„Integrationsverweigerer“ und „Deutschkursschwänzer“

tagesschau.de berichtet angesichts der Äußerungen Seehofers von einer statistischen Erhebung des Bundesamtes für Migration, die besagt, daß jeder fünfte Migrant den verpflichtenden Deutschkurs nicht besuche.

Überfliegt man das so, mag man an die eine oder andere Etikette denken, die Migranten hierzulande anhaften – Integrationsunwilligkeit, Kriminalität, Fanatismus gar. Sie blubbern aus dem Morast an Alltagswissen einfach so hervor, dafür kann man nichts. Die Medien haben mit voyeuristischen „Berichten“ auf RTL über ausländische Schulverweigerer oder das neuen Buch Sarrazins dafür gesorgt, daß man gar nicht anders kann, als daran zu denken. Egal, wie man dazu steht.

Was auch immer darüber gedacht wird, wie auch immer die Migration in Deutschland bewertet wird, eines scheint überall als Prämisse festzustehen: Deutschkenntnisse sollen eine zwingende Voraussetzung für Integration sein.

Darin liegt bereits inmplizit die erste Schuldzuweisung: all die vielen Migranten, die nach D kommen oder bereits hier leben und kein Deutsch sprechen, sind a priori „nicht integriert“. Und da sie selbst die einzigen sind, die Deutsch lernen können, ist dieser „Mißstand“ auch ihr eigener Fehler. Wer immer also nach Deutschland kommt und die deutsche Sprache nicht beherrscht (soll ja vorkommen…), wird also a priori schuldig gesprochen. In diesem Spiel kann man nur verlieren, denn niemand, außer diejenigen, die bereits hier aufwachsen, lernen Deutsch so, wie es die Deutschen sprechen – akzentfrei.

Dann kommt der gütige deutsche Staat her und „schenkt“ großzügigerweise den Migranten Deutschkurse, so, als wäre das etwas besonders Erstrebenswertes.

Darin zeigt sich eine extreme Form positiven Chauvinismus´: so inetwa fühlt sich eine Hausfrau, wenn sie eine neue Schürze geschenkt bekommt.

Weiter wirkt der Begriff „Schwänzer“ (ist inzwischen von der Hauptseite verschwunden, dürfte aber bald wieder auftauchen…) degradierend: erwachsene Menschen werden hier zu Schülern gemacht und die Lehrenden sind nicht etwas jene, die in den jeweiligen Kursen an der Tafel stehen, sondern die deutsche Gesellschaft.
Wie soll aus einem derartigen Statusgefälle Integration vorangebracht werden?

Und überhaupt: verordnetem Deutschunterricht liegt ein Verständnis von Integration zugrunde, das einseitig ist. Der Deutsche beherrscht seine Sprache ja bereits (was angesichts der umgangssprachlichen Gebrechen dieser Nation ja mal ein interessanter Untersuchungsgegenstand wäre…), der Migrant muß sie noch lernen. Daraus ergibt sich die Frage, wie gut jemand Deutsch sprechen können muß, bis er endlich „integriert“ ist. Meine befürchtung, die sich auf eigene Erfahrungen stützt, ist: nie. Egal, wie gut man Deutsch spricht, egal, ob man eine Arbeit hat oder gar die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, man bleibt immer anders – bestenfalls ein eingebürgerter Deutscher mit Migrationshintergrund. Will man heiraten, muß man die Einbürgerungsurkunde vorlegen, selbst, wenn man seit 20 Jahren einen deutschen Paß hat. Im Recht kommt hier symbolisch zum Ausdruck, was mir ein Mensch in Tuttlingen mal gesagt hat: „Einr fo uns wirsch du nia.“ – auf deutsch „Einer von uns wirst du nie.“.

Diese verordneten Deutschkurse werden von einem Teil der Migranten nicht wahrgenommen. Durch die Verordnung entsteht eine Pflicht, und kommt man dieser Pflicht nicht nach, ist man deviant, nur, weil man einen Sprachkurs nicht besuchen will. Diese Logik kann nur funktionieren, wenn man den Erwerb der Sprache als Indikator für Integration ansieht. Und genau das ist der Fehler: die Prämisse: „wer deutsch spricht, ist integriert“ bzw. „wer nicht deutsch spricht, ist nicht integriert / integrationsunwillig“. Wie wäre es mal, sich zu fragen, warum die Migranten daran nicht teilnehmen wollen? Könnte das vielleicht einen Grund haben?

Ich kenne massenhaft Menschen, die schlecht oder kaum Deutsch sprechen. Und keinen von ihnen würde ich als kriminell oder integrationsunwillig, faul oder gar fanatisch bezeichnen.

Dies wird nun aber immer leichter möglich sein, weil diese deutsche Gesellschaft eine Prämisse geschaffen hat, die jeden Migranten, der nach Deutschland kommt, a priori zum Delinquenten macht.

Ich sage das sehr selten, aber in dieser Sache sind uns die USA ein gutes Stück voraus: dort hat man lange schon erkannt, daß man Menschen integrieren kann, wenn man ihnen ihre Kultur läßt. Das Zauberwort heißt Wertschätzung.

3 Antworten

  1. Ich habe das Gefühl, Du bist hier ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen.

    Was auch immer darüber gedacht wird, wie auch immer die Migration in Deutschland bewertet wird, eines scheint überall als Prämisse festzustehen: Deutschkenntnisse sollen eine zwingende Voraussetzung für Integration sein Darin liegt bereits inmplizit die erste Schuldzuweisung: all die vielen Migranten, die nach D kommen oder bereits hier leben und kein Deutsch sprechen, sind a priori „nicht integriert“.

    Die Vorverurteilung würde ich so nicht herauslesen. Vielleicht ist auch gemeint, dass die Unkenntnis der Landessprache ein Sich-Einfügen in eine Gesellschaft durchaus erschweren kann?

    Dann kommt der gütige deutsche Staat her und „schenkt“ großzügigerweise den Migranten Deutschkurse, so, als wäre das etwas besonders Erstrebenswertes.

    Willst Du wirklich bestreiten, dass die Beherrschung der Landessprache einen unersetzlichen Teilprozess bei der Integration in eine Gesellschaft darstellt? Egal in welches Land ich demnächst ziehen werde (weil es hierzulande ja zugegebenermaßen immer ungemütlicher wird), das erste was ich mir nach aneignen werde, ist die Sprache. Wie sonst soll ich die Menschen um mich herum so richtig verstehen und kennenlernen können? Ich integriere mich ja nicht, wenn ich nur mit Leuten kommuniziere, die zufällig die gleiche Fremdsprache gelernt haben wie ich oder – noch praktischer – meine Muttersprache beherrschen. Gerade die alltäglichen Begegnungen, die um uns herum geschehen sind es doch, die eine Gesellschaft ausmachen und wenn ich da die Leute nicht verstehe, kann ich mich nicht eingliedern.

    Gerade neulich lernte ich einen Südafrikaner kennen, der in Europa unterwegs ist. Wir waren in einem netten Lokal, in dem eine nette französische Band aufgetreten ist, und quasselten so über seine Eindrücke von Europa. Da aber eben leider nicht alle am Tisch sonderlich gut Englisch sprachen, wurde um ihn herum immer wieder deutsch gequatscht und so entging ihm zwangsweise eine Menge der Gesellschaft um ihn herum. Auch ein Teil meiner Gesellschaft, weil er ja meine Antworten an andere Leute nicht verstand. Ich halte die Kenntnis einer Sprache schon für durchaus erstrebenswert um mich in eine Gesellschaft zu integrieren.

    Inzwischen hattest Du jedoch schon ganz schön Fahrt aufgenommen:

    Und überhaupt: verordnetem Deutschunterricht liegt ein Verständnis von Integration zugrunde, das einseitig ist. Der Deutsche beherrscht seine Sprache ja bereits (was angesichts der umgangssprachlichen Gebrechen dieser Nation ja mal ein interessanter Untersuchungsgegenstand wäre…), der Migrant muß sie noch lernen. Daraus ergibt sich die Frage, wie gut jemand Deutsch sprechen können muß, bis er endlich „integriert“ ist.

    Alle diese Zusammenhänge braust Du Dir selbst zusammen, Der (nebenbei bemerkt: winzige) Artikel der Tagesschau redet lediglich davon, dass „Jeder fünfte zur Teilnahme verpflichtete Migrant […] zunächst nicht zum Integrationskurs [erscheint] – zumeist allerdings aus guten Gründen“ und später „Viele von ihnen holten die Kurse aber zu einem späteren Zeitpunkt nach“.

    Du jedoch versteigst Dich auf die recht gewagte These dass der Grad der Sprachkenntnis ein Messinstrument für eine „gelungene Integration“ sein soll. Davon ist doch nirgends die Rede…

    Weiter:

    Im Recht kommt hier symbolisch zum Ausdruck, was mir ein Mensch in Tuttlingen mal gesagt hat: „Einr fo uns wirsch du nia.“ – auf deutsch „Einer von uns wirst du nie.“.

    Liegt hier vielleicht der Hase im Pfeffer? Fühlst Du Dich nicht integriert? Das wäre in der Tat äußerst schade. Ich hoffe, Dir noch nie das Geefühl gegeben zu haben, Du seist aufgrund Deines – oh Gott jetzt kommts: – Migrationshintergrunds irgendwie anders als … äh.. meine deutschen Freunde? Also das ist für mich sogar seltsam zu schreiben „meine deutschen Freunde“. Ich denke gar nicht in solchen Kategorien fällt mir dabei so auf. Na egal, weiter im Text:

    Ich kenne massenhaft Menschen, die schlecht oder kaum Deutsch sprechen. Und keinen von ihnen würde ich als kriminell oder integrationsunwillig, faul oder gar fanatisch bezeichnen.

    Das „massenhaft“ lassen wir einfach mal so stehen, denn der geistige Salto Mortale kommt direkt anschließend: wer nicht deutsch spricht, ist kriminell. Steht zwar nirgends, macht aber nichts, die Feinde sind ausgemacht, die Segel sind gesetzt und die Kanonen geladen: blasen wir zum Sturm!

    Dies wird nun aber immer leichter möglich sein, weil diese deutsche Gesellschaft eine Prämisse geschaffen hat, die jeden Migranten, der nach Deutschland kommt, a priori zum Delinquenten macht.

    Ein paar CDU-Spacken haben die braune Angel ausgeworfen, aber sonst? Auf keinen Fall hat „diese deutsche Gesellschaft eine Prämisse geschaffen, die jeden Migranten, der nach Deutschland kommt, a priori zum Delinquenten macht“. Das kannst Du nicht wirklich glauben! Ist es so schlimm um uns bestellt? Ich hoffe nicht. Wobei ich zugegebenermaßen (wie Du weißt) selbst langsam über ein Auswandern nachdenke. Einiges in diesem Land fühlt sich massiv unangenehm an.

    Ich sage das sehr selten, aber in dieser Sache sind uns die USA ein gutes Stück voraus: dort hat man lange schon erkannt, daß man Menschen integrieren kann, wenn man ihnen ihre Kultur läßt. Das Zauberwort heißt Wertschätzung.

    Es gibt da noch andere Zauberworte der Amerikanischen Gesellschaft: slavery, racism, ethnic riots, slums, nigger, spic, kraut.

    Borna: Kopf hoch! Wir lassen den Faschismus nur über unsere Leichen zu! Keine Angst.

    • Ich konnte heute mittag nicht so viel antworten, weil ich wenig Zeit hatte… hat sich heute abend nicht geändert, dennoch:
      tagesschau.de hat die erste Version geändert. Da stand nämlich zunächst einmal nichts von „guten Gründen“, dafür aber tatsächlich die Bezeichnung „Schwänzer“ – ich hätte einen Screenshot machen müssen… Näheres in einer meiner kommenden 5-Minuten-Pausen.

      btw: ich bin Dir für Deinen konstruktuiven Kommentar dankbar.

  2. „Vielleicht ist auch gemeint, dass die Unkenntnis der Landessprache ein Sich-Einfügen in eine Gesellschaft durchaus erschweren kann?“

    Du schwächst ja selber ab, indem Du sagst, es könne die Integration erschweren. Zum einen ist es eine negative Formulierung und dann stört mich an der allgemeinen Prämisse, daß sie als zwingende Bedingung aufgefaßt wird. Ich glaube wie Du, daß es hilfreich sein kann, aber nicht muß. Indem man es zur zwingenden Voraussetzung macht, stellt man den Grad an Integration all jener in Frage, die die Sprache nicht beherrschen.

    Ich glaube, daß verdammt viele andere Faktoren zu Desintegration beitragen und die läßt man durch die Beschränkung außer Acht.

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