Flüchtlingskatastrophe: helfen, egal warum (keine Bilder von toten Kindern)

Die Welt ist geschockt. Das Foto der an den Strand gespülten Leiche des 3-jährigen syrischen Jungen hat der anonymen humanitären Katastrophe ein Gesicht, einen Namen gegeben. Ich selbst habe ein paar Tage zuvor in meiner facebook-roll mehrere Fotos, ebenfalls von ertrunkenen Kindern gesehen. Wie das so ist, gefragt hat mich T.K. aus meiner Freundesliste nicht, ob ich es sehen will. Zwischen Cartoons, witzigen Anmerkungen zu alltäglichen und Event-Einladungen tauchten sie plötzlich auf und bevor mir überhaupt klar war, was ich da sehe, hatten mich die Bilder schon mit ihrer vollen Schockwirkung erfasst.

 

Ich war eigentlich immer sauer über fb-Freunde, die Schockbilder gepostet haben, sei es im Falle der Massentierhaltung, aber auch bei Nonsens wie z.B. Bild-PlugIns, die das Profilfoto ver-zombi-sieren. Facebook ist ein großes Boulevard-Magazin, an dem alle mitschreiben und ich habe viele der politisch ach so aktiven Sesselrevolutionäre gehasst für ihr verlogenes Treiben, das sich die denkbar ungeeignetste Plattform für die Weltrevolution gesucht hatte. Du fängst ja auch nicht mitten in einem Smalltalk an, Tod und Elend zu schildern. Aber facebook scheint für jeden etwas anderes zu sein und für manche ist es wohl ein mittel zur Revolution vom heimischen Monitor aus.

 

Diese Leute, da bin ich immer noch derselben Meinung, tun selten mehr als bequem auf ihrer Maus rumzuklicken und setzen um der Wirkung willen auch drastische Mittel ein: als ginge es darum, andere möglichst schnell und effektiv zum Auskotzen ihres Morgenkaffees zu bringen, ekelhafte Bilder postend, Tränen und Betroffenheit erwähnend.

 

Und nun hatte mich dieses Bild erreicht und die 2 Sekunden, die ich gebraucht habe, um es wegzurollen, waren zu lang. Das Bild hat sich mir eingebrannt, so wie der ganzen Welt. Die ist nun aufgerüttelt, das Bild ist Thema Nr. 1 in den Medien und natürlich schafft es die Blöd-Zeitung, das Niveau der Vermarktung auch hier noch zu senken. Als wären wir diesbezüglich nicht schon am Marianengraben angelangt. Nein, jetzt liefert dieses Mistblatt Nachschub, indem es über den Vater, die Familie berichtet. Alles natürlich aus hehren Zielen. Ich scheisse auf die Pressefreiheit und wische mir den Arsch mit dieser Zeitung ab.

 

Die Vermarktung des Leids bleibt der Community im Netz nicht unverborgen. Schnell wird diskutiert, inwiefern die Würde des kleinen Jungen verletzt wird, wenn man Fotos seiner Leiche ansieht oder gar verbreitet. Nicht wenige erheben sich über die Heulsusen, die so ergriffen dann doch nicht waren, als das es sie davon abgehalten hätte, möglichst theatralisch und nicht minder narzißtisch über ihre Betroffenheit zu reden, auf facy, damits auch jeder mitkriegt.

 

Und während all das passiert, bemerke ich: wir sind schon wieder nur mit uns selbst beschäftigt. Anstatt zu helfen, verbringt ein Teil unserer Gesellschaft seine Zeit damit, in Sensationsgier zu baden, der andere heuchelt Betroffenheit, ohne viel gegen dieses Elend zu tun und wieder ein anderer Teil verdammt eben diese Heuchler. Egal, auf welcher Seite man sich befindet, da geht es eigentlich nur um uns selbst.

 

Ich habe mich gefragt, wie scheissegal es einem Flüchtling ist, ob wir aus Mitleid, Selbstbeweihräucherung oder Kredibilität helfen, solange wir helfen. Wenn mit etwas Geld eine Unterkunft und Verpflegung für einen Flüchtling finanziert werden kann, ist es diesem letztlich scheissegal, ob der Spender es getan hat, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, seine Freunde auf facebook zu beeindrucken oder gar aus Versehen: Hauptsache, was zu essen und ein Dach über dem Kopf.

 

Ich war sauer auf T.K., dass er diese schrecklichen Bilder gepostet hat. Aber sie haben letztlich das Grauen nicht erzeugt. Sie haben es uns nur vor Augen geführt.

 

Und dennoch: ich ertrage es nicht und will es nicht sehen. Ich will mich aber auch nicht mit den Befindlichkeiten dieser Gesellschaft auseinandersetzen – also ob uns das Bild betroffen macht, ob es okay ist, wenn es das tut, ob es okay ist, das okay zu finden usw.

Stattdessen lege ich jedem ans Herz, etwas Geld zu spenden. Ich bin mir ziemlich sicher: das ist okay. Mag sein, dass es die historisch bedingten Probleme der 3. Welt nicht löst – jahrhundertelange Ausbeutung wird nicht mal eben so ausgeglichen.

Mag sein, dass wir damit nur unser Gewissen beruhigen wollen.

Mag sein, dass wir glauben, bessere Menschen dadurch zu werden, obwohl wir mit jedem billigen Produkt made in 3. Welt eben dieses Elend verursachen.

Mag sein, dass der eine oder andere davon erzählt oder es auf facebook postet.

Es ist egal. Hauptsache, wir tun etwas, weil es Leid vermindert.

Linksammlung Spenden für Flüchtlinge auf heute.de

Advertisements

„Das Experiment“ – falsches Leid erzeugt keine echte Empathie.

„Gib nicht vor, etwas zu verstehen, was du nicht selbst erlebt hast.“

(Dschalal ad-Din Muhammad Rumi)

 

Die ZDF-Serie „Auf der Flucht – Das Experiment“ ist in aller Munde. Den Stream des Trailers spare ich mir hier aus Gründen, die ich weiter unten noch nennen werde.

 

Vielmehr möchte ich zunächst mal an das hier erinnern:

 

 

Liebes ZDF, SO macht man das.

SO rüttelt man auf – anstatt (überwiegend) einheimische, des Deutschen mächtige Protagonisten zu schaffen, mit denen sich der Durchschnittsbürger sowieso schon identifiziert.

SO hält man einen Spiegel vor – anstatt von vornherein den Zuschauer (und die Protagonisten) in der Sicherheit zu wiegen, doch eigentlich politisch OK zu sein und immerhin den Mut gehabt zu haben, dei Flucht eines Asylanten nachzuerleben – obwohl es eigentlich nur ein Spiel ist.

SO demaskiert man dumpfe Statements – anstatt dumpfen Statements (wie jenen Mirja du Monts) auch noch eine gut ausgeleuchtete Bühne zu bieten.

SO bewegt man etwas – anstatt dem Zuschauer eine Legitimation für seine Haltung zu geben – denn man hat ja jetzt wirklich Mitgefühl gehabt und wirklich Einblicke bekommen (nur dass es natürlich auch Leute gibt, die den deutschen Staat ausnutzen wollen blablabla…)

Es bedarf neuer, origineller und vor allem mutiger Formate in den Medien. Weil sich nationalistische Zirkel der politisch-korrekten Aussagen geschickt bedienen – da wird Islamophobie im Namen einer angeblich Israel-freundlichen Politik betrieben. Oder – weil wir ja für freie Meinungsäußerung sind – lädt man Rechtsnationale in Talkshows ein, um sie vorzuführen. Und die verbreiten dann ihre Parolen ungeachtet dessen, was ein Teil der Zuschauer über sie denken mag – sie sind dankbar für die Bühne, die man ihnen gibt.

Die Gesellschaftsschicht, auf die es ankommt beim Kampf gegen den Nationalismus ist die breite Masse, die Mitte. Es geht nicht darum, jene am äußersten Rand zu bekehren. Die sind nicht mehr zu bekehren und je mehr man es versucht, desto mehr Grund sehen sie darin, sich zu radikalisieren. Teilweise dürfte es ihnen auch noch gefallen.

Lieschen Müller ist die Adressatin. Aber Lieschen wird „Auf der Flucht – Das Experiment“ ganz sicher nicht als Kritik an sich selbst und als Aufforderung, ihren Standpunkt zu überdenken sehen. Sie wird vielmehr froh sein, Empathie für das Leid der Asylanten empfunden zu haben – auch wenn es gar kein echtes Leid und gar keine echten Asylanten waren.

Falsches Leid erzeugt keine echte Empathie.

 

Links:

http://shehadistan.com/2013/08/08/auf-der-flucht-das-experiment-beschwerde-an-den-zdf-fernsehrat/

http://afrika.himpenmacher.de/fick-dich-zdf

http://afrikawissenschaft.wordpress.com/2013/08/07/siehs-mal-neo-kolonial/

pervers: Leute laden „Wetten Dass?“-Unfall-Video hoch

Jeder weiß, was da gerade eben im ZDF passiert ist: ein junger Mann ist verunglückt, als er mit Sprungstelzen Saltos über Autos gemacht hat.
Zunächst hat die Kamera konsequent „weggeschaut“. Dann hat Michelle Hunziker um ein Tuch gebeten, um den Leuten im Saal die Szene zu ersparen.
Dann wurde die Sendung unterbrochen und Videos vergangener Wetten-dass-Musik-Acts gespielt.
Nach ca 30 Minuten Ungewißheit kam die Entwarnung: Der Mann, Samuel, sei ansprechbar und könne seine Füße bewegen. Jedoch könne man in dieser Lage nicht einfach weitermachen. Deshalb werde die Show abgebrochen, so Gottschalk.

Natürlich bin ich nach dem Unfall so schnell wie möglich auf twitter, um das Neueste zu erfahren. Ich gab „wetten dass“ ein und wartete. Die tweets wurden angezeit. Nach ca 1 Minute machte ich einen Refresh. 1500 neue tweets. Ich wollte einfach Gewißheit haben. Erstaunlich der Inhalt vieler tweets, die ich dort lesen mußte:
a) tausende tweets, die mich darüber informierten, daß es einen Unfall gegeben hatte… na gut, das war einerseits verständlich, andererseits so sinnvoll wie Eulen nach Athen zu tragen.
b) hunderte weinende oder empörte Justin Bieber-Fans, die nicht verstehen konnten, daß die Sendung abgebrochen wurde.
c) ein paar dutzend Perverse, die Links zum eiligst hochgeladenen youtube-Video mit dem Unfall posteten.

Die ersten beiden Kategorien sind zwar irgendwie peinlich, aber verzeihlich.
Kategorie a) steht eben für den Schock, den man gerne überwinden will. Man hat nicht damit gerechnet, daß etwas passiert. Natürlich ist das alles auf Spannung ausgelegt, aber es ist eine Spannung wie bei einem Film oder einem Computerspiel… Menschen bei „Wetten dass…?“ machen die abgefahrensten Dinge, springen von einem fahrenden Auto zum nächsten oder kraxeln 30 Bierkisten in die Höhe, aber niemand rechnet wirklich damit, daß denen je mal was passiert.

Und dann passiert eben doch mal was, und zwar richtig. Der Typ lag leblos am Boden und die Leute im Saal schauten geschockt zur Bühne. Dazu der erigierte Presse-Fotografen-Graben, mit dem Zoom auf extremster Einstellung fotografierend – gespenstisch. Man ist plötzlich mit dem möglichen Tod eines Menschen konfrontiert und will einfach wissen, ob ers geschafft hat – man hat es sich ja nicht ausgesucht, das mitzukriegen. Und außerdem reichen die 4 oder 5 Sätze zur Person, die im anfänglichen Interview gegeben werden, aus, um aus einem Unbekannten eine greifbare Person zu machen, für die man eine Art Gefühle empfinden kann. Das war nicht irgendjemand – das war nach dem kurzen Interview der Samuel, ein Student der Musik, der Kindergottesdienste abhielt und auch noch bescheiden war. Den mochte man, obwohl man ihn überhaupt nicht kannte. Aber das war egal, denn man glaubte, ihn zu kennen.

Bestimmt gab es auch welche, die enttäuscht waren, aber ich war natürlich echt erleichtert, als ich die Entwarnung entgegengenommen habe.

Dann b):
da will ich gar nicht viel zu sagen… jeder war mal jung und in der Pubertät. So ist das nun mal. Als ich 8 Jahre alt war, hat mein Bruder mir erzählt, daß John Lennon erschossen worden sei. Ich wollte es nicht glauben und war sauer auf meinen Bruder. So verrückt ist Fanatismus. Und Bieber-Fans sind halt alle so ca. 8 jahre alt, also: was solls?

…aber c):
wie krank, wie pervers, wie kaltblütig muß man sein, um so schnell zu schalten? Also, um gemerkt zu haben, daß da etwas extrem Schockierendes passiert ist und man das auf youtube stellen könnte und dies auch innerhalb von 30 Minuten hingekriegt zu haben…?
Und es auch noch auf twitter zu verbreiten…?

Nee, dafür habe ich kein Verständnis. Ich bin echt kein Kulturpessimist, aber das ist einfach nur krank.

Was wird jetzt mit Gottschalk und Wetten dass…?

Ich hoffe, daß die weitermachen. Es werden Fragen gestellt werden. Fragen zur Sicherheit, zum Krisenmanagement, zur Berechtigung des Sende-Abbruchs, zur Berechtigung des nicht-sofortigen-Sende-Abbruchs, Fragen zur Ansprache Gottschalks usw. Das werden keine leichten Tage für Thomas Gottschalk.

Ich kann nur hoffen, daß er und die Sendung die folgenden stürmischen Tage übersteht. Auf twitter gab es auch gute tweets. Einer lautete sinngemäß: „bei RTL hätten sie voll draufgehalten, seid froh, daß es das ZDF war“. Genau so sehe ich das auch. Angesichts der absoluten Unkontrollierbarkeit des herrschenden Mediums Internet (man denke nur an die Perversen, die das Video vom Unfall hochgeladen haben, bevor sie wußten, ob Samuel überhaupt noch lebt) können wir froh sein, daß es noch kontrollierte Medien gibt, die zwar angesichts ihrer Kontrolle etwas spießig rüberkommen, aber andererseits genau durch diese Kontrolliertheit einen Rest Geschmack und Würde bewahren, bei sich und bei ihren Konsumenten.

Gottschalk hat übrigens bewiesen, daß er in der Lage ist, in einer extrem angespannten Lage das Richtige zu tun: er ist ruhig geblieben (obwohl er innerlich sicher genauso geschockt war wie alle anderen auch) und hat die Balance zwischen Authenzität und Beruhigung gefunden. Das ist nicht leicht in so einer Situation, da brechen andere zusammen bzw. driften in ein Extrem ab.

Ich habe mich oft über ihn geärgert, weil seine Sprüche manchmal unterirdisch sind. Ich habe oft Tränen gelacht, weil er streckenweise urkomisch ist. Aber in dieser Situation hat er bewiesen, was er wirklich draufhat: er ist Vollprofi und gleichzeitig Mensch.

Weitermachen, Gottschalk!

UPDATE:

Angesichts immer wiederkehrender Kommentare gleichen Inhalts nehme ich mal Stellung (Antwort) zu folgenden Fragen (F):
F: Warum machst DU, Feyd, das eigentlich?
A: Ich habe mir das gestern nicht ausgesucht. Und ich schaue auch „Wetten dass“ nicht wegen der gefährlichen Wetten. Mich haben die Auto-Wetten eh schon immer angekotzt und ich fand die intelligenten (wie mit dem Hund, der Luftballons mit dem Maul zerbeißt) eh schon immer besser. In dem Moment habe ich sogar gar nicht hingesehen.
F: Warum bist Du dann zum PC gerannt und hast bei Twitter nachgelesen?
A: Weil ich nolens volens mit dem Unfall konfrontiert war. Wer glaubt, das sei vorgeschoben, dem sei gesagt, daß ich mir das Video nicht reingezogen habe und auch weiter darauf verzichte. Wissen zu wollen, ob es dem Mann gut geht, hat etwas mit Sorge zu tun. Ich will ja jetzt auch nicht wissen, ob und welche Körperteile er sich geborochen hat. Ich habe ein Unglück gesehen, ohne selbst etwas dagegen tun zu können und mußte Gewißheit haben, daß es glimpflich ausgegangen ist.
F: Irgendwer lädt es sowieso hoch.
A: Irgendwer hätte die Juden in seiner Nachbarschaft sowieso verraten. Deshalb hat sich trotzdem jeder einzelne schuldig gemacht, der es getan hat.
F: Ich will mich nur informieren, um mitreden zu können.
A: Jemand ist bei einem Sprung verunglückt. Was tut es zur Sache, wenn man sieht, auf welchem Körperteil er aufkommt?
F: Warum schreibst Du einen Blog? Du willst doch auch nur Klicks!
A: Stimmt. Aber ich hatte seit gestern ca 25000 Klicks auf diesen Artikel. Es wäre jetzt ein Leichtes, einen Link zum Video oder das Video selbst einzustellen. Dann wären es vermutlich doppelt so viele. Und dafür bin ich mir zu schade. Außerdem habe ich bisher immer kritische Artikel zum Medienkonsum geschrieben. Viele davon hatten 50 Klicks und weniger. Deshalb hätte ich es trotzdem getan. Weil ich mit diesem Blog meine Meinung kundtun will – das tut jeder, aber nicht alle kontrollieren sich selbst. Ich versuche es und denke, das ist mir hier gelungen. So, und nun habe ich hier massenhaft Leser. Da kann ich nur auf meine bisherigen Artikel verweisen, die entsprechend unbekannte Nachrichten bearbeitet haben. Abgesehen davon: ist hier irgendwo etwas Voyeuristisches im Artikel?
F: Der junge Mann war sich der Gefahr bewußt.
A: Soll das heißen: richtig so, daß er verunglückt ist?
F: Der junge Mann war damit einverstanden, daß sein Auftritt medial aufgearbeitet wird.
A: Ja, aber nicht mit dem Unfall. Sonst wäre er ja angetreten, um zu verunglücken, und das kann ja wohl niemand behaupten.
F: ich bin erwachsen, ich kann selbst entscheiden, was ich sehen will, und das Video will ich sehen!
A: wenn Du so denkst, bist Du nicht erwachsen.
F: Die Welt ist nunmal pervers.
A: Ach, und da es nunmal so ist, wehren wir uns am besten gar nicht mehr dagegen…?

%d Bloggern gefällt das: