borna: phänomen

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borna: geld kann man nicht s-sehn

„Das Experiment“ – falsches Leid erzeugt keine echte Empathie.

„Gib nicht vor, etwas zu verstehen, was du nicht selbst erlebt hast.“

(Dschalal ad-Din Muhammad Rumi)

 

Die ZDF-Serie „Auf der Flucht – Das Experiment“ ist in aller Munde. Den Stream des Trailers spare ich mir hier aus Gründen, die ich weiter unten noch nennen werde.

 

Vielmehr möchte ich zunächst mal an das hier erinnern:

 

 

Liebes ZDF, SO macht man das.

SO rüttelt man auf – anstatt (überwiegend) einheimische, des Deutschen mächtige Protagonisten zu schaffen, mit denen sich der Durchschnittsbürger sowieso schon identifiziert.

SO hält man einen Spiegel vor – anstatt von vornherein den Zuschauer (und die Protagonisten) in der Sicherheit zu wiegen, doch eigentlich politisch OK zu sein und immerhin den Mut gehabt zu haben, dei Flucht eines Asylanten nachzuerleben – obwohl es eigentlich nur ein Spiel ist.

SO demaskiert man dumpfe Statements – anstatt dumpfen Statements (wie jenen Mirja du Monts) auch noch eine gut ausgeleuchtete Bühne zu bieten.

SO bewegt man etwas – anstatt dem Zuschauer eine Legitimation für seine Haltung zu geben – denn man hat ja jetzt wirklich Mitgefühl gehabt und wirklich Einblicke bekommen (nur dass es natürlich auch Leute gibt, die den deutschen Staat ausnutzen wollen blablabla…)

Es bedarf neuer, origineller und vor allem mutiger Formate in den Medien. Weil sich nationalistische Zirkel der politisch-korrekten Aussagen geschickt bedienen – da wird Islamophobie im Namen einer angeblich Israel-freundlichen Politik betrieben. Oder – weil wir ja für freie Meinungsäußerung sind – lädt man Rechtsnationale in Talkshows ein, um sie vorzuführen. Und die verbreiten dann ihre Parolen ungeachtet dessen, was ein Teil der Zuschauer über sie denken mag – sie sind dankbar für die Bühne, die man ihnen gibt.

Die Gesellschaftsschicht, auf die es ankommt beim Kampf gegen den Nationalismus ist die breite Masse, die Mitte. Es geht nicht darum, jene am äußersten Rand zu bekehren. Die sind nicht mehr zu bekehren und je mehr man es versucht, desto mehr Grund sehen sie darin, sich zu radikalisieren. Teilweise dürfte es ihnen auch noch gefallen.

Lieschen Müller ist die Adressatin. Aber Lieschen wird „Auf der Flucht – Das Experiment“ ganz sicher nicht als Kritik an sich selbst und als Aufforderung, ihren Standpunkt zu überdenken sehen. Sie wird vielmehr froh sein, Empathie für das Leid der Asylanten empfunden zu haben – auch wenn es gar kein echtes Leid und gar keine echten Asylanten waren.

Falsches Leid erzeugt keine echte Empathie.

 

Links:

http://shehadistan.com/2013/08/08/auf-der-flucht-das-experiment-beschwerde-an-den-zdf-fernsehrat/

http://afrika.himpenmacher.de/fick-dich-zdf

http://afrikawissenschaft.wordpress.com/2013/08/07/siehs-mal-neo-kolonial/

Bundesliga wird 50 – Feier im First-Class-Hotel

Auf heute.de lese ich: „die Bundesliga feiert sich selbst„. Sie wird 50:

bundesligafeiertUnterschriebn is´ – die Münchner zapfn o (Quelle: heute.de)!

Klickt man auf den Artikel, wird die Party größer: jetzt feiert schon der Fußball an sich.

bundesligafeiert2Die knappe Erwähnung der Doping-Affäre unter dem Bild weist darauf hin, dass im Video eingehender darauf eingegangen wird (Quelle: heute.de).

„Der Fußball“, damit sind wohl die ganzen Funktionäre heutiger und vergangener Zeit gemeint, die sich Dienstag Abend im First-Class-Hotel „Estrel“ in Berlin getroffen haben. Da wird dann Selbstbeweihräucherung betrieben und wer würde schon ausgerechnet bei einer Gala über die Doping-Vorwürfe reden wollen?

Der Video-Beitrag nimmt dann doch bezug:

Redakteur: „Hat der deutsche Fußball n Doping-Problem?“

Funktionär: „Nein, das glaub ich nichtääh, wobei dieses Thema schon eines ist, was uns alle … äähhh … belastet“

Dann folgt eine Erwähnung des Vorwurfs, einige der WM-Helden ´66 seien nicht sauber gewesen, begleitet von diesem Bild:

bundesligafeiert3Der Begriff „Rechte“ zeigt: der „Fußball“, von dem hier die Rede ist, gehört jemandem – jedenfalls nicht dem Fan (Quelle: heute.de).

Und dann kommt die Lichtgestalt des deutschen Fußballs mit der ultimativen Exkulpation.

Beckenbauer: „Ich glaube, dass wir ´66 noch gor ned wußtn, wos is Doping, wos, wosääh, wos mocht man do, oda wie-hi geht so wos? Es gab auch, also soweit ich mich erinnern kann, auch keine Kontrolln. Also mich hat nie einer aufgefordert, irgendwo reinzupinkln, wie des heute der Foll is. Also ich, ich… mei vielleicht is es au scho zu lang her, dass ich dort Einzlheitn vergessn hob, oba ich kann mich do ned daran errinern, dass do irgndwos in der, in der Richtungäh … passierd is.“

Also wenn selbst der Kaiser sich nicht mehr erinnern kann, muß die Liga ja unschuldig sein…

Der DfB ist der größte Sportverband in Deutschland und alleine die Fernseh-Übertragungsrechte 2013-2017 bringen der Liga 2,5 Mrd. € ein. Wer so viel Geld hat, bestimmt, worüber im Fernsehen berichtet wird und worüber nicht.

Mal ganz ehrlich: glaubt bei diesen Summen noch irgendjemand daran, dass alles mit rechten Dingen zugeht?

Das sind natürlich bisher unbestätigte Vorwürfe, also orientieren wir uns mal an der Unschuldsvermutung. Aber auch ganz ohne Doping ist dieses Geschäft – wie jedes andere auch – durchsetzt von Mauscheleien.

Der Wett-Skandal 2005 reicht mir aus, um mir ein Bild über den Profi-Fußball zu machen. Und dann ist es schon seltsam: etliche Spieler sagen, sie würden nie zu den Bayern gehen, und kurz vorher noch dementieren sie jegliche Gespräche über einen Wechsel. Dann kommt es eben doch dazu und im letzten Spiel gegen die Bayern laufen sie entweder nicht auf (Mario Götze war im Champions-League-Finale aufgrund einer „Verletzung“ plötzlich nicht mehr dabei) oder schießen, was für ein Pech aber auch, ein Eigentor (Michael Ballack) und die Bayern sind Meister.

Nimmt das noch jemand ernst?

Dieses ganze Aufbauschen von langweiligen Partien – der Kommentator schreit in seiner Zusammenfassung 10 Minuten lang ins Mikrofon und am Ende stehts dann 0 : 0 – aber dafür gab es 3 Schwalben und einen Verweis des Trainers auf die Tribüne.

Wrestling-Fans sind blöd, weil sie bewußt einer Inszenierung auf den Leim gehen? Neenee, mein Lieber: Fußball-Fans sind blöd, denn die bemerken die Inszenierung noch nicht einmal.

All die Beckenbauers und Breitners und DfBs und Bundesliga-Fans – DAS soll „der“ Fußball sein?

Von wegen. Die kleinen Steppkes auf dem Parkplatz vom Aldi nach Ladenschluß, die aus Spaß an der Freude spielen, die sich nicht gekonnt fallen lassen, die mehr Teamgeist haben als die gesamte Profi-Liga – DAS ist Fußball.

50 Jahre Bundesliga – Zeit für die Rente.

Flogging Facebook #1: Fernsehen in Fiesbaden

Manchmal postest du Zeug auf Facebook, das du besser in deinem Blog verbrochen hättest. Deshalb hier nochmal der alte Facebook-Käse der letzten zwei Tage, bereinigt von Handy-Tippfehlern und zusammengeklebt. Die volle Mogelpackung also, aber wers noch nicht gelesen hat… bitteschön:

Fernsehen I:

Was macht man im Hotel, wenn man keinen Bock hat, noch auszugehen? Richtig, fernsehen. Und jetzt sehe ich, dass sich Vox zu einem Unterschichtsender entwickelt hat. Aber da ich nix besseres zu tun habe (auf das Seminar morgen vorbereiten? Muhahahahahaaaaaa… Pffffffff), schaue ich gebannt auf Millionärin Svetlanas aufgespritzte Lippen, während sie dem Makler eine Luxusvilla nach der anderen ausschlägt. Ich werde blöde dabei und stelle mir vor, was ich alles mit 650 qm auf Mallorca anstellen würde. Throw away your television. Nur geht das hier nicht. Weil das Gerät festgeschraubt ist. Kann mir jemand einen Schraubenzieher vorbeibringen, damit ich das blöde Ding verschieben kann? Ach und eine Lautstärkesperre hat das Ding auch. Na gut. Ist ja nur bis morgen. Ich halte Euch auf dem Laufenden, lasse Euch nicht im Stich. Verlasst Euch drauf. Ehrlich.

Fernsehen II:

Sat1 bringt Braveheart. Der Film läuft gerade mal eine Viertelstunde und mitten in die Szene, in der der kleine William W. seinen Vater beerdigt, poppt eine knallbunte Werbeeinblendung, die fast den halben Bildschirm einnimmt. Was Scharen von Medienpessimisten in akribischer Aufklärungsarbeit über Jahre nicht geschafft haben, schafft Sat1 ohne Mühe – wenn auch unbeabsichtigt: dem Zuschauer wird klar, dass dieses Medium eine Werbesendung mit Filmeinblendungen ist. Das irgendwie auszublenden, geht gar nicht. Da sind Profis am Werk, die dafür bezahlt werden, den Zuschauer davon abzuhalten, auch nur annähernd in so etwas wie eine Story einzutauchen. Ich und das Fernsehen… Nachdem ich mich in der Post-Adoleszenz von einer typischen Fernseh-Jugend verabschiedet hatte, dachte ich, das könne mit einigem Abstand wieder etwas werden. Aber da müsste mich jemand bezahlen, so schlecht ist das inzwischen geworden. Dont have Sex with your ex und: Fernsehen fickt Deine Seele.

Fernsehen III:

ist eigentlich Fernsehen II reloaded. Die nunmehr dritte Werbepause (es ist schon nach 22.00 Uhr) macht mir klar: das schaffst du heute nicht mehr, das geht bis Mitternacht oder länger. Klar, jetzt sagt jeder: der fängt nach Jahren wieder mit dem Fernsehen an, das mit dem Auseinanderziehen durch Werbung fällt dem natürlich auf als quasi-Neuling. Und ich sage: bewahre den Neuling in dir. Weigere dich, die subtilen Botschaften der Industrie als notwendig hinzunehmen. Du brauchst kein neues Handy. Du brauchst keinen Konsum. Das sind nicht die Droiden, nach denen du auf der Suche bist. Weiterfahren. Weiterfahren!

 

Neujahr: scheiss auf die Regeln.

Gestern so gegen halb elf im Bett. Alle lieben Sekt. Ich finde, es geht so. Nach anderthalb Gläsern habe ich gemerkt: das Teufelszeug ist ausschließlich dazu da, mal schnell alles rauszuholen, was so in dir steckt, um dich dann fallenzulassen wie die vielbesungene heisse Kartoffel. Warum also das zweite Glas leer trinken?

Wiiiiie? Du hast Sylvester nicht gefeiert?

Ja, muss ich denn? Welches Gesetz besagt das? Ach so, das ungeschriebene.

Und müde war ich auch.

Das vodafone-Empfangsgerät auf 3Sat geschaltet und die Aufnahmefunktion auf Kasabian und Iron Maiden programmiert, nachdem ich mir Queen, A-HA und Shakira so nebenbei angesehen hatte. Licht aus, Augen zu.

Da kann man schon mal eben so gegen 7.30 Uhr aufstehen. Eine gute Stunde später laufe ich durch eine Stadt und habe das Gefühl, es sei Nacht, nur dass es hell ist.

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Sehen Sie? Sie sehen nichts.

Das einzige, was hier lebt, sind die Ampeln. Selbst Starbucks hat gerade mal eben zwischen 11 und 18 Uhr auf. Ich kann auf die ganz gut verzichten, aber leider muss ich gestehen: die machen einen ganz guten Job damit, ihre Identität als Kette zu verstecken. So, wie es für Jugendliche eine inoffizielle Norm ist, bei Starbucks eine Latte zu bekommen, ist es für die andere Seite das Gegenteil:

WAS? DU GEHST ZU STARBUCKS?

Na und? Ich scheiß drauf. Wenn ich Bock habe, esse ich sogar bei Burger King.

Aber natürlich frage ich mich grundsätzlich schon, wo das Problem ist, sich ein gutes Café zu suchen, das eben nicht Starfucks ist.

Denk nicht so viel nach F. Es ist vielleicht einfach nur Kaffee trinken und Szene.

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Hinter mir läuft ein Mann mit schwarzem Mantel. Sieht nach Geld aus. Und der rotzt rum. Holt alles ganz tief aus Rachen und Nebenhöhle und spuckt es aus.

WIE? EIN ERWACHSENER MANN ROTZT AUF DIE STRASSE?

Ich denke mir, naja, der soll das auch dürfen. aber der macht weiter. Und nochmal. Und nochmal.

Meeeine Güte, hat ders dann mal? Ich drehe mich um und schaue ihn an. Und jetzt merke ich: nee, 20 bin ich nicht mehr. Ganz schön spießig von mir. Strafende Blicke sind die inoffizielle Strafe für inoffizielle Straftaten. Auf seiner Ebene will ich aber nicht sein, auch nicht als inoffizieller Polizist. Also lasse ich es sein und laufe weiter.

Ein Typ Mitte 20 läuft mit Tornister auf dem Rücken und, Achtung jetzt kommts, im T-Shirt rum. Gut, die letzten 2 Wochen waren eine Schande für den Winter. Heiligabend soll es in München 20,7 Grad warm gewesen sein. Aber inzwischen haben wir doch sinnvolle 4 oder 5 Grad und es erschließt sich mir nicht, wieso der im T-Shirt rumläuft. Rest-Alkohol? Der macht nicht den Eindruck.

In der Altstadt wurde das Feuerwerk verboten, akute Brandgefahr. Fachwerk und so. Ob mir das egal ist, weiss ich nicht. Einerseits ist da ja der Müll und andererseits: wo Feste gefeiert werden, bleibts nicht sauber. Ist ja nur für eine Nacht. Egal, verboten ist es trotzdem, und als ich die Fußgängerzone verlasse, sehe ich, wie genau sich die Leute daran halten:

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Original ab der Grenze (draufklicken zum Vergrössern) ist alles zugemüllt. Die spinnen, die Deutschen. Haarscharf an die Regel gehalten und in der Altstadt nicht geböllert, danach dann aber volle Kanne volles Rohr. Aber spinnen die wirklich? Machen Regeln manchmal auch einfach nur Sinn? Wenn das mit der Brandgefahr kein Vorwand ist, wenn die Altstadt tatsächlich leicht abfackeln könnte, dann macht es doch Sinn, sich an die Regel zu halten. Oder gehts da nur darum, irgendwie den Spaß zu regeln? Weil man doch ein schlechtes Gewissen hat, Geld in Form von Böllern verpuffen zu lassen. Dem haftet was von Dekadenz an. Weil die Kinder in Afrika nichts zu essen haben und wir unseres doch dauernd rausschmeissen.

WIE? DU VERPULVERST DEIN GELD ANGESICHTS DER ARMUT IN DER WELT?

Naja, immerhin spende ich auch regelmäßig was für soziale Einrichtungen, höre ich meine innere Stimme entschuldigend sagen. Aber so richtig helfen tun Almosen nur uns: sie besänftigen unser schlechtes Gewissen, sein wir doch mal ehrlich.

Dabei ist dieser ganze Handy-Schnickschnack doch die viel größere Geldverschwendung. Oder Autos. Oder Computer. Nur dass die nicht so schnell verpuffen. Sie oxidieren, aber Oxidation ist ja auch eine ganz langsame Form von Verbrennung. Ich beginne mich zu fragen, wieviel Geld 3Sat den ganzen Verlagen und Plattenfirmen zahlt, deren Live-Videos sie jedes Jahr zu Sylvester und Neujahr senden. Dabei hab ich nix dagegen. Es wäre halt nur mal schön, was anderes als Queen und Coldplay zu sehen, die man dauernd irgendwo sieht. Arcade Fire vielleicht mal? Mumford & Sons? Und wenn schon Oldies, dann gerne mal Jeff Buckley oder dEUS. Oh Gott, sind die schon Oldies? Jep, ganz so wie ich einer zu sein scheine.

Also gut, ein wenig Hedonismus muss erlaubt sein, und echte Hedonisten werden mir für diese Relativierung („ein wenig…“) schon wieder strafende Blicke zuwerfen. Aber bei mir fressen halt noch 3 andere mit, da kann ich nicht alles in Knaller investieren.

Das heisst: Knallern ist erlaubt, informell aber geächtet und doch nicht sanktioniert, da es so gut wie jeder tut (ja, ich habe Lamneks „Theorien abweichenden Verhaltens“ im Bücherregal). Um deshalb nur scheinbar etwas dagegen getan zu haben, gibts diese „Böllern nur außerhalb der Altstadt“-Regel, und da hält sich auch so gut wie jeder dran, außer ein paar wenige, die entweder dumpf, Pyromanen oder die wahre, echte, heldenhafte Revolution sind. Weil sie sich auflehnen gegen Bevormundung des Systems und in der Altstadt böllern. RAF as it was meant to be.

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Kurze Zeit später, ebenfalls in der Altstadt. Niemand da? Doch. Eine alte Frau kommt mir entgegen und rotzt ebenfalls rum. Vielleicht trifft sie sich ja mit dem Typ im schwarzen Mantel, keine Ahnung. Was ist denn los heute mit den Alten? Ich habe dieses ethische Dilemma für mich zunächst mal beantwortet und funktioniere: keine strafenden Blicke, allein schon, weil sie eine Frau ist. Vielleicht ist ihr das so rausgerutscht und Frauen furzen nicht, das ist fast schon eine formelle Norm. Denen wurde das abgewöhnt. Zeit für die Revolution, die Damen.

Ganz gegen Ende kommt mir noch mal einer im T-Shirt entgegen (die spinnen, die Deutschen…) und der hat eindeutig Rest-Alkohol. Ich merke es, als er stehenbleibt, um sich eine Kippe anzuzünden. Im Laufen kann man das noch irgendwie kaschieren, aber still stehen? Ist eine echte Herausforderung. Eine kurze Seitentaschen-Hose hat er auch noch, obwohl seine Halbglatze von weißem Haar umrandet ist. Da erinnere ich mich an den Thrash-Metal-Opa in den 80ern, über den sogar eine Szene-Zeitschrift berichtet hat. Der stand bei Anthrax sogar in der ersten Reihe und hat den Kopf geschüttelt, da gibts Videobeweise von. Wenn ich das mal auf youtube finde, stelle ichs ein, damits auch jeder glaubt. Aber im Moment habe ich nicht wirklich Bock darauf, Anthrax-Videos durchzustöbern. Jedenfalls hatte der Opa damals ganz eindeutig inoffizielle Regeln verletzt, wohingegen es heutzutage ganz normal ist, dass Opis Heavy Metal hören.

Ganz gegen Ende meines Neujahres-Spaziergangs entdecke ich aus dem Augenwinkel folgenden Spruch an einer Bushaltestelle:

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Ist Graffiti noch eine Regelverletzung oder schon etabliert? Zumindest gilt das hier ja schon gar nicht mehr als Graffiti und das ist für mich schon wieder revolutionär, denn: Graffiti ist eine eigenständige sowie etablierte (kein Vorteil, kein Vorteil…) Kunstform geworden und steckt schon voll im eigenen Manierismus. Das ist fast schon schlimmer als Heavy Metal.

Moment mal, denkt jetzt vielleicht jemand. Der scheint Metal ja regelrecht zu hassen, nimmt aber Iron Maiden auf.

Tja, erstens hasse ich Metal nicht und zweitens braucht jeder auch ein wenig Trash. Mir ist halt klar, dass Metal kaum noch Neues zu bieten hat, und weil ich mir darüber bewußt bin, höre ich es ab und zu, wenn ich sowas brauche.

Du musst dir halt nur darüber im Klaren sein, dass du gerade sündigst.

Seltsame Welt. Früher sagte man: eine Sünde wird umso größer, je bewusster man sie begeht. Aber Regeln ändern sich halt nach Bedarf und der moderne Mensch bedarf neuer Regeln, die sein selbstgewähltes, freiheitlich individualistisches Leben legitimieren – auch wenn es gar nicht selbstgewählt ist, sondern von Massenmedien und -konsum determiniert. Hauptsache, wir fühlen uns geborgen in einer Legitimation.

Du bist up-to-date. Kennst den neuesten Scheiss. Und wenn du mal geschmacklosen, alten Scheiss hörst, dann ist das Kult. Fun. Witzig irgendwie. So wie Fasching: am 11.11.  beginnt der Spass und an Aschermittwoch hört er auf. Regeln geben Sicherheit, Regeln geben Geborgenheit.

Was hat das alles mit Neujahr zu tun?

Nichts und alles. Es geht bei Neujahr vielleicht einfach nur um die Frage, ob wir uns verändern können. Jeder nimmt sich irgendwelches Zeug vor, angefangen beim Nikotin-Entzug bis zum neuen Job oder dem lapidaren Aufräumen des Kellers samt aller Leichen darin. Jeder nimmt es sich vor, und es ist doch auch egal, ob es klappt. Aber Neujahr ist doch der Beweis dafür, dass wir zumindest in unseren Wünschen frei sind. Wenn wir das ändern können, können wir alles ändern. Regeln regeln unser Zusammenleben. Sie helfen, sie stören, abwechselnd, gleichzeitig. Wichtig ist nicht, ob man sie mag oder nicht. Wichtig ist, dass man kapiert, dass sie von uns gemacht sind. Also können wir sie auch ändern oder abschaffen. Davon bin ich überzeugt. Scheiss auf die Regeln.

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Regeln make the world go roundabout.

pervers: Leute laden „Wetten Dass?“-Unfall-Video hoch

Jeder weiß, was da gerade eben im ZDF passiert ist: ein junger Mann ist verunglückt, als er mit Sprungstelzen Saltos über Autos gemacht hat.
Zunächst hat die Kamera konsequent „weggeschaut“. Dann hat Michelle Hunziker um ein Tuch gebeten, um den Leuten im Saal die Szene zu ersparen.
Dann wurde die Sendung unterbrochen und Videos vergangener Wetten-dass-Musik-Acts gespielt.
Nach ca 30 Minuten Ungewißheit kam die Entwarnung: Der Mann, Samuel, sei ansprechbar und könne seine Füße bewegen. Jedoch könne man in dieser Lage nicht einfach weitermachen. Deshalb werde die Show abgebrochen, so Gottschalk.

Natürlich bin ich nach dem Unfall so schnell wie möglich auf twitter, um das Neueste zu erfahren. Ich gab „wetten dass“ ein und wartete. Die tweets wurden angezeit. Nach ca 1 Minute machte ich einen Refresh. 1500 neue tweets. Ich wollte einfach Gewißheit haben. Erstaunlich der Inhalt vieler tweets, die ich dort lesen mußte:
a) tausende tweets, die mich darüber informierten, daß es einen Unfall gegeben hatte… na gut, das war einerseits verständlich, andererseits so sinnvoll wie Eulen nach Athen zu tragen.
b) hunderte weinende oder empörte Justin Bieber-Fans, die nicht verstehen konnten, daß die Sendung abgebrochen wurde.
c) ein paar dutzend Perverse, die Links zum eiligst hochgeladenen youtube-Video mit dem Unfall posteten.

Die ersten beiden Kategorien sind zwar irgendwie peinlich, aber verzeihlich.
Kategorie a) steht eben für den Schock, den man gerne überwinden will. Man hat nicht damit gerechnet, daß etwas passiert. Natürlich ist das alles auf Spannung ausgelegt, aber es ist eine Spannung wie bei einem Film oder einem Computerspiel… Menschen bei „Wetten dass…?“ machen die abgefahrensten Dinge, springen von einem fahrenden Auto zum nächsten oder kraxeln 30 Bierkisten in die Höhe, aber niemand rechnet wirklich damit, daß denen je mal was passiert.

Und dann passiert eben doch mal was, und zwar richtig. Der Typ lag leblos am Boden und die Leute im Saal schauten geschockt zur Bühne. Dazu der erigierte Presse-Fotografen-Graben, mit dem Zoom auf extremster Einstellung fotografierend – gespenstisch. Man ist plötzlich mit dem möglichen Tod eines Menschen konfrontiert und will einfach wissen, ob ers geschafft hat – man hat es sich ja nicht ausgesucht, das mitzukriegen. Und außerdem reichen die 4 oder 5 Sätze zur Person, die im anfänglichen Interview gegeben werden, aus, um aus einem Unbekannten eine greifbare Person zu machen, für die man eine Art Gefühle empfinden kann. Das war nicht irgendjemand – das war nach dem kurzen Interview der Samuel, ein Student der Musik, der Kindergottesdienste abhielt und auch noch bescheiden war. Den mochte man, obwohl man ihn überhaupt nicht kannte. Aber das war egal, denn man glaubte, ihn zu kennen.

Bestimmt gab es auch welche, die enttäuscht waren, aber ich war natürlich echt erleichtert, als ich die Entwarnung entgegengenommen habe.

Dann b):
da will ich gar nicht viel zu sagen… jeder war mal jung und in der Pubertät. So ist das nun mal. Als ich 8 Jahre alt war, hat mein Bruder mir erzählt, daß John Lennon erschossen worden sei. Ich wollte es nicht glauben und war sauer auf meinen Bruder. So verrückt ist Fanatismus. Und Bieber-Fans sind halt alle so ca. 8 jahre alt, also: was solls?

…aber c):
wie krank, wie pervers, wie kaltblütig muß man sein, um so schnell zu schalten? Also, um gemerkt zu haben, daß da etwas extrem Schockierendes passiert ist und man das auf youtube stellen könnte und dies auch innerhalb von 30 Minuten hingekriegt zu haben…?
Und es auch noch auf twitter zu verbreiten…?

Nee, dafür habe ich kein Verständnis. Ich bin echt kein Kulturpessimist, aber das ist einfach nur krank.

Was wird jetzt mit Gottschalk und Wetten dass…?

Ich hoffe, daß die weitermachen. Es werden Fragen gestellt werden. Fragen zur Sicherheit, zum Krisenmanagement, zur Berechtigung des Sende-Abbruchs, zur Berechtigung des nicht-sofortigen-Sende-Abbruchs, Fragen zur Ansprache Gottschalks usw. Das werden keine leichten Tage für Thomas Gottschalk.

Ich kann nur hoffen, daß er und die Sendung die folgenden stürmischen Tage übersteht. Auf twitter gab es auch gute tweets. Einer lautete sinngemäß: „bei RTL hätten sie voll draufgehalten, seid froh, daß es das ZDF war“. Genau so sehe ich das auch. Angesichts der absoluten Unkontrollierbarkeit des herrschenden Mediums Internet (man denke nur an die Perversen, die das Video vom Unfall hochgeladen haben, bevor sie wußten, ob Samuel überhaupt noch lebt) können wir froh sein, daß es noch kontrollierte Medien gibt, die zwar angesichts ihrer Kontrolle etwas spießig rüberkommen, aber andererseits genau durch diese Kontrolliertheit einen Rest Geschmack und Würde bewahren, bei sich und bei ihren Konsumenten.

Gottschalk hat übrigens bewiesen, daß er in der Lage ist, in einer extrem angespannten Lage das Richtige zu tun: er ist ruhig geblieben (obwohl er innerlich sicher genauso geschockt war wie alle anderen auch) und hat die Balance zwischen Authenzität und Beruhigung gefunden. Das ist nicht leicht in so einer Situation, da brechen andere zusammen bzw. driften in ein Extrem ab.

Ich habe mich oft über ihn geärgert, weil seine Sprüche manchmal unterirdisch sind. Ich habe oft Tränen gelacht, weil er streckenweise urkomisch ist. Aber in dieser Situation hat er bewiesen, was er wirklich draufhat: er ist Vollprofi und gleichzeitig Mensch.

Weitermachen, Gottschalk!

UPDATE:

Angesichts immer wiederkehrender Kommentare gleichen Inhalts nehme ich mal Stellung (Antwort) zu folgenden Fragen (F):
F: Warum machst DU, Feyd, das eigentlich?
A: Ich habe mir das gestern nicht ausgesucht. Und ich schaue auch „Wetten dass“ nicht wegen der gefährlichen Wetten. Mich haben die Auto-Wetten eh schon immer angekotzt und ich fand die intelligenten (wie mit dem Hund, der Luftballons mit dem Maul zerbeißt) eh schon immer besser. In dem Moment habe ich sogar gar nicht hingesehen.
F: Warum bist Du dann zum PC gerannt und hast bei Twitter nachgelesen?
A: Weil ich nolens volens mit dem Unfall konfrontiert war. Wer glaubt, das sei vorgeschoben, dem sei gesagt, daß ich mir das Video nicht reingezogen habe und auch weiter darauf verzichte. Wissen zu wollen, ob es dem Mann gut geht, hat etwas mit Sorge zu tun. Ich will ja jetzt auch nicht wissen, ob und welche Körperteile er sich geborochen hat. Ich habe ein Unglück gesehen, ohne selbst etwas dagegen tun zu können und mußte Gewißheit haben, daß es glimpflich ausgegangen ist.
F: Irgendwer lädt es sowieso hoch.
A: Irgendwer hätte die Juden in seiner Nachbarschaft sowieso verraten. Deshalb hat sich trotzdem jeder einzelne schuldig gemacht, der es getan hat.
F: Ich will mich nur informieren, um mitreden zu können.
A: Jemand ist bei einem Sprung verunglückt. Was tut es zur Sache, wenn man sieht, auf welchem Körperteil er aufkommt?
F: Warum schreibst Du einen Blog? Du willst doch auch nur Klicks!
A: Stimmt. Aber ich hatte seit gestern ca 25000 Klicks auf diesen Artikel. Es wäre jetzt ein Leichtes, einen Link zum Video oder das Video selbst einzustellen. Dann wären es vermutlich doppelt so viele. Und dafür bin ich mir zu schade. Außerdem habe ich bisher immer kritische Artikel zum Medienkonsum geschrieben. Viele davon hatten 50 Klicks und weniger. Deshalb hätte ich es trotzdem getan. Weil ich mit diesem Blog meine Meinung kundtun will – das tut jeder, aber nicht alle kontrollieren sich selbst. Ich versuche es und denke, das ist mir hier gelungen. So, und nun habe ich hier massenhaft Leser. Da kann ich nur auf meine bisherigen Artikel verweisen, die entsprechend unbekannte Nachrichten bearbeitet haben. Abgesehen davon: ist hier irgendwo etwas Voyeuristisches im Artikel?
F: Der junge Mann war sich der Gefahr bewußt.
A: Soll das heißen: richtig so, daß er verunglückt ist?
F: Der junge Mann war damit einverstanden, daß sein Auftritt medial aufgearbeitet wird.
A: Ja, aber nicht mit dem Unfall. Sonst wäre er ja angetreten, um zu verunglücken, und das kann ja wohl niemand behaupten.
F: ich bin erwachsen, ich kann selbst entscheiden, was ich sehen will, und das Video will ich sehen!
A: wenn Du so denkst, bist Du nicht erwachsen.
F: Die Welt ist nunmal pervers.
A: Ach, und da es nunmal so ist, wehren wir uns am besten gar nicht mehr dagegen…?

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