Hatte die CDU vielleicht doch recht?

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50 Jahre Postzugraub – who aged Bambi?

Vor fünzig Jahren fand der legendäre Postzugraub in Großbritannien statt. Dazu bringt heute.de ein Portrait Ronnie Biggs´, wohl dem bekanntesten Beteiligten.

Nach gelungenen Raub und Ausbruch aus dem Gefängnis setzte er sich mit seinem Anteil damals nach Brasilien ab, wo er jahrzehntelang blieb, bis er sich selbst stellte. Inzwischen ist er unglaublich alt und wurde aufgrund mehrerer Schlaganfälle aus der Haft entlassen.

In dem Artikel ist die Rede von einer Kollaboration mit den Toten Hosen. Das ist jetzt über 20 Jahre her – ich werde alt. Die alledings weit bedeutendere Kollaboration war jene mit den Rest – Sex Pistols Steve Jones und Paul Cook, beides Urgesteine der altgewordenen 70er-Punk-Bewegung in dem Film „The Great Rock ´n´Roll Swindle“.

Jedoch ist das Lied eher langweilig, der Film insgesamt erschreckend in die Länge gezogen (bis auf ein paar – allerdings brillante – Ausnahmen wie den Titelsong mit dem glänzenden Edward Tudor-Pole), und Malcom McLarens Versuch, Johnny Rotten zu diskreditieren, geht irgendwie auch daneben. Dennoch ist dieses Fragment ein Stück Rock-Historie, wenn auch ein trauriges: es zeigt den Hype einer Band, die es eigentlich gar nicht mehr gab, was von manchen Beteiligten wiederum nicht wahrgenommen werden wollte.

Edward Tudor-Pole: „Who killed Bambi?“

3 Jahre zuvor: Punk erobert die Insel

Ach so, und wens interessiert: zwei Ex Pistols und Ronnie Biggs mit „No one is innocent“

Witzig: ein Kommentator im Sex-Pistols / The Clash-Video bemerkt, in diesem Jahr (1976) sei Punk gestorben. Genau. Oder war es nicht bereits 1958, als Elvis in die Armee eingezogen wurde?

Dieses ganze „Der Rock ist da und da gestorben“ oder „Der Rock wird niemals sterben“ – ist doch eigentlich nix anderes als eine Art Selbstreflexion auf der untersten Stufe des Bewusstseins. Es beginnt in dem Moment, in dem man sich bewusst wird, dass man älter wird und irgendwie überleben muss – also wahrscheinlich einer Arbeit nachgehen. Und diese Konfrontation mit der nahenden Systemintegration weckt natürlich Sehnsüchte und Fluchtträume.

Wenn jetzt einer glaubt, das seien alles Momente einer vergangenen Epoche oder abgehakte Momente der eigenen Biografie, ist das ein Irrtum. Zwar nehmen die 40-jährigen Alt-Hipsters in Berlin-Friedrichshain und Hamburg den Rock nicht mehr wirklich ernst, aber etliche von ihnen sind begeistert von der Piratenpartei oder der Occupy-Bewegung. Also alles Bewegungen, die alten Ideen in neuem Gewand folgen und die dieselben Fehler machen wie die Punks seinerzeit:

man stellt sich vor eine Bank, die „das Establishment“ repräsentiert und protestiert gegen das Finanzsystem, an dessen Titte man erst zu dem geworden ist, was man ist. Man ist aufgerüttelt, empört, erschüttert von den wahren und gefakten Berichten aus der Welt, deren Auswahl vor allem die jeweiligen Facebook-Kontakte vornehmen, wobei man diese Nachrichten jederzeit bequem über sein iPhone oder Tablet abrufen kann. Das alles tut man am Samstag nachmittag, denn Sonntag ist Sonntag und am Montag muß man dann wieder arbeiten.

Es ist ja auch OK, sich mit der Frage der Street-Credibility zu beschäftigen. Solange man sich seiner Eingebundenheit im System gewahr wird und dementsprechend nach Lösungen und Auswegen sucht. Und solange man weiß, wann sich eine Protestbewegung überlebt hat. Spätestens dann nämlich kann man sagen: Punk is dead.

Von Stuttgart 21 lernen heißt…

Heute hat der Lenkungskreis zu Stuttgart 21 getagt. 3 Monate zu spät, denn vertraglich ist ein Turnus von 6 Monaten vorgeschrieben. Der letzte Lenkungskreis ist allerdings 9 Monate her.

Von unseren Kindern erwarten wir, dass sie sich an Termine halten.

Bei Stuttgart 21 lernen sie: es ist „normal“, den Zeitrahmen zu überschreiten, denn „Verzögerungen im Rahmen grosser Bauprojekte sind nichts Ungewöhnliches“.

Wir erwarten von ihnen, dass sie sich nicht rausreden.

Bei S21 lernen sie: schuld an gestiegenen Kosten und Zeitverzögerungen sind die Gegner, schuld sind die Extrawünsche (also so was völlig Unnötiges wie Brandschutz), schuld ist die Regierung, aber keinesfalls jene, die S21 planen.

Wir erwarten von ihnen, dass sie die Regeln unserer demokratischen Grundordnung akzeptieren.

Bei S21 lernen sie: die demokratisch gewählte Landesregierung wird diffamiert, weil sie gemäß ihrem Wahlversprechen Bauanträge genauer prüft als es die Bahn tut (was ihr vermutlich geholfen hätte, die Kostenexplosion zu vermeiden).

Wir erwarten von ihnen, mit Geld hauszuhalten.

Bei S21 lernen sie: Geld erbitten, Mehrkosten verursachen, die Schuld dafür abweisen, und das alles als „Normalität“ hinstellen („Ich kenne kaum ein Projekt, das zu dem Betrag fertig wird, den man zuerst ausgerechnet hatte“  – Bundesverkehrsminister Ramsauer).

Wir erwarten von ihnen, Wort zu halten.

Bei S21 lernen sie: man kann, wie Bahnvorstand Grube vor der Volksabstimmung, 4,5 Mrd € als absolute Obergrenze angeben, aber wenn diese Obergrenze 1 Jahr später um 2 Mrd € überschritten wird, ist das „normal“ bei Großprojekten – „Wer mit wahren Zahlen operiert, verliert“.

Wir erwarten von ihnen, Kritik anzunehmen.

Bei S21 lernen sie: Gutachten der Gegenseite und sogar neutrale Gutachten (Bundesrechnungshof Anno 2008) werden ignoriert, stattdessen werden eigene Gutachten in Auftrag gegeben, die den eigenen Kurs nicht korrigieren, sondern bestätigen.

Wir erwarten von ihnen, dass sie lernen, ihre Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Bei S21 lernen sie: Bereitschaftspolizei und Wasserwerfer gegen demonstrierende Kinder, Jugendliche und Rentner. Und Freund Hauk von der CDU kommt dann daher und wirft den Leuten vor, sie hätten ihre „Kinder instrumentalisiert„.

Die konservative Ecke, aus deren Mitte sich die S21-Lobby größtenteils rekrutiert, ist es auch, aus deren Ecke ständige Kritik an Computerspielen wie GTA oder Gangsta-Rappern kommt. Es heisst, unsere Jugend sei verroht, schlecht erzogen, untugendhaft.

Das ist die pure Heuchelei.

Es heißt seitens der S21-Lobby, Zeitverzögerungen und Kostensteigerungen seien völlig normal bei Bauprojekten.

D.h. wie haben uns ein Wirtschaftssystem geschaffen, in dem es völlig normal ist, dass Aussagen nichts gelten (aus 2,6 Mrd € wurden inzwischen 6,8 Mrd €). Dazu folgende Einschätzung Karl Heinz Däkes, ehemaliger Präsident des Bundes deutscher Steuerzahler:

„Denn man braucht politische Entscheidungen. Und die bekommt man offenbar nur, wenn man die Kosten relativ gering hält. Und wenn etwas in Beton gegossen ist, wenn man angefangen hat zu bauen, kann man nicht mehr zurück. Dann muss man weitermachen. Und dann steigen die Kosten“.

Wir pflegen einen Umgang der Egozentrik in der politischen Kultur (Kritik wird diffamiert, Kritiker werden als Spinner, Alkommunisten, Linke Chaoten usw. etikettiert). Wir übernehmen keine Verantwortung für kommende Generationen – wichtig ist, dass jetzt Geschäfte gemacht werden – ob sie sich in Zukunft rechnen oder nicht.

Ich akzeptiere, dass viele Leute einen positivistischen Umgang mit der S21-Misere haben: sie sagen, man könne ja doch nichts daran ändern, es werde ja schon gebaut, ein großer Teil des Hauptbahnhofes sei  ja schon abgerissen usw.

Nur verstehe ich nicht, wie dieselben Leute sich dann über „die“ Manager und „die“ Banker aufregen können, denen ja Egozentrik, Verantwortungslosigkeit und eine „es ist nun mal so“-Mentalität vorgeworfen wird.

Es ist nun mal so und man kann nichts ändern?

WER AUSSER UNS SOLL DENN SONST ETWAS ÄNDERN KÖNNEN?

Wo ist das Problem? Welche Zukunftsvision wäre denn schlimmer:

„…wißt ihr noch, damals? Als rauskam, dass S21 immer teurer wird und immer später fertigwerden soll? Zum Glück haben die das damals gestoppt – lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Man hat den alten Bahnhof saniert und den Park aufgeforstet. Das hat übrigens auch nicht der liebe Gott getan, das haben Firmen aus Baden-Württemberg getan, mit Arbeitern, die Lohn erhalten haben und vom sanierten Bahnhof hat Stuttgart ebenfalls profitiert.“

oder:

„…wißt ihr noch? Als rauskam, dass S21 immer teurer wird und immer später fertigwerden soll?

Damals hat man gedacht: Augen zu und durch. Noch teurer wird’s nicht, noch länger kann es nicht dauern. Und schließlich hatten viele auch Angst vor den Ausstiegskosten, weil ja etliche beteiligte Firmen hätten entschädigt werden müssen. Und dann wurde das Ding durchgezogen.“

Ich habe bei der letzten Vision absichtlich nicht geschrieben, dass es tatsächlich noch teurer geworden ist und noch länger gedauert hat, damit mir keiner vorwerfen kann, ich hätte eine übertrieben düstere Zukunftsvision gezeichnet. Das heißt: alles, was da oben steht, sind unangezweifelte Fakten, wie sie bisher vorliegen. Aber ich gehe jede Wette ein, dass die 6,8 Mrd € und die bisherige Verzögerung von 2 Jahren noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sind. Dazu muß man nur den Verlauf der Chronik anschauen.

Um auf die Frage der Pädagogik zurückzukommen:

Unsere Kinder lernen ja leider nicht, dass dieser Typus Mensch, der S21 verbockt, ein kritikresistenter Wortbrecher, Verschwender, Egomane ist. Sie lernen diesen Typus Mensch als erfolgreich und sexy kennen. Immer mobil, dickes Auto, schönes Haus, durchsetzungsfähig, elegant usw.

DAS ist es, was als erstrebenswert vermittelt wird, weil alles in Geld und Erfolg gemessen wird und in diese Äußerlichkeiten werden Charaktereigenschaften reininterpretiert, die konstruiert sind.

Und DAS ist es, was unsere Kinder in unserer Gesellschaft lernen: all das Gerede von Menschlichkeit, inneren Werten, „gutem“ Handeln und Denken – das ist alles Mumpitz, den uns die Eltern zuhause erzählen, weil sie vom anderen Stern kommen. Aber die Realität ist anders und da muss man sich durchsetzen – mit Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Freundschaft, inneren Werten kommt man nicht weit. Ein dickes Auto bekommt man nur, wenn man sich dick macht, die Ellbogen rausfährt usw.

Die Kinder und Jugendlichen sind nicht daran schuld, dass sie Bushido und Sido gut finden. Daran sind wir selbst schuld. Mit jedem Stück Konsum verhelfen wir Bushidos „Stress ohne Grund“ in die Charts, selbst, wenn wir es gar nicht hören. Das müssen wir auch gar nicht. Der weltweite Konsum schafft eine Welle aus Scheisse, auf der manche besser reiten können als andere und Bushido ist der Kelly Slater der Konsumgesellschaft.

Emnid-Umfrage: Mehrheit gegen Stuttgart 21

tagesschau.de schreibt zu Merkels Reise in die Türkei: „keine einfache Reise„.

Dazu sage ich nur: lasst sie mal nach Stuttgart kommen, dann wird sie sehen, was eine wirklich schwierige Reise ist. Denn in der Türkei dürfte Merkel deutlich mehr Anhänger haben als bei uns in Stuttgart… hat sie doch erst diese Woche autokratisch das Thema „Stuttgart 21“ vom Wahlkampf ausgeschlossen.

Das kann sie ja machen, wenn sie meint – in der freiheitlichen Demokratie hat jeder auch das Recht auf Ignoranz, nur:

das heisst noch lange nicht, dass es das Problem Stuttgart 21 nicht gibt. Im Gegenteil: gestern waren wieder Tausende bei der Grossdemo gegen das Milliardenloch. Und je mehr dieses Problem dethematisiert wird, desto lauter werden die schreien, die von ihm betroffen sind.

 

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Und nun haben taz und kontext bei just jenem Meinungsforschungsinstitut, welches vor allem durch eine völlig überfrühte Umfrage eine vermeintliche Zustimmung der Bürger für S21 gemessen haben will, in aller Ruhe die Fakten sacken lassen und dann erneut eine Befragung in Auftrag gegeben.

Ergebnis:

knapp 54 % der Befragten lehnen den Bau von S21 ab, nur noch 39 % befürworten ihn. Die genaue Fragestellung:

„Statt 4,5 Milliarden Euro soll das Bahnprojekt Stuttgart 21 nach Angaben der Deutschen Bahn AG jetzt 6,8 Milliarden Euro kosten. Was ist Ihrer Ansicht nach sinnvoller? Der Weiterbetrieb und die Modernisierung des Kopfbahnhofs oder der Bau von Stuttgart 21?“

 

Ohne Worte.

Schon wieder Entgleisung in Stuttgart: diesmal ist es eine Lok.

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Wie man auf diesem Bild erkennen kann, ist eine heute am Bahnhof Stuttgart eine Lok entgleist Mit den drei IC-Entgleisungen seit letzten Sommer sind das dann vier Entgleisungen, die glimpflich verlaufene Entgleisung des Güterzuges am Feuerbacher Bahnhof nicht mitgezählt.

Das macht dann wahrscheinlich noch mal ein paar Milliönchen mehr für die Kostenexplosion. Wir habens ja. Jetzt noch schnell eine neue Emnid-Umfrage zu S21 durchführen, bevor sich der neueste Pfusch der Bahn  bei S21 rumspricht…

Jetzt gibts zwei Möglichkeiten:

1. Die Lok ist auf einem Gleis im Zuge (sic!) der Umbauarbeiten für S21 entgleist. In dem Fall schwindet mein Verständnis auch für den letzten S21-Befürworter.

2. Die Lok ist auf einem Gleis entgleist, der im Moment nichts mit S21 zu tun hat. Dann gilt allerdings das, was für die Beinahe-Katastrophe am Bahnhof Feuerbach gilt: hätte eine Bahn, die weniger ausgelastet ist, dies verhindern können?

Ich habe das Gefühl, dass die Bahn in der Landeshauptstadt den Grossteil ihrer Energie in Stuttgart 21 steckt. Wieviel Energie bleibt da noch für die Sicherstellung eines reibungslosen Ablaufs?

Planen, das weiss jeder, der Projekte plant, planen ist mit Puffern planen. Wenn man am Limit plant und arbeitet, ist das fahrlässig, denn wie fängt man die ganzen kleinen Probleme auf, die der Alltag mit sich bringt?

Von daher ist das so oder so auf S21 zurückzuführen, zumal es vor den Bauarbeiten derartige Probleme nicht gab.

Weitere Bilder:

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Emnid-Umfrage zu S21 weder reliabel noch valide

[Update]:

nur, um es manchen Kleinscheissern Pedanten noch mal auf ganz einfache Weise verständlich zu machen: Die Frage „Für oder gegen den Weiterbau des Bhf. Stuttgart 21?“ (was anderes finde ich noch nicht einmal in der N24-Präsentation des Geschäftsführers von Emnid, Klaus-Peter Schöppner selbst) führte zu folgenden Zahlen:

Bund:

Ja: 48 %

Nein: 37 %

Baden-Württemberg:

Ja: 62 %

Nein: 26 %

Das kann sich bald schon ändern, wenn nämlich extern die Kostenfrage geprüft wird (siehe unten).

Eine wirklich gute Frage wäre gewesen: „Soll S21 weitergebaut werden, wenn es sich nicht mehr rechnet?„. Kein Mensch der Welt würde diese Frage im Moment mit „Ja“ beantworten, doch genau darum gehts: den Leuten wird nämlich, wie seinerzeit vor der Volksabstimmung, vorgegaukelt, S21 rechne sich immer noch. Das hat damals funktioniert, das funktioniert auch heute noch. Dass die Bahn ihre Vorstellung davon, was sich rechnet, und was nicht, hin und wieder mal nach oben korrigiert, ist manchen Menschen eben egal – der Markt, der Kapitalismus, die CDU, sie alle werdens schon irgendwie richten.

[Update 2]

morgen im Spiegel: „Rette sich, wer kann

[Update 3}

Endlich mal jemand, der gecheckt hat, dass eine Diskussion über die Medien den Falschen viel zu viel Macht gibt. Kefer und Grube wurden nun angezeigt

[Update Ende]

Diese Umfrage, im Laufe des auf das „interne Papierfolgenden Tages durchgeführt, wird von den wenigen verbliebenen Stuttgart 21 – Befürwortern aus der CDU / FDP als „Wille des Volkes“ dargestellt. Wenn das mal nicht gehörig danebengeht.
Ich zitiere aus der Bibel der empirischen Sozialforschung von Peter Atteslander („Methoden der empirischen Sozialforschung“):
„Ein Befragungsinstrument ist dann verlässlich (reliabel), wenn es so exakt misst, dass bei Wiederholungen unter gleichen Bedingungen identische Ergebnisse erzielt werden. Die Gültigkeit (Validität) betrifft die Frage, ob ein Messinstrument auch das misst, was es messen soll. Sind diese beiden Kriterien nicht erfüllt, muss von Empirismus gesprochen werden“.
Reliabilität:
die Bedingungen (höchstens) einen Tag nach dem internen Papier des Verkehrsministeriums sind ganz sicher nicht die gleichen wie 2 oder 3 Tage danach. Dauernd kommen neue Meldungen mit enormer normativer Kraft: so ist z.B. erst heute bekannt geworden, dass die Vertreter des Bundes im Aufsichtsrat der Bahn den Angaben zu den Ausstiegskosten nicht vertrauen und in Erwägung ziehen, deren tatsächliche Höhe extern prüfen zu lassen. Jetzt denkt mancher vielleicht: schön, ein weiterer Kritiker reiht sich ein, aber das verändert nicht die Grundstimmung des Volkes.
Wirklich nicht? Der Bund (O-Ton Focus) ist nicht einfach nur ein weiterer Kritiker. Er ist Projektpartner und das ist ein Novum. Zwar hat mit der grünen Landesregierung ebenfalls ein „Projektpartner“ erhebliche Zweifel an der Richtigkeit von S21, jedoch ist die ehemalige CDU-Regierung der eigentliche Projektpartner gewesen. Die Grünen wurden nicht zuletzt wegen ihrer ablehnenden Haltung S21 gegenüber in die Landesregierung gewählt. Es war also klar, dass sie die Kostenexplosion als weiteres Argument gegen S21 anführen werden. Der Bund, das ist jedoch ganz klar CDU / FDP und wenn selbst deren Vertreter im Aufsichtsrat der Bahn das Projekt in Frage stellen, wird das eine Wirkung auf die Bürger Deutschlands haben.
D.h.: der Bund selbst zweifelt S21 an und wenn sich das herumgesprochen hat (und wenn die Ergebnisse der externen Prüfung vorliegen!), wird kaum mehr eine Mehrheit für S21 zu gewinnen sein. Es gilt für die Emnid-Umfrage, die einen Tag nach Bekanntwerden des „internen Papiers“  durchgeführt worden ist, also keine Reliabilität.
Validität:
in dem Artikel wird davon gesprochen, dass das Projekt „an Zustimmung“ gewinne. Tatsächlich wurde aber gefragt, ob weitergebaut werden solle. Dies kann andere Gründe als Zustimmung zum Projekt haben – die verkehrspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Nicole Razavi sagt es ja selbst: offensichtlich haben die Leute Angst vor den Ausstiegskosten, die einseitig von der Bahn auf 2 Mrd. € beziffert werden. Dies wird im übrigen von den Staatssekretären im DB-Aufsichtsrat bezweifelt, weshalb, wie oben erwähnt, nun extern geprüft werden soll. Was wurde also gemessen? Die Zustimmung für S21? Die Angst der Menschen vor (in Zweifel gezogenen) Ausstiegskosten? Die Zustimmung der Baden-Württemberger oder der Bundesbürger (die ja auch noch ein Wörtchen mitzureden haben)?
Diese Umfrage ist höchst zweifelhaft und genügt keineswegs den Kriterien empirischer Sozialforschung. Man kann sie noch nicht einmal als Blitzumfrage bewerten, denn so etwas setzt einen entsprechend klar zu verstehenden Wissensstand voraus. So wäre ein Umfrage zur Atomkraft einen Tag nach dem Fukushima-Unglück durchaus ernsthaft zu bewerten, denn der Sachverhalt ist bereits nach einem Tag völlig klar. Bei der Causa Stuttgart 21 jedoch kommt jeden Tag etwas Neues ans Licht (so wie die o.g. Zweifel des Bundes an den von der Bahn bezifferten Ausstiegskosten, die Weigerung aller Projektpartner, Mehrkosten zu übernehmen, immer mehr prominenten Politikern, die öffentlich vom Glauben an S21 abfallen usw.) – das war am Dienstag, an dem die Umfrage durchgeführt worden ist, alles noch nicht publik.
So eine empiristische „Umfrage“ wirkt sich enorm auf die öffentliche Meinung aus und es ist nicht nur einfach schlecht gemacht, einen derartigen Hüftschuss als definiven Volkswillen hinzustellen, es ist grob fahrlässig, denn die Folgen einer erneuten Festlegung auf den Weiterbau dieses Milliardengrabes sind jetzt schon rein finanziell kaum zu stemmen. Mal ganz abgesehen von dem Unfrieden, den dieses Prestigeobjekt und seine politischen Antreiber im Volk gestiftet hat.

Nachtrag:

Bereits die Volksabstimmung wurde auf diese Weise, das hat sich jetzt anhand der neuen Zahlen zur Kostenexplosion gezeigt, manipuliert: bei einer Umfrage gaben damals ca 43 % der Befürworter die Ausstiegskosten von 1,5 Mrd € als Grund für ihr Abstimmungsverhalten an. Weiter gab die Bahn damals an, eine Fortführung des Projektes würde den Kostendeckel von 4,53 Mrd € nicht sprengen. Tja, wie wir wissen, ist das nicht richtig. Der Deckel wurde bereits jetzt, nach zweieinhalb Jahren Bauzeit, deutlich überschritten.

Das heisst: hätten die Bürger damals gewusst, dass die Ausstiegskosten niedriger sind als die Kostensteigerung bereits anderthalb Jahre nach der Volksabstimmung, hätten sie anders entschieden.

Nun ist alles hinüber: der Kostendeckel weit überschritten, 3 IC-Entgleisungen in wenigen Monaten aufgrund der Bauarbeiten im Rahmen von S21, in der Folge ist die Bahn nicht mehr in der Lage, den Fahrplan in den Griff zu kriegen, ja, es sind noch nicht einmal genügend Kapazitäten vorhanden, so etwas wie die Beinahe-Katastrophe des im Feuerbacher Bahnhof zu verhindern.

Und immer noch gibt es Menschen, die sich Angst machen lassen von der Ausstiegskostenlüge. Wie kann man sich so verarschen lassen? Das ist wie bei kleinen Erpressern in der Schule: gib mir Geld. Gib mir noch mehr Geld. Wenn Du mir nicht noch mehr Geld gibst, wird es dir schlecht ergehen. Und dann gib mir noch mehr Geld, sonst ergeht es dir noch schlechter usw. usw.

Was macht man mit solchen Leuten?

Zur Verantwortung ziehen. Anzeigen. Aber auf keinen Fall: weiterzahlen.

Entgleist

Seltsam. Vor 2 Jahren, am 30.09.2010 erfuhr ich bruchstückhaft und aus der Ferne (Wiesbaden) von den Vorgängen im mittleren Schloßgarten, von weinenden Kindern, von prügelnden Polizisten und einem ausgeschossene Auge.

Der Protest hat sich seitdem segmentiert, differenziert, radikalisiert, abgekühlt, alles gleichzeitig.
Er ist zu einer Bühne, einem Epos, einem Trauerspiel, einer Komödie, einer Farce geworden, alles gleichzeitig.
Er war das Ende der passiven Bürgerschaft, der CDU-Hegemonie in Baden-Württemberg, der Tabuisierung kritischer Fragen an Politik und Wirtschaft, er wurde zum Anfang einer neuen Bewegung, die selbst mit der Macht in Berührung gekommen ist – gleichzeitig.
Er war die gleichzeitige Bewegung vieler gegen die Konformität und gleichzeitig begannen viele darin, Normen zu bilden und sich konform zu verhalten sowie „normales“ und „deviantes“ Verhalten zu definieren – und beides gleichzeitig – das ging nun wirklich nicht.

„Den Protest“ – einen solchen als Einheit gibt es nicht mehr. Die wenigen hundert Leute, die nach wie vor Montagsdemos veranstalten, stehen schon alleine ihrer geringen Zahl wegen nicht für die >100000 Bürger, die sich am 1. Oktober 2010, also einen Tag nach dem „schwarzen Donnerstag“, im Schloßgarten versammelt hatten, um gegen das Vorgehen der schwarz-gelben Landesregierung zu protestieren. Es gingen nicht nur viele weitere Bewegungen aus dieser hervor, viele fanden durch sie erst eine Stimme bzw. ihre Stimme wurde erst hier gehört. Verschaffte sich der enttäuschte Wähler ein Jahr vorher noch bestenfalls mit den „Yeahhh“-Flashmobs auf Regierungsveranstaltungen auf satirische und zynische Weise Ausdruck, ging es hier bitterernst zur Sache. Was wiederum alle einte, die aus diesem (S21) oder einem anderen Grund unzufrieden waren mit der Politik. Man könnte auch sagen: war S21 ein Symbol für die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Politik, so war der 30. September die direkte, die konkrete Auseinandersetzung zwischen ihnen. Der 30. September – und damit meine ich nicht nur genau dieses Datum, sondern auch die Demo der Hunterttausend am Tag danach und letztlich auch den Punkt, an dem die öffentliche Wahrnehmung eine Kehrtwende machte . war ein Moment, und Momente vergehen.

Insofern war es eben doch nicht alles gleichzeitig, was passiert ist. Wir haben es gleichzeitig wahrgenommen. Es gab Momente, da waren ein paar wenige bei den Demos – ich kam „erst“ dazu, als es um die 1500 Leute waren. In Erinnerung aber bleibt der Moment, an dem 100000 gegen Mappus und Rech protestiert haben. Ablehnung und Stigmatisierung durch Politiker gab es auch schon vorher, aber die Prügel vom 30. September haben sich uns eher ins Hirn gebrannt als der Vorwurf des Vandalismus, als S21-Demonstranten die „Dialog“-Broschüre vor Drechslers Büro geworfen haben. Auch die unterschiedlichen Ansichten darüber, welche Aktionen noch OK sind und welche schon am Rande der Nötigung oder gar Gewalt, gab es bei den Parkschützern schon lange, nur wurde eben nicht über die Diskussionen, sondern die Durchführung der Verkehrsblockaden oder den Sturm auf den Bauzaun berichtet.

Ich hatte manchmal das Gefühl, daß die Leute ihr eigenes Image geglaubt haben. So als hätte es kein Vorher gegeben und als dürfte deshalb das Nachher auch nicht sein. Als der Teilnehmerschwund bei den Demos anfing, hieß es immer wieder „wir müssen dies oder jenes zu machen, um wieder so viele zu werden wie damals…“. Quatsch mit Soße. War der Protest unterhalb der Teilnehmerzahl vor der ersten bahnbrechenden Demo mit 16000 Leuten Ende Juli 2010 weniger wert? Teilnehmerzahlen haben nichts mit dem Inhalt, sondern mit der Wahrnehmung einer Sache zu tun, und diese Wahrnehmung hat mit jeder Montagsdemo abgenommen. Inflationäres Appellieren führt zu Taubheit, verstehen Sie?
Diesen Moment festzuhalten, war unmöglich und auch unnötig. Ich erinnere mich an den Tag, als Bahnchef Grube n der Liederhalle weilte, um ein Konzert zu hören (hieß es). Die Demomenge machte sich selbständig und ging vor die Liederhalle, skandierte und machte ihrem Unmut Luft. Ich selbst fühlte Wut in mir aufsteigen und fragte mich dann: auf wen bin ich eigentlich wütend? Auf einen Menschen, den ich nicht mal kenne? Und wenn es nicht um den Menschen, sondern den Chef eines Konzernes geht, warum greife ich dann den Konzern nicht an? Weil man einen Menschen leichter angreifen kann als einen abstrakten Konzern? Ich weiß, daß die Demonstrationen überwiegend friedlich waren – sonst wäre ich nicht hingegangen. Aber immer gab es auch Leute, die den Eindruck gemacht haben, als wollten sie die Sache eskalieren lassen, so, als sei der 30. September ein Glücksfall für den Protest gewesen, denn schließlich bedeutete er den Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung – bundesweit und sogar international. Glücklicherweise hatten die Eskalationswilligen keinen Erfolg, weil der Stuttgarter Protest gegen S21 überwiegend aus friedliebenden Menschen bestand.
Allerdings kamen dann andere Zeiten. Die Abwahl der CDU/FDP-Regierung in BaWü war gerade einmal per Hochrechnung festgestellt, da gingen diese wenigen unfriedlichen Leute den Bauzaun am Nordflügel einreißen. Selbst, von Hand und von Fuß, sozusagen. Es gab wohl ein paar Rangeleien und da sagte mir Floyd vom Fakeblog: „naja, weißt doch wie es ist: 99 % demonstrieren friedlich und wenn das eine Prozent was anderes tut, sind sofort die Kameras der Presse dabei und stellen es so dar, als seien alle S21-Gegner so“.
Kann sein, daß es so ist (wobei ich mich frage, wieso die 99 % in diesem Moment nicht in der Lage waren, dem einen Prozent einen Riegel vorzuschieben), aber das war nicht meine Kritik. Die bezog sich auf Matthias v. Hermann, der dann in der Lage war, ein offizielles Statement rauszuhauen, in dem er die Bauzaun-Einreiß-Aktion guthieß. Was an sich schlimm genug gewesen wäre, wenn nicht die Reaktionen innerhalb der Parkschützer teilweise befürwortend gewesen wären. Klartext: es gab Leute, die gut fanden, daß Matthias v. Hermann das mit dem Bauzaun gutfand. Und das fand ich nicht gut.
Ich kann die vielen ähnlichen Erlebnisse innerhalb dieses Protests nicht aufzählen, will ich auch gar nicht. Es geht mir auch nicht darum, jemanden davon zu überzeugen, daß der Protest gut oder schlecht gewesen sei, denn Material dazu ist zur Genüge vorhanden, um sich selbst ein Bild zu machen. Mir geht es nur darum, die Segmentierung und Differenzierung aufzuzeigen und zwar als einen normalen Vorgang, nicht als etwas fremdgesteuertes. Es ist nicht nur normal, es ist gut, daß der Protest einen Wandel und eine Auflösung erfahren hat. Ich bin immer noch gegen den Tiefbahnhof, aber ich werde nicht jahrelang mit Parkschützern diskutieren, ob Verkehrsblockaden sinnvoll sind oder nicht.
Ich halte Politik eh für eine vergebliche Versuchung, es sei denn, sie durchdringt einen durch und durch. Diese Authenzität nehme ich Leuten wie Putte bspw. ab, dessen Meinung ich nicht immer teile, dem ich aber abnehme, daß er sie mit seinem Inneren teilt. Sie lachen? Da kennen ich aber leider viele Leute, die das eine daherlabern und das andere meinen und wiederum was anderes praktizieren. Und sowas gab es haufenweise im Protest. Wiederum komisch: es ist vor allem das, was einzelne Menschen im persönlichen Kontakt getan und gesagt haben, das meine Identifikation mit dem Protest verringert hat. Pech gehabt? Mitnichten. Das ist kein Zufall: der Protest funktioniert so gut, weil er „aus hehren Zielen“ besteht und vereinfachend das gute Volk der bösen Politik gegenüberstellt. Natürlich. Alle anderen böse, wir gut. Funktioniert aber nicht für mich. Weil: lernt man die Leute privat kennen, will man die Hälfte auch schon wieder vergessen. Like für den Protest, Kommentar für die Menschen im Protest, um mal facebook-Sprache zu verwenden…

Jedenfalls jährt sich nun dieser Tag, der als Tiefpunkt den Höhepunkt des Protests gegen S21 in die Wege geleitet hat und trotz meiner Entfremdung zum Protest denke ich jedesmal, wenn ich den Umbau und vor allem die Antizipation des „tollen“ Ergebnisses, also das Bankenviertel und die Bücherei samt geplantem Schniegel-Viertel sehe: scheiße, wer kann so blöd sein, diesen Mist tatsächlich bauen zu wollen? In diesem Sinne: oben bleiben. Inzwischen vielleicht ohne Ausrufezeichen, aber nicht minder bestimmt.

Und ausgerechnet heute, wo ich, wie damals vor 2 Jahren (minus 1 Tag) aus Wiesbaden komme, passiert dann das:

Und noch eines:

Hier noch ein Video auf youtube von der Entgleisung (Dank an Antix).

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