Flüchtlingskatastrophe: helfen, egal warum (keine Bilder von toten Kindern)

Die Welt ist geschockt. Das Foto der an den Strand gespülten Leiche des 3-jährigen syrischen Jungen hat der anonymen humanitären Katastrophe ein Gesicht, einen Namen gegeben. Ich selbst habe ein paar Tage zuvor in meiner facebook-roll mehrere Fotos, ebenfalls von ertrunkenen Kindern gesehen. Wie das so ist, gefragt hat mich T.K. aus meiner Freundesliste nicht, ob ich es sehen will. Zwischen Cartoons, witzigen Anmerkungen zu alltäglichen und Event-Einladungen tauchten sie plötzlich auf und bevor mir überhaupt klar war, was ich da sehe, hatten mich die Bilder schon mit ihrer vollen Schockwirkung erfasst.

 

Ich war eigentlich immer sauer über fb-Freunde, die Schockbilder gepostet haben, sei es im Falle der Massentierhaltung, aber auch bei Nonsens wie z.B. Bild-PlugIns, die das Profilfoto ver-zombi-sieren. Facebook ist ein großes Boulevard-Magazin, an dem alle mitschreiben und ich habe viele der politisch ach so aktiven Sesselrevolutionäre gehasst für ihr verlogenes Treiben, das sich die denkbar ungeeignetste Plattform für die Weltrevolution gesucht hatte. Du fängst ja auch nicht mitten in einem Smalltalk an, Tod und Elend zu schildern. Aber facebook scheint für jeden etwas anderes zu sein und für manche ist es wohl ein mittel zur Revolution vom heimischen Monitor aus.

 

Diese Leute, da bin ich immer noch derselben Meinung, tun selten mehr als bequem auf ihrer Maus rumzuklicken und setzen um der Wirkung willen auch drastische Mittel ein: als ginge es darum, andere möglichst schnell und effektiv zum Auskotzen ihres Morgenkaffees zu bringen, ekelhafte Bilder postend, Tränen und Betroffenheit erwähnend.

 

Und nun hatte mich dieses Bild erreicht und die 2 Sekunden, die ich gebraucht habe, um es wegzurollen, waren zu lang. Das Bild hat sich mir eingebrannt, so wie der ganzen Welt. Die ist nun aufgerüttelt, das Bild ist Thema Nr. 1 in den Medien und natürlich schafft es die Blöd-Zeitung, das Niveau der Vermarktung auch hier noch zu senken. Als wären wir diesbezüglich nicht schon am Marianengraben angelangt. Nein, jetzt liefert dieses Mistblatt Nachschub, indem es über den Vater, die Familie berichtet. Alles natürlich aus hehren Zielen. Ich scheisse auf die Pressefreiheit und wische mir den Arsch mit dieser Zeitung ab.

 

Die Vermarktung des Leids bleibt der Community im Netz nicht unverborgen. Schnell wird diskutiert, inwiefern die Würde des kleinen Jungen verletzt wird, wenn man Fotos seiner Leiche ansieht oder gar verbreitet. Nicht wenige erheben sich über die Heulsusen, die so ergriffen dann doch nicht waren, als das es sie davon abgehalten hätte, möglichst theatralisch und nicht minder narzißtisch über ihre Betroffenheit zu reden, auf facy, damits auch jeder mitkriegt.

 

Und während all das passiert, bemerke ich: wir sind schon wieder nur mit uns selbst beschäftigt. Anstatt zu helfen, verbringt ein Teil unserer Gesellschaft seine Zeit damit, in Sensationsgier zu baden, der andere heuchelt Betroffenheit, ohne viel gegen dieses Elend zu tun und wieder ein anderer Teil verdammt eben diese Heuchler. Egal, auf welcher Seite man sich befindet, da geht es eigentlich nur um uns selbst.

 

Ich habe mich gefragt, wie scheissegal es einem Flüchtling ist, ob wir aus Mitleid, Selbstbeweihräucherung oder Kredibilität helfen, solange wir helfen. Wenn mit etwas Geld eine Unterkunft und Verpflegung für einen Flüchtling finanziert werden kann, ist es diesem letztlich scheissegal, ob der Spender es getan hat, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, seine Freunde auf facebook zu beeindrucken oder gar aus Versehen: Hauptsache, was zu essen und ein Dach über dem Kopf.

 

Ich war sauer auf T.K., dass er diese schrecklichen Bilder gepostet hat. Aber sie haben letztlich das Grauen nicht erzeugt. Sie haben es uns nur vor Augen geführt.

 

Und dennoch: ich ertrage es nicht und will es nicht sehen. Ich will mich aber auch nicht mit den Befindlichkeiten dieser Gesellschaft auseinandersetzen – also ob uns das Bild betroffen macht, ob es okay ist, wenn es das tut, ob es okay ist, das okay zu finden usw.

Stattdessen lege ich jedem ans Herz, etwas Geld zu spenden. Ich bin mir ziemlich sicher: das ist okay. Mag sein, dass es die historisch bedingten Probleme der 3. Welt nicht löst – jahrhundertelange Ausbeutung wird nicht mal eben so ausgeglichen.

Mag sein, dass wir damit nur unser Gewissen beruhigen wollen.

Mag sein, dass wir glauben, bessere Menschen dadurch zu werden, obwohl wir mit jedem billigen Produkt made in 3. Welt eben dieses Elend verursachen.

Mag sein, dass der eine oder andere davon erzählt oder es auf facebook postet.

Es ist egal. Hauptsache, wir tun etwas, weil es Leid vermindert.

Linksammlung Spenden für Flüchtlinge auf heute.de

Advertisements

Ratespiel und Tagesschau.de-Review

Ich hatte da so ne Idee: ich lese jeweils nur die Überschrift der Artikel und reime mir den Rest zusammen – das ist bei der Tagesschau angebracht. Ich habe es aufgegeben, fleißig Kommentare dort zu schreiben, in denen ich die Vorhersehbarkeit der Artikel kritisiere und stattdessen entschieden, etwas Spaß zu haben. Also: wenn jemand etwas findet, das der von mir implizit unterstellten Aussage der Artikel widerspricht, schreibe er / sie es rein und ich entschuldige mich bei der Tagesschau. Und los gehts.

Artikel: „Pleite-Kandidat will Europas Krise lösen
Soll eigentlich heißen: „wir verkaufen Öl, das Sie in Ihr anti-euopäisches Feuer gießen können. Wir wissen, daß es auch europafreundliche Menschen gibt, aber die sind in der Unterzahl und wir versuchen, den Stammtisch als Leserschaft zu gewinnen.“

Artikel: „Weltmächte fordern Übergangsregierung in Syrien

Soll eigentlich heißen: „Jetzt gehts dem nächsten Schurkenstaat an den Kragen. Soll die Weltöffentlichkeit glauben. Also die soll glauben, daß wir, die Staatengemeinschaft des aufgeklärten Westens uns – schweren Herzens und notgedrungenermaßen mit Gewalt – um die Gerechtigkeit in aller Welt kümmern. Das ist leider nur mit dem Schwert zu schaffen. Das Gerede über die Übergangsregierung soll klarmachen: es geht gar nicht mehr um die Frage, ob wir intervenieren, sondern nur noch darum, wie wir ein Szenario inszenieren können, das die Verbreitung von Coca-Cola auf der ganzen Welt sichert.“

Artikel: „Vage Versprechen statt konkreter Lösungen

Soll eigentlich heißen: „seht Ihr? Die Araber sind einfach zu blöd für die Demokratie, selbst, wenn sie demokratische Verfahren anwenden. So richtig demokratisch ist halt nur der Arier.“

Artikel: „Fremdes Mutterland

Soll eigentlich heißen: „Selbst die Kolonialherrschaft ist besser als die Zugehörigkeit zu China. Das weiß niemand besser als die Chinesen selbst. Eigentlich wollen die sich dem Mensch aus dem Westen unterordnen. Das ganze Blabla von wegen Volkssouveränität wischen wir mit dem Totschlagargument von der nicht vorhandenen Demokratie vom Tisch. Fremd ist China den Chinesen aus Hong Kong. Eigentlich sind sie alle Europäer. Und wollen es auch bleiben. Unter der britischen Knute.“

Artikel: „Islamisten zerstören heilige Grabstätten in Timbuktu

Soll eigentlich heißen: „Eigentlich lassen wir keine Möglichkeit aus, unsere Religionsgeschichte (Christentum, genauer: Katholizismus) in den Dreck zu ziehen, und die bösen frauen- und schwulenverachtenden Moslems mögen wir genau so wenig. Aber die Schändung der heiligen islamischen Grabstätten durch Islamisten (ist nämlich nicht das gleiche bzw. wir machen es zu etwas anderem – divide et impera) ist natürlich ein Verbrechen. Ähmm… wo war das Ganze noch gleich? Mali? Guut, guut, in Syrien gibts vielleicht doch bald so ne Art Frieden, und man muß sich ja neuen Aufgaben widmen.“

Artikel: „Mario Balotelli – Stürmer zwischen Genie und Wahnsinn

Soll eigentlich heißen: „Nee, diese EM hatte keinen Star. Sowas muß entweder durch tatsächliche Spielerqualität entstehen (kann man seit Jahren mit der Lupe suchen) oder der Hype muß Wochen vorher schon beginnen, auch durch die Presse (uns). Da wir es aber vorgezogen haben, über Mißstände zu berichten (verkauft sich besser), stehen wir nun vor dem Problem, keinen Star zu haben. Also bauen wir uns einen. Also Moment mal…ähm… wer ist denn noch dabei… Spanien? Die kennt schon jeder. Italien? So richtige Stars haben die auch nicht, aber Stop! – der Neger gibt doch nen guten Star ab. Ein bißchen verrückt ist er auch noch (bzw. wir etikettieren seine verbalen Ausrutscher als verrückt) und da bringen wir dann noch politisch korrekt unser Gesabbel vom Rassismus in italienischen Stadien unter und schon haben wir einen Artikel. Damit auch der fußballverstehende Intellektuelle was von der Tagesschau hat. Über die systematische Ausgrenzung von Migranten in Deutschland berichten wir nicht – da reicht unser regelmäßiger Artikel zu den OECD-Studien, die dies belegen. Ansonsten wird geschwiegen und über Rechtsextremisten gesprochen. Somit ist man selbst dann von der Schulddiskussion ausgenommen. Schuld, das ist der NSU und die italienischen Hooligans. Wir sind unschuldig, mehr noch: wir sind die Guten, denn wir prangern NSU und italienische Nazis an.“

Wetter: Regen.

Soll heißen: „Wetter: Regen“

Nachtrag:

Ich weiß, daß die Nachrichten privater Medien ebenfalls gekauft sind. Aber dieser Mix aus gekauftem und punktuell selbstgewähltem Nachrichtenprogramm ist noch schlimmer. Er ist heuchlerisch. Die tun so, als wären sie unabhängig, dabei haben sie genauso wie alle anderen ihre Linie, die von wirtschaftlichen Interessen geleitet wird. Es gibt eine gewisse Nachrichten-Käuferschicht, die will den ganzen Scheiß da oben lesen und zwar genau in dem pomadigen Stil, wie er vorliegt.

Das könnte mir ja eigentlich egal sein, wenn ich nicht GEZ-Zahler wäre. Mein Geld wird da verschwendet. Also, wenn mal ein „Schwarzseher“ (ist das eigentlich politisch korrekt von den ÖR, einer Farbe eine negative Eigenschaft zuzuschreiben?) in meiner Nachbarschaft ist: ich spendiere einen Drink.

tagesschau.de 05.10.2011 – das Review

Ach ja, die gute alte Tagesschau. War ihr Online-Ableger früher noch lediglich eine TV-begleitende Interne-Präsenz, bemüht man sich seit einiger Zeit darum, ein eigenständiges Profil zu erarbeiten. Diese Reihe soll in unregelmäßigen Abständen der Frage nachgehen, welches Profil genau das sein soll. Heute beginne ich mit dem ersten Review.

Der Aufhänger:

Griechen legen ihr land lahm. Seltsam. Die scheinen mir ganz schön agil zu sein. Die sollen also daran schuld sein, daß Griechendland pleite ist? Oder kann es sein, daß man den sonst so platten Vorwurf, die Politiker seien daran schuld, gelten lassen darf? Tatsache ist jedenfalls: wer immer die Pleite verursacht hat, den Sparkurs ordnen Politiker an, sparen muß das Volk.

Und wieder wird die Bonität eines Landes abgestuft:

Wie ist das eigentlich…? Wenn unter den Starken einer schwach ist, ist das ein Gefälle, klar. Aber so, wie gerade alle abgestuft werden, frage ich mich, ob es (außer China) überhaupt noch Staaten gibt, die als zahlungsfähig eingestuft werden… Wie wäre es, wenn wir einfach alle bankrott gehen und den gleichen schlechten Rang bekommen – pares inter pares sozusagen? In diesem Fall könnte ich die konstruktivistische Wirkung von Ratings durchaus akzeptieren…
Aber mal was anderes: alle werden abgestuft, und Italien nun auch. Das wäre ja eigentlich nicht so wichtig, wenn es da nicht den Berlusconi gäbe, auf dem Tilmann Kleinjung mal wieder rumhacken könnte. Nicht, daß ich Berlusconi-Fan wäre. Aber liebe Tagesschau, wir haben es ja inzwischen kapiert: er ist umstritten, Ihr mögt ihn nicht. Das ist zwar richtig, aber inzwischen keiner Meldung mehr wert. Ich stelle mir Eure Redaktionssitzungen inetwa so vor: „…ach so, man darf mal wieder auf Berlusconi hauen. Kommt immer gut. Wer möchte? Nein, Du durftest schon letztes mal. Heute ist Tilmann dran. Dafür darfst Du die nächste Papst-Dresche machen.“
Macht doch mal was Neues. „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ – das ist nicht von mir, sondern von einem Tagesthemen-Moderator aus einer Zeit, als die ARD noch Nachrichten und keine Hetze gemacht hat. Und nochmals: nein, ich habe für Berlusconi nichts übrig, aber die Tagesschau könnte ihren Mut ruhig mal hier in Deutschland zeigen, wo es ein paar Leute gibt, die mindestens genauso fragwürdig sind, die aber keiner öffentlich angreift, weil deren Stuhl nicht wackelt und man über die nicht hinter vorgehaltener Hand reden darf. Mutig ist das jedenfalls nicht, was die Tagesschau da macht. Jeder Depp hier weiß, das Berlusconi ein Depp ist.

FDP, China, Rußland, Waffenlieferungen:

Es folgen ein überflüssiger Bericht über Interna aus der FDP-Basis (das ist die Partei, die man nur kennt, wenn sie gewählt wird – inhaltlich haben die nichts außer Liberalismus zu bieten) und Hintergründe zum Veto der Chinesen und Russen gegen eine UN-Resolution, die Sanktionen gegen Syrien vorsieht. Dabei wird süffisant darauf hingewiesen, daß sowohl China als auch Russland Waffen- und Ölhandel mit Syrien betreiben. Wie schön, daß Deutschland ja niemals mit „Schurkenstaaten“ Waffenhandel betreiben würde…


Käpt´n: iPhone 5 – Nachricht – keine iPhone 5 – Nachrichten zu sehen!

Eine Nothandlung bei Nachrichtenmangel: keine Nachrichten als Nachrichten verkaufen. Heute: es gibt kein iPhone 5, jedenfalls im Moment noch nicht. Zwar war der Hype darum recht groß – so landeten gestern gleich zwei Blogs, die minutiös von der Produktvorstellung berichteten, bloggten und twitterten bei den angesagten 6, aber das sind nunmal Apple-Fans und Konsumenten, die selbst entscheiden dürfen, ob sie einen Hype mitmachen (oder nicht) und dann auch über ihre Enttäuschung schreiben dürfen (oder nicht), und die Leser bei WordPress dürfen ebenso selbst entscheiden, ob sie das alles verfolgen (oder nicht).
Aber darf das ein öffentlich-rechtliches Medium? Natürlich ist die Vorstellung eines lange erstehnten Produktes eine Wirtschaftsnachricht und somit von Belang für die Öffentlichkeit. Aber ist die Nicht-Vorstellung desselben Produktes, also die Enttarnung eines Hypes als heiße Luft von Belang für die Öffentlichkeit? Heizt Jan Tussings Artikel bei der Tagesschau den Hype nicht noch mehr an? Kann man nicht sagen: kein iPhone 5, keine Nachricht? Ich würde sagen, da kann sich die Öffentlichkeit schon selbst im Netz ausheulen und dort passen Konsumbefindlichkeite auch hin und wirken weniger peinlich als bei der Tagesschau.
Und wenn jetzt jemand denkt, da ginge es nicht um Konsum, dem sei auf den Artikel daneben hingewiesen: „Das Telefon: Der einfachste Zugang zur digitalen Welt„. Nein, das ist kein Werbeflyer vom Media-Markt, sondern will zunächst wie eine Art Analyse der technischen Möglichkeiten von Smartphones sein. In Wirklichkeit ist es aber bestenfalls eine Marktanalyse und auch der im Video befragte Armin Rott von der Hamburg Media School spricht eher über Marktmechanismen denn über Medien. Dieselben Gesetze gelten genauso für Autos oder Waschmittel: man muß den Käufern immer was Neues bieten, sonst gibt es keinen Kaufanreiz.
Nun gut, der Artikel von Svea Eckert ist an sich nicht schlecht, aber die Überschrift führt in die Irre und die Motivation wird angesichts der Positionierung (direkt neben der Nicht-Nachricht bzgl. des iPhone 5) doch recht deutlich:

Abschließend folgen noch nichtige Artikel zum Nobelpreis für Physik, Vaclav Havels 75. Geburtstag und einer Retroperspektive zu Gerhard Richters Werk.

Utoya – fast schon wieder vergessen…

Einzig herauszuheben ist der Artikel Claudia Buckmeiers (Buckenmaier? Zweierlei Angaben im Artikel) über die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Marcel Geffe, den Mann, der beim rechtsterroristischen Angriff von Utoya 20 Menschen das Leben gerettet hat. Die Meldung selbst ist – so löblich Geffes Einsatz auch ist – nicht mehr als guter Boulevard, aber die Anmerkung zur „Rückeroberung“ der Insel ist wichtig. Hier geht es um die Aussage, daß Terror mitnichten in der Lage ist, Interessen durchzusetzen. Weiter ist die Meldung angesichts der nach wie vor vorhandenen braunen Gefahr an sich wichtig.

Alles in allem eine höchstens mittelmäßige Tagesschau. Gut, die Ereignisse kann man nicht herzaubern, aber muß man es dann bei den Nachrichten tun? Meine Wertung: 53%, oder um es mit Moody´s zu sagen: Ba3 😉

und überhaupt… alltägliche Standpunkte zu bin Ladens Tod. UPDATE!!!

Zunächst einmal der offizielle Jargon der Online-Ausgabe der Tagesschau:

Der meistgesuchte Mann der Welt ist tot
Luxusvilla verriet Bin Laden
Eine „unmissverständliche Nachricht“ Amerikas
Anschläge, die die Welt veränderten
Tod Bin Ladens lässt Kurse steigen
Unruhen in Tripolis – Kämpfe in Misrata
Hunderte Syrer fliehen in die Türkei

Dann kommt der Verschwörungstheoretiker und sagt folgendes:

Der meistgesuchte Mann der Welt ist tot – und überhaupt… ist das jetzt wahr, oder soll die Öffentlichkeit glauben, daß die USA einen Erfolg im Kampf gegen den Terror erzielt haben? Und hätte man bin Laden nicht lebend schnappen können oder hatte man Angst davor, daß er als ehemaliger Günstling der CIA plaudert?
Luxusvilla verriet Bin Laden – und überhaupt… wenn der sich verstecken will, wieso baut dann in einem Haus, das viel größer und auffälliger ist, als die anderen in der Umgebung? Und warum verhält der sich so komisch und verbrennt seinen Müll, damit auch jeder sieht, daß das irgendwas anders läuft?
Eine „unmissverständliche Nachricht“ Amerikas – und überhaupt… warum ruft Osama gleich mal George W. Bush an? Wenn gerade die Unterschiedlichkeit in den Auffassungen bzgl. der Bekämpfung des Terrors durch kriegerische Mittel ausschlaggebend für den Regierungswechsel gewesen sein soll, wozu dann doch Gewalt? Wozu dann der Anruf bei Bush? Stecken doch alle unter einer Decke!
Anschläge, die die Welt veränderten – und überhaupt… jetzt schon wieder die Emotionalisierung zu 9/11, dem Paradebeispiel einer Verschwörung zum Zwecke der Anzettelung eines Krieges…
Tod Bin Ladens lässt Kurse steigen – und überhaupt: da sieht man es ja ganz deutlich, der Krieg gegen den Terror dient der Börse, sonst nichts.
Unruhen in Tripolis – Kämpfe in Misrata – und überhaupt… die Aktion, bei der ein Sohn Gaddafis und 3 seiner Enkel getötet worden sind, soll ja hiermit gerechtfertigt werden. Nach dem Motto: zur Erringung dieses schweren Ziels muß man eben auch über Kinderleichen gehen.
Hunderte Syrer fliehen in die Türkei – und überhaupt… da wird die Öffentlichkeit schon auf die nächste Intervention vorbereitet.

Dann kommt der Moslem und sagt:

Der meistgesuchte Mann der Welt ist tot – ich suche vielmehr nach den Männern, die dafür verantwortlich sind, daß unsere Vorfahren bereits kolonialisiert und somit ausgebeutet wurden. Man sagt, diese Verbrecher sind toter als bin Laden, schon lange, und deshalb könne ich suchen, solange ich wolle. Unrecht sei die jahrhundertelange Unterdrückung und Versklavung schon gewesen, aber die heute lebenden Nachfahren seien 1. nicht dafür verantwortlich und 2. hätten sie genügend für den Ausgleich getan. Weiter hätten 3. gerade Länder wie Indien ohne die englische Kolonialisierung vermutlich nie den Segen der Demokratie zu spüren bekommen. Ich suche trotzdem immer noch nach den Männern, die Indhira Ghandi auf dem Gewissen haben. Oder nach den Männern, die auf Seiten der UdSSR Afghanistan jahrelang zerstört haben. Die Welt mag bin Laden gesucht haben – ich nicht.
Luxusvilla verriet Bin Laden – ich habe Bin Laden nie unterstützt, habe den Terror immer abgelehnt. Ich habe höchst demokratische Überzeugungen, aber ich weiß auch, daß man selbst als Universalist nicht wie ein Elefant im Porzellan-Laden daherstampfen kann und unsere gesamte Geschichte, unsere gesamte Kultur, ja, unsere Religion, also das, woran wir im Innersten glauben, nach westlichen Maßstäben be- und verurteilen sollte. Irgendeinen Grund muß es doch haben, daß verzweifelte Menschen in arabischen Ländern Terroristen wie bin Laden auf den Leim gehen und ihm dabei helfen, sich jahrelang in einer Villa zu verstecken. Vielleicht sollte man die Verzweiflung dieser Menschen bekämpfen und nicht bin Laden? Denn wenn er tot ist und die Verzweilfung weiterlebt, wird es einen neuen bin Laden geben.
Eine „unmissverständliche Nachricht“ Amerikas – wir erhalten lange schon Nachrichten aus den USA, und es wäre schön, wenn wir auch mal Nachrichten in die USA schicken könnten, bzw. daß unsere Nachrichten dort auch wahrgenommen werden. Dies scheint nicht der Fall zu sein, und manche Menschen sehen sich deshalb gezwungen, ihre Nachricht als Selbstmord-Attentat zu verpacken. Nein, darauf muß man nicht verständnisvoll reagieren und der Westen darf sich nicht erpressen lassen. Aber es gibt Millionen friedlicher Moslems, die dasselbe, nur gewaltfrei sagen: wer gibt Euch das Recht, uns zu beurteilen? Wer gibt Euch das Recht, ganze Völker mit Krieg zu überziehen, weil Einzeltäter verheerenden Terror ausüben?
Anschläge, die die Welt veränderten – wir haben damals mitgelitten, genauso wie Ihr!
Tod Bin Ladens lässt Kurse steigen – na, dann freut Euch und laßt Euch sagen, daß Geld allein nicht glücklich macht. Ein Bösewicht ist tot und doch ist das kein Grund zum Jubel. Selbst, wenn man diese gewalttätige Lösung für richtig hält, gibt es doch gerade für Universalisten einen Rest an Menschenwürde, die auch bin Laden verdient hat. Da darf man sogar als verfassungskonformer US-Amerikaner für die Todesstrafe plädieren, aber nirgends in dieser Verfassung ist Jubel legitimiert, auch bei einem Mörder nicht.
Unruhen in Tripolis – Kämpfe in Misrata – diese Menschen wollen Demokratie, aber sie sind nicht die Genese einer neuen Demokratie aus dem Reagenzglas des westlichen Politiklabors. Sie schaffen selbst, was morgen stehen wird und sie riskieren ihr eigenes Leben dafür. Es scheint im Westen Menschen zu geben, die sich für Revolutionäre halten, weil sie hier im Trockenen sitzen und in Medien wie dem Internet Nachrichtenmeldungen nachplappern und kommentieren. Das können sie gerne tun, aber die Revolutionen in der arabischen Welt brauchen diese West-Medien nicht. Die West-Medien sind die einzigen, die die West-Medien brauchen.
Hunderte Syrer fliehen in die Türkei – ein Vorgeschmack auf das, was folgen könnte, wenn die Region weiter destabilisiert wird. Diese Region braucht Demokratie, aber auch Frieden. Wenn es diesen nicht gibt, brennt mehr als nur Gaddafis Hauptquartier. Feuer haben die unangenehme Eigenschaft, überzugreifen, und sie machen vor Grenzen nicht halt, und schon gar nicht vor westlichen. Allein der Flüchtlingsstrom wird die EU in ärgste Bedrängnis bringen. Als Universalist kann man einen Menschen von der Türe nicht abweisen, wenn man Asyl als Recht begründet. Was wird Italien als idealer Anlegeplatz für Nordafrika tun, wenn der Sturm losbricht?

was sagt der Linke?

Der meistgesuchte Mann der Welt ist tot – ich bin gegen Terror, aber schuld sind nur die USA. Ich wasche meine Hände in Unschuld.
Luxusvilla verriet Bin Laden – ich bin zwar gegen die Interventionen der USA in souveräne Staaten, aber natürlich unterstütze ich – allein schon aus Gründen des Feminismus! – genausowenig die streng patriarchalische und hierarchische Herrschaftsstruktur der Mullahs und Mudschaheddin. Also eigentlich beschränkt sich mein Handelnd aufs Nicht-Gut-Finden von sowohl der Paschas als auch der USA (die ja eigentlich auch von so ner Art Paschas regiert werden). Daß die Sowjetunion damals den Krieg als erste nach Afghanistan gebracht hat, ist als spätstalinistische Folge zu bewerten und sagt nichts über die Überlegenheit des Kommunismus aus.
Eine „unmissverständliche Nachricht“ Amerikas – ja, hier wird deutlich: dies ist ein Krieg der USA. Nebenbemerkung: „Amerika“, das ist auch Ecuador, das ist auch Bolivien, das ist auch Kuba.
Anschläge, die die Welt veränderten – ich vertrete die Meinung der Verschwörungstheoretiker, nur, daß ich es nicht als Verschwörung, sondern als Expansionspolitik bezeichne.
Tod Bin Ladens lässt Kurse steigen – ich bin für Planwirtschaft. Da wird so etwas einfach verboten!
Unruhen in Tripolis – Kämpfe in Misrata – Solidarität mit unseren Brüdern in Arabien!
Hunderte Syrer fliehen in die Türkei – Solidarität mit der Türkei, die unsere Brüder aus Arabien aufnimmt und die Rechnung zahlt!

Das sagt der Konservative:

Der meistgesuchte Mann der Welt ist tot – recht so. Wer nicht anständig Deutsch spricht, kann nur Terrorist werden!
Luxusvilla verriet Bin Laden – möcht mal wissen, wie er die bezahlt hat. Da bin ich ganz Sozialist: Tod dem Kapital.
Eine „unmissverständliche Nachricht“ Amerikas – wer sich mit uns anlegt, ist dran. Spätestens 9 Jahre danach. Jetzt wird alles gut. Wir sind grundsätzlich für friedliche Lösungen, aber wenn es nicht anders geht, muß Gewalt die Lösung sein.
Anschläge, die die Welt veränderten – da sind sie wieder, die Bilder. Diese schrecklichen, schrecklichen Bilder. Da werde ich ganz emotional. Da kommen mir die Tränen. Die armen Menschen. Und diese miesen Terroristen-Schweine. Ja, Schweine sind das, keine Menschen. Die gehören alle getötet. Und bin Laden hats jetzt endlich erwischt. Das tut gut. Das tut so gut. Sooo gut. Jetzt haben die Angehörigen der Opfer endlich Frieden. Jetzt können sie beruhigter schlafen gehen, den die Missetaten dieser perversen Schweine sind gesühnt. Gesühnt. Schweine. Missetaten. Gesühnt.
Tod Bin Ladens lässt Kurse steigen – schön, wenn das auch noch einen positiven Nebeneffekt hat!
Unruhen in Tripolis – Kämpfe in Misrata – man muß sich schon mal vorbereiten auf weitere Aktionen. Es ist unsere Pflicht als Christen und Demokraten, hier einzugreifen.
Hunderte Syrer fliehen in die Türkei – gaaanz wichtig: Grenzen dicht machen! Nur keinen reinlassen von denen. Nicht, daß wir gegen die Demokratisierung der arabischen Welt sind, aber das müssen die schon alleine schaffen. Unsere Hilfe beschränkt sich auf Interventionen. Was sollen wir auch sonst tun? Geld geben? Wir haben selbst immer weniger!

Jaaa, was sage eigentlich ich dazu?

Ich sage erstmal garnichts. Irgendwie erinnert mich das an den Tag, an dem ich aufgewacht bin und erfahren habe, daß Michael Jackson tot ist. Stand auch ganz oben, bei tagesschau.de.

UPDATE:

Heute morgen noch hieß es, die Streitkräfte seien in Besitz der Leiche. Davon zeugen diese Kommentare bei tagesschau.de. Und jetzt ist die Leiche mal eben schnell ins Meer geschmissen worden? Das ist ja wohl eine Ente, oder? Ich bin ja echt kein Verschwörungstheoretiker, aber welchen Sinn hatte denn diese Aktion???

%d Bloggern gefällt das: