Baldurs Gate, Tolkien, Dune, Eskapismus, Remakes

Herr Braybrook, seit Ende November 2012 kann man Baldurs Gate (im folgenden „BG“) in einer Enhanced (im folgende BGE) Version bei Overhaul Games runterladen. Das Spiel kam 1998 auf den Markt und belebte das totgeglaubte Rollenspiel-Genre wieder. Der Erfolg war so immens (2 Mio verkaufte Einheiten allein vom 2. Teil der Reihe), dass eine ständig präsente Fangemeinde Mods erstellt und Foren betrieben hat, in denen immer wieder die Frage nach einer Fortsetzung der Reihe aufgetaucht ist. Nun soll durch die Enhanced Version Geld für die Finanzierung einer Fortsetzung der Reihe aufgetrieben werden. Sie als bekennender BG-Fan müßten sich das Spiel doch eigentlich sofort runtergeladen haben, oder nicht?

Nein, denn ich habe es ja bereits.

Aber was, wenn Overhaul Games nicht genügend Geld für eine Fortsetzung sammelt?

Also der Grund, eine Fortsetzung von BG zu machen, sollte Begeisterung sein und nicht die Frage, ob es sich lohnt. Wenn die das nur von dem eingenommenen Geld abhängig machen, ist das nicht mein Problem. Schlimmer noch: wenn die das nur vom der Finanzierung abhängig machen, vermute ich ein schlechteres BG 3 als wir es früher einmal mit BG 1, 2 und ToB-Erweiterung hatten.

Was ist mit der Beseitigung von Bugs? 400 sollen in der Enhanced gefixt worden sein.

Und neue sind dazu gekommen. Aber ich will da jetzt gar nicht so sehr auf der Enhanced rumhacken. Inzwischen ist ein Patch von Overhaul raus, und ich denke, wenn der oder weitere dazu führen, dass man BGE vernünftig spielen kann, werde ich einen Kauf in Erwägung ziehen. Allerdings spricht da dagegen, dass ich die Zeit dafür gar nicht habe, stundenlang in der Gegend umherzurennen und die Welt zu retten, selbst, wenns gut gemacht ist.

Na gut, zunächst einmal zu der Frage, was das Besondere an Baldurs Gate war.

Für mich persönlich ist das herausstechende Merkmal die Umsetzung der AD&D-Regeln. Dabei hatte ich zu Beginn meiner BG-Zeit keinen  blassen Dunst davon, was das überhaupt ist. Und das ist die zweite große Stärke dieses Spiels: der Einstieg war mitnichten kompliziert, ich braucht die AD&D-Regeln überhaupt nicht zu kennen, obwohl das Regelwerk natürlich seine Auswirkungen hatte. Ich bastelte mir irgendwie einen mittelmäßigen Charakter zusammen und legte los. Aber der Levelaufstieg, die Klassen, die Party, die Größe der Welt, das Non-lineare, ein gewisser Realismus – das hat mich erstmal bei der Stange gehalten, bis ich so langsam, Stück für Stück, hinter die Kulissen geschaut habe und beobachtet habe, wie sich mein Charakterentsprechend der Werte verändert. Wenn ich andere Ausrüstung oder einen neuen Level hatte, hatte das eindeutige Auswirkungen auf das Spiel. Und dann habe ich gemerkt, daß ich mir mehr Mühe hätte geben sollen beim der Charaktererstellung.

Hatte BG da versagt?

Im Gegenteil: genau so muß es sein: man startet es ganz gerne ein zweites und drittes mal und ich kenne nicht wenige Leute, die das weit öfter gespielt haben. Was meinen Sie aber, wie oft ich meine Entscheidungen bei der Charaktererstellung und beim Levelaufstieg bei Skyrim bereut habe? Und trotzdem habe ich es niemals neu begonnen. Das ist ja die pure Arbeit, den ganzen Mist nochmal zu spielen und alles neu zu „erforschen“. Die Halbwertszeit bei neuen Spielen mit „epischer Breite“ ist extrem gering, obwohl sie sogar BG an schierer Größe übertreffen. Wie kommt das?

Das Non-lineare, der , wie Sie sagen, „gewisse Realismus“ bei BG – ist es nicht genau das, was Sie bei Skyrim bemängeln?

Nein, denn bei Skyrim sehen beispielsweise alle Dungeons irgendwie gleich aus, genauso wie die Festungen. Bei BG war das nicht der Fall, obwohl es ja in keiner Weise mit dem Gigantismus Skyrims mithalten kann. Anders gesagt: bei BG auf Abwege zu gehen, machte so viel Spaß wie die Hauptquest und es verbesserte den Level. Bei Skyrim nervt es einfach nur. Was den Realismus angeht, hatte der seine Grenzen und das war gut so. Um genau zu sein, beschränkte er sich auf die AD&D-Regeln und da gehört er auch hin: in den Hintergrund. Ich kann diese AD&D-Regeln jetzt nicht en détail erklären, aber sie machen wirklich Sinn. Das liegt einfach daran, daß man aus 20 Jahren Regelwerk schöpfen konnte. Skyrim kann natürlich nichts dafür, daß es gerade mal halb so alt ist und auch nicht von derartig vielen Köpfen (weiter-)entwickelt worden ist. Aber mich als Konsumenten braucht das nicht zu interessieren. Skyrim spielt sich schlechter als BG, Punkt. Die Talententwicklung bei Skyrim ist ja gar nicht so schlecht in bezug auf ihre Ideen. Aber das Kauen eines Kaugummis ist manchmal spannender als der mühsame Aufstieg von Stufe zu Stufe, von Talent zu Talent und das alles hat noch nicht einmal direkte Auswirkungen auf meinen Charakter. Um gerade mal 100 Pfund mehr tragen zu können, muß ich mich auf Stufe 50 beim Taschendiebstahl (!) hochleveln. Das nervt. Bei BG gab es zwar auch begrenzt Inventarplätze und Traglast, aber mit den anderen Partymitgliedern ging das schon und ich mußte nicht stehlen, um mehr tragen zu können. Dieser Sinn hat sich mir bisher noch nicht erschlossen, aber ich werde darauf verzichten, es herauszubekommen.

Was ist mit dem Gigantismus? BG 2 soll 200 Stunden Spielzeit geboten haben. Sie sagten in bezug auf Skyrim, dass das vom Mangel an Ideen ablenken sollte. Umherirren, um möglichst lange nicht ans jähe Ende des Spiels zu kommen – war das auch bei BG so?

Nein. BG war ein wenig wie Tolkiens Herr der Ringe: da hatte sich jemand Zeit für die Details gelassen. Rollenspiele haben ja an sich das Problem des Eskapismus. Dieser steht nicht nur für Realitätsflucht, sondern auch für einen Mangel an narrativer Stringenz. Das war bei Tolkien nicht ganz so. Erstens hatte er mit der Idee des Meisterrings ein gutes literarisches Motiv gefunden, das Möglichkeiten der Übertragung in die Philosophie bot und das Tolkien auch entsprechend gut variieren konnte. Zweitens war der echt so verrückt, sich 14 Jahre Zeit zu lassen, um diese ganze Fantasy-Welt auszuformulieren. Was sonst die Fantasy so entlarvt, sind ja die irgendwie zusammengewürfelt klingenden Namen, die Ungereimtheiten in angeblicher Historie der Fantasiewelt, die Puppenhaftigkeit der Akteure usw. Man merkt, dass da unter Zeitdruck etwas entstehen muss, weil sonst kein Geld reinkommt.

Nicht so bei Tolkien. Der Freak hat sich nicht nur Namen einfallen lassen, sondern diese in eigens erfundene Sprachen eingebettet, sogar eine Grammatik dafür ausgearbeitet – was er als Sprachwissenschaftler ja auch konnte. Er hat Stammbäume und Fehden zwischen Völkern erfunden und Landschaften ausgemalt. Und vor allem: er schien dabei mächtig Spaß gehabt zu haben. Diese Detailverliebtheit macht den Herrn der Ringe deshalb auch zu einem Lesevergnügen. Dabei stehe ich überhaupt nicht so sehr auf erfundene Welten, aber dem Tolkien nimmt man den ganzen Zinnober ab – nicht zuletzt, weil der rote Faden mit Frodos Auftrag alles zusammen hält.

Bei BG nun war das zwar nicht auf dem Niveau Tolkiens, aber doch besser als bei anderen Rollenspielen. Was aber neben der Story das wichtigste ist: das Spielen hat Spaß gemacht. Die genannten 200 Stunden brauchte man nicht zu spielen, aber selbst, wenn man es getan hat, hatte man nie das Gefühl, in einer dahingeschluderten Nebenquest zu stecken. Das Balancing ist da ja oft ein guter Indikator – plötzlich, irgendwo am Arsch der Fantasy-Welt, steht man bei einem schlechten Spiel vor einem unbesiegbaren Gegner, der den Obermotz des gesamten Spiels in den Schatten stellt, obwohl seine Schergen noch umgepustet werden konnten – sowas gabs bei BG nicht.

Das alles wurde noch abgefedert durch das stringente Regelwerk. Wenn man die 20 Jahre Entwicklung von AD&D als Grundlage für das Regelwerk von BG betrachtet, wundert es einen nicht, dass man sich immer „fair“ behandelt vorkam (auch, wenn das Spiel teilweise ganz schön hart zu knacken war).

Wie sieht es aus mit dem Buch „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert? Riesige Würmer, die die Spice-Droge bewachen, Gildenavigatoren, die im Rausch durch das Weltall jagen, rituelle Bestattungen des Fremenvolkes – ist das Eskapismus?

Ich kennen nur dieses Buch, nicht die Ableger und Fortsetzungen. Frank Herbert hat hier eine gute Idee gehabt und die Fantasy dazu benutzt, diese Idee zu transportieren. Im Zentrum steht die messianische Heilsbotschaft und sie hält alles andere zusammen – die Intrigen und Machtspiele zwischen den Fürstenhäusern, die persönliche Geschichte und den ganzen Science-Fiction-Schnickschnack. Das mit den Drogen ist auch etwas Spezielles in diesem Roman. Man hat insgesamt überhaupt nicht den Eindruck von Eskapismus, im Gegenteil: Herbert scheint eigentlich nur diese Welt beschreiben zu wollen, und weil das so brisant ist mit den Interessenverbänden und den Herrschern, gehts da eben um die MAFEA und den Imperator und nicht die OPEC und des Präsidenten der USA. Aber es ist gut gemacht, darauf kommt es an.

Da lasse ich mich gerne in eine andere Welt entführen, denn das ist alles andere als Eskapismus.

War BG Eskapismus?

Ich gebe zu, dass mich bei Baldurs Gate die Geschichte eigentlich herzlich wenig interessiert hat. Es war wirklich das AD&D-Regelwerk, welches mich fansziniert hat und ich fürchte, dass aufgrund der AD&D-Lizenz-Situation eine Fortsetzung der Reihe mit dem Regelwerk nicht machbar sein und somit für mich uninteressant wird. Ob das Spiel nun in 3D oder 2D ist, halte ich für weniger wichtig. Gleiches gilt für die Frage, ob man die Story weiterführt (sie war nach ToB ja eigentlich abgeschlossen), ein Prequel basierend auf der Story macht, oder eine gänzlich neue Geshcichte erzählt. Was BG zum Hit gemacht hat, waren die AD&D-Regeln und ich fürchte, das kann man wohl abschreiben.

Das ist aber auch egal. Computerspiele sind nicht alles und die alten Hits wiederzubeleben, ist doch eigentlich Käse. Ich bin dankbar für Emulatoren, um die eine oder andere 8-Bit-Perle zwischendurch zu zocken, aber spontan fällt mir kein sinnvolles Remake von Computerspielen ein.

Hört, hört.

Ich setze noch einen drauf: ich kenne auch kein Film-Remake, das Sinn macht. King Kong von Peter Jackson? …ach Herrjeh. Godzilla von Emmerich? Der Name steht für Hollywood-Schund übelster Sorte. Und auch Dune wurde Ende der Neunziger / Anfang der Nuller Jahre nochmals neu verfilmt – er wurde verrissen, zurecht.

Nein, man soll sich an Meilensteinen erfreuen, aber möglichst die Finger von Neuauflagen lassen. Das geht schief.

Sie haben Skyrim förmlich in der Luft zerrissen. Fassen Sie Ihre Kritik in ein oder zwei Sätzen zusammen.

Skyrim ist das Beste, was man von der Mainstream-Industrie bekommen kann, wenn man bestimmte Fragen nicht stellt.

Nanu? Das überrascht mich jetzt doch.

Nein, nein, ich meine das ernst: es kann ja nichts dafür, daß der Computerspiele-Markt so ist, wie er nunmal ist. Dieses endlose Leveln in gigantischen Welten – die Leute stehen nun mal darauf, sie kaufen es wie blöde. Meine Kritik an Skyrim ist also eigentlich eine Kritik an dem niedrigen Anspruch der Konsumenten. Je gigantischer die Welten werden, in denen diese Spiele verortet sind, desto deutlicher wird die Beschränkung auf vier oder fünf Tätigkeiten, denen man stundenlang nachgeht. Mir fällt das auf, ich stelle da Fragen nach Alternativen. Weil ich das Genre nicht aufgeben möchte, so wie es viele andere tun. Die spielen einfach was anderes und sind glücklich, denn wenn ein Genre inhaltlich stirbt, bleiben die Zombies dabei und der neugierige Teil der User wendet sich etwas anderem zu.

Und das wäre?

Wie gesagt, ich halte Konsolen für die eigentlichen Spielemaschinen. Das Keyboard ist eigentlich die wahre Mauer zwischen Spieler und PC. Das Keyboard hat in den 4 Buchstaben, W, A, S, und D eine Bühne für die apokalyptischen Reiter bereitet.

Das Keyboard ist der Teufel.

So ist es. Das Keyboard steht mit der Symbolisierung von Sprache in Form von Graphemen sowieso schon für die indirekte Kommunikation. Wie soll so ein Gerät, so ein Symbolsystem ausgerechnet so etwas Lebensbejahendes, Direktes und Kindliches wie Spiel ermöglichen? Wenn Sie sich Kinder anschauen: die spielen ganz von alleine.

Aber sie sind auch begierig, zu lernen. Das Keyboard steht für Kultur und Sie vertreten ja immer die Meinung, dass der Mensch in der Lage ist, das archaische zu kultivieren, weil daraus eine bessere Welt erschaffen werden kann.

Ja schon, aber im Spiel dürfen wir auf eine kultivierte Art archaisch – man könnte auch sage: primitiv – sein. Im Spiel ist Wettbewerb OK, im Spiel ist töten OK.

Töten ist OK?

Wenn man das so sagt, klingt es natürlich hart, aber die ganzen Cowboy-Indianer-Spiele früher waren doch auch nichts anderes. Zu klären wäre da vielleicht noch die Frage, ob es OK ist, wenn Erwachsene das ebenfalls noch tun, z.B. in Ego-Shootern. Das sind aber Fragen nach dem Spielinhalt. Wir waren zunächst mal von der Steuerung ausgegangen, und die sollte so natürlich wie möglich sein.

So wie bei der Nintento Wii?

Genau, nur dass man mit der Zeit gemerkt hat, dass die Leute nicht ausschließlich „echte“ Bewegungen vollführen wollen. Viele haben sich mit der Zeit die „klassische“ Steuerung á la Joypad gewünscht. Aber das ist ja auch möglich.

Das mit dem Archaischen, dem Teufel im Keyboard und der Wii müssen wir noch ausführlicher besprechen. Jetzt gehe ich erst mal Skyrim zocken. Sie können ja den Emulator anschmeissen.

Hm…. nein. Obwohl… eine Runde Boulder Dash werde ich vielleicht doch noch mal spielen.

Na dann: viel Spaß!

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Der Hobbit: Herr der Ringe Teil 0

Herr Braybrook, Sie haben sich den Film „Der Hobbit“ angeschaut. Wie fanden Sie ihn?

Es war ein durchwachsenes Erlebnis.

Erläutern Sie.

„Der Hobbit“ gilt zwar allgemeinhin als die Vorgeschichte zum „Herrn der Ringe“, war aber nie so konzipiert. Tolkien hatte längt beruflich als Professor für Sprachen in Oxford Karriere gemacht und sozusagen all das, was er bisher so an wunderlichen Geschichten erfunden hatte, in dieses Buch fließen lassen und natürlich angepasst. All diese Fragmente waren also noch nicht als zusammenhängendes Buch gedacht, und erst, nachdem „Der Hobbit“ ein Erfolg geworden war, hatte sich Tolkien entschlossen, etwas Größeres zu erschaffen. So schön „Der Hobbit“ als Buch auch ist, man merkt ihm das Collagenhafte an. Und das ist das Problem an diesem Film. Er springt von einer Begebenheit zur nächsten und das hat wenig Zusammenhang.

Das heißt aber auch, daß die Schuld nicht bei Peter Jackson, dem Regisseur zu suchen ist.

Ach so, ja klar: schuld ist das Buch…

Nein, aber Sie scheinen das typisch Episodenhafte von Fantasy nicht zu mögen und der Hobbit war nun mal eben ein Prototyp der Fantasyliteratur.

Nein und ja. Ich mag Fantasy durchaus, wenn sie schafft, was sie vorhat: mir glaubhaft eine andere Welt vorzugaukeln. Ob das dann in Episoden geschieht oder nicht, ist mir wurscht. Das hat der Hobbit als Buch ja auch geschafft, nur: Peter Jackson hat mit dem Film zweierlei versucht. Er wollte einerseits ein neues, großes Fantasy-Erlebnis schaffen und sich andererseits der Welt des J. R. R. Tolkien bedienen. Da ist der Hobbit eben das, was noch am nächsten am Herrn der Ringe dran ist, nur: es ist eben nicht der Herr der Ringe.

Der Hobbit gibt nun mal nicht mehr Ring-Mythos her als eben da ist. Es sei denn, Jackson erfindet es dazu. Das wiederum hätten die Tolkien-Fans ihm nicht verziehen, ganz so wie damals, als er Tom Bombadil aus dem Herrn der Ringe rausgelassen hat. Es gab ein riesiges Hallo allein deswegen, weil er etwas weggelassen hatte – wie wäre es erst geworden, wenn er etwas dazuerfunden hätte? Also hat er sich selbst eine Quasi-Legitimation erteilt, indem er frei Dinge aus dem Herr der Ringe in den Hobbit reingenommen hat, die zwar schon von Tolkien stammen, zum Zeitpunkt der Erscheinung des Hobbits aber eben nichts vorgesehen waren.

Ist doch gut: er verleiht der eher oberflächlichen Kost des Hobbit-Buches die Tiefe des Herrn der Ringe. Da kann es schon mal zu Ungereimtheiten kommen, aber das stört wahre Tolkien-Fans nicht, denn selbst Tolkien hat den Hobbit als Vorgeschichte zum Herrn der Ringe gesehen. Wie soll man auch sonst vorgehen, wenn man eine „Vorgeschichte“ verfilmt, die gar nicht als solche geplant war?

Es hat ihn ja niemand gezwungen, „den Hobbit“ zu verfilmen. „Der Herr der Ringe“ lebt ja besonders von seiner epischen Breite und der rote Faden mit dem Ring und seiner Verführungskraft hält das alles zusammen. Das kam in der beliebten Filmtrilogie natürlich auch rüber und man könnte sagen: das Buch war eine gute Steilvorlage.

Der Hobbit hingegen ist nicht auf einer Stufe mit dem Herrn der Ringe. Die guten Momente sind ja jene, in denen einem der große Zusammenhang mit dem Ring und seiner enormen Bedeutung für Mittelerde klar wird, aber diese Momente werden erst im Betrachter selbst konstruiert. Das Schlimme ist: man ist sich dessen bewußt, weil man beide Bücher und ihre Entstehungsgeschichte kennt. Und weil Jackson weiß, daß die Zuschauer das wissen, baut er die Epik nachträglich ein.

Ist es verboten, hier konstruktivistisch heranzugehen? Es funktioniert doch, ist doch egal, warum.

Das ist mein Problem mit dem Film: es funktioniert für mich nicht. Wenn ich ins Kino gehe – und glauben Sie mir, ich mag Fantasy! – dann muß der Film es schaffen, dieses „ist doch nur ein Film“ – Gefühl sozusagen wegzuzaubern. Ich hingegen habe gealterte Schauspieler gesehen, die aber eine Geschichte vor den Ereignissen der Trilogie darstellen. In dem Moment wird mir das ganze Konstrukt bewußt. Ich sehe nicht Elrond, der mit Galadriel, Saruman und Gandalf in Bruchtal redet, ich sehe Hugo Weaving mit massig übertünchten Falten, Cate Blanchett mit gealtertem Gesicht und Ian McKellen mit noch mehr Falten. Bei Christopher Lee hingegen haben sie die Haut per CGI ganz gut hingekriegt. Aber das rettet die Situation nicht, die sowieso nicht im Buch vorkommt.

Das Alter der Schauspieler ist nicht das wirkliche Problem. Es ist eine Art Mitleid, die man mit Peter Jackson empfindet. Der scheint da wirklich tief drin zu stecken in der Materie. So sehr nämlich, daß der kindliche Wunsch nach einem 4. Teil des Herrn der Ringe zu diesem Hobbit geführt hat. Da steckt so viel Wille darin, aber leider ist da nicht viel mehr als der Wille. Und der Versuch, das tiefer mit der Epik zu verweben, kann als gescheitert angesehen werden, schlimmer noch: ich behaupte, „Der Hobbit“ wäre besser geworden, wenn man das Ganze ohne die Einbettung in die Epik gemacht hätte.

Sie hatten also keinen Spaß?

Doch schon. Abgesehen von meinen Einwänden ist es ein gut gemachtes Fantasy-Szenario.

Sie verwirren mich. Das klingt ja so, als wüßten Sie eben doch nicht, ob ihnen der Film gefallen hat.

Ich fürchte, ich kann Ihnen da keine klare Antwort geben. Der Film ist OK und ich habe ihn gesehen, weil der Hype so groß war. Aber weil sich der Hype auch auf den Tolkien-Mythos begründet und dieser allgegenwärtig ist, kritisiere ich ihn in bezug darauf. Das will er ja auch. Peter Jackson hat genau gewußt, woran er sich wagt.

Jetzt tun sie mal nicht so, als wäre er dazu nicht in der Lage. Immerhin hat er den Herrn der Ringe verfilmt und das alles andere als schlecht.

Er scheitert an dem Denkmal, das er sich selbst gesetzt hat. Warum läßt er das nicht so, wie es war? Das erinnert mich irgendwie an diese ganzen Rockbands, die ihre größten Hits erneut im klassischen Gewand aufnehmen. Das verkommt zum furchtbarsten Kitsch, den man sich vorstellen kann. Ich kann mir schon vorstellen, daß Peter Jackson, überwältigt vom Erfolg der Filmtrilogie, im Nachhinein noch tausend Dinge anders machen wollte. Aber genau dieser Verführung darf man nicht erliegen.

Aber Peter Jackson hat doch nicht die Trilogie bearbeitet. „Der Hobbit“ ist ein völlig neuer Film.

Ich fürchte nicht. Der Hobbit an sich ist aus dem Wunsch entstanden, einen 4. Teil des Herrn der Ringe zu machen. Alle wollten das. Peter Jackson ebenso wie die Fans. Aber das muß man sich verkneifen. Es gibt keinen Herrn der Ringe Teil 4. Tolkien hat seine gute Idee mit dem Ring sowieso schon ausführlichst verwurstet, mehr war eben nicht. Man kann es natürlich versuchen, aber das Ergebnis trübt den Eindruck eher als dass es ihn bereichert.

Und trotzdem haben sie es gesehen?

Ich habe es streckenweise sogar genossen. Ich weiß, was ich ausblenden muß und ob dann noch genug übrigbleibt, um zu sagen: „hat sich gelohnt“.

Also hat es sich gelohnt, den Film zu sehen?

Teilweise.

Sie regen mich auf. Sie wollen doch allen nur den Film vermiesen!

Tut mir leid, wenn ich Sie aus ihrem Kindertraum erweckt habe, aber glauben Sie mir: es wird noch andere Fantasy-Kino-Erlebnisse in Ihrem Leben geben und dann wird „Der Hobbit“ vergessen sein.

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