Ich so in der Bahn

Ich so in der Bahn.

Dann zwei ca. 10-Jährige offensichtlich türkische Jungs setzen sich rechts von mir in die Sitzkaskade.

Plötzlich zwei Security-Typen sich voll aufgebaut vor den Jungs. Der eine so: „Ihr wißt aber schon, daß man nicht über die Gleise rüber darf, oder?“.
Die Jungs so am schrumpfen und einer sagt voll leise: „ja…“.
Dann, der Typ wieder: „das kostet normalerweise 35 €. Pro Person“.
Die Jungs betreten am Schweigen, die Athmo am Abkacken.

Dann setzt er noch einen drauf: „und nen Fahrschein habt Ihr wahrscheinlich auch nicht, oder?“

Die Jungs haben aber einen.

Dann er so die Frage, wann se aussteigen wollen.

Sie natürlich gleich bei der nächsten Station.

Die sind also weg und ein Mädchen ca. 10 fragt die beiden: „wird man angezeigt, wenn man über die Gleise geht?“.

und der andere so: „ja-haaa!“
Also nicht: „ja“, sondern so richtig am Ende mit den Ton angehoben: „ja-haaaaaaa“ (Ton rauf).

Und dann der eine zum anderen, so, daß es die Kleine hören kann: „..däne sollt mr gehörig dr Arsch frsohla“.

Und ich so nicht mehr an mich halten können und sagen: „und wenn man Kindern den Arsch versohlt, wird man auch angezeigt“.

Und der andere sich bestätigt fühlt und so: „genau, dann wird man auch noch angezeigt“.

Und ich so zu mir selber: „mein Gott, wie dumm kann man eigentlich sein?“.

Und jetzt so bernhard Bueb: „Disziplin, Disziplön, Diszi..pl…“

Jugendlichen „Respekt“ beibringen…

tagesschau.de: Wieder weniger Ausbildungsplätze, schlechtere Qualifikation.

Und schon liest man Meinungen beim Thema, die kulturpessimistisch die Schuld bei der mangelnden Forderung nach „Leistung“ suchen. So, als würden Jugendliche nichts leisten, weil sie von niemandem dazu erzogen werden…

Es heißt, da müßten Lehrer her, die den Jugendlichen „wieder etwas mehr Respekt“ beibringen würden. Aha. Fragt sich nur, warum ein Jugendlicher, der in der heutigen Zeit aufwächst, der Forderung nach „Respekt“ (damit ist meistens Unterwürfigkeit gemeint) nachkommen sollte, wenn ihm als Vertreter der meistgescholtenen Generation nach jener der Hitler-Dikatatur gegenüber keinerlei Respekt entgegenbegracht wird.

Die Probleme werden nicht mir Kasernenhofpädagogik zu lösen sein. Auch glaube ich nicht, daß in der Schule der Leistungsgedanke zu kurz kommt, im Gegenteil: das einzige, was zählt, ist Leistung. Und zwar eine Vorstellung von Leistung, die in ihrer Selbstverständlichkeit der Prämissen („fürs Leben lernen“, Berufsqualifikation, Noten als Indikator für Leistung) den Bezug zur Lebenswelt der Jugendlichen verloren hat.

Nicht, daß ich gegen Werte wäre. Aber warum sollten jugendliche nach Werten streben, wenn dies die Erwachsenen ebenfalls nicht tun? Damit meine ich nicht die Außenseiter unserer Gesellschaft, die gerne als falsche Vorbilder genannt werden.

Ich meine die erfolgreichen Asis, Menschen, die sich verhalten, als könnten sie das Wort „Respekt“ nicht buchstabieren, die aber aufgrund ihrer durch Geld belohnten „Leistung“ zumindest funktional vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sind. Ich meine Menschen wie Dieter Bohlen, der das Wort „Prolet“ auf eine neue Stufe gehoben hat. Oder Stefan Raab, der den Humor in Deutschland auf das Verarschen anderer Menschen reduziert. Ich meine den dümmlichen Fußball-Ethos (obwohl ich selbst passionierter Fußaller bin!), bei dem es nicht mehr darauf ankommt, zusammen (womöglich sogar schön) zu spielen, sondern mit allen Mitteln den Gegner wegzugrätschen. Ich meine die Banker – jeder tut so, als sei er gegen Bankenterror. Inzwischen. Aber noch ein paar Wochen vor dem September ´08 waren sie der Prototyp des erfolgreichen Staatsbürgers. WIR haben diese Leute auf den Sockel gehoben, nicht die bösen Medien oder die bösen Gangsta-Rapper.

Das bekommen die Jugendlichen vorgelebt, und zwar erfolgreich vorgelebt. Warum sollten sie sich an so was „Idiotischem“ wie „Werten“ orientieren?

Wir Erwachsenen müssen selbst wieder nach Werten streben, dann werden wir automatisch Vorbilder. Das geht aber nicht, solange wir selbst ein inhumanes System aufrecht erhalten, das Exklusion betreibt.

Dazu ein Buchtipp (mit Vorschau): „Vom Mißbrauch der Disziplin“ von Micha Brumlik (Hrsg.) Beltz 2007

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