heute.de macht Werbung für die Games-Industrie im Namen der Justiz

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heute.de: mit Cyber-Brillen Verbrechen aufklären

Meine Güte, das ist nur mehr peinlich. Die Computerspiele-Industrie macht sowieso schon einen Hype um diese Brille, die letztendlich nichts anderes tut, als die seit Jahrzehnten bekannte 3D-Technik a) per Brille ganz nahe an den Kopf zu bringen und b) diese Brille als Blickwinkel-Steuerung zu nutzen. Also Dein Kopf als Joystick mit Bildschirm sozusagen.

Wenn dann die Gamer-Kids aus dem Häuschen sind, ist das nichts Besonderes. Es gibt so eine Zeitspanne im Leben, die junge Burschen nach dem ersten Samenerguß zunächst befriedigt, aber mit offenen Fragen hinterlässt: ich kann Sex machen, aber wie mache ich den jetzt mit einer Frau? Da die Antwort auf diese Frage nicht so leicht gefunden werden kann, entsteht natürlich eine Menge Frust, und der wird in besonders harten Fällen ausschliesslich mit Computerspielen kompensiert. Da eröffnet so eine Virtual-Reality-Brille natürlich ganz neue Möglichkeiten.

Nichts Weltbewegendes also: da wird nun zum tausendsten Mal versucht, die nächste Killer-Hardware an den Mann zu bringen. Kennen wir alles schon. Gähn.

Doch wenn dann die heute-Sendung auf diesen Hype aufspringt, frage ich mich, warum dieses Nachrichtenformat staatlich gefördert wird. Es ist ja schon offensichtlich peinlich, wenn die Uni Zürich versucht, der Gamer-Hardware einen seriösen Anstrich zu verpassen. Dass sich aber ein staatlich gefördertes Medium zum verlängerten Arm der Industrie macht und die hanebüchen formulierte Werbung 1:1 übernimmt, geht einfach mal gar nicht.

Keine Fragen dazu, wer die Uni Zürich in dieser Sache finanziert. Keine Fragen zur Praktikabilität. Keine Fragen zu technischer Manipulierbarkeit. Aber was das Wichtigste ist: keine Frage nach dem großen Vorteil. Welchen Unterschied macht es denn nun, ob ich diese Brille aufhabe oder ob ich auf einen Bildschirm schaue? Das ist doch völlig wurscht. Diese Brille mag in Spielen einen Kick bringen, weil sie das Geschehen näher bringt und eine gewisse Intuitivität in die Steuerung bringt. Aber ein Richter hat ja kein Spielziel in einem Verfahren, auch braucht er keinen Kick, im Gegenteil: er soll so sachlich wie irgend möglich die Faktenlage beurteilen.

Doch nichts davon bei heute.de. Schlimm, sowas.

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Flogging Facebook #1: Fernsehen in Fiesbaden

Manchmal postest du Zeug auf Facebook, das du besser in deinem Blog verbrochen hättest. Deshalb hier nochmal der alte Facebook-Käse der letzten zwei Tage, bereinigt von Handy-Tippfehlern und zusammengeklebt. Die volle Mogelpackung also, aber wers noch nicht gelesen hat… bitteschön:

Fernsehen I:

Was macht man im Hotel, wenn man keinen Bock hat, noch auszugehen? Richtig, fernsehen. Und jetzt sehe ich, dass sich Vox zu einem Unterschichtsender entwickelt hat. Aber da ich nix besseres zu tun habe (auf das Seminar morgen vorbereiten? Muhahahahahaaaaaa… Pffffffff), schaue ich gebannt auf Millionärin Svetlanas aufgespritzte Lippen, während sie dem Makler eine Luxusvilla nach der anderen ausschlägt. Ich werde blöde dabei und stelle mir vor, was ich alles mit 650 qm auf Mallorca anstellen würde. Throw away your television. Nur geht das hier nicht. Weil das Gerät festgeschraubt ist. Kann mir jemand einen Schraubenzieher vorbeibringen, damit ich das blöde Ding verschieben kann? Ach und eine Lautstärkesperre hat das Ding auch. Na gut. Ist ja nur bis morgen. Ich halte Euch auf dem Laufenden, lasse Euch nicht im Stich. Verlasst Euch drauf. Ehrlich.

Fernsehen II:

Sat1 bringt Braveheart. Der Film läuft gerade mal eine Viertelstunde und mitten in die Szene, in der der kleine William W. seinen Vater beerdigt, poppt eine knallbunte Werbeeinblendung, die fast den halben Bildschirm einnimmt. Was Scharen von Medienpessimisten in akribischer Aufklärungsarbeit über Jahre nicht geschafft haben, schafft Sat1 ohne Mühe – wenn auch unbeabsichtigt: dem Zuschauer wird klar, dass dieses Medium eine Werbesendung mit Filmeinblendungen ist. Das irgendwie auszublenden, geht gar nicht. Da sind Profis am Werk, die dafür bezahlt werden, den Zuschauer davon abzuhalten, auch nur annähernd in so etwas wie eine Story einzutauchen. Ich und das Fernsehen… Nachdem ich mich in der Post-Adoleszenz von einer typischen Fernseh-Jugend verabschiedet hatte, dachte ich, das könne mit einigem Abstand wieder etwas werden. Aber da müsste mich jemand bezahlen, so schlecht ist das inzwischen geworden. Dont have Sex with your ex und: Fernsehen fickt Deine Seele.

Fernsehen III:

ist eigentlich Fernsehen II reloaded. Die nunmehr dritte Werbepause (es ist schon nach 22.00 Uhr) macht mir klar: das schaffst du heute nicht mehr, das geht bis Mitternacht oder länger. Klar, jetzt sagt jeder: der fängt nach Jahren wieder mit dem Fernsehen an, das mit dem Auseinanderziehen durch Werbung fällt dem natürlich auf als quasi-Neuling. Und ich sage: bewahre den Neuling in dir. Weigere dich, die subtilen Botschaften der Industrie als notwendig hinzunehmen. Du brauchst kein neues Handy. Du brauchst keinen Konsum. Das sind nicht die Droiden, nach denen du auf der Suche bist. Weiterfahren. Weiterfahren!

 

Armstrong und die elf Freunde

Ich überfliege bei tagesschau.de (zu 50 % Propaganda) seit Tagen die Beichte des gefallenen Radsport-Engels Armstrong.

Ist doch Boulevard, denke ich. Ein Sportler, der beschissen hat und sich jetzt ausheult. Und dann, natürlich, kommt mir in den Sinn: klar, Radsport ist nicht nur das Steckenpferd erfolgloser Polit-Langweiler, sondern sein professioneller Ableger gilt auch als Werbe-Zugpferd der Freizeit-Sportindustrie und ist natürlich ein Wirtschaftsfaktor.

Deshalb macht uns die Tagesschau weis, die öffentliche Behandlung des Themas Armstrong bzw. Doping sei natürlich nicht nur Boulevard.

Da habe ich aber meine Zweifel. Wie war das noch?

Der Sieger der Tour de France wird zum Helden hochsterilisiert, sein Sieg gilt als Ergebnis harter Arbeit und eisernen Willens.

Was soll das? Wer glaubt das noch?

In einem derart durchkommerzialisierten Sport kann es gar keine Helden im genannten Sinne geben, denn Millionen andere haben ebenfalls einen eisernen Willen und arbeiten hart. Letztendlich setzt sich dann derjenige durch, der beides hat und dann noch betrügt. Also die 100 Punkte plus 1 und jetzt beginne ich auch, zu verstehen, was Alonso meinte, als er sagte: „Ich habe 150 Prozent gegeben“. Das ist nicht etwa Sportler-Dummheit, das ist Sportler-Philosophie. Sozusagen.

Bei vielen kommt die Sache mit dem Doping nicht raus, aber wenn es dann doch passiert, beschäftigen die Leute sich noch lieber mit der romantischen Story vom gefallenen Sünder, der zur Beichte (bei Oprah ohne Beichtgeheimnis) rennt und ab jetzt völlig integer lebt, anstatt das sie zur Abwechslung mal das kommerzielle Sportsystem in Frage stellen.

Die Ursache ist doch völlig klar: wo Millionen fließen, bleiben Menschen nicht ehrlich. Ich sehe das doch bei meinem Alt-Herren-Kick, wo es um nichts, rein gar nichts geht und wo es trotzdem ein oder zwei Idioten gibt, die scheisse spielen, aber toll grätschen.

Und die große Erkenntnis ist: die Spielklasse sagt nichts über den Verbreitungsgrad an Idiotie aus, eher im Gegenteil. Je höher die Klasse, desto mehr Geld, desto mehr Versuchung, desto mehr Leute, die der Versuchung anheim fallen, zu bescheissen, zu foulen, zu dopen.

Seltsam. Vor Jahren, als wir nach dem Kick zu viert noch eine Runde Risiko spielen gegangen sind, hat doch tatsächlich einer von denen beschissen. Nicht nur ich habe das gesehen. Der hat sich immer seine Armeen rausgelegt und dann, wenn er sich unbeobachtet gefühlt hat, eine oder zwei „heimlich“ dazugenommen. Jochen zu ihm so: „du machsch des aber scho ehrlich, oder?“. Und er so: „jaja, klar.“

Komisch, genauso hat der auch Fussball gespielt. Nix gebracht, keine guten Aktionen, Tore Fehlanzeige. Was bleibt dem dann übrig? Foulen. Dachte er zumindest. Er hätte ja auch denken können: „gut, ich kann nicht überragend, aber anständig spielen. Ich kann hier mit den Jungs Spass haben. Gute Flanken verteilen, mannschaftsdienlich spielen oder wenigstens etwas für meine Fitness tun. Ich kann fair spielen.“. Hat er aber nicht. Er hat das bisschen Applaus, das er nach einer gelungenen Grätsche von hinten von einigen bekommen hat, einfach eher gebraucht. Dieses kleine bisschen eingebildeter Einzigartigheit, denn Applaus steht für nichts anderes. Selbst, wenn es einzigartige Blödheit und Fahrlässigkeit ist.

Fahrlässigkeit? Feyd, übertreibst du schon wieder? Ein bisschen Dreck am Kittel schadet nicht.

Nur dass es manchmal nicht bei „etwas Dreck am Kittel“ geblieben ist. Nicht nur einmal habe ich bei Freizeit-Turnieren den Krankenwagen kommen sehen.

Da fragt man sich: „was soll das? Wie blöde können Menschen sein?“. Vor allem: jemanden wegzugrätschen sagt nichts über den Erfolg aus, nichts. Beispiel ich: natürlich habe ich zurückgegrätscht, -gedrückt, -geschoben, wenn das jemand bei mir überstrapaziert hat. Aber die meiste Zeit bin ich denen aus dem Weg gegangen und habe entweder Tore gemacht oder vorbereitet. Und zwar nicht trotzdem, sondern gerade deswegen. Wer seine Energie ins Foulen und Bescheissen investiert, hat weniger übrig für gutes Spiel. Also einmal ganz langsam für die Dummen dieser Welt:

1. Erfolg und Fairness schliessen einander nicht aus.

2. Fairness ist wichtiger als Erfolg, denn: herbeibeschissener Erfolg bedeutet: 1 Punkt. Fairer Misserfolg: 2 Punkte. Fairer Erfolg: 2 Punkte und der Schönheitspreis.

Wie? Schönheitspreis? Ja, spielt der denn nicht, um zu gewinnen?

Scheisse, Leute. Ich sage es nochmal: ich habe oft genug gewonnen und kann heute noch ganz ordentlich mithalten. Aber dieser bescheuerte Sieger-Pathos, der meistens noch nicht einmal zum Erfolg führt, dieses „ich behaupte, ich spielte nur, um zu gewinnen, also bin ich ein Gewinner-Typ“ – dieses Zelebrieren von Sekundär-Erfolg ohne Primär-Erfolg, das kotzt mich so dermassen an, dass ich inzwischen kaum noch zum Kicken gehe.

Es gibt einfach zu viele Idioten dort.

Und deshalb sage ich zum Fall Armstrong:

Scheiss auf seine Beichte. Wieviel Kohle kriegt der alleine von Oprah dafür?

Scheiss auf den kommerziellen Sport. Elf Freunde sollt ihr sein, aber beim Geld hört die Freundschaft auf. Wo Kommerz, da Beschiss. Das wissen wir spätestens seit dem Bankencrash.

Scheiss im besonderen auf den kommerziellen Radsport. Dafür hat sich niemand früher interessiert. Dann kam (dopend, natürlich) Jan Ullrich aufs Siegertreppchen und plötzlich spielten überall in Deutschland erwachsene Männer Jan Ullrich, so wie kleine Mädchen Barbie spielen. Projektion des unterentwickelten Ichs auf den Fetisch. Das geht natürlich nur, wenn man Werbung für die Telekom macht, und deshalb verkleideten sie sich in bunte Shirts und Hosen mit Werbeaufdruck. Sehr schön auch die aerodynamischen Fahrradhelme, die ja den Luftwiderstand verringern und somit noch mal 1 oder 2 Prozent herausholen bei Gernod Kanupke aus Eisenhüttenstadt. Und damit sind wir wieder bei den Prozenten angelangt. Der Fahrradschlauch schliesst sich. Deshalb soll es für heute genug der Lästerei sein.

Feyd, bist du mürrisch und verbittert?

Nein. Ich fahre in schlabberigen Hosen Fahrrad durch die Natur und ich nehme sie – und nicht einen Fahrrad-Tacho oder eine Stoppuhr wahr. Und ein wenig untertrieben habe ich auch: ich kicke doch zumindest im Sommer noch ganz gerne rum, und falls es jemanden interessiert: total erfolgreich, wir haben jede Menge Spaß und die Übersteiger-Pirhouette gelingt auch heute noch, zumindest bei jedem 3. Anlauf. Aber das beste ist die 3. Halbzeit, wo man dann in einer Runde zusammensitzt, bei der sich jeder noch in die Augen schauen kann.

Lady Gaga, Michael Jackson und die Beatles bei McDonalds

Guten Tag Herr B.

Guten Tag.

Es heißt, Sie lehnten Casting-Shows ab.

Richtig oder genauer: ich nehme sie nicht ernst.

Warum?

Weil eine Casting Show nicht geeignet ist, Künstler zu entdecken.

Die Shows werden von Millionen verfolgt, die Finals sind regelmäßige Highlights im Fernsehen. Die Gewinner, ja sogar die ausgeschiedenen Finalisten werden zu Stars, die Juroren sind allgemein anerkannt. Dennoch halten Sie die Beteiligten nicht für Künstler. Erläutern Sie.

Nichts von alledem, was Sie sagen, ist ein Argument dafür, daß es sich hierbei um Kunst handelt. Sie reden von einem Markt – das ist was anderes.

Wo ist der Unterschied?

Ein Markt ist steuerbar. Gute Kunst lebt von der Überraschung.

Oha. Und das von Ihnen, der Sie sagen, Märkte hätten die Eigenschaft, sich zu verselbständigen.

Das tun sie auch, was die Verantwortung für die Gesellschaft angeht. Porsche, Daimler, Bosch, Microsoft – die interessieren sich nicht dafür, welchen Platz sie in der Gesellschaft einnehmen und was für soziale Impulse sie auf die Gesellschaft ausüben. Sie interessieren sich nur für ihre Position im Markt aus Sicht des Marktes. Und da sind sie in hohem Maße in der Lage, den Markt zu steuern. Werbung spielt eine enorme Rolle dabei. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten, seine Monopolstellung zu sichern bzw. auszubauen.

Ist dies bei der Musik überhaupt möglich?

Die Musik ist dafür sogar prädestiniert. Weil sie aus genügend Idealisten besteht, beiderseits des Musikmarktes. D.h.: Sowohl Musikschaffende als auch Konsumenten sind auf der Suche nach dem idealen Lied. Das kann blind machen.

Wie meinen Sie das?

Man stellt sich vor einen Haufen Leute und singt ihnen ein Liebeslied. Nicht alle, aber viele werden nach einer Weile verträumt dastehen und die Paare werden Händchen halten und sich küssen.

Was ist schlimm daran?

Nichts. Allerdings ist es möglich, daß das Lied nicht ernstgemeint ist. Daß es aus einer Aneinanderreihung aus archetypischen Textbausteinen besteht. „ewiglich – lieb´ ich Dich“ usw.

Und selbst, wenn: was ist so schlimm daran, in Klischees zu versinken?

Nichts. Es ist nur schade, daß diese Aneinanderreihung von Klischees zum Nonplusultra gemacht wird. Leuten wie Dieter Bohlen, die seit Jahrzenten nur seichte Diskomucke produzieren, wird ein Expertenstatus zuerkannt, weil sie sich so benehmen, als wären sie der Dorfschulmeister. Man muß sich das mal vorstellen: da genießt es ein Mittvierziger, Jugendliche vor der ganzen Nation mit mehr oder minder prolligen Kneipensprüchen niederzumachen. Und keiner spricht darüber, was er macht, im Gegenteil: man lacht diese armen Kinder aus und schiebt ihnen selbst die Schuld in die Schuhe. Sie hätten ja zuhause bleiben können.

Hätten sie doch auch. Wer hat sie gezwungen, sich bei Bohlen zu bewerben?

Mit der Waffe niemand. Aber wollen Sie den Druck, den Medien auf Jugendliche aufbauen, leugnen?

Nein, aber wie ließe sich das staatlich regeln?

Gar nicht und es ist auch nicht die Aufgabe des Staates. Es ist auch nicht „die“ Aufgabe eines anderen Teiles der Gesellschaft. Mich wundert lediglich die völlige Kritiklosigkeit, mit der Bohlens Eskapaden in den Adelsstand gehoben werden. Bohlen kann halt geschickt Platten verkaufen, das ist aber auch alles. Er ist sich auf der anderen Seite aber auch für nichts zu schade. Das kann durchaus mal nach hinten losgehen und dann hat er sichs übel verscherzt.

Da widersprechen Sie sich aber. Einerseits sagen Sie, Bohlen habe die Macht, die Menschen und den Markt zu manipulieren, andererseits sei er von ihnen derart abhängig, daß er völlig im Abseits landen könnte.

Das ist kein Widerspruch. Die Macht, mit der er hantiert, ist letztlich unkontrollierbar. Wenn er gewisse Strömungen im Musik-Konsum-Markt im Moment nutzt, ist das vielleicht vorteilhaft für ihn, aber er zahlt auch einen hohen Preis. Er baut das Image eines Alleinherrschers auf. Das funktioniert nur solange, wie er König ist. Aber Könige werden gestürzt, und je grausamer sie geherrscht haben, desto grausamer ist die Rache des Volkes.

Herr Braybrook, Sie übertreiben. Zwischen Ludwig dem XIV. und Dieter Bohlen besteht ja wohl noch ein Unterschied.

Im Prinzip nicht, nein. Ich spreche ja auch nur im übertragenden Sinne von Bohlen als einem König. Aber wenn Sie diesen Vergleich für übertrieben halten, dann nehmen sie doch Michael Jackson zum Vergleich. Er wurde (zurecht) in den Himmel gehoben, ist dann Mitte der Neunziger tief gefallen und hat sich Zeit seines Lebens nie davon erholt. Als er dann plötzlich gestorben ist, wurde er gottgleich verehrt.

Da bin ich jetzt aber mal gespannt, was davon Sie für gerechtfertig halten.

Nichts von alledem. Jackson war zurecht als Sänger und Tänzer gefeiert, aber er wurde auch immens gehyped. Seine Songs hat er auch nicht geschrieben. So viel zur ersten Epoche. Der Skandal mit dem Kindesmißbrauch war ebenfalls völlig übertrieben…

Halten Sie die Empörung über seinen Mißbrauch Minderjähriger für übertrieben?

Es ist bis heute nicht erwiesen, daß er es getan hätte. Man hatte sich außergerichtlich geeinigt.

Halten Sie ihn für unschuldig?

Nein.

Sie verstricken sich in Widersprüche, Herr Braybrook. War Jackson schuldig oder nicht?

Was weiß denn ich, ob er schuldig war? Bin ich Richter? Bin ich Augenzeuge? Die Öffentlichkeit überschätzt ihre Rolle, das ist ihr permanentes Problem. Man trägt Berichte aus allen möglichen Medien zusammen und glaubt, daraus ein Urteil bilden zu können und zu dürfen. Mein Standpunkt ist: ich kann nichts zu den Vorwürfen gegenüber Jackson sagen. Leider meinen Millionen von Menschen, dies tun zu müssen, und das heizt den Hype ebenfalls an. Illustrierte leben von dieser Gier nach Sensationen. Und wenn es keine gibt, erfindet man eben welche. Überschriften mit Fragezeichen usw. – sowas sollte man nicht lesen, das ist unseriös. Also: die Rolle der Öffentlichkeit in Epoche 2 war ebenfalls übertrieben.

Und Epoche 3 nicht minder, schätze ich.

Richtig. Jackson starb unerwartet und auf einmal war alles vergeben und vergessen. Jackson wurde kanonisiert, verkaufte Platten wie seit 2 Jahrzehnten nicht mehr. Dabei waren die Aufnahmen auch nicht besser geworden in der Zeit – wenn auch nicht schlechter.

Sie waren grandios. „Beat it“ ist ein Knaller.

Das war Beat it die 15 Jahre davor auch. Und selbst, wenn beim Prozeß in den 90ern rausgekommen wäre, daß Jackson ein Pädophiler ist: Beat it wäre auch weiterhin eine Granate. Verstehen Sie nicht? Hype, Image und Musik muß man trennen können.

Kann man das überhaupt? Macht nicht gerade diese Melange die Popmusik so interessant? Sie behaupten doch immer von sich selbst, Konstruktivist zu sein. Na bitte: die größten Konstruktivisten, die Kinder und Jugendlichen, fahren auf Pop ab.

Erzählen sie mir nicht, daß das in der sogenannten U-Musik nicht auch der Fall wäre. Und was den Konstruktivismus angeht: seine größte Schwäche ist die, daß man ihn zur Rechtfertigung des Positivismus heranziehen kann. Nach dem Motto: was ist, ist gut so.

Herr Braybrook, Sie sind eine Spaßbremse. Finden sie Lady Gaga nicht auch sexy?

Ich habe sie mir bisher unter diesem Gesichtspunkt noch nicht angeschaut. Ihre Musikvideos jedenfalls haben mich noch nicht davon überzeugt, daß sie so etwas wie eine Königin ist. Noch nicht mal eine der Popmusik.

Sie machen Späße. Wo schauen Sie denn hin? Versuchen Sie , ihr ethisches Bewußtsein zu entdecken, während sie mit ihrem knackigen Po wackelt?

Sie ordinärer Sack, Sie. Doch, natürlich sieht man ihren Arsch. Da ist ja fast nichts anderes als ihr Arsch in ihren Videos.

Sonst entdecken sie nichts?

Doch, ihre Titten und die Ärsche ihrer Mittänzerinnen, die im Übrigen weitaus knackiger sind als ihr eigener.

Jetzt sind sie ordinär. Also scheint Sie ja doch etwas dazu bewogen haben, hinzusehen.

Natürlich sehe ich hin. Ist doch klar. Wenn mir eine den Hintern hinstreckt, schaue ich hin. Aber ich schaue nicht gezielt nach Lady Gaga. Und schon gar nicht interessiere ich mich für ihre Musik. Sie ist einfach belanglos.

Was ist mit den Beatles? Als John Lennon erschossen worden ist, haben Sie doch auch Nachrichten geschaut, Beatles-Musik gehört. Und war es nicht auch so, daß kurz nach dem 08.12.1980 Lennons Platte die Charts der halben Welt angeführt hat? Sie sind Beatles-Fan und ich behaupte, daß Sie jetzt den Hype bei den Beatles natürlich für gerechtfertigt halten – weil deren Musik ja gut war. Aber ist das nicht exakt die Begründung, die ein Jackson- oder Gaga-Fan für seine Blindheit geben würde?

Zunächst mal war ich noch ein Kind, als Lennon erschossen wurde. Da darf man ruhig ein wenig spinnen. Und außerdem halte ich auch den Hype der Beatles für nervig.

Die Musik der Beatles war also auch gehyped?

Schon, klar. Aber ein paar Platten und Songs waren derart gut, daß sie auch Jahrzehnte nach dem Hype noch alle Menschen begeistern. Wenn etwas derart Bestand hat, kann man es nicht mit dem Hype allein erklären. Gehypte Stars verschwinden irgendwann in der Versenkung. Deshalb ist Jacksons Musik auch nie wirklich weg gewesen. Sie war einfach gut, Hype hin oder her. Das Gleiche gilt für die Musik der Beatles oder jene von Pink Floyd.

Nix Neues dabei?

Im Gegenteil. Arcade Fire, Radiohead, dEUS. Es gibt immer wieder gutes neues Zeug. Und das darf dann auch gerne gehyped werden.

Zurück zu Bohlen.

Bitte nicht. Der hatte schon genug Aufmerksamkeit.

Also gut: sie haben gesagt, bei den Beatles sei es die Musik gewesen. Wie haben sie sie kennengelernt.

Mein älterer Bruder hat sie dauernd gehört.

Ist das kein Hype, nur weil er nicht von den Medien inszeniert ist?

Doch, Sie haben recht. Das Wort des großen Bruders hat manchmal mehr Gewicht als das der Eltern. Was der cool findet, findet man auch cool. Ein weiterer Punkt ist dann natürlich die Dauerberieselung. Vielleicht bin ich auch vom Hype beeinflußt. Aber selbst, wenn es alle anderen Milliarden Fans auch gewesen wären – wieso wachsen immer wieder neue Generationen heran?

Sie alter Beatles-Fan.

Für den Status eines Fans bin ich zu alt. Aber nehmen sie Bach. Oder Beethoven. Es gibt einfach eine Art, Musik zu machen. Manche beherrschen diese Art nicht nur meisterhaft, sie sind darüber hinaus auch in der Lage, etwas Neues zu schaffen. Das Genie fällt aus dem Rahmen, gerade weil es ihn beherrscht. Und wenn dann der Rest der Welt kapiert, daß das funktioniert, akzeptiert er den neuen Rahmen. Bohlen hat nie den Rahmen verlassen, nie etwas Neues geschaffen. Er hat Etabliertes gut vermarktet und nichts weiter. Dazu muß man nicht Musik machen. Das kann man auch bestens mit Aktien.

Warum macht er es dann nicht?

Weil er den Musikern etwas voraus hat.

Ich bin gespannt, was das ist.

Es ist der Geschäftssinn. Der ist bei ihm ungemein ausgeprägt. Irgendwie hat er früher mal Fuß in der Musikindustrie gefaßt. Seine Musikalität war beschränkt. Aber dank seines Geschäftssinnes hat er sich mangels Konkurrenz schnell so viel Freiraum verschafft, daß er bald machen konnte, was er wollte. Denkt er zumindest.

Ich nehme an, sie erklären mir gleich, warum er eben nicht machen kann, was er will.

Er ist für musikalisch Verarmte up to date, aber das richtig gute Zeug, den heißen Scheiß, den sich die Kids auf dem Pausenhof zeigen – sowas wird er nie hinkriegen. Er begründet nichts, sondern kopiert, reproduziert. Das hat schon fast etwas von Persiflage.

Muß denn jeder Musiker etwas Neues erfinden? Was war denn an Queen in den 80ern originell?

Der Stil vielleicht weniger, aber da waren immer noch gute Melodien. Erinnern Sie sich an „Save me tonight“, den ersten „Hit“ des ersten „Superstars“ Alexander Klaws? War das nicht schrecklich? Zwischen diesem Lied und „Radio Gaga“ liegen Welten, obwohl sie beide nicht das Rad der Musik neu erfinden.

Stört es Sie, daß Millionen Menschen Bohlens Musik kaufen?

Nein. Es stört mich, daß Millionen Menschen Bohlen für gut halten und als Begründung dafür angeben, da müsse ja Talent sein, wenn einer so viel Platten verkauft. Vielleicht halten ihn manche sogar für ein Genie. Das ist mir zu platt. Er ist ein verdammt guter Verkäufer, sonst nichts. Musik ist etwas, das er so ein wenig nebenher kann, aber genau das wird in den Mittelpunkt gerückt. Bohlen, der Musiker; Bohlen der Produzent. Käse. Bohlen ist vor allem ein Monopolist und hat eine Riesen-Klappe. Allein dafür gehört ihm schon mal der Bart gestutzt.

Herr Braybrook, wie ist das, wenn man so viel nachdenkt, bevor man einfach abtanzt? Bevor man analysiert hat, wie ernst der Interpret das meint oder ob das, was er tut, berechtigt ist, ist der Song vorbei. In der Pop-Welt ist nach dreieinhalb Minuten Schluß.

Sie irren sich. Bei mir geht es auch nicht länger als ein paar Sekunden, bis mir ein Lied gefällt. Aber manchmal beginnt eines vielversprechend und nach der ersten mittelmäßigen Strophe kommt ein dünner Refrain. Dann höre ich auf zuzuhören oder zu tanzen.

Warum haken sie das dann nicht einfach ab? Hat ein schlechter Song eine tiefgreifende Analyse verdient?

Nein, aber wenn da einer seit Jahrzehnten mein Gehör quält und den Sockel, auf den ihn eine Armee von Anspruchslosen gehoben haben, dazu nutzt, narzisstische Hymnen auf sich selbst und Schmähreden gegen arme fehlgeleitete Kinder abzulassen, muß ich doch wenigstens in meinem Blog etwas dazu sagen, oder nicht?

Wie schlecht ist Ihr Menschenbild wirklich? Ein Narziß, eine Armee von Anspruchslosen, fehlgeleitete Kinder … gibt es auch Gutes auf dieser Welt?

Natürlich. Z.B. die Beatles. Oder etwas moderner eben Arcade Fire. Beirut. Es gibt massenhaft gute Musik auf dieser Welt. Man kann sich gar nicht durchhören, selbst wenn man Zeit gewinnt, indem man Trash wie DSDS aus seinem Leben bannt.

Herr Braybrook, jeder braucht Trash. Welche Sorte bevorzugen Sie?

Alte Computerspiele-Rezensionen. Fast-Food. Alte Buchhaltungs-Bücher, von Hand geführt. Das ist zu nichts mehr nutze, hat auch keinen antiquarischen Wert, aber ich finde es äußerst spannend, so etwas durchzublättern. Nur ist das mein Trash. Den habe ich mir selbst ausgesucht und wenn ich lange genug überlege, kann ich sogar das eine oder andere zur Frage äußern, warum es mich fasziniert. Z.B. kann man bei Computerspiele-Rezensionen ganz schnell bei der Frage landen, wie sich die Technik verändert hat. Und wenn man ein wenig weiterdenkt, fällt einem auf, daß sich bestimmte Dinge überhaupt nicht verändert haben: es gab schon immer Spiele mit guter Aufmachung, aber schlechter Spielidee und umgekehrt. Manchmal gabs sogar beides. Was noch viel interessanter ist: die Reaktion der Presse darauf ist auch heute noch ganz ähnlich. Es gab Publikationen wie die Happy Computer, aber auch die ASM. Letztere kam bei weitem nicht an die Qualität der Markt&Technik-Publikation heran. Fast so wie die Computerspiele-BILD. Es ist also mein selbstgewählter Trash, der nur auf den ersten Blick als Marotte dasteht und sich bei näherer Betrachtung als Fundgrube meiner inneren Überzeugungen offenbart. Naja, nicht ganz: zumindest Fast-Food ist für jeden da und sagt nichts über mich aus. Vielleicht könnten wir nach 2 Stunden Gespräch über das Thema Fast-Food etwas über mich herausfinden, aber in diesem Fall bleibe ich doch lieber bei an der Oberfläche. Also: über Fast-Food spricht man nicht, man konsumiert es.

Herr Braybrook, darf ich Sie auf eine Runde Chicken McNuggets einladen?

Och, bitte kein McDonalds. Lieber Burger King.

Sie sind ja ein richtiger Rebell.

Quatschen Sie nicht. Gehen wir los, ich habe Hunger.

Na gut. Und los!

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