Borna: nichts ist wahr

nichts ist wahr

außer das Unwahre

das Ungesehene

Unbewiesene

 

nichts ist klar

außer das Unklare

Verschwommene

Diffuse

 

nichts ist da

außer das Verschwundene

Versteckte

Verborgene

 

es schlummert

unter der Erde

vergraben

aber nicht begraben

ohne Licht

und doch erleuchtet

 

wir nehmen es nicht wahr

aber es hört uns

spürt uns

weiß von uns

 

bewegungslos

aber nicht untätig

verortet

aber ungeortet

 

grabe

nimm deine Schaufel und grabe

grabe, als müßtest du dich selbst freischaufeln

grabe um dein Leben

lege frei

was verschüttet

verloren

vergessen ist

friß Erde

friß Dreck

wühle dich durch den Untergrund

als wärst du blind

deine Augen

mißtraue ihnen

dein Wissen

mißtraue ihm

Kompetenzen

weg damit

 

tiefer

und tiefer

vergiß den Rückweg

nimm keine Leiter mit

denn was du zurückläßt

ist der Rückkehr nicht würdig

 

finde Utopia

finde Gott

und du findest

dich selbst

Emnid-Umfrage: Mehrheit gegen Stuttgart 21

tagesschau.de schreibt zu Merkels Reise in die Türkei: “keine einfache Reise“.

Dazu sage ich nur: lasst sie mal nach Stuttgart kommen, dann wird sie sehen, was eine wirklich schwierige Reise ist. Denn in der Türkei dürfte Merkel deutlich mehr Anhänger haben als bei uns in Stuttgart… hat sie doch erst diese Woche autokratisch das Thema “Stuttgart 21″ vom Wahlkampf ausgeschlossen.

Das kann sie ja machen, wenn sie meint – in der freiheitlichen Demokratie hat jeder auch das Recht auf Ignoranz, nur:

das heisst noch lange nicht, dass es das Problem Stuttgart 21 nicht gibt. Im Gegenteil: gestern waren wieder Tausende bei der Grossdemo gegen das Milliardenloch. Und je mehr dieses Problem dethematisiert wird, desto lauter werden die schreien, die von ihm betroffen sind.

 

demostuttgart

 

Und nun haben taz und kontext bei just jenem Meinungsforschungsinstitut, welches vor allem durch eine völlig überfrühte Umfrage eine vermeintliche Zustimmung der Bürger für S21 gemessen haben will, in aller Ruhe die Fakten sacken lassen und dann erneut eine Befragung in Auftrag gegeben.

Ergebnis:

knapp 54 % der Befragten lehnen den Bau von S21 ab, nur noch 39 % befürworten ihn. Die genaue Fragestellung:

„Statt 4,5 Milliarden Euro soll das Bahnprojekt Stuttgart 21 nach Angaben der Deutschen Bahn AG jetzt 6,8 Milliarden Euro kosten. Was ist Ihrer Ansicht nach sinnvoller? Der Weiterbetrieb und die Modernisierung des Kopfbahnhofs oder der Bau von Stuttgart 21?“

 

Ohne Worte.

Borna: Löwen

Löwen /Borna

ich hab genug von euch Löwen
von eurer Mähnigkeit
eurer Faulenzerei mitten am Tag
und es ist mir scheissegal, ob das wegen Afrika
und der Mittagshitze ist
oder ob ihr euch gestern sogar an Kaffernbüffel gewagt habt
huhuuuu sag ich da bloss – Kaffernbüffel…
aber ihr echten Löwen seid noch nicht mal das Problem
das Problem sind die Schemen
vor denen ich nachts weglaufe
im Traum
von einem Zimmer ins andere fliehend
Türen aufstossend
abschliessend
aufatmend
verzweifelnd
denn da steht ihr schon wieder
mit eurer Scheiss Mähne
und ihr lacht noch nicht einmal ein Muhaha unser
nix da
nicht mal schlechten Stil habt ihr
sondern die Jagd beginnt von vorn
und es ist noch nicht einmal das, was ich so an euch fürchte
es ist nicht diese Endlos-Jagd
dieses Fliehen in die Flucht
nein
es sind die wenigen Momente
in denen ich mich euch stelle
und euch in der Luft zerreisse
weil ich mehr bin als ihr
mehr als Gewalt
mehr als der tägliche Tod
in irgendeiner
Gott
verlassenen Savanne Afrikas.
Es ist das Tier in mir
vor dem ich am meisten Angst habe
und ihr könnt froh sein
das es oft genug

die Mittagshitze verschläft.

Schon wieder Entgleisung in Stuttgart: diesmal ist es eine Lok.

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Wie man auf diesem Bild erkennen kann, ist eine heute am Bahnhof Stuttgart eine Lok entgleist Mit den drei IC-Entgleisungen seit letzten Sommer sind das dann vier Entgleisungen, die glimpflich verlaufene Entgleisung des Güterzuges am Feuerbacher Bahnhof nicht mitgezählt.

Das macht dann wahrscheinlich noch mal ein paar Milliönchen mehr für die Kostenexplosion. Wir habens ja. Jetzt noch schnell eine neue Emnid-Umfrage zu S21 durchführen, bevor sich der neueste Pfusch der Bahn  bei S21 rumspricht…

Jetzt gibts zwei Möglichkeiten:

1. Die Lok ist auf einem Gleis im Zuge (sic!) der Umbauarbeiten für S21 entgleist. In dem Fall schwindet mein Verständnis auch für den letzten S21-Befürworter.

2. Die Lok ist auf einem Gleis entgleist, der im Moment nichts mit S21 zu tun hat. Dann gilt allerdings das, was für die Beinahe-Katastrophe am Bahnhof Feuerbach gilt: hätte eine Bahn, die weniger ausgelastet ist, dies verhindern können?

Ich habe das Gefühl, dass die Bahn in der Landeshauptstadt den Grossteil ihrer Energie in Stuttgart 21 steckt. Wieviel Energie bleibt da noch für die Sicherstellung eines reibungslosen Ablaufs?

Planen, das weiss jeder, der Projekte plant, planen ist mit Puffern planen. Wenn man am Limit plant und arbeitet, ist das fahrlässig, denn wie fängt man die ganzen kleinen Probleme auf, die der Alltag mit sich bringt?

Von daher ist das so oder so auf S21 zurückzuführen, zumal es vor den Bauarbeiten derartige Probleme nicht gab.

Weitere Bilder:

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Emnid-Umfrage zu S21 weder reliabel noch valide

[Update]:

nur, um es manchen Kleinscheissern Pedanten noch mal auf ganz einfache Weise verständlich zu machen: Die Frage “Für oder gegen den Weiterbau des Bhf. Stuttgart 21?” (was anderes finde ich noch nicht einmal in der N24-Präsentation des Geschäftsführers von Emnid, Klaus-Peter Schöppner selbst) führte zu folgenden Zahlen:

Bund:

Ja: 48 %

Nein: 37 %

Baden-Württemberg:

Ja: 62 %

Nein: 26 %

Das kann sich bald schon ändern, wenn nämlich extern die Kostenfrage geprüft wird (siehe unten).

Eine wirklich gute Frage wäre gewesen: “Soll S21 weitergebaut werden, wenn es sich nicht mehr rechnet?“. Kein Mensch der Welt würde diese Frage im Moment mit “Ja” beantworten, doch genau darum gehts: den Leuten wird nämlich, wie seinerzeit vor der Volksabstimmung, vorgegaukelt, S21 rechne sich immer noch. Das hat damals funktioniert, das funktioniert auch heute noch. Dass die Bahn ihre Vorstellung davon, was sich rechnet, und was nicht, hin und wieder mal nach oben korrigiert, ist manchen Menschen eben egal – der Markt, der Kapitalismus, die CDU, sie alle werdens schon irgendwie richten.

[Update 2]

morgen im Spiegel: “Rette sich, wer kann

[Update 3}

Endlich mal jemand, der gecheckt hat, dass eine Diskussion über die Medien den Falschen viel zu viel Macht gibt. Kefer und Grube wurden nun angezeigt

[Update Ende]

Diese Umfrage, im Laufe des auf das “interne Papierfolgenden Tages durchgeführt, wird von den wenigen verbliebenen Stuttgart 21 – Befürwortern aus der CDU / FDP als “Wille des Volkes” dargestellt. Wenn das mal nicht gehörig danebengeht.
Ich zitiere aus der Bibel der empirischen Sozialforschung von Peter Atteslander (“Methoden der empirischen Sozialforschung”):
“Ein Befragungsinstrument ist dann verlässlich (reliabel), wenn es so exakt misst, dass bei Wiederholungen unter gleichen Bedingungen identische Ergebnisse erzielt werden. Die Gültigkeit (Validität) betrifft die Frage, ob ein Messinstrument auch das misst, was es messen soll. Sind diese beiden Kriterien nicht erfüllt, muss von Empirismus gesprochen werden”.
Reliabilität:
die Bedingungen (höchstens) einen Tag nach dem internen Papier des Verkehrsministeriums sind ganz sicher nicht die gleichen wie 2 oder 3 Tage danach. Dauernd kommen neue Meldungen mit enormer normativer Kraft: so ist z.B. erst heute bekannt geworden, dass die Vertreter des Bundes im Aufsichtsrat der Bahn den Angaben zu den Ausstiegskosten nicht vertrauen und in Erwägung ziehen, deren tatsächliche Höhe extern prüfen zu lassen. Jetzt denkt mancher vielleicht: schön, ein weiterer Kritiker reiht sich ein, aber das verändert nicht die Grundstimmung des Volkes.
Wirklich nicht? Der Bund (O-Ton Focus) ist nicht einfach nur ein weiterer Kritiker. Er ist Projektpartner und das ist ein Novum. Zwar hat mit der grünen Landesregierung ebenfalls ein “Projektpartner” erhebliche Zweifel an der Richtigkeit von S21, jedoch ist die ehemalige CDU-Regierung der eigentliche Projektpartner gewesen. Die Grünen wurden nicht zuletzt wegen ihrer ablehnenden Haltung S21 gegenüber in die Landesregierung gewählt. Es war also klar, dass sie die Kostenexplosion als weiteres Argument gegen S21 anführen werden. Der Bund, das ist jedoch ganz klar CDU / FDP und wenn selbst deren Vertreter im Aufsichtsrat der Bahn das Projekt in Frage stellen, wird das eine Wirkung auf die Bürger Deutschlands haben.
D.h.: der Bund selbst zweifelt S21 an und wenn sich das herumgesprochen hat (und wenn die Ergebnisse der externen Prüfung vorliegen!), wird kaum mehr eine Mehrheit für S21 zu gewinnen sein. Es gilt für die Emnid-Umfrage, die einen Tag nach Bekanntwerden des “internen Papiers”  durchgeführt worden ist, also keine Reliabilität.
Validität:
in dem Artikel wird davon gesprochen, dass das Projekt “an Zustimmung” gewinne. Tatsächlich wurde aber gefragt, ob weitergebaut werden solle. Dies kann andere Gründe als Zustimmung zum Projekt haben – die verkehrspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Nicole Razavi sagt es ja selbst: offensichtlich haben die Leute Angst vor den Ausstiegskosten, die einseitig von der Bahn auf 2 Mrd. € beziffert werden. Dies wird im übrigen von den Staatssekretären im DB-Aufsichtsrat bezweifelt, weshalb, wie oben erwähnt, nun extern geprüft werden soll. Was wurde also gemessen? Die Zustimmung für S21? Die Angst der Menschen vor (in Zweifel gezogenen) Ausstiegskosten? Die Zustimmung der Baden-Württemberger oder der Bundesbürger (die ja auch noch ein Wörtchen mitzureden haben)?
Diese Umfrage ist höchst zweifelhaft und genügt keineswegs den Kriterien empirischer Sozialforschung. Man kann sie noch nicht einmal als Blitzumfrage bewerten, denn so etwas setzt einen entsprechend klar zu verstehenden Wissensstand voraus. So wäre ein Umfrage zur Atomkraft einen Tag nach dem Fukushima-Unglück durchaus ernsthaft zu bewerten, denn der Sachverhalt ist bereits nach einem Tag völlig klar. Bei der Causa Stuttgart 21 jedoch kommt jeden Tag etwas Neues ans Licht (so wie die o.g. Zweifel des Bundes an den von der Bahn bezifferten Ausstiegskosten, die Weigerung aller Projektpartner, Mehrkosten zu übernehmen, immer mehr prominenten Politikern, die öffentlich vom Glauben an S21 abfallen usw.) – das war am Dienstag, an dem die Umfrage durchgeführt worden ist, alles noch nicht publik.
So eine empiristische “Umfrage” wirkt sich enorm auf die öffentliche Meinung aus und es ist nicht nur einfach schlecht gemacht, einen derartigen Hüftschuss als definiven Volkswillen hinzustellen, es ist grob fahrlässig, denn die Folgen einer erneuten Festlegung auf den Weiterbau dieses Milliardengrabes sind jetzt schon rein finanziell kaum zu stemmen. Mal ganz abgesehen von dem Unfrieden, den dieses Prestigeobjekt und seine politischen Antreiber im Volk gestiftet hat.

Nachtrag:

Bereits die Volksabstimmung wurde auf diese Weise, das hat sich jetzt anhand der neuen Zahlen zur Kostenexplosion gezeigt, manipuliert: bei einer Umfrage gaben damals ca 43 % der Befürworter die Ausstiegskosten von 1,5 Mrd € als Grund für ihr Abstimmungsverhalten an. Weiter gab die Bahn damals an, eine Fortführung des Projektes würde den Kostendeckel von 4,53 Mrd € nicht sprengen. Tja, wie wir wissen, ist das nicht richtig. Der Deckel wurde bereits jetzt, nach zweieinhalb Jahren Bauzeit, deutlich überschritten.

Das heisst: hätten die Bürger damals gewusst, dass die Ausstiegskosten niedriger sind als die Kostensteigerung bereits anderthalb Jahre nach der Volksabstimmung, hätten sie anders entschieden.

Nun ist alles hinüber: der Kostendeckel weit überschritten, 3 IC-Entgleisungen in wenigen Monaten aufgrund der Bauarbeiten im Rahmen von S21, in der Folge ist die Bahn nicht mehr in der Lage, den Fahrplan in den Griff zu kriegen, ja, es sind noch nicht einmal genügend Kapazitäten vorhanden, so etwas wie die Beinahe-Katastrophe des im Feuerbacher Bahnhof zu verhindern.

Und immer noch gibt es Menschen, die sich Angst machen lassen von der Ausstiegskostenlüge. Wie kann man sich so verarschen lassen? Das ist wie bei kleinen Erpressern in der Schule: gib mir Geld. Gib mir noch mehr Geld. Wenn Du mir nicht noch mehr Geld gibst, wird es dir schlecht ergehen. Und dann gib mir noch mehr Geld, sonst ergeht es dir noch schlechter usw. usw.

Was macht man mit solchen Leuten?

Zur Verantwortung ziehen. Anzeigen. Aber auf keinen Fall: weiterzahlen.

Flogging Facebook #2: leck mich, ein Leck! Piratenprobleme

Gestern ich auf facebook so…:

Piratenchef Schlömer gestern auf tagesschau.de: “Die Menschen wissen einfach nicht, wofür die Piratenpartei steht.”
Ich glaube, das wissen die Piraten selber nicht :D

Dann verlinkt Stephan Römer auf diesen Artikel bei wecab. Wer zu faul ist, das zu lesen: youtube behauptet, die Gema würde Videos sperren, was sie schon rein technisch gar nicht kann. Sie will, das ist ja ihre Aufgabe, das Geld dafür einziehen und an die Urheber weiterleiten. Das will aber youtube nicht und lügt in bester Shitstorm-Manier das Blaue vom Himmel herunter. Jedenfalls hat nun der Stern gemeint, ganz witzig sein zu müssen und eine Bilderstrecke mit Fake-youtube-Meldungen gepostet. Beispiel:

„Dieses Video ist in Deutschland wegen der maßlosen Gema-Forderungen gesperrt. Sorry liebe Rockmusiker, wir wollen nicht für eure Rolls-Royce-Wagen, Kunstsammlungen und die Unterhaltsansprüche eurer Ex-Frauen aufkommen.“

Und wieder ist der Urheberrechtsstreit entflammt und in diesem Zusammenhang habe ich natürlich auch wieder meinen Senf dazu beigetragen:

also: reich werden darfst du, indem du das Geld der Masse als Banker bei Immobiliengeschäften in den Sand setzst. Aber wehe, du wagst es, mit so Hokus-Pokus wie Musik reich zu werden. Das geht gar nicht.

und selbst, wenn sie (die Musiker und Autoren) reich wären, was wäre dabei? Aber sie DÜRFEN es ja ncht. Weil manche Leute trotz all der Zivilisationsgeschichte immer noch einen Unterschied machen zwischen Dingen, die man anfassen kann und Dingen, die nicht greifbar sind. Das ist das Niveau von Grundschülern. Denen musst du auch erklären, dass Hauptworte auch Dinge sein können, “die man nicht anfassen kann”. Und so ist es auch mit Musik. Die kannst du nicht anfassen, also ist sie in deren Augen auch nix wert. Der Musiker auf der Bühne hat ja eigentlich nur Spaß dabei, sein Instrument zu spielen. Mit Arbeit hat das alles nichts zu tun.

Dann schrieb Marcel Schweder:

Vor allem weil auch keiner von uns solche profanen Sachen wie Miete oder Stromrechnungen etc. pp. bezahlen muss. Als Künstler stehen wir ja eh über solchen Dingen.

und ich schloss daraufhin:

Wenn ich meine Gitarre anfasse, spüre ich, wie die Energie mich durchfliesst und schon habe ich keinen Hunger mehr bzw. brauche keinen Schlaf, also auch kein Bett, keine Wohnung usw. Ich bin sowieso lieber draussen, wie wir alle, denn Strassenmusiker zu sein, hach, das ist ja sowas von romantisch. Man kommt ganz schön rum dabei und bringt den Leuten Freude. Wenn die an einem vorbeilaufen und lächeln, dann ist das schon Bezahlung genug. Hach ja…

Genauso ist das mit den Piraten, sie sind auf dem Niveau eines Grundschülers. Der schreibt “Haus” und “Brot” groß, denn beides kann man anfassen (und auch stehlen). “Liebe”, “Angst”, Freundschaft”, “Gedanke” oder gar “Luft” – all das kann man nicht anfassen, demnach kann es also auch kein Hauptwort sein. Und da “Musik” demnach auch nicht angefasst werden kann, kann man sie auch nicht stehlen, so die Piraten. Das mp3 ist ja immer noch “da”, wenn man es kopiert.

Aber die Frage nach einem materiellen Raum stellt sich nicht. Musik ist weder “in” deinem Computer, noch “in” deinem Ohr. Seine elektronischen Bestandteile sind im PC, die Schallwellen dringen ans Ohr, werden dort in Signale verwandelt und im Hirn verarbeit. Aber die Musik?

“Da” oder “dort” – das gilt für Elektronen, Einsen, Nullen, Schallwellen, Nervenimpulse usw. Aber das gilt nicht für das, was der Mensch als Musik empfindet. Vergesst naturwissenschaftliche Erklärungsversuche in bezug auf das, was Musik wohl ist.

Musik, das ist der Sinn, der sich aus der Interpretation dieser ganzen Signälchen und Schwingungen ergibt und dieser Sinn ist etwas hochkomplexes – da muss schon mehr als die Naturwissenschaft her, um das zu “erklären”. Wahrscheinlich kann man das auch garnicht. Vielmehr ist es so, dass es bei der Musik ein letztes Geheimnis gibt, das unentschlüsselt bleibt, selbst für den Autor. Aber ganz so niemandem überlassen will ich die Interpretation gar nicht. Natürlich habe ich meine Interpretation von “Sinn”:

Musik, das ist eine Konstruktion aus der musikalischen Prägung des Autors, seiner musikalischen Ausbildung, seinen persönlichen musikalischen Interessen und das prallt dann auf die Prägung des Hörers und seinen zugang zur Musik bzw. seine Interessen. Aber auch das ist noch lange nicht alles, was sich in den dreieinhalb Minuten abspielt, in denen ein Song gehört wird.  Denn Musik wird auch durch Dinge beeinflusst, die mit Musik gar nichts am Hut haben. Was hat George Harrison dazu bewogen, eine Sitar zu benutzen? Er hatte Ravi Shankar und die Meditation für sich entdeckt, weil er auf der Suche nach einem Weg aus dem Musikzirkus heraus war. Also Musik brachte ihn dazu, eine bestimmte Konstruktion von Musik – die Beatlemania – zu verlassen, ihr zu entfliehen. Und das, was er dort dann fand, verband er letztendlich dann doch wieder mit Musik, aber diese war nun verändert.

Und auch das ist nur ein winziges Mosaiksteinchen des kreativen Schaffensprozesses.

Und jetzt kommen so ein paar Nullen von der Piratenpartei daher und erzählen mir, dass Musik nichts weiter als ein paar Einsen und Nullen sind, die nur jeweils anders zusammengesetzt werden. Sie reduzieren diese Komplexität auf ein paar physikalisch nachweisbare Elektronenströme und kleben das unschöne Wortkürzel “mp3″ drauf – das nenne ich mal eine Verdinglichung, wobei ich kein Problem habe, selbst dieses Kürzel zu benutzen. Sie könnten es auch xyz12345 nennen, solange sie die Wertschätzung in Form von Bezahlung rüberbringen würden, aber das tun sie ja nicht.

Nichts, nichts haben die Piraten verstanden. Sie verstehen sich ja noch nicht einmal selbst, sondern reduzieren ihr eigenes politisches Treiben auf Sekundärtugenden wie Transparenz und Partizipation.

Dabei ist es doch so einfach: der Mensch ist mehr als das, was wir mit den Sinnen erfassen können und gerade die Musik ist der Beweis dafür: ein kleiner Teil der Musik ist das, was wir akustisch, mit dem Hörsinn erfassen. Aber das kann ein Richtmikrofon auch. Was Töne für uns zur Musik macht, das ist der individuelle Sinn, den wir ihr geben und den der Autor ihr gibt. Das ist so dermassen hochkomplex, dass es nie Computer geben wird, die das “entschlüsseln” können. So viel materielle Kapazität in Speicher oder Rechenleistung kann es garnicht geben, denn es ist ein qualitativer Unterschied: zuerst war die Musik, und dann erst der Ton.

Der Heino-Hype: anders ist nicht unbedingt gut.

Markus Hassold, Musiker, hat auf Facebook eine Spontan-Rezension zu der vielbeachteten Heino-Scheibe gepostet. Mit seiner freundlichen Genehmigung füge ich das hier mal ein:
Also ich hab mir die Heino Scheibe heute auf LastFM durchgehört und bin nun zu einem Schluss gekommen.Nachdem ich die Idee zunächst für Clever gehalten habe und dachte: “Mann für die Eier sollte man den Mann belohnen und die Scheibe kaufen” und wenn es nur das Zurückschlagen der dunkeln Seite der Macht ist…..
Aber nach dem Durchhören denke ich nun: Die haben ja vielleicht doch Recht, die Netzversteher, wenn sie sagen, man muss die Musik erst testen können, bevor man sie kauft. Kann man ja auch überall.Passiert mir sonst nicht – aber indem Fall war es ja absehbar: Die Platte ist Scheiße.Es handelt sich um eine dröge “in the Box” Produktion, bei der die ursprünglichen Arrangements mit Virtuellen Instrumenten zwar sauber aber eben langweilig umgesetzt wurden und lediglich der Einsatz von Blechbläser-Sounds ein wenig Volksmusik-Atmo hinzugefügt hat.Was besonders auffällt ist, dass einige Songs sich als “nicht unkaputtbar” erwiesen. So z.B. des “Liebeslied”, das ohne die näselnde Stimme Jan Delays nackt da steht, wie der Kaiser in seinen neuen Kleidern. Das Schadet den Songs – ob man das entstellen nennen darf oder es eher entlarven nennen muss, ist die Frage. Bei diesem Lied hat man jedenfalls das Gefühl feststellen zu können, dass Pitch-Correction mit Melodyne um Klassen echter klingt, als mit Antares Autotune. Irgendwie fühlt man den Einsatz dieser Mittel da jedenfalls doch.Und was ein Johnny Cash einem Heino einfach voraus hat, ist eine Tiefe und Authentizität, die eben weit über tiefes Timbre hinaus geht. Also bloß nicht aufs Glatteis führen lassen – die Assoziation liegt völlig daneben.

Dann kommt noch dazu, dass die Werbung mit einem “verbotenen” Album natürlich irreführend und damit Wettbewerbswidrig ist. Das Album ist Legal – dank der GEMA und ihrem Lizenzsystem. Das ist auch gut so. Illegal wäre es nur ein Musikvideo zu drehen – das trifft auch für den Werbespot zu – aber dann das Album so zu verkaufen – das ist eben nur Masche.

Meine Meinung: Unterm Strich: Alles Mist.”

Soviel dazu von Markus. Eine persönliche Anmerkung noch:

In der “Welt” schreibt Alan Posener, diese ganze Heino-Platte sei ein ganz raffiniertes Stück Aktionskunst und doppelbödige Provokation. Vielleicht ist das ja ironisch gemeint, dann sind die Leser der Welt aber ganz schön ausgefuchste Leute, denn in ihren Kommentaren ist zwischen den Zeilen nichts zu entdecken. Also wohl doch keine Ironie.

Und auch die Verlinkung eines Artikels über Heino, der seinen Bambi aus Protest gegen den Bushido-Bambi zurückgegeben hat, ist eher neo-nationalistisch, auf jeden Fall aber rechtskonservativ einzustufen. Verlinkt wird nämlich durch die Worte “national-chauvinistische Mythen“, und damit ist dann wohl die altbekannte “selber-selber”-Spiegelungs-Logik der neuen Nationalen gemeint, welche den antideutschen Reflex vielgescholtener Ausländer als eine Form von Nationalismus zu etikettieren versucht.

Nein, ich mag den Bushido nicht und der Bambi ist mir sowas von egal. Seine Bedeutung ist aber nicht zu leugnen – Menschen nehmen dieses golden angesprühte Plastik-Reh ernst und seine Popularität verleiht jeder noch so kleinlichen Auseinandersetzung unter Künstlern eine Art von Wichtigkeit. Wenn also Heino über Bushido schimpft, ist das nichts weiter als eine Übertragung des inszenierten Leitkultur-Parallelgesellschaft-Diskurses auf die Unterhaltungsbranche.

Von daher gehe ich davon aus, dass Posener das voll und ganz ernst meint. Deshalb schreibt er ja auch für die Welt.

Ich selbst sehe in dieser Sache nichts weiter als eine PR-Aktion vom Reissbrett. Vor 25 Jahren noch wäre das echt cool gewesen. Aber alte Männer, die plötzlich Popsongs singen, gibts schon lange: Johnny Cash (gut), Tom Jones (OK), Gunter Gabriel (ach, du meine Güte!). Deutschsprachiger Pop ist lange schon etabliert und das, was Heino da covert, ist schon lange Mainstream: Rammstein, Ärzte – Rock hat mit verzerrten Gitarren schon lange nichts mehr zu tun. Und der Switch von der Volks- zur Rock-/Popmusik ist auch kein grosser. Schliesslich gehörte zu jeder anständigen Pubertäts-/Adoleszenz-Biografie auf dem Land (ich starb 15 Jahre lang in Tuttlingen) die Vokuhila-Matte und der regelmässige Rausch am Samstag Abend bei den Zillertaller Klosterspatzn. Der bäuerliche Untergrund machte dem Bauern-Mainstream vor, wie es geht. Und nun gibt Heino den Bauern zurück, was sie ihrem König einst gaben.

Das ist also kein Switch von einer Szene in die andere. Das zeigt lediglich, dass Heino wie auch deutsche Mainstream-Popmusik ein und dieselbe Szene sind.

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