUFLICH!

es kommt nur auf den Preis an. Kindergärtnerinnen sollten auch mehr Geld bekommen, sonst ist davon auszugehen, dass sie eines Tages Kinderpornos drehen müssen, um nicht zu verarmen.

Alle: VERARMEN!

Ärzte sollten auch mehr Geld bekommen, sonst ist davon auszugehen, dass sie eines Tages Organhandel betreiben müssen, um nicht zu verarmen.

Alle: VERARMEN!

Polizisten, Richter, Finanzbeamte sollten auch mehr Geld bekommen, sonst ist davon auszugehen, dass sie eines Tages ihr Amt missbrauchen müssen, um nicht zu verarmen.

Alle: VERARMEN!

Wir bitten Euch.

Alle: BITTE!

Wir bitten Euch untertänigst.

Alle: BITTE BITTE!

Wir bitten Euch ergeben:

Alle: BITTE BITTE BITTE!

Bleibt ehrlich. Vielleicht. Wenigstens so ein klein wenig. Wir zahlen Euch auch ganz viel Geld und sind dann Eure aller- aller – allerbesten Freunde!

Alle: FREUNDE!

Das muss doch helfen, oder? Und was die böse Kassiererin angeht, die wegen einer geklauten Schrippe gefeuert wird: RECHT SO!

Im Saarland am Saalrand…

(klicken zum Vergrößern)

Im Saarland gewinnt die CDU die Wahl, Teufel noch mal.

Also die Wahlbeteiligung lag gegen 14.00 Uhr bei 31 % oder so. Und davon haben wiederum 35 % die CDU gewählt. Etwa 11 % der Wahlberechtigten im Saarland haben also der CDU zu neuer Macht verholfen. Die FDP ist raus, aber die Piraten eignen sich prima als Substitut – da haben die Saarländer den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Ist es nicht interessant, dass die Piraten zulegen, während die FDP verliert? Seltsam…
Zurück zur möglichen Koalition der CDU mit der Piratenpartei: Wenn die zusammen koalieren, macht das meiner Rechnung nach ca 42,5 %. Das ist nicht gerade eine dicke Mehrheit, aber in der Not frißt der Teufel Fliegen. Interessant stelle ich mir allerdings die Koalitionsverhalndungen zum Thema Acta vor. Die CDU ist ja eher für die Datenspeicherung, die Piraten nicht – man will ja seine Cracks und Raubkopien vor dem Eingriff des Staates schützen. Als gemeinsames Feindbild könnten dann die Rockmusiker herhalten – der CDU sind deren Haare zu lang und die Piraten sind der Meinung, daß gestohlen werden darf, was nicht niet- und nagelfest ist. Nein, wirklich: wie der Vorzeigedemagoge Lauer von der PP sagte (vgl. mein letzter Artikel), ist Kopiererei kein Diebstahl wie jener im Supermarkt – denn dort verschwindet die Packung Nudeln, die Musik bleibt aber trotz Kopie bestehen.
Dumm nur, daß der eigentliche Schaden bei der Kopiererei nicht das Verschwinden der Musik, sondern die unbezahlte Arbeit des Autors ist. Letztere macht nur dann Sinn, wenn Leute, die das Zeug hören, ehrlich sind und sagen: „hör ich, weils mir gefällt, also hat der Typ was richtig gemacht und dafür zahle ich“.

Also ich denke, die CDU hat sich den Teufel von den Piraten ausgeliehen, weil deren Ambitionen für Autoren die Hölle auf Erden sind.

Wie, das Gerede von Teufel, Beelzebub und Hölle hält jemand für mittelalterlich? Nun, die Piraten bringen uns genau dahin. Im Mittelalter waren Künstler nämlich scheiße bezahlt, weil sie nichts gebaut haben, nichts produziert, was man anfassen kann. Und genau so primitiv denken die Piraten auch: Musik kann man nicht anfassen, also kann sie auch keinem gehören. Verstehe. Ich sagte ja bereits: nur, was nicht niet- und nagelfest ist…

UPDATE:

(klicken zum Vergrößern)

…wer sich mit dem Teufel einläßt… gestern sah das Foto der CDU-Jubler doch noch anders aus, oder?

tagesschau.de 06.10.2011- das Review

Irgendwie war es klar. Steve Jobs hatte es lange in der Öffentlichkeit gehalten, doch nun ist er tot. Tagesschau.de bringt das zurecht als die Top-News des Tages, denn bereits nach Jobs Rückzug aus dem Geschäft brach der Kurs für Apple-Aktien ein. Eine Wirtschafts- aber auch Gesellschaftsmeldung also, war Steve Jobs doch für viele das Paradebeispiel eines Visionärs, der aus dem angeschlagenen Unternehmen Mitte der 90er die Alternative zu Microsoft gemacht hatte.
Es gibt genügend andere und besser geeignete Plattformen für einen persönlichen Rückblick. Deshalb will ich es hierbei belassen. Persönlich betroffen bin ich nicht, denn ich habe ihn nicht persönlich gekannt. Allerdings imponiert mir Jobs Stil, der Elemente des Leadership hatte, bevor systemisches Management zu einer Art Modewort geworden ist.

In den USA, in denen ohne Slogan mal gar nichts funktioniert, sagte Obama „Yes we can“, aber irgendwie meinte er wohl „Maybe we could“. Jobs stellte die Frage Kann man erfolgreich sein, wenn man es anders versucht?“ und gab selbst die Antwort „a solution exists„.

Ja, Apple, das war auch immer Werbung, Slogans, Schick und Design. Aber durch Steve blieb es nie bei leeren Versprechungen – die Slogans der Firma Apple, das muß man trotz der Kritik an deren Marktstrategie gelten lassen, die Slogans trafen zu: Apple ist anders. Apple ist verrückt. Und Apple funktioniert wirklich.
Steve Jobs war ein Mann, der etwas ganz einfaches gemacht hat: er Computer zum Funktionieren gebracht. Das Argument, man müsse sich verändern, um den Computer zu verstehen, hat er nie gelten lassen. Die Technik hat sich an den Menschen anzupassen und dies zu bewerkstelligen, hat Steve Jobs als Aufgabe gesehen. Und genau so einfach ist der Erfolg Jobs´ sowie seiner Firma zu sehen: Menschen geben ihr Geld eher für Dinge aus, die funktionieren, als für welche, die man erst selbst zum Funktionieren bringen muß. Danke, Steve.

[Update 11:45 Uhr]
Die Tagesschau fährt nun das volle Jobs-Programm:
hier (Video) und
hier (Bericht) und
hier (Bilderstrecke)
und das zusätzlich zum eigentlichen Artikel. Death sells.

Grüne und SPD in Berlin.

Kurz durchatmen, dann gehts weiter: die Seite berichtet über die Schlammschlacht zwischen den Grünen und der SPD, nachdem die Koalitionsverhandlungen in Berlin gescheitert sind. Da scheint ein ganz schön heftiger Rechtfertigungsdruck zu bestehen, sonst würden die sich jetzt im Nachhinein nicht die Schuld gegenseitig in die Schuhe schieben, aber ich frage mich, welchen Wähler das interessiert? Und warum macht da die Tagesschau mit? Die Dienstleistung ist nicht erbracht und es ist völlig irrelevant, wer die „Schuld“ hat (ich nehme an, beide). Da sollte sich die Tagesschau raushalten, sonst ist das nichts weiter als Polit-Boulevard.

Ulrich Deppendorf bringt einen Artikel über den inhaltlichen Gehalt des Piratenprogramms. Naja. Er hat ja nicht unrecht, aber den aktuellen Anlaß kann man sich selbst irgendwo herzaubern. Inhaltlich kommt da immer noch zu viel Wertung rüber. Zur Frage, ob die Piraten bundesweit eine Chance haben oder nicht, analysiert er richtig: die haben im Moment einen Höhenflug und sind eben übereifrig. Das wird sich schon noch geben… Dann folgt eine Analyse des Programms. Deppendorf nimmt bezug zur Transparent-Politik der Piraten. Und gleich meint er, es gäbe eben Staatsgeheimnisse, die nicht presgegeben werden dürften, aber „richtig ist es, daß die mehr drin haben wollen, daß die mehr beteiligt werden wollen, daß der Staat oder die Parteien mehr mit den Leuten kommunizieren müssen“. Das ist scheint zunächst nicht richtig, denn soweit man die Piraten zunächst verstanden hatte, wollten die Piraten völlige Transparenz, nicht nur „mehr“ davon. Aber dann behält Deppendorf doch recht. Auszug aus dem Parteiprogramm, Punkt 8 („Freier Zugang zu öffentlichen Inhalten“):

„Ausnahmen von der Veröffentlichungspflicht sind nur bei schwerwiegenden Gründen möglich; diese müssen in jedem Einzelfall schriftlich dargelegt werden.“

Also doch keine völlige Transparenz. Deppendorf nimmt wahr, daß die Piraten zumindest momentan noch so tun, als seien sie für völlige Transparenz („so, wie sie es jetzt sagen, noch eher ja“), allerdings interpretiert er „den Gedanken dahinter, möglichst viel Transparenz zu haben“. Und da interpretiert er richtig – ich nehme an, er hat das Parteiprogramm überflogen (langsamer geht auch nicht). Quintessenz ist: man darf sie nicht so unterschätzen, wie man das bei den Grünen anfangs gemacht haben – die waren plötzlich eben doch da, im Parlament. Allerdings bezweifelt er, ob die Piraten bei ihren Grundsätzen bleiben werden und da bin ich mit ihm einer Meinung, obwohl ich mein Wissen über die Piraten ausschließlich aus erster Hand habe: da ist viel Willen, viel berechtigte Empörung über ausufernde Politik, aber auch seltsame Vorstellungen von Freiheit, wobei letztere zum Wert erhoben wird, was ich für äußerst fragwürdig halte.

Entschädigung für verstrahlte NVA-Soldaten

CHristian Thiels bringt einen Artikel über die geplante Einrichtung einer Stiftung / eines Fonds „außerhalb des geregelten rechtlichen Verfahrens“. Klartext: das, was es dazu von gesetzlicher Seite gibt, ist ausgeschöpft, aber gerecht wird diese Lösung den Erkrankten nicht. Nun legt das Verteidigungsministerium vor: 7 Mio € fließen von dortiger Seite in den Fonds, was aber natürlich nicht reicht. Daher wird „eine Beteiligung mit den Firmen, die die Radargeräte damals produziert hätten“ in die Diskussion (die außerhalb des Parlaments ja noch gar nicht besteht…) eingebracht.

Ein Paradebeispiel für die Handlangerfunktion öffentlich-rechtlicher Medien. Der rechtliche Rahmen ist ausgeschöpft, die Alternative, ein Fonds aus teils öffentlicher, teils privater Hand ist schwer zu rechtfertigen bzw. realisierbar. Also bringt man die Diskussion ein wenig in Gang. Grundsätzlich ist eine öffentliche Diskussion bei Fragen zum Thema Geld ja wichtig, aber mit gefällt die Chronologie nicht, in der das abläuft. Eigentlich sollten die Bürger selbst darüber entscheiden, welche Themen außerhalb des rechtlichen Rahmens dennoch behandelt werden sollen. Und offensichtlich scheinen die Politiker auch keinerlei Handhabe gegenüber den Herstellern jener Radargeräte zu haben, sonst würden sie dies nicht in die Diskussion bringen. Da hofft doch stillschweigend jemand auf öffentliche Empörung, oder? Und zuguterletzt frage ich mich, wie die Nähe zur Tagesschau zustande kommt. Eigentlich sollten derartige Themen – also Menschen, die außerhalb des rechtlichen Rahmens dennoch nicht oder nicht so richtig zu ihrem Recht kommen – durch das Volk an die Presse herangebracht werden können. Ist aber nicht so. Die Damen und Herren in Berlin sagen der Tagesschau, wo es langgeht. Klar, schließlich sind die Politiker die personifizierte Meinung des Volkes. Wozu das Volk befragen? CDUSPDGrüneFDPLinke sind doch das Volk…

Slowakei sagt zum Euro-Rettungsschirm: „ne!“ – oder fast noch nicht eventuell vielleicht erst später noch

Ein Nein der Slowakei zum Rettungsschirm wäre ja eine Meldung, aber das voraussichtliche Nein ist es für die Tagesschau ebenfalls. Man erhält in Stefan Heinleins Artikel detaillierte Einsichten in die Befindlichkeiten der slowakischen Parteienlandschaft, selbst, wenn die keinen interessieren. Und mal ehrlich: ist selbst die Ablehnung des Rettungsschirmes durch die Slowaken ein wirkliches Novum? Ich schreibe bewußt: „die Slowaken“, denn das Parlament hat ja noch nicht abgestimmt. Das wäre wirklich einer Meldung wert. Aber Säbelrasseln im Vorfeld hebt sich irgendwann auch nicht mehr aus den vielen Säbelrasseln-Meldungen hervor. Bisher bringt diese Tagesschau jedenfalls – bis auf den Tod Jobs´ – keine wirkliche Meldung.

Immerhin: Brigitte Osterath erklärt uns in der Reihe „Nobelpreis live“, was Quasikristalle eigentlich sind. Ich muß sagen, daß mich das sogar interessiert. Ganz sicher mehr als das Geplänkel zwischen den Fast-Koalitionspartnern in Berlin oder das Bald-Vielleicht-Nein der Slowakei zum Rettungsschirm.

Und nochmal nix, aber die Tagesschau liest die Gedanken Sarah Palins – EXKLUSIV!!!

Sarah Palin wird 2012 nicht für die Republikaner im Kampf um die US-Präsidentschaft antreten. Das allein wäre schon unwichtig genug, denn mit Michele Bachmann steht (natürlich) schon eine andere Kandidatin parat. Interessant ist jedoch, daß die/der nicht genannte RedakteurIn Worte in Palins Mund legt die sie nie gesagt hat. Sie hat das auch nicht so gemeint, sondern es ist schlichte Konstruktion, was da bei unserem öffentlich-rechtlichen Parademedium getan wird. Schauen wir uns das genau an (ich nehme bewußt wörtliche Zitate der Tagesschau!):

Die Tagesschau nennt folgende Begründung:
In einem Brief an ihre Anhänger schrieb die ehemalige Kandidatin für die Vize-Präsidentschaft, dass ihre Familie Vorrang habe. „Nach vielen Gebeten und ernsthaften Überlegungen habe ich entschieden, mich 2012 nicht um eine Nominierung der Republikanischen Partei für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten zu bemühen“.
In der Überschrift heißt es aber: „Gott und Familie statt Wahlkampf und Weißes Haus“.
Das mit der Familie kann man dann noch durchgehen lassen, denn trotz fehlenden wörtlichen Zitates bekennt sich die/der AutorIn dazu dies in der Nachricht an die Anhänger gelesen zu haben.
Aber wo steht, daß Palin „für Gott“ auf den Wahlkampf verzichtet? Sie hat geschrieben, sie hätte sich nach „vielen Gebeten“, nicht „für Gott“ gegen die Kandidatur entschieden.

Jetzt wird man sagen können, das sei kleinlich.

Das wäre es, wenn hier nicht tatsächliche Aussagen mit Konstrukten vermischt würden und wenn in diesem Zusammenhang nicht mit konstruierten Einstellungen gegenüber den Republikanern gespielt würde.

Die Republikaner, klar, für Gott und Vaterland und überhaupt: konservativ bis ins letzte Detail. Natürlich gehört bei denen eine Frau nach Hause in die Küche und bestenfalls in die Kirche, wenn sie schon mal austreten darf. Böse Republikaner, gute Demokraten.

Das meine ich mit Konstrukten. Das ist alles ein Funken Wahrheit, der mit journalistischem Brennstoff zur Explosion gebracht wird. Da ist ein Teil wahr und nimmt den Leser erstmal mit in den Zug. Dann wird vor dem Fenster eine Fototapete vorbeigezogen, und zwar so schnell, daß man nicht erkennt, daß das gar nicht die Realität ist. Am Waggon wird geruckelt und man glaubt, der Zug holpert durch die Gegend. Und wenn man aussteigt, hat man das Brainwashing solange mitgemacht, daß man glaubt, tatsächlich an einem anderen Ort angekommen zu sein. Und wenn dann einer sagt: „hey, wir sind ja gar nicht in XY“, sagen die anderen: „wieso, hast Du denn nicht gesehen, daß die Landschaft vorbeigesaust ist und der Zug geruckelt hat?“.

Macht Euch immun gegen dieses Brainwashing. Sarah Palin mag eine Republikanerin sein. Sie mag gläubig sein. Aber sie tritt nicht „für Gott“ von der Kandidatur zurück. Das ist mehr als nur eine boulevard-stilistische Umschreibung. Hier soll suggeriert werden, daß Palin aus irrationalen Gründen zurücktritt und natürlich deshalb, weil sie eine Republikanerin ist. Das ist Wahlkampf pur und einseitig, wie es sich für ein öffentlich-rechtliches Medium verbietet.

Ob ich die Republikaner mag? Nein, und in diese Diskussion darf man sich nicht hineinzwängen lassen. Weil die Schwarz-Weiß-Malerei, die Messianisierung Barack Obamas, der Guantanamo immer noch nicht geschlossen hat, obwohl er es mal versprochen hatte, die Kehrseite der Medaille ist. Sie schreibt den Persilschein für „die Guten“, Böses zu tun. Die Republikaner sind nicht nur böse und die Demokraten auch nicht nur gut. Auch Obama hat seinen Amtseid auf Gott geschworen, ebenso wie Clinton und alle anderen Demokraten vor ihm. Es gibt verdammt viele Gläubige Christen bei den Demokraten. Die Öffentlichkeit wird hier an der Nase herumgeführt und abgelenkt: man beschäftigt sich mit Wahlkämpfen und Präsidenten, während die Kriege immer weiter gehen.

Diese Meldung ist eines ÖR-Mediums nicht würdig.

Kaczynski mag die Deutschen nicht, Kazmierczak hält das für reine Strategie

Weiter folgt eine enorm wichtige Meldung über das neue Buch des polnischen Oppositionschefs Kaczynski. Die Erklärung, waraum dies ausgerechnet jetzt geschieht, folgt sogleich: am Sonntag ist Wahl in Polen und mit etwas Deutschen-Bashing kommt man schon eher ins Gespräch. Ob das so ist, ist fraglich. Überhaupt nicht fraglich ist, daß, falls diese Strategie aufgehen sollte, die Erwähnung des Buchs und seines Inhaltes in Ludger Kazmierczaks Artikel auf tagesschau.de ihren Beitrag zum Erfolg beigetragen hat. Also wieder eine Meldung, die sich wichtig macht, indem sie Unwichtiges aufbauscht. „Seht mal, da ist nichts!“…

Deutscher Wissenschaftler darf nicht nach Russland

Klingt zwar nach umgefallenen Reissack, ist aber tatsächlich mal eine sinnvolle Meldung. Es zeigt, in welchem Zustand sich der russische Rechtsstaat befindet: der gute Mann hatte immerhin ein gültiges Visum, womit die Frage der Gültigkeit russischer Dokumente geklärt ist. Weitere Informationen zu Schröders politischen Forschungsergebnissen findet man zwar nicht, dafür ist ein Link zu Schröders HP vorhanden.
Aber auch hier weise ich auf das gestrige Review hin: Rußland mag in vielerlei Hinsicht kritikwürdig sein, von einer Dämonisierung muß aber abgesehen werden, denn Konstrukte wie ein verteufeltes Rußland sind genausowenig zutreffend wie politisch hilfreich.

Bahn informiert über Wintervorbereitungen.

Als BahnCard-Besitzer nehme ich diese Meldung dankend entgegen. Die Bahn ist für mich ein Beispiel dafür, daß die Wirtschaft eben doch kontrollierbar ist. Dazu bedarf es keines Staates. Die Bürger selbst können kraft ihrer Masse einiges tun. So gibt es seit langem schon Pro Bahn, eine Interessenvertretung der Verbraucher, die genau das macht, was Konzerne brauchen: die Interessen der Kunden vertreten, Druck ausüben. Konzerne verändern sich nicht aus Spaß an der Freud zu verbraucherfreundlichen gemeinnützigen Vereinen. Sie tun es, wenn sie es müssen. Und das tun sie nur, wenn ihnen die Kunden abspringen.
Also: diese Meldung ist schon OK. Allerdings ist die Chronologie wiederum etwas ver-rückt (sic!). Eigentlich geht es ja um die Interesen der Fahrgäste. Hier gings aber andersrum: Bahn -> Tagesschau -> Bürger. Hätten letztere keinen Druck auf die Bahn ausgeübt, läge der Bericht wohl nicht vor. Ein wenig mehr Wahrnehmung der Verbraucherinteressen täte der Tagesschau gut, aber dazu sind die nicht nahe genug am Bürger.

Insgesamt wieder einiges belanglose in dieser Tagesschau, aber Deppendorfs Woche sowie die beiden Artikel zu Rußland und der Bahn verhelfen dieser Tagesschau doch zu einer Wertung von 63,57 %, wobei deutlich mehr dringewesen wäre, wenn man sich den Palin-Artikel gespart hätte.

Pofalla und die Parteidisziplin

Pofalla hin oder her: Parteidisziplin ist ein übliches Phänomen in einer Parteiendemokratie. Und bevor einer denkt, ich wäre grundsätzlich dafür oder dagegen: bin ich nicht. Nicht grundsätzlich. Politik bewegt sich immer zwischen Idealismus und Pragmatismus – wer was anderes glaubt, lügt sich selbst in die Tasche. Selbst der ehrenwerte Kurt Schumann (Politiker-Kongruenz-Wert: 100 % oder so…)…


(genau bei 1:15)

…mußte pragmatisch handeln, wenn es darauf ankam – Parteigenosse Hoegner unterstellte ihm gar Diktator-Allüren.
Sie gehört in unserem System also dazu, und ich bin mir sicher, daß die Piraten (genauso wie die Grünen in den 80ern) auch noch vor diesem Problem stehen werden.
Wir reden hier also nicht von Parteiendisziplin als generellem Problem, sondern von einem Parteiwerkzeug, das momentan für jeden politischen Handgriff angewendet wird, oder?

Also: was Parteiendisziplin angeht, ist die CDU weiter als die Grünen und jene weiter als die Piraten. Und die FDP ist am allerweitesten: im Abgrund der Belanglosigkeit. Sie sind also alle auf dem gleichen Weg, nur nicht an derselben Stelle.

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